Heiner Müller Warten auf der Gegenschräge

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Inhaltsangabe zu „Warten auf der Gegenschräge“ von Heiner Müller

Heiner Müller, berühmt für Theaterstücke und Gespräche (und Whisky und Zigarren), schrieb ein Leben lang Gedichte. Vom Aufbau- zum Kinderlied der 1950er Jahre, vom Liebes- zum Widmungsgedicht, von Ballade und Sonett zum Lehr- und Prosagedicht, vom Autorkommentar bis zum Antikentext der 1990er Jahre – dieser Band versammelt erstmals Müllers sämtliche zu Lebzeiten und postum veröffentlichten Gedichte, dazu Texte aus dem Nachlass, in chronologischer Reihe. Eröffnet wird der Band durch den einzigen zu Lebzeiten erschienenen Lyrikband. Daran schließen alle verstreut veröffentlichten Gedichte aus Anthologien und Zeitschriften an. Hinzu kommen zahlreiche unbekannte und bekannte Gedichte und Entwürfe aus dem Nachlass. Erweiternd und ausführlich kommentierend, ersetzt 'Warten auf der Gegenschräge' den 1998 erschienenen Gedichtband der Werkausgabe. „Die Welt ist beschrieben kein Platz mehr für Literatur / Wen reißt ein gelungener Endreim vom Barhocker / Das letzte Abenteuer ist der Tod / Ich werde wiederkommen außer mir / Ein Tag im Oktober im Regensturz“
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    Warten auf der Gegenschräge

    jamal_tuschick

    09. November 2014 um 10:56

    Für Ideologie wird nicht mehr verhaftet „Die DDR ist meine Erfahrung, die kann nur ich beschreiben.“ Auf das „nur“ kommt es an. Müller trifft die Feststellung 1961 - zu einem Zeitpunkt, als er mit Verhaftung rechnen muss. Eine Inszenierung der „Umsiedlerin“ an der Hochschule für Ökonomie in Karlshorst, Manfred Krug sitzt im Publikum, der „Sonntag“, heute „Freitag“, brachte vorab einen Auszug, wird als zersetzend wahrgenommen. Der Zentralrat will den Dramatiker und seinen Regisseur B.K. Tragelehn im Gefängnis sehen. Der Amtsweg verlangt eine Absprache mit der Berliner SED-Bezirksleitung. Deren 1. Sekretär ist Paul Verner. Er beruft sich auf eine Chruschtschow-Direktive des XX. Parteitag der KPdSU aus dem Jahr 1956: „Für Ideologie wird nicht mehr verhaftet.“ Der Staatsrat lenkt ein, allerdings erwartet man von Müller Selbstkritik. Er kommt der Forderung in der Gewissheit nach, „größer als die DDR“ zu sein. Er stellt diese Größe nicht dispositiv in den Raum, sondern als Tatsache. Müller begrüßt den Bau der Mauer „als freudiges Ereignis“. Die Mauer sei eine Chance, „freier zu arbeiten. Jetzt können wir offen und hart diskutieren.“ „Die Wälder sind gebaut / aus Schweigen und Geäst“. (Aus „Kleines Kirchenlied“) Im Hoffnungsüberschuss zirkuliert die frühe Lyrik. Sie atmet nun im Verein mit Gedichten aus dem Nachlass, von Kristin Schulz mit inspirierter Sorgfalt zusammengetragen. Jedem Zettel in den Müllerkästen der Akademie (der Künste) am Berliner Robert Koch-Platz hat sie den philologischen Prozess gemacht. Die hingeworfene Bemerkung am Rand einer Hotelrechnung oder auf einer Kneipenblockseite mit der Zeche im Zentrum kann eine Zeile sein, die einem Gedicht gehört, das nach zig verworfenen Anläufen schließlich doch noch seine Form gefunden hat. Die Nachwelt als Kronzeuge der Bedeutung ist weit weg. Müller schreibt Gedichte, wenn ihm für dramatische Arbeiten der Atem fehlt. Die poetische Produktion hat eine gymnastische Funktion. Müller als Akrobat Schön. Er turnt auf der Grammatikmatte. Er exekutiert Streck- und Dehnübungen. – Aufschwünge und pointierte Abgänge. Das alles stets vor dem Hintergrund eines antiken Prospekts wie vor geträumten Alpen. Müllers Verhältnisse sind prekär. Er ist ein asoziales Element im Arbeiter- und Bauernstaat. „Wenn die sozialen Probleme des Menschen gelöst sind, dann beginnt seine Tragödie.“ Ilja Ehrenburg Müller erinnert sich: „Das Schreibglück der fünfziger Jahre / Als man aufgehoben war im Blankvers“. Ein Vers aus „Ajax zum Beispiel“. So hebt das Gedicht sein Gesicht: „In den Buchläden stapeln sich / Die Bestseller Literatur für Idioten / Denen das Fernsehen nicht genügt“. Das ist ein Übergang zum Ende, „Mommsens Block“ markiert ihn. Die Versammlung führt ihn als Gedicht, der Titel zitiert ein Denkmal. Das Historikersitzbild wird in der aufgelassenen DDR seinem ursprünglichen Platz im Ehrenhof der Humboldt Universität zurückgegeben. Mommsen verdrängt Marx, Müller nimmt Mommsen in die Pflicht eines Gewährsmannes. Die Sache, mit der Mommsen nicht fertig wurde, eine Leerstelle im Werk, vergoldet Müllers dramatisches Schweigen. Müller sagt 1990 mit Marcuse: „Wir sind in der „repressiven Toleranz“ angekommen. Nun ist Müller nicht mehr zuständig. Die Stupidität der Sonderangebote hat ihn eingeholt. Das „Leben im Material“ hört auf. „Das einzige Territorium, das mich interessiert, bin ich.“ Müller zieht nach Kreuzberg, aus einem Fenster sieht er „auf den Mercedesstern / der sich am Nachthimmel dreht / ... Europa Der Stier ist geschlachtet /... / Götter werden dich nicht mehr besuchen.“ Ein Gedicht widmet er Fritz Marquardt, einem Ritter seiner Tafelrunde. Marquardt warf ein Metzgermesser nach einem Kollegen. Um in der Kantine zu erklären: „Ich habe genau vorbei gezielt.“ Der Sterbende, endlich, „der nur sich selbst noch gleicht“, äußert sich ohne Auftrag. „Lust und Schrecken der Verwandlung (und der Repräsentation)“, die Riesen auf dem Theater, sind ihm abhanden gekommen, angesichts der letzten Verwandlung - „Zeit ist Frist“. „Statt daß ein Krüppel mehr die Landschaft quert / Gewitter im Gehirn Blei in den Adern / Was du nicht wissen wolltest ZEIT IST FRIST“. Dass „Zeit ist Frist“ keine Müllererfindung ist, „sondern ein theologische Grunderfahrung, die Müller von Jacob Taubes übernommen hat“, übernehme ich von Eckhart Britsch. „Die Lügen der Dichter sind aufgebraucht / Vom Grauen des Jahrhunderts / An den Schaltern der Weltbank / Riecht das getrocknete Blut wie kalte Schminke“ Die Konflikte der angeblasenen Bundesrepublik gehen Müller nichts an. Die BRD ist ein „Nachfolgestaat in der Tradition der Weimarer Republik“. Die Deutsche Demokratische Republik ist „ein neuer Staat“, in dem das Dritte Reich angeblich keine Nachgeburten ausbrüten kann. Der Frieden in Europa ist nie etwas anderes, als „Frieden im Krieg auf mindestens drei Kontinenten“. Der Faschismus „war ein geografischer Lapsus; Genozid in Europa, statt, was die Norm ist, in Afrika und Lateinamerika“. Im „Kapitalismus schafft Rüstung Arbeit, in unserer Welt senkt sie nicht nur das materielle Lebensniveau.“ „Das Ende der Menschheit als Preis für das Überleben des Planeten“ wird variiert: „Die Landschaft hat keine andere Arbeit, als auf das Verschwinden der Menschen zu warten“. ... „Was geht mich die Welt an Ich / Esse ihre Bilder“ „Als Hitler der Treibstoff ausging begann der Golfkrieg“ Klingelton der Epoche Da gibt es die Feststellung: „Bis 61 waren die Konflikte unmittelbarer.“ Die Gedichte aus dem Nachlass, die bis einundsechzig entstehen, soweit Müllers eigenwillige Datierungspolitik korrekte Zeitangaben zulässt, stehen im Zeichen des sozialistischen Realismus. An klingt der expressionistische Benn, ein Klingelton der vorletzten Epoche, dominant jedoch ist die Auseinandersetzung mit den Geburtsschmerzen der neuen Gesellschaft. Dafür zum Beispiel „Die Bauern“ aus dem Jahr 1948. Müller erzählt den Kollektivierungsverdruss in der Landwirtschaft. Steifnackig halten es die Hofherren mit dem Grafen, bis er ihnen einen neuen Krieg verspricht: „Es wird nicht lang mehr dauern / Dann wird marschiert“. Das reicht für eine Bekehrung der Bauern zur Republik. Müllers blauäugige Darstellung verweigert dem Sozialismus den Realismus, um den Preis der Poesie, wie Wolfgang Weyrauch die westdeutsche Trümmerliteratur zusammenfasste. In einer Ära abklingenden Verheerungen klingt der hohe Ton wie Blech – keine Gedichte nach Auschwitz, es sei denn solche, die im Erschrecken ihrer Urheber wie Sohlen am Tal der Tränen kleben. „Mondlicht“ schminkt „schmale“ Städter, während eine Flut sich Bauernhäuser greift. Nichts ist urban in diesem Kosmos, Deutschland erscheint als Dorf in den Gedichten des erwachenden Müller. In „Bruchstedt“, der Name spricht, ruft der Dichter: „Mann auf dem Traktor /… / Ein Dorf braucht deine Hilfe“. Die Bauern liegen am Boden, der Boden gibt nichts her. Nach Müller beschreibt das einen verlangsamten Geschichtsprozess, in dem der Abstand des Autors zur Geschichte gering und die Geschichte gegenständlich erscheint. Das erlebt Müller als Chance. Er weist ex negativo darauf hin, wenn er am Ende des Jahrtausends sagt: „Hamletmaschine meldet doch nur noch die Unmöglichkeit: ein Stück zu schreiben.“ Im Jetzt von Neunundvierzig ist die Geschichte zum Greifen nah und Müller greift zu, weit weg von der Hypertrophie des Bühnenbildes, der Entpolitisierung des Theaters und des Dekorationswahn als einem Dekadenzphänomen. Kein Striptease von Ophelia/Hamlet kommt nicht als Hermaphrodit auf die Bühne. Noch nicht lange her, dass Müller Drehbänke entrostet hat und noch eine Weile hin bis zu „Lohndrücker“ (1958), dem ersten Stück - Später wird Müller Gedichte schreiben, wenn ihm zu seiner dramatischen Produktion der Atem fehlt. Jetzt bringt er sich mit Gedichten in Form. Er positioniert sich in der Einsicht: „Die antike Tragödie ist mit der Entstehung der Klassengesellschaft entstanden.“ Ihr Ende geht vom Theater aus. Nach Sainte-Beuve ist das der Ort, wo dem Beifall geklatscht wird, „was sie (die Herren einer Zeit) zugrunde richtet“. Der Mythos lädt die Stücke auf, Prometheus könnte auch Otto heißen, meint Müller. Die anekdotische Selbstdarstellung hat noch nicht angefangen. 1952 schmiedet Müller mit Aufforderungscharakter einen besseren Kinderreim: „Wer noch ein Gesicht hat / Sieht ihre Armeen. / Wers nicht verlieren will / Läßt es nicht beim Sehen!“ Die Geschichte reitet auf toten Gäulen ins Ziel Sind die Gedichte nicht das Nachwort seiner Jugend? „Der den Tank fährt / Kann den Traktor fahren / Ebenso. / Der den Spaten führt / Kennt das Gewehr // Jeder Grasfleck, vertreten / Von deinem Stiefel / Wird gerächt.“ Beschwört das nicht die militarisierte Volksgenossenschaft? Bald wird Müller Gelegenheit haben zu behaupten: „Unsere Lyrik ist Kunstgewerbe für Jäger und Sammler, es passt kein Telefon in ein Gedicht, alles Butzenscheiben, die Wirklichkeit bleibt vor der Tür.“ „Aber es hat die Klasse mehr Gesichter / Als immer Stiefel auf der Welt sind und / Das Blut in dem Gesicht des Fallenden / Macht doch die rote Fahne nur sichtbarer!“ Welten liegen zwischen diesem Optimismus und der Einsicht: „Immer noch rasiert Woyzeck seinen Hauptmann. Der Panzerzug der Revolution ist geronnen zu Politik. Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt. In uns die Hoffnung, dass der Hund als Wolf wiederkehrt.“ Anfang der Fünfziger lebt Müller illegal in Berlin. Am Westen interessieren ihn nur die Filme, in jeder S-Bahnstation gibt es ein Kino. Müller kommt aus der Kleinstadt, da sind „die Ungerechtigkeiten persönlicher“. Er dichtet wie der Weise vom Berg: „Ihr lasst euch gern in euren Flüssen treiben / den sommerlichen, wenn der Himmel brennt. / Im Regen fragt ihr: wie lang wird der bleiben / vergessend: es ist Wasser, das ihr kennt.“ Berlin raucht noch, die Stadt „wird nie ganz in Ordnung kommen“. Halbasiatisch ist sie, eine Membran des Ostens. Eine Insel im Sumpf. Müller genießt seine Entwurzelung. Er erlebt die Erhebung von Dreiundfünfzig als Aufstand befehlsgewohnter Studienräte. Nazis, die nicht schwer belastet sind, werden auf dem Bau eingesetzt. Es rekrutiert sich die Arbeiterklasse aus nationalsozialistischen Lehrern und gewesenen Offizieren. Die kriegen Schwerstarbeiterzulage, ihre Kinder sind als Arbeiterkinder privilegiert im Arbeiter- und Bauernstaat. Ein Treppenwitz der Weltgeschichte. Der Lyriker Müller bewegt sich in einem zwar abgesteckten, doch elastischen Rahmen. Er ist ein Sänger seiner Gesellschaft. Er rechnet ab, manchmal nur mit einer Silbe: „Osterfahrung – Der auszog den Osten zu erobern / Leichthin, wie der Esser das Mahl / Wo ist er? / besiegt / (I)st er. Das Mahl / Hat den Esser besiegt.“ Mit Realismus geht es nicht Die Aussicht auf den „gemeinsamen Untergang (der Systeme) im Frost der Entropie“ öffnet den Blick für „eine Wirklichkeit jenseits des Menschen“. In Müllers Land („Du kannst DDR zu mir sagen“) übernehmen das Theater („Was auf der Bühne gesagt wird, kann man nicht mehr zurücknehmen“) und die Literatur Funktionen von Zeitungen. „Das ist nicht gut für die Kunst“, sagt Müller. Er fährt fort: „Es steigert aber ihre Wirkung.“ Insofern sind die Landschaften seiner Texte Arenen. Der Staat reibt sich an seinem Schriftsteller. Das Desaster der „Umsiedlerin“ schließt Müller die Einsicht auf: „Mit Realismus geht es nicht.“ Eine Zeit der Chiffrierungen bricht an, sie erst sorgt für Müllers Ruf als schwieriger Autor. Bis dahin ist er kinderleicht zu verstehen. Er greift nun zu Mitteln von Autoren, die unter Despoten schreiben. Am Ende steht Philoktet als einsamer Trotzki da. Das ist die große Leistung der lyrischen Nachlasssichtung von Kristin Schulz. Dass man eine Entwicklung sieht, die von affirmativer Beteiligung am sozialistischen Experiment ausgeht. Eine Entwicklung, die gewiss korrumpierbar gewesen wäre, hätte man Müller in die Barke des Odysseus gezogen. Odysseus ist „der Funktionär, der Philoktet auf seine Funktion reduziert und ihn deshalb nicht gewinnt“. Müller sucht immer wieder Anschluss an diese Erfahrung. Er bemüht Büchner, bei dem Müller „zum ersten Mal die Krise des Dialogs“ als Thema entdeckt. „Jeder Fortschritt erledigt einen Fortschritt“, sagt Müller. Ein Moment der Wiederholung dreht eine Achse von einem lyrischen Reflex auf den Krieg in Indochina („Grabschrift auf Bao Dai“) bis nach Vietnam im Zeichen von Napalm um die evolutionäre Konstante, dass der Aggressor dem Angegriffenen die Mittel zu seiner Verteidigung liefert. Noch etwas aus der Rubrik des Martialischen, Bomben zu Bomben - Gedichte sind „Zeitbomben“, ein Wort, das ich bei Hanns Zischler bereits als Zitat finde. Der Dichter bestimmt nicht, „wann sie hochgehen“. Bevor der einfache Müller ganz verduftet, will ich kurz seine Umgebung streifen. Müller verbessert sich in der Ehe mit der besser gestellten Kollegin Inge geb. Meyer, vormals verheiratete Schwenkner. Sie wird sich umbringen. Müller quittiert ihren Selbstmord (an einer Stelle) so: „Eine intellektuelle Ehe funktioniert nicht ohne Menschenopfer, Leute, die in der gleichen Kunst gefangen sind“, können sich nicht effektiv zu Paaren gruppieren. Wir tragen unseren Hintern in einem Hut der Verneigung vor jedem, der mit uns Schlitten fährt Das aufgeklärte Denken erträgt die Wirklichkeit nicht. „Aufklärung gibt es nur mit Scheuklappen“, sagt Müller. Seine Reisefreiheit birgt auch Risiken, im Gegensatz zu den meisten DDR-Bürgern könnte der Dichter „an einem Messerstich in Soho“ sterben. Er notiert die Möglichkeit 1977 in einem Gedicht, dem er einen englischen Einstieg vorsetzt: „Day after day“. Night after night - Ich nehme die hergeholte Gelegenheit wahr, um meine erste Assoziation mit den titellosen Zeilen zu verbreiten. Ich dachte an eine Geschichte von Joyce, „Die Schwestern“. Sie beginnt beinah so: „Night after night I had passed the house … and studied the lighted square of window. … If he was dead, I thought, I would see the reflection of candles“ … „Oder sterben, zum Beispiel / … / … in einem Krankenhaus, aus Gleichgültigkeit / Weil ich meine Lieben überlebt habe / Meinen Haß und meine Verachtung / Ein alter Mann in einem leeren Land“. Der „alte Mann“ kreuzt die Landschaften des Vermessers. In „Abschied von Hemingway, Sofia 1969“ sucht „ein alter Mann ohne Meer“ seinen „Traumfisch“ auf dem Boden eines Bierglases. Seine Phantasie ist noch nicht habsüchtig geworden, noch ist er nicht verloren, da „Kinder mit seinem Traumfisch“ spielen können. In ein paar Zeilen bringt Müller Pankow und Texas zusammen, es geht um Bäume hier und da, in Pankow überragen sie höchste Giebel. „Wenn ein Ethnologe einen Indianerstamm restlos erforscht hat, stirbt der Stamm aus.“ HM Ein Gestapobericht wird zur Festschrift für einen namenlosen Kommunisten in Spanien, das Haus steht noch „in dem er / Verraten wurde“. Müller spekuliert über die Biografie des Kombattanten, man weiß nicht mehr als die Gestapo wusste, im „Weltbürgerkrieg“, der „andauert“. „Wir bringen keine Fliege um, weil das Flecken auf der Tapete macht.“ So steht es geschrieben in den „Reutlinger Elegien“ Der Tod von Martin Luther King gibt Müller ein paar Zeilen im Stil einer Bemerkung: „Der Prediger gegen die Gewalt ist ermordet worden“. Ist das Verweigerung von Rhetorik im Jahr des Prager Frühlings? „Keine Heimat braucht wer im Nichts wohnt“ „Das Nashorn hat ein Horn / Das Horn ist vorn / Wär hinten das Horn vom Nashorn / Wäre das Nashorn ein Arschhorn“ Müller sagt, Brecht hatte eine mythische Vorstellung von der Arbeiterklasse. Einmal wollte er sie in echt auf die Bühne bringen, wie geht das? Das geht einfach so, sagte Brecht, dass man der Gewerkschaft Bescheid sagt. So geschah es. Die Gewerkschaft schickte Arbeiter, mit denen Brecht arbeitete. Um anderen Arbeitern die Arbeiterschauspieler nicht vorzuenthalten, kaufte die Gewerkschaft das Premierenkontingent auf und verteilte die Karten. Die Kollegen steckten die Karten ein und verzogen sich in ihre Kneipen. Die Arbeiter auf der Bühne spielten vor einem leeren Saal. Müller erzählt das nicht nur zu seiner Erheiterung und zur Beleidigung der Illusionen. Er beschreibt so einen Vorsprung. Dann findet man ihn aber verwegen verträumt in einer späten „LiebesErklärung für Brigitte“. „In deinen Augen grau / Wächst meine Kindheit stirbt / Mein Tod“. Ist das Gegenteil nicht viel wahrscheinlicher? Dass der Tod wächst und die Kindheit stirbt in den Erwartungen einer jungen Frau an einen berühmten Greis? Ist das nicht eine mythische Vorstellung von der Liebe? Die sich so äußert. Gleich neben der „LiebesErklärung“ sinkt Müller in „Ahnenbrühe“ zurück auf seinen kalten Grund. „Nicht Jesus Herodes kannte die Wege der Welt / Die Massaker sind Investition in die Zukunft / Gott ist … ein Virus /… / Wie anders lebt man wissend daß man ein Gift ist / … / Tod den Enkeln Besser wir kehrten die Zeit um / Unser Besitzstand der Tod und keine Geburt mehr“. Müller überliefert Tacitus` Klage, in einer Zeit gebremster Expansion als Autor nicht auf seine Kosten gekommen zu sein. Tacitus habe für seinen Geschmack zu wenig Imperialismus erlebt. Müller setzt die eigene Zeit dagegen und freut sich, „über Mangel an gutem Stoff“ nicht klagen zu können. Ihn verwundert, dass er ein Insekt, das sein Papier zur Rennbahn macht, am Leben lässt, wie noch vor zehn Jahr bestimmt nicht. Müller fragt sich, was anders geworden ist: „Ich oder die Welt“. Er dichtet Notizen über Frauen vor Kreuzungen und zerspringende Teegläser. Eine rasende Welt betrachtet er im Stillstand der Wucherungen. Mit seinem Krebs nimmt er die Welt unter die Lupe, schon sieht sie ihm nach. Die Staubsäule Europa materialisiert sich im erigierten Mittelfinger von Kreuzberg. Nackttanz der Interessen - „Der Hauptzweck der bürgerlichen Gesellschaft ist die Verdrängung des Todes.“ Walter Benjamin Die Pest als Motor der Neuzeit taucht bei Müller aus den Giftindustrien der Kloake als Kanalisationsproblem auf. Er denkt über Daniel Defoe nach. Dessen fiktiver Bericht über einen Londoner Pestausbruch stimmt Müller lyrisch. Es entstehen zwei auseinander laufende Fassungen eines Pestgedichts, das so oder so unfertig bleibt. Die Häuser der Toten sind ledig. Ledig werden sie zu Lieferanten von Brennbarem. Das beschreibt einen Tiefstand, den Nackttanz der Interessen. Die Interessen werden von keiner Idee mehr kostümiert. (Eine Paraphrase, Müller bezieht sich so auf Shakespeare). Die Renaissance trennt die Kulturräume, sagt Müller. Die Neuzeit beginnt mit der Pest, sagt Friedell. - Als Ouvertüre der globalen Veranstaltung Moderne. Der Hauptzweck der bürgerlichen Gesellschaft ist die Verdrängung des Todes, sagt Benjamin. Das 19. Jahrhundert habe „die Ewigkeit trockengewohnt, in Räumen, die rein vom Sterben geblieben sind“. Müller bestellt den Tod, er räumt ihm Platz ein. Er ist anders morbid als Benn. Von daher vielleicht sein Interesse an Jünger, den der Tod als frühe Erfahrung mit dem Leben der Insekten verband und ihm eine mikroskopische Perspektive aufschloss. Jeder für sich besteht darauf ungerührt zu sein: Benn, wenn er seziert, Jünger, wenn ein Krieg ihn einrückt, und Müller?  Die nachgelassenen Gedichte zeichnen eine Strecke vom massenhaften Sterben bis der Tod persönlich wird. Müllers Kulturkreis ist eine Leichenhalle. „Warten auf der Gegenschräge“ - Gesammelte Gedichte, Suhrkamp, herausgegeben von Kristin Schulz

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