Ein frostiger November in der Nähe von Kassel. Unter den Dorfbewohnern macht das ängstliche Gerede von einem riesenhaften Wolf die Runde. Es wird gemunkelt, ob der geheimnisvolle Graf, der durch die umliegenden Wälder streift, möglicherweise mit diesem Ungeheuer in Verbindung steht. Inmitten dieser unheimlichen Atmosphäre befinden sich die beiden Studenten Jakob und Wilhelm Grimm, die auf der Suche nach alten Geschichten, Sagen und Märchen sind. Ihre Erzählungen tragen dazu bei, die ohnehin angespannte Stimmung weiter anzuheizen.
Das Thema, die stimmungsvolle Kulisse, der unterschwellige Humor und die theaterhafte Struktur, mit dem sich die Geschichte puzzleartig über mehrere Einzelszenen entwickelt, macht „Wer hat Angst vorm bösen Wolf?“ zu einer reizvollen Alternativversion von Erik Hausers Roman „Das Erbe der Wölfe“.
Wo die Werwolfgeschichte den Leser mit pointierten Andeutungen noch zu amüsanten Schlussfolgerungen führt, bleibt einem bei „Die Jäger und die Gejagten“ das Lachen im Hals stecken: Vater Bertram hat gute Arbeit geleistet und mit fast fanatischem Eifer folgt ihm eine Gruppe von neun Dorfjungen, bewaffnet mit Pflöcken, zur Höhle, in der sich die Vampire tagsüber verstecken. In einem unachtsamen Moment brechen die Blutsauger aus ihrem Versteck hervor. Einige können die Jungen sofort ergreifen, während andere in panischer Flucht in den Wald entkommen. Trotz Bertrams ausdrücklicher Anweisung setzen die Halbwüchsigen die Verfolgung der Vampire fort, was in einer barbarischen Jagd mündet, bei der sich Übermut und Kampfeslust bald gegen die eigenen Reihen richten.
Unterschwelligen Humor sucht man hier vergebens; stattdessen wird man von der ungebremsten Freude der Jungen am Quälen und Töten schockiert. Darüber hinaus verleihen subtile Andeutungen über das scheinheilige Verhalten des Pfaffen der Geschichte eine zusätzliche, bittere Note, die die düstere Stimmung noch verstärkt.
Gregors Enthüllung, dass der Nachbarjunge Sebastian „einen Vampir hat“, den er in einem Verschlag im Keller gefunden und nun mit Ratten, Mäusen und Hamstern aufzupäppeln versucht, stößt bei seinem Vater auf eine Mischung aus amüsiertem und skeptischem Unglauben. Doch weder Ironie noch Verdrängung können die Welle von Krankheiten, Siechtum und Tod aufhalten, die sich fortan im gesamten Haus ausbreitet.
In „Sebastians Vampir“ spielt der Autor auf unterhaltsame Weise mit etablierten Vampir-Klischees, sodass der Leser die Geschichte mit einer Mischung aus Amüsement und ahnungsvollem Schrecken verfolgt.
Um die Neue in der Klasse zu beeindrucken, wagen drei ihrer Mitschüler und die kleine Nele – weil deren Mama unvorhergesehen zur Arbeit musste – mit ihr einen nächtlichen Ausflug in das verlassene und baufällige „Hexenhaus“, über das unzählige Schulhof- und Internetmythen im Umlauf sind. Obwohl die Geschichten übertrieben und absurd sind, reicht ihre Wirkung aus, um die Gruppe trotz ihrer gespielten Coolness in angespannte Aufregung zu versetzen.
Als Nele eine zerfledderte Puppe entdeckt, die sie „Annabelle“ nennt, wird die Atmosphäre im Lost Place zunehmend unheimlicher. Unerklärliche Geräusche lassen die Gruppe ahnen, dass sie nicht allein in dem alten Gebäude sind.
Der Titel „Annabelle“ – der Name, den auch die Puppe aus dem „Conjuring“-Universum trägt – lässt bereits Unheimliches erahnen. Erik Hauser zieht zwar keinen direkten Zusammenhang zu dem bekannten Spielzeug, bietet jedoch ebenfalls eine fesselnde Geistergeschichte, in der auch die Dynamik innerhalb der Gruppe nicht zu kurz kommt.
Mit „Von Werwölfen, Vampiren und anderen Mitmenschen“ präsentiert der Ashera Verlag eine kleine, aber feine Sammlung neuer Geschichten von Erik Hauser („Jenseits des Rheins“, „Das Erbe der Wölfe“). Hauser hat sich in den letzten Jahren als versierter Erzähler zeitgemäßer Phantastik verdient gemacht, der es versteht, sein Publikum schnell einzunehmen. Ein charakteristisches Merkmal seines Schreibstils ist der unaufdringliche Humor, der häufig aus den Handlungen seiner lebensecht gestalteten Figuren entsteht. Viele Leser werden sich in diesen Charakteren wiedererkennen.
Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet hier der eindringliche Beitrag „Die Jäger und die Gejagten“, der an manchen Stellen regelrecht die Kehle zuschnürt. Nur ein weiterer Beweis für Erik Hausers erzählerische Fähigkeiten und seine Begabung, auch dunklere und komplexere Themen effektvoll zu behandeln.
Als Ergänzung zu dieser Sammlung, darf noch die Novelle „Verhext, verzaubert – und verloren“ empfohlen werden, die ebenfalls im Ashera Verlag erschienen ist.



