Heidi Benneckenstein

 3.7 Sterne bei 60 Bewertungen
Autorenbild von Heidi Benneckenstein (©Annette Hauschild)

Lebenslauf von Heidi Benneckenstein

Heidi Benneckenstein wurde in der Nähe von München geboren und wuchs in einer Familie von überzeugten Nazis auf. Dort gehörte sie zu der rechtsextremen Jugendorganisation "Heimattreue Deutsche Jugend" und wurde von ihren Eltern völkisch erzogen. Doch anstatt den Weg zu NPD, Pegida, etc. weiterzugehen so wie ihre ehemaligen Freunde, stieg sie mit 19 Jahren aus der Szene aus. Über ihre Erfahrungen und den Ausstieg schrieb sie ihre Biografie "Ein deutsches Mädchen - Mein Leben in einer Neonazi-Familie".

Alle Bücher von Heidi Benneckenstein

Cover des Buches Ein deutsches Mädchen (ISBN: 9783608504200)

Ein deutsches Mädchen

 (60)
Erschienen am 20.04.2019

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Rezension zu "Ein deutsches Mädchen" von Heidi Benneckenstein

Schockierend
NeriFeevor 8 Monaten

Die Biografie Ein deutsches Mädchen – Mein Leben in einer Neonazi-Familie schildert das Leben der Autorin Heidi Benneckenstein, die in einer Neonazi-Familie aufwächst und als junge Erwachsene den Mut hat, auszusteigen. Das Buch erschien erstmals 2017 als Hardcover und im September 2019 im Tropen-Verlag (Klett-Cotta) als Taschenbuch.


Darum gehts

Ende der Neunzigerjahre, ein beschauliches Dorf bei München. Heidrun Redeker, genannt Heidi, wird in einer konservativen Familie groß, in welcher der Nationalsozialismus in erschreckender Realität weiter existiert. Schon als Kind muss sie an Ferienlagern der Heimattreuen Deutschen Jugend teilnehmen, die nationalsozialistische Werte vermitteln. Besonders der Vater ist es, der ihren Einstieg in die Neonazi-Szene fördert.


Von Beginn an war Heidi mit nationalsozialistischem Gedankengut konfrontiert. Die familiäre Seite des Vaters verfolgte Ideologien fernab von Menschlichkeit und Toleranz. Mit fünfzehn Jahren nimmt die Autorin das erste Mal an rechten Aufmärschen teil. Sie spürt immer öfter Aggressivität in sich auflodern und so prügelt sie einmal auf einen Fotografen ein, bis dieser schwer verletzt am Boden liegt.


Nach und nach aber bröckelt das Weltbild der jungen Frau. Als sie den rechten Liedermacher Flex kennen lernt, der so anders ist als die geistlosen Kameraden in der Partei, überdenkt sie immer öfter die eigene Haltung. Mit zwanzig Jahren bricht sie mit ihrer Familie, lässt die dunkelste Zeit ihres Lebens hinter sich und taucht unter. Sie begibt sich gemeinsam mit Felix Benneckenstein, ehemals Flex, in ein Aussteigerprogramm und schafft den Schritt in ein neues Leben.


Inzwischen ist Heidi mit Felix Benneckenstein, der seine aktive Neonazi-Zeit auch hinter sich lassen konnte, verheiratet. Beide engagieren sich gegen rechts. Er hält Vorträge an verschiedenen Institutionen, um anderen Betroffenen, potenziellen Aussteigern Mut zu machen, sie arbeitet als Erzieherin in einer Kindertagesstätte. 2016 kam das gemeinsame Kind zur Welt. Die Familie lebt in München.


Ich habe mich dem Buch mit viel Neugier, aber auch Respekt genähert. Besonders hat mir die Reflektionsbereitschaft von Heidi Benneckenstein imponiert. Die Einblicke in ihr vergangenes Leben machen betroffen, schockieren und machen durchaus auch wütend. Gerade in aktuellen Zeiten, in denen Rechte wieder auf dem Vormarsch sind, macht das Geschehene fassungslos und ängstlich. Gleichzeitig finde ich es lobenswert, dass es zwei Menschen gelingt, dem braunen Sumpf zu entkommen und sich anschließend aktiv gegen diesen zu richten.


Der Schreibstil ist nüchtern und macht deutlich, wie gefährlich nah junge Menschen in Findungsphasen in rechte Milieus abgleiten können. Heidi Benneckenstein selbst ist nicht durch falschen Umgang oder tiefe Identitätskrisen vom richtigen Weg abgekommen, sie wurde hineingeboren. Die Kindheit und Jugend wurde ihr durch Drillinstrumente, Befehle und Lieblosigkeiten genommen. Mich hat der Weg nach ihrem Ausstieg beeindruckt und neugierig auf weitere Aussteigergeschichten gemacht.


Eine strenge, autoritäre und wenig liebevolle Erziehung in Verbindung mit einer menschenverachtenden Ideologie machten ein kleines Mädchen zu einer überzeugten Nationalsozialistin. Ein deutsches Mädchen ist die schonungslose Biografie einer Aussteigerin.


Ich danke dem Klett-Cotta-Verlag.

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Rezension zu "Ein deutsches Mädchen" von Heidi Benneckenstein

Viele Fakten, wenig persönliches
SteffiVSvor 10 Monaten

Heidi hat eine krasse Kindheit erlebt. Sie schildert diese schonungslos und öffnet Augen. Was im Hintergrund alles vor sich geht. Wie verschiedenen Nazis sind, in dem sie mit den Werten aufwuchsen oder im Jugendalter durch ihre Rebellion zu einem Nazi geworden sind. Alles ist mit Aussagen und Fakten widerlegt.

Das Buch ist in verschiedenen Kapiteln geschrieben. Dies macht es etwas schwierig Heidis Leben zu folgen, denn man springt immer wieder hin und her, und weiß manchmal gar nicht mehr in welche Phase sie sich gerade bewegt. Mir lag die erste Fassung vor, durch meinen Beruf weiß ich, dass diese von dem Verlag zurückgezogen wurde und es eine zweite gibt. Wahrscheinlich ist die erste schonungsloser und viele werden namentlich erwähnt. Und hierzu gehört sehr viel Mut. Ich denke es wird alle am meisten überraschen, das ihre Familie aus dem Süddeutschen Raum kommt und nicht wie nach dem Klischee aus Ostdeutschland.

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Rezension zu "Ein deutsches Mädchen" von Heidi Benneckenstein

Komplettausstieg
Brivor einem Jahr

Heidi Benneckenstein war ein „deutsches Mädel“. War nicht deshalb, weil sie verstorben wäre, nein, glücklicherweise nicht, sondern weil sie in einer rechtsradikalien Familie aufwuchs und weil sie es geschafft hat, aus dieser Paralellwelt auszusteigen.

Aufgewachsen ist Benneckenstein in einem Dorf in der Nähe von München. Das ist Ende der 1990er Jahre und doch scheint in Heidis Welt die Zeit stehengeblieben zu sein. Ihre Kindheit und teilweise auch ihre Jugend sind geprägt von Drill und rechter Ideologie. Da geht es in den Ferien in ein Lager der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (eine mittlerweile verbotene Organisation, die nach ihrem Verbot andere Organisationen unterwandert hat), das dieselben „Inhalte“ vermittelt, die ich aus Erzählungen meines Vaters, der als kleiner Junge (Jahrgang 1927) in die damals sogenannte „Landverschickung“ kam, kenne. Umgang mit Waffen, Drill – eigentlich eine paramilitärische Ausbildung, die die Kinder hier als selbstverständlich erhalten und aufgrund ihres Alters und der häuslichen Umgebung nicht hinterfragen. Eine Filterblase, die die 1930er Jahre nicht verlassen hat.

Benneckenstein erzählt in ihrem Buch „Ein deutsches Mädchen“ davon, wie es ist, in einer Paralellwelt, die ich in dieser Ausprägung so nicht für möglich gehalten hätte, aufzuwachsen. Sie zeigt auf, dass es gerade für junge Menschen schwer ist, sich diesem allgegenwärtigen Druck zu entziehen. Jede/r, der Kinder hat oder in irgendeiner Weise mit ihnen in Kontakt steht, weiß, dass sie ihre Umwelt spiegeln, sich anpassen, sich einbringen und „korrekt“ verhalten wollen. Kinder kooperieren gerne, wenn auch manchmal auf sehr eigenwillige Art und Weise – und genau das hatten die Nationalsozialisten erster Stunde schon erkannt und sich zunutzen gemacht. Um aus solch einer Welt auszubrechen, braucht es einen Impuls von außen. Hardy Krüger hat das sehr eindrucksvoll in seinem Memoir „Was das Leben sich erlaubt“ beschrieben.

Der Impuls bei Heidi Benneckenstein kam auch durch ihren jetzigen Mann Felix Benneckenstein, der in der rechten Szene als „Flex“ kein Unbekannter war. Laut einem auch heute noch äußerst aufschlussreichen und lesenswerten Artikel in der ZEIT fanden Felix und Heidi zu Beginn ihres Ausstiegs, all das, was sie Jahre geglaubt und getan hatten, einfach lächerlich. Der sich ankündigende gemeinsame Nachwuchs veränderte die Sichtweise beider auf ihr bisheriges Leben, das strengen Regeln folgte, keine abweichende Meinung duldete und in einem sektenähnlichen Umfeld stattfand. Ihr eigenes Kind sollte nicht in einem solchen Umfeld aufwachsen und so stiegen sie aus. Mit allen Konsequenzen. Heidi brach mit ihrer Familie, sie und Felix wurden und werden es nach wie vor – eine kurze Internetrecherche zu den Namen genügt, um zu sehen, wie frei sich rechtsradikale Meinungen im öffentlichen Raum bewegen können – als „Verräter“ bezeichnet. Zunächst tauchen die beiden unter, sie brauchen ein komplett neues Leben. Doch genau das, also sich zu verstecken, ist ihnen zu wenig, deshalb gründen sie die Aussteigerhilfe.

Heidi Benneckensteins Buch erzählt von ihrem Leben vor dem Ausstieg bis hin zur Entscheidung, mit diesem Leben Schluss zu machen. Ein wenig fehlt mir persönlich die Einsicht, die Selbstreflexion, ist mir der Ausstieg zunächst zu sehr von außen motiviert, doch im Grunde kann mir das auch egal sein. Alles was zählt ist: Hier schreibt eine junge Frau ihre Geschichte auf, um auf eine rechtsradikale Paralellwelt aufmerksam zu machen und klar zu stellen, wie strukturell dieses Problem tatsächlich verankert ist. Und dafür gebührt ihr mein Respekt, denn dazu gehört sehr viel Mut.

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