Als Autistin tut Stella sich nicht nur schwer mit Körperkontakt, sondern lässt sich auch ungern überraschen oder weicht von ihren Routinen ab. Alles Dinge, die das Erleben körperlicher Liebe schwierig machen oder ihm sogar im Weg stehen. Aber Stella ist eine Macherin und getriggert durch den hartnäckig von ihrer Mutter geäußerten Wunsch nach Enkelkindern beschließt sie, das Sprichwort „Übung macht den Meister“ wörtlich zu nehmen. Sie engagiert den Escort Michael für Unterrichtsstunden, um all die Dinge zu erlernen, die einem zukünftigen Partner gefallen könnten. Dass die Körperlichkeit dabei auch bei ihr Gefallen auslösen sollte, kommt ihr gar nicht in den Sinn. Doch Michael nimmt ihren Auftrag zwar an, interpretiert seine Aufgabe aber anders, als sie sich das zunächst vorgestellt hatte… Ihr Arrangement bringt sie einander näher als gedacht und entwickelt sich nach und nach zu viel mehr als beide sich eingestehen wollen.
Von der ersten Seite an zog mich der einfühlsame Schreibstil der Autorin in die Geschichte hinein. Sie schafft es, die Figuren in der ganzen Vielfalt ihres jeweiligen Wesens greifbar zu machen und holte mich über 400 Seiten hinweg durchgehend emotional ab. Das Buch beginnt recht direkt, ohne viel Vorgeplänkel, und wird auch ziemlich schnell „spicy“ (soweit Stella das in den Anfangszügen ihres Unterrichts eben zulassen kann). Die Idee, sich einen Escort als Übungslehrer für’s Küssen, Sex und Co zu nehmen, erscheint einerseits lustig-skurril, andererseits werden Stella’s Gedankengänge dem Leser so zugänglich gemacht, dass die Sache einem gleichzeitig auch irgendwie vollkommen logisch vorkommt. Ich konnte mich bis zum Ende sehr gut in Stella und auch in Michael einfühlen und habe beide Charaktere sehr geliebt.
Besonders gut gefallen hat mir außerdem, wie die beiden miteinander umgehen: unheimlich respektvoll und wertschätzend, die Grenzen des jeweils anderen respektierend, aufmerksam für die Bedürfnisse des Gegenübers und letztlich einfach liebevoll. Und zwar nicht nur Michael, der aufgrund von Stella’s Autismus besondere Sorgfalt walten lässt, sondern beidseitig! Natürlich gibt es auch Missverständnisse, kleinere Streits, und Ähnliches. Aber niemand wird ausfallend, nichts geht unter die Gürtellinie, es gibt ein Macht-Missverhältnis und auch nichts Toxisches. Diese Tatsache hat die Geschichte für mich zu einem absoluten Wohlfühlbuch gemacht und ich finde, so und nicht anders sollte jedes Paar miteinander umgehen. Wünsche mir mehr Geschichten mit diesem Vibe!
Das Thema Autismus wird meiner Meinung nach (bin kein Experte!) wunderbar in die Geschichte eingeflochten und ist natürlich die Basis aller Handlung. Aber ich mochte, dass es nie als „Problem“ der Protagonistin in den Mittelpunkt gestellt wurde, sondern einfach den Rahmen des Ganzen festlegte. Positiv finde ich auch, dass Michael ebenfalls seinen ganz eigenen Background und seine Sorgen hat. Hierdurch entspinnt sich eine verwobene Beziehung, die beiderseits spannend zu verfolgen ist.
Zu guter Letzt: Aufhänger und Inhalt der Geschichte sind natürlich etwas ganz Besonderes! Etwas in diese Richtung habe ich noch nie gelesen und werde es vermutlich auch nicht mehr (außer Helen Hoang’s Folgebände… 😉) und das macht das Buch für mich originell und einzigartig. Es wird mir wohl noch lange im Gedächtnis bleiben und wenn das ein Buch schafft: Was will man mehr.
Insgesamt eine absolute Leseempfehlung für alle Green Flag-Liebhaber, die Lust auf einen mal ganz anderen Inhalt haben als man sonst so liest, aber weder auf viel Gefühl noch auf eine ordentliche Portion Spice verzichten wollen.



























