Es gibt Bücher, die man in einem Zug verschlingt. Und es gibt Bücher, die einen zwingen, immer wieder innezuhalten, den Blick von der Seite zu heben und das Gelesene erst einmal wirken zu lassen. Heinz Rudolf Kunzes "Wenn man vom Teufel spricht" gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Diese Sammlung von 200 "Zeitgeschichten" – eine charmante Untertreibung für ein literarisches Panoptikum aus Gedichten, Prosaskizzen, Aphorismen und satirischen Essays – ist kein Buch für die U-Bahn-Lektüre. Es ist ein Buch für die stille Stunde, für den Leser, der bereit ist, sich auf ein Wagnis einzulassen.
Das Wagnis beginnt bereits auf den ersten Seiten. Da ist kein roter Faden, keine durchgehende Handlung, kein wiederkehrender Held. Stattdessen: ein Kaleidoskop aus politischer Wut, existenzieller Melancholie und beißendem Witz. Der Titel, dem ein geflügeltes Wort entlehnt ist, erweist sich als Programm – der Teufel, so die eingängige These, ist längst da. Nicht als "man of wealth and taste", sondern als Prinzip der Verwirrung, der Lüge, der "unendlichen Beerdigung namens Gegenwart". Kunze, Jahrgang 1956, Schriftsteller, Liedermacher, Rocksänger, erweist sich als Chronist einer aus den Fugen geratenen Welt – und als Poet, der sich weigert, die Waffen zu strecken.
Was mich an diesem Buch besonders beeindruckt, ist die Bandbreite der Töne. Da sind die politischen Texte, die mit beißendem Sarkasmus die Absurditäten der Trump-Ära, den Aufstieg der AfD und die Selbstverzwergung der politischen Klasse sezieren – etwa in dem großartigen Gedicht "Frauen für Trump", das mit seinem infernalischen Rhythmus an die Litaneien eines James Baldwin erinnert. Da sind die zarten, fast verschämten Liebeserklärungen wie "Lisa mit a" oder "Mein Leitstern", die von unerfüllter Sehnsucht handeln. Und da sind die existenziellen Miniaturen – "Probesarg", "Stehenzubleiben für immer" –, die mit wenigen Sätzen ganze Abgründe aufreißen.
Was mich jedoch als Leser auch herausgefordert hat: Die Fragmentarik. Kaum hat man sich in einen Text eingefunden, ist er schon zu Ende – und der nächste beginnt mit etwas völlig anderem. Ein innerer Reset, immer wieder. Wer narrative Kontinuität sucht, wird enttäuscht sein. Wer aber bereit ist, sich auf dieses Wagnis einzulassen, wird mit einem Reichtum an Bildern, Gedanken und sprachlicher Präzision belohnt, den man in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur selten findet.
Meine Lieblingsszene? Die Schilderung des "Bades im Meer" – eine geradezu märchenhafte Geschichte über ein zerstrittenes Paar, das plötzlich eine Tür öffnet und dahinter das Meer findet. Sie schwimmen, sie lächeln, sie finden für einen kurzen, magischen Moment zueinander. Es ist eine der wenigen Stellen, an denen Kunze nicht anklagt, sondern einfach erzählt. Und sie beweist, dass dieser Autor nicht nur zornig, sondern auch zärtlich sein kann.
Und dann gibt es die Texte, die einfach nur unterhaltsam sind – wie die köstliche Satire über den Polizeibeamten, der von "Fehlerkultur" spricht, oder der Auftritt des "Seelenverkäufers", der als Teufel im Kundendienst enttarnt wird. Hier zeigt Kunze sein Talent für Komik, ohne jemals platt zu werden.
Das Buch ist keine Gebrauchsanweisung für ein besseres Leben. Es ist auch keine wissenschaftliche Analyse. Es ist Literatur – mit all ihren Widersprüchen, ihrer Unschärfe und ihrer subversiven Kraft. Es fordert den Leser, es fordert die Zeit, in der wir leben. Und das ist, in Zeiten wie diesen, vielleicht das Größte, was ein Buch sein kann.
Ich habe beschlossen, 4 von 5 Sternen für dieses Werk zu geben.
Ein Stern Abzug – und das ist gleichzeitig meine größte Anerkennung –, weil das Buch durch seine extreme Fragmentarik und den fehlenden roten Faden vielen Lesern den Zugang erschweren wird. Wer nicht bereit ist, sich immer wieder neu einzulassen, wird an diesem Werk scheitern. Die ständigen thematischen Brüche sind anstrengend, sie fordern eine Disziplin, die nicht jeder Leser aufbringen mag – oder aufbringen möchte. Zudem wiederholen sich einige politische Pointen, sodass die satirische Schärfe gelegentlich zu einer rhetorischen Masche verkommt. Hierfür habe ich drei Tage gebraucht und für die Rezension eine ganze Stunde. Das schrieb sich nicht locker, flockig.
Vier Sterne für die sprachliche Präzision, die atemberaubende Bandbreite der Töne (vom zärtlichen Liebesgedicht bis zur beißenden politischen Satire) und die kompromisslose Haltung eines Autors, der sich weigert, die Welt durch die rosarote Brille zu betrachten. Selten habe ich ein Buch gelesen, das so wütend, so traurig, so zärtlich und so komisch zugleich sein kann. Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich so oft zum Innehalten gezwungen hat. Dies ist kein Buch für leichte Unterhaltung. Aber es ist ein Buch für diejenigen, die glauben, dass Literatur mehr sein kann als bloße Zerstreuung – nämlich ein Akt der poetischen Gegenwehr.


















