Helen Garner

 4.1 Sterne bei 102 Bewertungen
Autor von Das Zimmer, Drei Söhne und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Helen Garner

Das Zimmer

Das Zimmer

 (84)
Erschienen am 27.02.2010
Drei Söhne

Drei Söhne

 (10)
Erschienen am 01.09.2016
Das Haus an der Bunker Street

Das Haus an der Bunker Street

 (4)
Erschienen am 09.01.2010
Die Kinder anderer Leute

Die Kinder anderer Leute

 (2)
Erschienen am 15.03.2011
Das Zimmer

Das Zimmer

 (1)
Erschienen am 20.07.2009
The Spare Room

The Spare Room

 (1)
Erschienen am 02.02.2010
The First Stone

The First Stone

 (0)
Erschienen am 01.02.1997

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Buecherschmauss avatar

Rezension zu "Drei Söhne" von Helen Garner

Großartig!
Buecherschmausvor 2 Jahren

Eine ganz unglaubliche Geschichte: Am Abend des 4. September 2005, dem australischen Vatertag, kommt Robert Farquharson mit seinem Auto von der Straße ab und fährt in einen Baggersee, einen der vielen australischen „dams“, Wasserreservoire für die Farmer. Das Auto sinkt schnell und seine drei kleinen Söhne, die er bei seiner von ihm getrennt lebenden Frau abliefern sollte, ertrinken. Der Vater kann sich retten und gibt an, nach einem Hustenanfall am Steuer ohnmächtig geworden zu sein. Solche Hustensynkopen sind zwar selten, aber durchaus möglich. Aber Farquharson benimmt sich am Unfallort äußerst merkwürdig. Statt den Kindern Hilfe zu leisten, bringt er sich in Sicherheit, hält ein Auto an und drängt die Insassen, ihn zu seiner Frau zu fahren. Erst danach werden Polizei und Rettungsdienste verständigt. Auch danach zeigt Farquharson eine verstörende Teilnahmslosigkeit.
Der Fall Farquharson hat die australische Öffentlichkeit beträchtlich aufgewühlt. Sowohl der Unfall selbst (oder war es Mord, versuchter erweiterter Selbstmord?) als auch der 2007 begonnene Prozess gegen den Vater, der sich mit Berufungsverfahren und nachgereichten Eingaben bis 2013 hinzog, beschäftigte Menschen und Medien.
Die Schriftstellerin Helen Garner, die hierzulande 2009 mit ihrem Buch „Das Zimmer“ einige Bekanntheit erlangte und die in ihrem Heimatland Australien immer wieder auch für ihre literarischen Reportagen ausgezeichnet wurde, hat diesen Prozess über seine ganze Länge hin vor Ort verfolgt. Herausgekommen ist dabei diese True-Crime-Story, die dem Leser den Atem raubt.
Von außen eine Gerichtsreportage - wer schon immer eine Abneigung gegen Gerichtsdramen hatte, wird vielleicht auch mit diesem Buch nicht glücklich werden – schildert Garner jedoch so viel mehr als die Aussagen und das Auftreten der Anwälte und Richter, der Zeugen und des Angeklagten.
Sie nimmt den Leser mit auf eine beklemmende Gefühlsachterbahn, die mit dem Stoßgebet „Lass es ein Unfall gewesen sein“ beginnt, als Garner die ersten Meldungen über das Geschehen vernimmt - zu schrecklich wäre es, hätte der Vater seine Söhne tatsächlich vorsätzlich getötet - und die immer mehr nach unten führt, je mehr sich der Verdacht gegen den Vater erhärtet, Zeugenaussagen über geäußerte Rachepläne gegen seine Frau auftauchen, die ihn verlassen hat und mittlerweile mit den Söhnen bei einem neuen Mann lebt. Zwischenzeitlich kommen aber immer wieder auch Zweifel auf, ja so etwas wie Mitleid und gar zaghafte Sympathie für den Angeklagten, je mehr er in die Ecke getrieben wird. Andererseits beteuern auch immer wieder Exfrau, Großeltern und andere Zeugen seine vermeintliche Unschuld. Die Tat ist gut dokumentiert, man kann im Internet nahezu jede Phase von der Bergung des Wagens bis zur Verurteilung verfolgen, sieht die drei Jungs lachend auf dem Sofa sitzen, sieht ihren überladenen Grabstein. Das Wissen, dass alles tatsächlich passiert ist, macht die Lektüre von „Drei Söhne“ noch beklemmender.
Helen Garner schaut genau hin, hört genau zu, beschreibt detailgenau die Prozessbeteiligten. Sie verhüllt auch nicht die Müdigkeit und den Überdruss, die die Zuhörer und Geschworenen von Zeit zu Zeit packen. Auch der Leser bleibt davon nicht ganz verschont, werden zum x. Mal die Markierungen der Reifenspuren oder die hypothetischen Lenkbewegungen diskutiert. Auch die dramatischen Gefühlsausbrüche aller Beteiligten, die sich in Tränenströmen und übergroßen Taschentüchern zeigen, berühren bald eher unangenehm. Das macht das Buch aber nur noch intensiver. Es ist fast, als säße man mit im Gerichtssaal, verfolge den Prozess genauso unmittelbar wie die Autorin. Trotz ihrer sachlichen, lakonischen Sprache, die aber immer wieder ins Persönliche kippt, mitunter auch sehr poetisch werden kann, packt Helen Garner mit ihrem Buch ungemein. Sie zieht ihre Leser ganz tief hinein in diesen unglaublichen Fall und verstört ihn nachhaltig. Dabei ist sie sich ihrer eigenen Zweifel und Einwände durchaus bewusst, handelt es sich doch bis zum Ende um einen reinen Indizienprozess.
Einerseits ist es die Tat, die sprachlos macht. Diese ungeheuerlich Erkenntnis, dass nicht nur kleinen, arglosen Kindern solch Entsetzliches angetan werden kann, sondern dass die Tat auch noch von dem Menschen verübt worden sein soll, der eigentlich für Schutz und Wohl der Kleinen erster Garant gewesen sein sollte. Es ist das Entsetzen, das einen jedes Mal von neuem angesichts solcher Taten packt. Ich jedenfalls werde das Bild dieser drei lachenden kleinen Jungs so bald nicht loswerden.
„Wenn ich mir erlaube, an Jai, Tyler und Bailey zu denken, wie sie in ihrem ruhigen Friedhof liegen und die goldenen Symbole von Bob dem Baumeister und den Bombers über sie wachen, dann stelle ich mir vor, wie ihre Familienangehörigen eifersüchtig toben: „Sie kennen sie gar nicht. Wie können Sie es wagen, von ihrer „Trauer“ zu sprechen?“
Es gibt aber kein anderes Wort, das zutrifft. Denn jeder Fremde trauert um sie. Jeder Fremde hat ihretwegen ein gebrochenes Herz. Das Schicksal der Kinder ist rechtmäßig auch unsere Angelegenheit. Wir haben sie zu beklagen. Jetzt sind wir alle Angehörige.“
Helen Garner ist mit „Drei Söhne“, im Original „This house of grief“, ein erschütterndes Buch gelungen, das noch sehr lange nachhallen wird. Großartig!

Kommentare: 1
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serendipity3012s avatar

Rezension zu "Drei Söhne" von Helen Garner

Mord oder Unfall?
serendipity3012vor 2 Jahren

Mord oder Unfall? 

Es ist der Vatertag im Jahr 2005, als Robert Faquharson seine drei Söhne gerade zu seiner von ihm getrennt lebenden Frau zurückbringen möchte, von der Straße abkommt und in einen Baggersee stürzt. Nur er kann sich befreien, seine Kinder ertrinken. Er gibt an, einen Hustenanfall gehabt zu haben, durch den er ohnmächtig wurde und erst im Wasser wieder erwacht zu sein. Es sei ihm nicht gelungen, seine Kinder zu retten.

Die Frage, ob Faquharson die Wahrheit sagt, oder ob er seine Söhne vielleicht doch getötet hat, um sich an seiner Exfrau zu rächen, ob vorsätzlich und geplant oder im Affekt, steht schnell im Raum und wird zum Mittelpunkt eines Aufsehen erregenden Prozesses, der die australische Öffentlichkeit sehr beschäftigt. Helen Garner beobachtet die Verhandlung genau und berichtet akribisch in ihrem Buch „Drei Söhne. Ein Mordprozess“ darüber.

Der Prozess gegen Faquharson muss sich auf Zeugenaussagen, auf Indizien und Wahrscheinlichkeiten stützen. So hatte er einem alten Freund zufolge gesagt, dass er überlege, die Kinder umzubringen, was er nach dem Geschehen bestreitet. Die Ehe, ihr Scheitern, Roberts Unfähigkeit, in seinem Leben zurechtzukommen, all dies wird vor Gericht ausgebreitet, genauso wie der Vorfall selbst immer wieder von allen Seiten durchleuchtet wird. Durch Garners meist mitreißende Schilderung sitzt man als Leser wie mit im Gerichtssaal.

Es ist schwer, sich eine Meinung zu bilden, umso mehr, als man sich auf Garners Beschreibungen verlassen muss. Das macht aber nichts, denn Garner schreibt genau, beobachtet scharfsinnig, wertet aus, wo es geht, versucht, Strategien zu erkennen. Fesselnd ist ihr Bericht natürlich vor allem wegen der Ungeheuerlichkeit der Vorwürfe: Ein Vater, der seine drei Söhne umgebracht hat, nur um sich zu rächen? Viele Männer, die Garner im Laufe des Prozesses begegnen, beteuern immer wieder: Sie hätten alles versucht, um die Kinder zu retten und wären, wenn nötig, mit ihnen untergegangen. Faquharson benimmt sich nach dem Unfall eigenartig, er ist traumatisiert – doch ist der Auslöser des Traumas der Unfall selbst oder seine Schuld daran?

Vermutlich sind es diese Fragen, die einen „Drei Söhne“ atemlos lesen lassen, in der Hoffnung, eine Antwort auf die drängenden Fragen zu bekommen, wie es zu der Tragödie kommen konnte und wie die Geschworenen über den Fall und somit über Faquharsons weiteres Leben entscheiden.

Einige Fragen werden im Prozess wieder und wieder behandelt, und wo die Zuschauer vor Ort ermüden, geht es einem als Leser nicht anders, eine Straffung wäre aber wohl zu Lasten der Authentizität gegangen. Alles in allem ist Garner ein fesselnder Bericht gelungen, auch wenn sie an einigen Stellen etwas ungelenk formuliert (und die deutsche Ausgabe leider einige Fehler enthält). War Faquharson wirklich dazu fähig, seine Söhne zu töten, sah er tatsächlich keinen anderen Ausweg mehr? Was mag in ihm vorgegangen sein? „Drei Söhne. Ein Mordprozess“ nähert sich behutsam einer Ungeheuerlichkeit an, die kaum zu verstehen ist.

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M

Rezension zu "Drei Söhne" von Helen Garner

Akribisch und empathisch dokumentiert
michael_lehmann-papevor 2 Jahren

Akribisch und empathisch dokumentiert

2005 geschieht es. Ein Vater kommt in seinem Wagen von der Straße ab und landet in einem See. Seine drei Söhne sterben bei diesem Unfall, der Vater kann sich retten.

Ein Ereignis, dass nicht nur die engere Umgebung des kleinen Ortes am Viktoriasee tief betroffen zurücklässt, sondern dass bald auch landesweit (und das für Jahre) Schlagzeilen machen wird. Eine nationale Tragödie in Australien.

Aber ist es so, dass dies „nur“ ein reiner Unfall war? Oder hatte der Vater selbstmörderische Absichten und nahm seine drei Söhne bewusst mit „in den Tod“ oder war es gar so, dass der, von seiner Frau getrennt lebender Mann, „ihr eins auswischen“ wollte und daher, im Affekt oder kaltblütig, seine Söhne für das Verhalten ihrer Mutter (die inzwischen einen neuen Lebensgefährten gefunden hatte) büßen lassen wollte?

Am Ende wird die Jury ein Urteil finden und eine Begründung liefern. Am Ende wird der Anwalt des Mannes, der sich mit ganzer Kraft in den Fall hineingibt, zumindest wird Rechtsanwalt Morrissey etliches an Kilo verlieren in diesen Jahren und dann bis zur letzten Berufungsinstanz. Wobei der Gewichtsverlust nicht nur mit der aufreibenden Arbeit, sondern auch mit einer Krankheit zu tun hat, die Morrissey durchaus im Verfahren zugunsten seines Mandanten einzusetzen versteht.

Das bei den Ermittlungen alle Strippen gezogen wurden, inklusive der Ausstattung eines Bekannten des Todesfahrers mit einem Mikrofon, dass die wütenden Bemerkungen, die Robert Farquharson seiner Frau ins Gesicht warf und in Gesprächen mit Bekannten darauf Bezug nahm, dass aber ebenso auch Gründe für andere Tathergänge bis hin zum einfachen Unfall zu finden sind, all das führt Garner, selbst von diesem Prozess journalistisch und menschliche gepackt, in ruhiger, sachlicher Darstellung Seite für Seite aus.

Vom Hergang des Ereignisses über die Ermittlungen der Behörden bis hin zu Eröffnung und Durchführung des Prozesses, Garner lässt nichts aus, ohne sich dabei allerdings in juristische Spitzfindigkeiten zu verlieren oder je das Gesamte des Ereignisses aus dem Blick zu verlieren. Sie entrollt das ganze Drama hinter den Ereignissen.

„Bei Einbruch der Dunkelheit wurde die Scheißkarre zur Waffe und dann zum Sarg“.

Einer, dem das bürgerliche Leben wegbrach, einer, der zum Gestrandeten der Gesellschaft wurde und am Ende sich und seinen drei Söhnen (wenn man sich sah) nur ein altes, zerfleddertes Auto als „Heim“ anbieten konnte, den alten „Commodore“.

So klar und deutlich später auch das Urteil ausfällt, es beruht bei den entscheidenden Momenten nur auf Indizien. Und der Leser selbst wird das Hin- und Her der Frage nach der Schuld oder doch nur Fahrlässigkeit noch ins ich bewegen.

Gerade weil Garner sehr klar die Beweisaufnahm erläutert und ebenso genügend Zeit findet, immer wieder auf die Lebensumstände der Beteiligten einzugehen.



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