Helen Garner Drei Söhne

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Inhaltsangabe zu „Drei Söhne“ von Helen Garner

»Ich sah es in den Nachrichten. Nacht. Gebüsch. Wasser, verschwommene Lichter, ein Hubschrauber. Männer mit Warnwesten und Schutzhelmen. Hier war etwas Entsetzliches passiert..« Robert Farquharson bekommt sein Leben einfach nicht auf die Reihe. Seit einiger Zeit lebt er getrennt von seiner Familie. Am Abend des Vatertags im Jahr 2005 fährt er die drei Söhne zurück zu seiner Exfrau Cindy, als sein Wagen von der Straße abkommt und in einen See stürzt. Nur er kann sich aus dem Auto befreien ... Tragischer Unfall oder Racheakt – diese Frage wird die australische Justiz und Öffentlichkeit in den folgenden Jahren beschäftigen – und sie wird für Helen Garner geradezu zur Obsession. Sie verfolgt den Prozess durch alle Instanzen und erzählt die Geschichte eines Mannes und seines kaputten Leben und das unerhörte und unvorhersehbare Gerichts-Drama auf der Suche nach Gerechtigkeit.

Eine überaus gekonnte Mischung aus Bericht, Gerichtsreportage, Zeugenaussagen, Gesprächswidergabe, Erzählung und persönlicher Eindrücke.

— JulesBarrois
JulesBarrois

Unfall oder Mor- Helen Garners Prozessbeobachtungen “Drei Söhne” schildern durchgreifend den Einbruch des Grauens in einen Kleinstadtalltag.

— jamal_tuschick
jamal_tuschick

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    Drei Söhne
    Buecherschmaus

    Buecherschmaus

    24. April 2017 um 12:22

    Eine ganz unglaubliche Geschichte: Am Abend des 4. September 2005, dem australischen Vatertag, kommt Robert Farquharson mit seinem Auto von der Straße ab und fährt in einen Baggersee, einen der vielen australischen „dams“, Wasserreservoire für die Farmer. Das Auto sinkt schnell und seine drei kleinen Söhne, die er bei seiner von ihm getrennt lebenden Frau abliefern sollte, ertrinken. Der Vater kann sich retten und gibt an, nach einem Hustenanfall am Steuer ohnmächtig geworden zu sein. Solche Hustensynkopen sind zwar selten, aber durchaus möglich. Aber Farquharson benimmt sich am Unfallort äußerst merkwürdig. Statt den Kindern Hilfe zu leisten, bringt er sich in Sicherheit, hält ein Auto an und drängt die Insassen, ihn zu seiner Frau zu fahren. Erst danach werden Polizei und Rettungsdienste verständigt. Auch danach zeigt Farquharson eine verstörende Teilnahmslosigkeit.Der Fall Farquharson hat die australische Öffentlichkeit beträchtlich aufgewühlt. Sowohl der Unfall selbst (oder war es Mord, versuchter erweiterter Selbstmord?) als auch der 2007 begonnene Prozess gegen den Vater, der sich mit Berufungsverfahren und nachgereichten Eingaben bis 2013 hinzog, beschäftigte Menschen und Medien.Die Schriftstellerin Helen Garner, die hierzulande 2009 mit ihrem Buch „Das Zimmer“ einige Bekanntheit erlangte und die in ihrem Heimatland Australien immer wieder auch für ihre literarischen Reportagen ausgezeichnet wurde, hat diesen Prozess über seine ganze Länge hin vor Ort verfolgt. Herausgekommen ist dabei diese True-Crime-Story, die dem Leser den Atem raubt. Von außen eine Gerichtsreportage - wer schon immer eine Abneigung gegen Gerichtsdramen hatte, wird vielleicht auch mit diesem Buch nicht glücklich werden – schildert Garner jedoch so viel mehr als die Aussagen und das Auftreten der Anwälte und Richter, der Zeugen und des Angeklagten. Sie nimmt den Leser mit auf eine beklemmende Gefühlsachterbahn, die mit dem Stoßgebet „Lass es ein Unfall gewesen sein“ beginnt, als Garner die ersten Meldungen über das Geschehen vernimmt - zu schrecklich wäre es, hätte der Vater seine Söhne tatsächlich vorsätzlich getötet - und die immer mehr nach unten führt, je mehr sich der Verdacht gegen den Vater erhärtet, Zeugenaussagen über geäußerte Rachepläne gegen seine Frau auftauchen, die ihn verlassen hat und mittlerweile mit den Söhnen bei einem neuen Mann lebt. Zwischenzeitlich kommen aber immer wieder auch Zweifel auf, ja so etwas wie Mitleid und gar zaghafte Sympathie für den Angeklagten, je mehr er in die Ecke getrieben wird. Andererseits beteuern auch immer wieder Exfrau, Großeltern und andere Zeugen seine vermeintliche Unschuld. Die Tat ist gut dokumentiert, man kann im Internet nahezu jede Phase von der Bergung des Wagens bis zur Verurteilung verfolgen, sieht die drei Jungs lachend auf dem Sofa sitzen, sieht ihren überladenen Grabstein. Das Wissen, dass alles tatsächlich passiert ist, macht die Lektüre von „Drei Söhne“ noch beklemmender.Helen Garner schaut genau hin, hört genau zu, beschreibt detailgenau die Prozessbeteiligten. Sie verhüllt auch nicht die Müdigkeit und den Überdruss, die die Zuhörer und Geschworenen von Zeit zu Zeit packen. Auch der Leser bleibt davon nicht ganz verschont, werden zum x. Mal die Markierungen der Reifenspuren oder die hypothetischen Lenkbewegungen diskutiert. Auch die dramatischen Gefühlsausbrüche aller Beteiligten, die sich in Tränenströmen und übergroßen Taschentüchern zeigen, berühren bald eher unangenehm. Das macht das Buch aber nur noch intensiver. Es ist fast, als säße man mit im Gerichtssaal, verfolge den Prozess genauso unmittelbar wie die Autorin. Trotz ihrer sachlichen, lakonischen Sprache, die aber immer wieder ins Persönliche kippt, mitunter auch sehr poetisch werden kann, packt Helen Garner mit ihrem Buch ungemein. Sie zieht ihre Leser ganz tief hinein in diesen unglaublichen Fall und verstört ihn nachhaltig. Dabei ist sie sich ihrer eigenen Zweifel und Einwände durchaus bewusst, handelt es sich doch bis zum Ende um einen reinen Indizienprozess.Einerseits ist es die Tat, die sprachlos macht. Diese ungeheuerlich Erkenntnis, dass nicht nur kleinen, arglosen Kindern solch Entsetzliches angetan werden kann, sondern dass die Tat auch noch von dem Menschen verübt worden sein soll, der eigentlich für Schutz und Wohl der Kleinen erster Garant gewesen sein sollte. Es ist das Entsetzen, das einen jedes Mal von neuem angesichts solcher Taten packt. Ich jedenfalls werde das Bild dieser drei lachenden kleinen Jungs so bald nicht loswerden. „Wenn ich mir erlaube, an Jai, Tyler und Bailey zu denken, wie sie in ihrem ruhigen Friedhof liegen und die goldenen Symbole von Bob dem Baumeister und den Bombers über sie wachen, dann stelle ich mir vor, wie ihre Familienangehörigen eifersüchtig toben: „Sie kennen sie gar nicht. Wie können Sie es wagen, von ihrer „Trauer“ zu sprechen?“Es gibt aber kein anderes Wort, das zutrifft. Denn jeder Fremde trauert um sie. Jeder Fremde hat ihretwegen ein gebrochenes Herz. Das Schicksal der Kinder ist rechtmäßig auch unsere Angelegenheit. Wir haben sie zu beklagen. Jetzt sind wir alle Angehörige.“Helen Garner ist mit „Drei Söhne“, im Original „This house of grief“, ein erschütterndes Buch gelungen, das noch sehr lange nachhallen wird. Großartig!

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  • Mord oder Unfall?

    Drei Söhne
    serendipity3012

    serendipity3012

    06. January 2017 um 18:46

    Mord oder Unfall? Es ist der Vatertag im Jahr 2005, als Robert Faquharson seine drei Söhne gerade zu seiner von ihm getrennt lebenden Frau zurückbringen möchte, von der Straße abkommt und in einen Baggersee stürzt. Nur er kann sich befreien, seine Kinder ertrinken. Er gibt an, einen Hustenanfall gehabt zu haben, durch den er ohnmächtig wurde und erst im Wasser wieder erwacht zu sein. Es sei ihm nicht gelungen, seine Kinder zu retten.Die Frage, ob Faquharson die Wahrheit sagt, oder ob er seine Söhne vielleicht doch getötet hat, um sich an seiner Exfrau zu rächen, ob vorsätzlich und geplant oder im Affekt, steht schnell im Raum und wird zum Mittelpunkt eines Aufsehen erregenden Prozesses, der die australische Öffentlichkeit sehr beschäftigt. Helen Garner beobachtet die Verhandlung genau und berichtet akribisch in ihrem Buch „Drei Söhne. Ein Mordprozess“ darüber.Der Prozess gegen Faquharson muss sich auf Zeugenaussagen, auf Indizien und Wahrscheinlichkeiten stützen. So hatte er einem alten Freund zufolge gesagt, dass er überlege, die Kinder umzubringen, was er nach dem Geschehen bestreitet. Die Ehe, ihr Scheitern, Roberts Unfähigkeit, in seinem Leben zurechtzukommen, all dies wird vor Gericht ausgebreitet, genauso wie der Vorfall selbst immer wieder von allen Seiten durchleuchtet wird. Durch Garners meist mitreißende Schilderung sitzt man als Leser wie mit im Gerichtssaal.Es ist schwer, sich eine Meinung zu bilden, umso mehr, als man sich auf Garners Beschreibungen verlassen muss. Das macht aber nichts, denn Garner schreibt genau, beobachtet scharfsinnig, wertet aus, wo es geht, versucht, Strategien zu erkennen. Fesselnd ist ihr Bericht natürlich vor allem wegen der Ungeheuerlichkeit der Vorwürfe: Ein Vater, der seine drei Söhne umgebracht hat, nur um sich zu rächen? Viele Männer, die Garner im Laufe des Prozesses begegnen, beteuern immer wieder: Sie hätten alles versucht, um die Kinder zu retten und wären, wenn nötig, mit ihnen untergegangen. Faquharson benimmt sich nach dem Unfall eigenartig, er ist traumatisiert – doch ist der Auslöser des Traumas der Unfall selbst oder seine Schuld daran?Vermutlich sind es diese Fragen, die einen „Drei Söhne“ atemlos lesen lassen, in der Hoffnung, eine Antwort auf die drängenden Fragen zu bekommen, wie es zu der Tragödie kommen konnte und wie die Geschworenen über den Fall und somit über Faquharsons weiteres Leben entscheiden.Einige Fragen werden im Prozess wieder und wieder behandelt, und wo die Zuschauer vor Ort ermüden, geht es einem als Leser nicht anders, eine Straffung wäre aber wohl zu Lasten der Authentizität gegangen. Alles in allem ist Garner ein fesselnder Bericht gelungen, auch wenn sie an einigen Stellen etwas ungelenk formuliert (und die deutsche Ausgabe leider einige Fehler enthält). War Faquharson wirklich dazu fähig, seine Söhne zu töten, sah er tatsächlich keinen anderen Ausweg mehr? Was mag in ihm vorgegangen sein? „Drei Söhne. Ein Mordprozess“ nähert sich behutsam einer Ungeheuerlichkeit an, die kaum zu verstehen ist.

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  • Akribisch und empathisch dokumentiert

    Drei Söhne
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    25. November 2016 um 15:29

    Akribisch und empathisch dokumentiert2005 geschieht es. Ein Vater kommt in seinem Wagen von der Straße ab und landet in einem See. Seine drei Söhne sterben bei diesem Unfall, der Vater kann sich retten.Ein Ereignis, dass nicht nur die engere Umgebung des kleinen Ortes am Viktoriasee tief betroffen zurücklässt, sondern dass bald auch landesweit (und das für Jahre) Schlagzeilen machen wird. Eine nationale Tragödie in Australien.Aber ist es so, dass dies „nur“ ein reiner Unfall war? Oder hatte der Vater selbstmörderische Absichten und nahm seine drei Söhne bewusst mit „in den Tod“ oder war es gar so, dass der, von seiner Frau getrennt lebender Mann, „ihr eins auswischen“ wollte und daher, im Affekt oder kaltblütig, seine Söhne für das Verhalten ihrer Mutter (die inzwischen einen neuen Lebensgefährten gefunden hatte) büßen lassen wollte?Am Ende wird die Jury ein Urteil finden und eine Begründung liefern. Am Ende wird der Anwalt des Mannes, der sich mit ganzer Kraft in den Fall hineingibt, zumindest wird Rechtsanwalt Morrissey etliches an Kilo verlieren in diesen Jahren und dann bis zur letzten Berufungsinstanz. Wobei der Gewichtsverlust nicht nur mit der aufreibenden Arbeit, sondern auch mit einer Krankheit zu tun hat, die Morrissey durchaus im Verfahren zugunsten seines Mandanten einzusetzen versteht.Das bei den Ermittlungen alle Strippen gezogen wurden, inklusive der Ausstattung eines Bekannten des Todesfahrers mit einem Mikrofon, dass die wütenden Bemerkungen, die Robert Farquharson seiner Frau ins Gesicht warf und in Gesprächen mit Bekannten darauf Bezug nahm, dass aber ebenso auch Gründe für andere Tathergänge bis hin zum einfachen Unfall zu finden sind, all das führt Garner, selbst von diesem Prozess journalistisch und menschliche gepackt, in ruhiger, sachlicher Darstellung Seite für Seite aus.Vom Hergang des Ereignisses über die Ermittlungen der Behörden bis hin zu Eröffnung und Durchführung des Prozesses, Garner lässt nichts aus, ohne sich dabei allerdings in juristische Spitzfindigkeiten zu verlieren oder je das Gesamte des Ereignisses aus dem Blick zu verlieren. Sie entrollt das ganze Drama hinter den Ereignissen.„Bei Einbruch der Dunkelheit wurde die Scheißkarre zur Waffe und dann zum Sarg“.Einer, dem das bürgerliche Leben wegbrach, einer, der zum Gestrandeten der Gesellschaft wurde und am Ende sich und seinen drei Söhnen (wenn man sich sah) nur ein altes, zerfleddertes Auto als „Heim“ anbieten konnte, den alten „Commodore“.So klar und deutlich später auch das Urteil ausfällt, es beruht bei den entscheidenden Momenten nur auf Indizien. Und der Leser selbst wird das Hin- und Her der Frage nach der Schuld oder doch nur Fahrlässigkeit noch ins ich bewegen. Gerade weil Garner sehr klar die Beweisaufnahm erläutert und ebenso genügend Zeit findet, immer wieder auf die Lebensumstände der Beteiligten einzugehen.

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  • Tragische True-Crime Geschichte

    Drei Söhne
    Alexandra_Luchs

    Alexandra_Luchs

    15. November 2016 um 09:14

    In “Drei Söhne” berichtet Helen Garner von einem Verbrechen, das die australische Öffentlichkeit jahrelang spaltete. Dieser wahre Fall scheint so makaber und verworren, wie ein schlechter Film und auch nach vielen Jahren mit dutzenden Prozesstagen bleiben Teile des Geschehens im Dunkeln. Am Vatertag des Jahres 2005 gerät Robert Faquharson mit seinem Auto von der Straße ab, der Wagen mit seinen drei kleinen Söhnen an Bord stürzt in einen Baggersee. Faquharson selbst kann sich retten, seine Söhne ertrinken. Was nach einer schrecklichen Tragödie klingt, gerät schnell in den Verdacht ein furchtbarer Mord zu sein: der Mord eines Vaters an seinen Kindern. “Kleine Jungs! Wie können solche wilden, lebendigen Geschöpfe überhaupt sterben? Wie kann diese vergnügte Zauberhaftigkeit für immer ausgelöscht werden?” Helen Garner ist sonst für ihre gefühlvollen Erzählungen und Kurzgeschichten bekannt, in “Drei Söhne” schafft sie es auch die enervierenden und langatmigen Teile eines Gerichtsprozesses mit viel Gefühl und Gespür für die Konflikte dieses Falles zu beschreiben. Vor allem die Tatsache, dass Faquharson als einziger “Zeuge” des Unfalls war und dennoch nichts aussagt beziehungsweise behauptet wegen einer Ohnmacht nichts sagen zu können, beleuchtet die Autorin von verschiedenen Seiten. So zweifeln wir mit ihr und bekommen eine Ahnung von unglaublich heiklen Situation des Falles. Als reiner Indizienprozess geführt, werden die Verhandlungen von den Berichten der Sachverständigen dominiert. Zusätzlich kommen aber auch Personen zu Wort, die Faquharsons Charakter und seine teils belastenden Aussagen wiedergeben können. Toll gelungen ist es, wie Helen Garner diese Abschnitte auf die wesentlichen Fakten reduziert und sich sonst hauptsächlich mit der Wirkung der Aussagen und ihrer Bedeutung für den Fall beschäftigt. Da ihren Beschreibungen nach vor allem die Darstellungen über Vermessungen der Polizei etliche Tage in Anspruch nahmen, bin ich über diese gelungene Zusammenfassung wirklich dankbar. Besonders begeistert hat mich außerdem, wie es die Autorin schafft ihre eigenen Überlegungen und Zweifel ganz natürlich in die Prozessbeschreibungen einzuweben. Diese Abschnitte sind sprachlich wunderschön, mitreißend und geben ein ganz eigenes Gefühl für diesen Fall und seine zentralen Fragen. “Jeder weiß, dass die Erinnerung nicht einfach ein jederzeit zugängliches Dokument ist, dessen Inhalt von einem Öffnen zum nächsten genau gleich bleibt. Erinnerung ist ein stetiger, lebenslanger Prozess, fließend, lebhaft und mysteriös.” Dadurch war für mich die Lektüre keineswegs trocken und langatmig, sondern lebendig und mitreißend. Seite um Seite stellte ich mir selbst eben jene Fragen: kann ein Vater seinen Söhnen so etwas antun? Kann oder will er sich nicht erinnern? Ich glaube, dass dieses Buch nicht für alle Leser gleich gut geeignet ist: ich selbst bin interessiert an “True Crime” und den dargestellten Details des Prozesses, auch das Urteil erwartete ich mit einiger Spannung. Für mich 5 von 5 Leseratten. Trotz aller Fokussierung auf das Wesentliche, wird es aber Leser geben denen die Details zu langatmig sind oder die mit dem schlichten Ende nicht glücklich werden. Anders als in Romanen, kann das echte Leben nämlich nicht immer eine Moral in der Geschichte bieten.

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  • Die Banalität des Bösen

    Drei Söhne
    JulesBarrois

    JulesBarrois

    14. September 2016 um 08:02

    Drei Söhne: Ein Mordprozess - Helen Garner (Autorin), Lina Falkner (Übersetzerin), 352 Seiten, Berlin Verlag (1. September 2016), 20 €, ISBN-13: 978-3827012692   „Drei Söhne“ beginnt fast wie ein modernes Märchen: „Es war einmal ein schwer arbeitender Mann, der mit seiner Frau und seinen drei kleinen Söhnen in einer Kleinstadt in Victoria lebte. Sie schlugen sich mit seinem Raumpflegerslohn durch und bauten mühsam an einem größeren Haus.“ (Seite 9) Doch schon im nächsten Satz ist das Märchen zu Ende und ein Happyend ausgeschlossen. Denn seine Frau trennt sich von ihm und behält die Kinder. Und „zehn Monate später, an einem Septemberabend 2005, kurz nach Einbruch der Dunkelheit, als der abgelegte Ehemann gerade seine Söhne von einem Vatertagsausflug zurück zur Mutter fuhr, kam sein alter, weißer Commodore, kaum fünf Minuten von der Haustür entfernt, plötzlich von der Fahrbahn ab und versank in einem Baggersee. Der Mann befreite sich aus dem Auto und schwamm ans Ufer. Das Auto sank auf den Grund und alle drei Kinder ertranken.“ (Seite 10) Soweit der Anfang dieser wahren Begebenheit. Tragischer Unfall oder Mord aus Rache? Diese Frage beschäftigte nicht nur die australischen Gerichte und die Öffentlichkeit. Auch die Autorin Helen Garner verfolgt den Prozess vor dem hohen Gericht in Canberra. Helen Garner verknüpft Beschreibungen des Gerichtsverfahrens mit Szenen aus jener verhängnisvollen Nacht und Zeugenaussagen zu einem herzzerreißenden Drama. Es ist kein „whodunnit“-Krimi, sondern mehr ein „Warum hat er es getan?“ Sie richtet ihren Fokus nicht so sehr auf das Urteil, sondern auf die innere Welt einer verurteilten Familie. Das Ganze legt sie an als eine überaus gekonnte Mischung aus Bericht, Gerichtsreportage, Zeugenaussagen, Gesprächswidergabe, Erzählung und immer wieder die ganz persönlichen Eindrücke der Autorin. Im Mittelpunkt ihre Geschichte steht Rob Farquharson, der liebende Vater von Jai, Tyler und Bailey und ihr möglicher Mörder. Es entsteht das Porträt eines gewöhnlichen Menschen und eines undenkbaren Verbrechens. Aber auch tiefe Einblicke in die Seele und das Denken aller Beteiligten: Richter, Anwälte, Ankläger, Freunde, Verwandte und Zeugen. Sie beobachtet sorgfältig jedes einzelnen Verhalten und jede Regung aller Personen in diesem langen Indizienprozess. Eigentlich wollen wir als Leser, dass Rob unschuldig am Tod der Kinder ist, ein tragisches Ereignis eben und nicht, dass er vorsätzlich und rücksichtslos handelt. Aber das wollen wir nicht unbedingt, weil wir glauben, dass er unschuldig sei, sondern weil es einfach zu schrecklich ist, die Alternative zu betrachten, weil es einfacher ist, daran zu glauben, dass das Leben der Kinder für einen Vater zu kostbar wäre, um es in einem Moment der Vergeltung zu zerstören. Es ist eine Geschichte über Verlust, über die unerträglichen Bereiche des menschlichen Verhaltens, über die Spannung zwischen Liebe und Hass, Pflicht und Rache. Sie schreibt erschütternde Szenen, berührende Beobachtungen der Schwäche gepaart mit ironischen Momenten des Humors. Besonders gelungen finde ich die Gegenüberstellung des intellektuellen Ansatzes des Staatsanwaltes Jeremy Rapke, gegen die emotionale Darstellung des Verteidigers Peter Morrissey. „Während die Anklage für das Schlussplädoyer eine trockene und verstandesmäßige Herangehensweise gewählt hatte, versuchte die Verteidigung direkt aufs Herz zu zielen.“ (Seite 219) Helen Garner schreibt einfühlsam und zugleich schonungslos, schnörkellos und doch facettenreich. Ein Buch voller Kraft und Leidenschaft. Wenn Ihnen beispielsweise Truman Capotes „Kaltblütig“ gefallen hat, dann haben Sie hier eine australische Version. Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie diesen Fall nicht mehr vergessen.   Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Berlin Verlages https://www.piper.de/buecher/drei-soehne-isbn-978-3-8270-1269-2 Verlages Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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  • Mörderische Tat oder Unfall, das ist hier die Frage.

    Drei Söhne
    Clari

    Clari

    31. August 2016 um 14:57

    Helen Garner hat drei Jahre lang einen Mordprozess gegen einen Vater dreier kleiner Söhne begleitet. Robert Farquharson soll aus Rache an seiner Frau, die ihn verlassen hat, eines Tages die kleinen Söhne im Alter von zehn, sieben und zwei Jahren mit seinem Auto in einen Baggersee gefahren habe. So lautet die Anklage. Er selbst konnte sich retten, seine Söhne aber sind im untergangenen Wagen ertrunken. War es ein Unfall, wie er sagt, oder steckte eine mörderische Absicht hinter der Tat?Die Kleinstadt Geelong in Victoria/ Australien ist Ort des Geschehens.Spannend und detailreich ist die Reportage über einen Mordprozess, der Jahre lang die australische Öffentlichkeit bewegte.In aller Ausführlichkeit werden die Lebenswege der betroffenen Personen geschildert.Roberts Frau Cindy Gambino kennt ihren Mann nur als liebenden Vater. Doch ihre Ehe endete, als sich Robert als Versager entpuppte, dem vieles immer wieder mißlang. Berufsweg und Hausbau endeten jeweils im Desaster. Robert ist beständig kränklich und leidet vor allem an einem quälenden Husten, der fast zu Erstickungsanfällen führt. So hat er in der Tatnacht auch von einem Hustenanfall mit Ohnmacht berichtet, der den Wagen willenlos in den Baggersee abdriften ließ.In einem langen Indizienprozess wird versucht, Licht in das Dunkel um diesen Unfall oder Mord zu bringen.Zahlreiche Zeugen treten auf. Alle Personen werden in ihrem Bezug zu Robert präsentiert.Der schwächliche Charakter von Robert beherrscht die Scene. Freunde wenden sich von ihm ab, und Anklage und Verteidigung haben einen schweren Stand, Licht in das Dunkel um die Tatnacht zu bringen.Die Beobachterin Helen Garner spricht in der Ichform. Sie ist in Begleitung der jugendlichen Tochter einer Freundin, mit der sie ihre Eindrücke teilt.Minutiös beobachtet sie Verhalten, Mimik und Gebaren der auftretenden Figuren und deren Umfeld.Das Panorama der Einblicke in die Charaktere der agierenden Mitwirkenden, Richter, Anwälte, Ankläger, Freunde, Verwandte und Zeugen lässt tief blicken.Das Buch beinhaltet die lange Beweisaufnahme und das Verfahren in einem außergewöhnlichen Mordprozess. Der interessierte Leser kann sich ein Bild machen, wie es bei Gerichtsverfahren zugeht. Dass der Autorin dabei eine außerordentliche Milieuschilderung gepaart mit psychologischem Feingefühl und Weitblick gelungen ist, muss man ihr zugestehen. Für den Leser ist die Vielzahl der Zeugen, Polizeikommissare, Verwandten und Freunde eher ein wenig ermüdend.Das Buch ist für jene Leser von höchstem Interesse, die sich für Prozessverfahren und für die Umstände von Ermittlungen, Beweisaufnahmen, Gutachteraussagen, Verhaltensweisen der Geschworenen und für die relevanten Aussagen zur Urteilsfindung interessieren.Im Gesamtbild des Prozessverlaufs sind H. Garners Beobachtungen durchaus von literarischer Qualität.Helen Garner lebt in Australien und ist als Sachbuchautorin und für ihre Kurzgeschichten vielfach ausgezeichnet.

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  • Filicide am Vatertag?

    Drei Söhne
    jamal_tuschick

    jamal_tuschick

    28. August 2016 um 10:37

            Am Vatertag 2005 versinkt im Bundesstaat Victoria ein vom Princes Highway abgekommener Commodore, Baujahr 1989, in einer vollgelaufenen Baugrube. Während sich der Fahrer Robert Donald William Farquharson, Jahrgang 1969, retten kann, ertrinken seine drei Söhne Jai, Tyler und Bailey. Unfall oder Mord? Auch ein erweiterter Selbstmord könnte misslungen sein. “Why did Bob Farquharson take an evil turn on that country road?”, fragte ein Journalist im Johnny Cash-Stil. Die Klärung dieser Fragen vor dem höchsten Gericht Victorias dokumentiert Prozessbeobachterin Helen Gardner, nach einer Klappentextbehauptung, in der Manier von Capotes “Kaltblütig”. Gardner zeichnet das Bild eines mit Sertralin vertrauten Teilzeitverstimmten guten Willens, der über seine Verhältnisse geheiratet und dann die Strapazen einer übertourigen Existenz wohl nur durchgestanden hatte. Ihn sprengte der Rahmen eines tendenziell unterdurchschnittlichen Lebenszuschnitts. Schließlich wurde er seiner Frau Cindy zu fad, sie tauschte ihn gegen einen virilen Superchristen aus und retournierte Farquharson zum verwitweten Vater ein paar Häuser die Straße rauf oder runter, je nach Ansicht der Lage. Gardner schildert das so sardonisch oder die Übersetzung von Lina Falkner pointiert das Durchhängende des kleinen Mannes mit dem großen Namen eines schottischen Clans. Farquharson, inzwischen erhielt ihn die Raumpflege, könnte das als Demütigung erlebt und auf Rache gesonnen haben, zumal er den überlegenen Rivalen in seinem Haus leben und in einem Auto fahren sah, dass zum Fundus gemeinsamer Anschaffungen gehörte. Schauplatz der sich anbahnenden Katastrophe ist Winchelsea. Die australische Kleinstadt heißt so nach einer noch kleineren Stadt in der englischen Grafschaft East Sussex. In Winchelsea kennt man Farquharson als antriebsschwach und kinderlieb. Es gibt genug Leute, die ihm glauben, dass er ohnmächtig war, als das Fahrzeug die reguläre Bahn verließ. Er findet Rückhalt vor Gericht nicht nur bei seiner Familie, sondern auch bei Angehörigen seiner Ex-Gattin, die sofort nach der Trennung, wie um einem Omen zu entfliehen, zu ihrem Mädchennamen Gambino zurückkehrte. Zweifellos hatte sie Farquharson gedrängt, einem nicht vorhandenen Ehrgeiz Rechnung zu tragen, etwa mit einer Konzessionsverkaufsunternehmung, die das Paar auf einen Schuldenberg führte. Unten angekommen hatte man geheiratet und einer Familie Raum gegeben. Beim Bau eines größeren Hauses war der Betonarbeiter Stephen Moules reizvoll in Erscheinung getreten: “Betongießen ist dramatisch. Es erfordert Geschick, Schnelligkeit, Kraft und das souveräne Bedienen der Maschinen; und es ist durch und durch ... maskulin, dass jede Frau und jeder kleine Jungen hingerissen sind vor aufgeregter Bewunderung.”  Na gut, das kann man nur so stehen lassen als Beweis dafür, dass Garner keine Capote ist. Dem analytischen Dünnpfiff zum Trotz lesen sich der Prozessbericht und die Wasserstandsmeldungen aus der Umgebung der Katastrophe flott herunter. Die Trennung des Ehepaars Farquharson vollzog sich harmonisch, der Ausgemusterte durfte seine Kinder so oft sehen wie er wollte und auch ein altes Auto durfte er behalten. Fortan hörten die einen seine Ranküne rumoren. Andere hörten etwas anderes. Am Ort des Grauens verhielt er sich dann untypisch für einen Vater, der den denkbar schwerwiegensten Unfall verursacht hat, doch typisch für einen Untüchtigen. Es gelang ihm, das Naheliegende zu unterbinden und etwas Abwegiges zu forcieren. Sollte in der Reihenfolge mehr Kalkül als Verwirrung gesteckt haben?     

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