🧠 Meine Gedanken und Gefühle
Ich gebe es zu: Am Anfang hatte ich meine Schwierigkeiten mit Emily Wilde. Sie ist eigensinnig, distanziert, teilweise egozentrisch – und wirkt nicht unbedingt wie eine Person, mit der man freiwillig einen Abend verbringen möchte. Gleichzeitig hatte ich aber schnell das Gefühl, dass diese Art weniger Arroganz als vielmehr Selbstschutz oder schlicht neurodiverser Charakter ist. Emily funktioniert über Struktur, Forschung und Kontrolle – Gefühle sind da eher störendes Beiwerk.
Naja und da gerade Winter ist, passte das Buch hervorragend in die Stimmung. Also bin ich drangeblieben und wurde belohnt.
Richtig spannend wurde das Buch für mich mit Wendells Auftritt. Ab diesem Moment verschiebt sich Emilys gesamte Gedankenwelt. Nicht nur, weil Wendell ein wandelndes Rätsel ist, sondern weil er sie permanent aus ihrer Komfortzone schubst – sozial, emotional und moralisch. Seine Anwesenheit verändert auch Emilys Beziehung zu den Dorfbewohnern, und genau hier beginnt die Geschichte für mich zu wachsen.
Zum Ende hin war ich dann komplett versöhnt. Emily entwickelt sich nicht plötzlich zur Menschenfreundin, aber sie reflektiert, zweifelt, korrigiert sich. Besonders mochte ich, dass sie irgendwann erkennt, dass Wissen allein nicht reicht – ein Gedanke, der ihren wissenschaftlichen Anspruch nicht schmälert, sondern vertieft.
👩🔬🕴️ Die Hauptcharaktere
Emily Wilde ist eine ungewöhnliche Protagonistin: introvertiert, hochintelligent, sozial unbeholfen und völlig uninteressiert daran, anderen zu gefallen. Sie schmilzt nicht beim Anblick gut aussehender Elfenadliger dahin (was angesichts der permanenten Elfenschwemme wirklich bemerkenswert ist).
Gleichzeitig war sie mir manchmal zu tollpatschig im sozialen Umgang. Dass sie trotz klarer Hinweise der Dorfbewohner regelmäßig ignoriert, wie wichtig Traditionen und Höflichkeit sind, widerspricht ein wenig ihrer analytischen, beobachtenden Art. Hier hatte ich öfter das Gefühl: Du müsstest es eigentlich besser wissen.
Wendell Bambleby ist ihr perfektes Gegenstück. Charmant, eitel, sozial brillant – und mit einer Art, bei der man sich sofort vorstellen kann, wie er prüfend in den Spiegel schaut, ob sein Haar auch wirklich sitzt. Seine zwischenmenschliche Kompetenz gleicht Emilys Defizite wunderbar aus. Ihre Wortgefechte, Sticheleien und gegenseitigen Irritationen sind eines der größten Highlights des Buches.
Die Romance bleibt dabei angenehm im Hintergrund ♥️. Keine großen Gefühlsausbrüche, kein Drama – eher ein langsames, fast widerwilliges Annähern. Und genau das passt perfekt zu beiden Figuren.
🧚♂️❄️ Worldbuilding & Feen
Das Worldbuilding ist für mich einer der stärksten Aspekte des Buches. Das verschneite Dorf Hrafnsvík wirkt lebendig, kalt, misstrauisch – ein Ort, an dem man sich nicht leichtfertig über Traditionen hinwegsetzen sollte. Die Landschaft, das Klima und die soziale Struktur greifen wunderbar ineinander.
Besonders gelungen fand ich den Umgang mit den Feen. Hier gibt es keine niedlichen Pastellwesen mit Glitzerflügeln. Die Feen entstammen klar der europäischen Folklore: launisch, herrschsüchtig, grausam und gefährlich. Menschen werden entführt, Kinder ausgetauscht, Leben aus purer Laune zerstört – und Emily beschreibt all das in einem nüchternen, wissenschaftlichen Ton.
Gerade dieser Kontrast macht die Feen noch unheimlicher. Sie werden nicht verklärt, sondern wirken real, fremd und unberechenbar.
Ein Highlight war für mich die vielen unterschiedlichen Feenarten, deren Geschichten Emily akribisch sammelt. Die Fußnoten und Einschübe haben dem Ganzen eine fast akademische Glaubwürdigkeit verliehen und das Worldbuilding enorm vertieft.
Stärken
✨ Das wissenschaftliche Tagebuchformat mit Fußnoten ist originell und charmant
✨ Atmosphärisch dichtes Winter-Setting ❄️
✨ Feen als gefährliche, fremde Wesen – nah an alten Volkssagen
✨ Großartige Dynamik zwischen Emily und Wendell
✨ Leiser Humor, der oft erst im Nachhinein richtig zündet
Schwächen
⚠️ Emilys soziale Blindheit wirkt stellenweise überzeichnet
⚠️ Einige entscheidende Momente werden ausgespart oder nur angerissen (besonders zwischen den Protas)
⚠️ Emily muss auffällig oft gerettet werden, obwohl sie kompetent und mutig ist
⚠️ Das Erzähltempo ist ruhig bis sehr ruhig – nichts für Action-Fans
🌨️📚 Fazit & Empfehlung
„Emily Wildes Enzyklopädie der Feen“ ist eine kluge, atmosphärische Mischung aus Cosy Fantasy, Folklore und leiser Romantik. Nicht immer gemütlich, manchmal sogar unheimlich – aber stets faszinierend.
Ein perfektes Buch für den Winter, für Leser:innen, die Charakterentwicklung, Wortwitz und gefährliche Magie mögen. Wer Geduld mitbringt, wird reich belohnt.

























