Seit Jahren schätze ich Berenberg für sein gutes Programm und ebenso für seine schönen Bücher – erst letztens habe ich nachgezählt und festgestellt, dass ich nur von zwei Verlagen mehr Bücher besitze.
In der Folge waren mir viele der in den News und Letters vorgestellten Werke und Autor*innen bereits bekannt. Die Letters hielten allerdings, weil umfangreicher, noch einiges Spannendes parat; gerade Leser*innen, die sich für spanischsprachige Literatur begeistern, würde ich das Buch ans Herz/in den Warenkorb legen.
Die News dagegen waren für mich größtenteils ein nostalgischer Schwenk durch vergangene Lektüren, was auch nicht zu verachten ist. Hier ergab sich allerdings wenig Neues (wobei ich manche Hintergründe und persönlichen Anekdoten nicht missen will).
Wer sich einen Überblick über Programm und Arbeit des Verlags verschaffen mag, vor allem aber die Arbeit von Heinrich von Berenberg als Entdecker, Verleger und Übersetzer kennenlernen will, dem sei das Buch hiermit empfohlen. Es ist launig geschrieben, aber auch mit viel Einfühlungsvermögen, was die jeweiligen Autor*innen betrifft. Vor allem aber: kauft Literatur aus dem Verlag Berenberg! Für mich ein Gütesiegel.
Heinrich von Berenberg
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Heinrich von Berenberg
Vom Stemmen der Gewichte
Deutsche Demokratische Reise
Neue Rezensionen zu Heinrich von Berenberg
„Nehmen Sie die Perücke ab.“
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Diesen Satz des englischen Schriftstellers Gilbert Keith Chesterton hat der 2003 mit nur 50 Jahren verstorbene, geniale und immer noch nicht angemessen gewürdigte Roberto Bolaño vor seinen Roman „Chilenisches Nachtstück“ gesetzt. Ein Satz, der das Tor der Reflexionen gleich zu Beginn einen Spalt öffnet, um es mit den ersten Zeilen seines Textes vollends aufzustoßen: „Ich sterbe jetzt, aber vorher habe ich noch einiges zu sagen. Mein ganzes Leben lang war ich mit mir selbst im reinen. Ich habe geschwiegen, im reinen mit mir selbst. Aber dann, mir nichts, dir nichts, kamen Dinge zum Vorschein.“
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Der berühmte chilenische Literaturkritiker, Priester und Lyriker - bekennendes Opus Dei-Mitglied - Sebastián Urrutia Lacroix - Ich-Erzähler in Bolaños Werk - spricht diese Worte mit verstellter Stimme aus. In einem fiebrigen Monolog, den Tod bereits vor Augen, mäandert jener über 157 Seiten. In absatz- und scheinbar endlosen Satzungetümen fantasiert er in einer trüben Melange aus Ausflüchten und Geständnissen sein zu Ende gehendes Leben, das letztendlich auf die eine Frage hinausläuft: „Weiß der Mensch denn immer und zu jeder Zeit, was gut und was böse ist? (...) Gibt es für all das eine Lösung?“
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Eine Lösung für was? Immer habe er „Verantwortungsbewusstsein gepredigt. Jeder Mensch hat die moralische Verpflichtung“, behauptet er zu Beginn seiner schönredenden Selbstbetrachtung, „sich für seine Handlungen verantwortlich zu erklären, und für seine Worte ebenso, ja, sogar für das Schweigen, denn schließlich fährt auch das Schweigen zum Himmel empor, Gott hört es, Gott allein versteht es und richtet darüber. Vorsicht also beim Schweigen. Meines ist ohne Makel. Damit das klar ist. Vor allem Gott sollte das wissen. Alles andere ist unwichtig. Gott nicht“.
Doch ganz so makellos ist er nicht, dieser bornierte und selbstgerechte literarische Priester. Letztendlich holt ihn sein eigenes Gewissen, sein AlterEgo, der provozierende „vergreiste Grünschnabel“, der ihn in seinen Fantasmagorien immer wieder heimsucht, ein, um im letzten Satz und einzigen Absatz zu eruptieren: „Und dann bricht er los, der Orkan aus Scheiße.“
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Leicht macht es Bolaño dem Leser nicht, sich durch die kindliche Ignoranz und naive Weltfremdheit seines Erzählers zu hangeln. „Welche Flut einander widersprechender Bilder sollte in den kommenden Nächten während der schlaflosen Stunden des Nachdenkens auf mich einstürmen.“, fantasiert der Protagonist und umschreibt damit auch den Duktus des Romans. „Chilenisches Nachtstück“ ist eine doppelbödige Erzählung über die Geschichte Chiles und - wie immer in Bolaños Werken - der Literatur. Der rechtslastige, homophile Großkritiker Farewell wird enttarnt, andere wie Neruda oder Jünger karikiert. Der Ich-Erzähler unterrichtet gar General Pinochet in den Grundlagen des Marxismus.
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Kumulierend führt der Fiebertraum seinen „sauberen“ Soutanenträger in einen viel frequentierten literarischen Salon der kulturellen Elite Chiles, zu dem eine mäßig begabte Schriftstellerin einlädt, während ihr Eheman - Michael Townly, ein CIA-Agent, den es wirklich gab - im Keller Regimegegner zu Tode foltert.
Das Fazit des Ich-Erzählers: „Was kann ein einzelner schon gegen die Geschichte ausrichten?“
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Fazit:
Ein „dichterisches Werk für kommende Zeiten, ein Werk von geradezu kanonischem Anspruch, dazu gedacht, sich erst im Lauf der Jahre herauszukristallisieren.“ Bolaño war ein Realist, einer, der die Wirklichkeit hinter den Tatsachen suchte und beschrieb. Ihn zu lesen ist ein intellektuelles Vergnügen, ein Erlebnis, aber auch ein Experiment und ein Schauder.
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„Gut zu schreiben“, sagte Roberto Bolaño, „bedeutet, dass man fähig ist, seinen Kopf ins Dunkel zu stecken, ins Leere zu springen; dass man weiß, Literatur ist ein grundsätzlich gefährlicher Beruf. Das ist rennen am Rande des Abgrunds: Auf der einen Seite geht es bodenlos tief hinunter, auf der anderen sind die Gesichter derer, die man liebt, die lächelnden Gesichter derer, die man liebt, und die Bücher und die Freunde und das Essen. Und dieses Offensichtliche muss man akzeptieren, obwohl es manchmal schwerer auf uns lastet als die Grabplatte, die die Überreste aller toten Schriftsteller bedeckt.“
Schöner Einstieg für Leser und Leserinnen die sich noch nicht an 2666 trauen. Der Monolog eines Schöngeistes, Dichter in der Diktatur. Nicht sehen wollen ist das Thema. Sehr böse!






