Helena Adler

 3.7 Sterne bei 15 Bewertungen

Lebenslauf von Helena Adler

Geboren 1983 in Oberndorf bei Salzburg in einem Opel Kadett. Studium der Malerei am Mozarteum sowie Psychologie und Philosophie an der Universität Salzburg. Diverse Ausstellungen und Kunstaktionen, Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Lebt als Autorin und Künstlerin in der Nähe von Salzburg.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Helena Adler

Cover des Buches Die Infantin trägt den Scheitel links (ISBN: 9783990271773)

Die Infantin trägt den Scheitel links

 (15)
Erschienen am 28.02.2020

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Rezension zu "Die Infantin trägt den Scheitel links" von Helena Adler

Zartbesaitet wie krachlederner Scheunenpunk
MikkaGvor 9 Tagen

Die selbsternannte Infantin teilt gnaden- und respektlos aus – keine Heidi von der Alm, eher die zornige Schwester von Pippi Langstrumpf. Sie kotzt der Leserin Wut und Liebe und Verachtung und Freude und Angst gleichermaßen ungehemmt vor die Füße. Das liest sich wie ein knallbunter Drogenrausch, der zwischendurch jäh zum Horrortrip wird: da tun sich in der Landidylle Abgründe auf. Wenn die Infantin mal Luft holt und nicht mit den bestiefelten Füßen stampft, hört man die leise Verzweiflung hinter all dem Bravado.⠀

Es geht hier gar nicht so sehr um Handlung, um eine Abfolge von konkreten Geschehnissen, sondern um Lebensgefühl und Emotion. Von einem klassischen Spannungsbogen kann man kaum sprechen: es passiert zwar viel, meist aberwitzig und mit Paukenschlag, aber meines Erachtens geht es mehr darum, was das in den Charakteren auslöst.⠀

Allerdings lesen sich die meisten davon wie übersteigerte Prototypen, verdrehte Klischees – Subtilität ist in meinen Augen nicht beabsichtigt. Vielleicht ist es sogar eher ein Rohrschachtest auf Speed: was sehe ich als Leserin in diesen Charakteren, was sagt das über mich aus?⠀

Sprachlich ist das mal was ganz anderes.⠀

Die Sprache wirkt nie naiv oder verkitscht, selbst wenn Helena Adler aus Sicht der kindlichen Infantin schreibt. (Anfangs ist sie erst sechs Jahre alt.) Ich hatte den Eindruck, dass hier nicht wirklich das Kind spricht – die erwachsene Erzählerin übersetzt sich die Gefühlswelt ihrer Kindheit in Worte und erobert sie sich damit von Neuem. Dadurch bleibt jedoch auch immer eine Distanz zwischen der Erwachsenen und dem Kind, und damit auch zwischen der Leserin und dem Kind.⠀

“Ich bemerke nicht, wie die Kerze umfällt. Das Stroh zu lodern beginnt. Die Holzwände zu knistern. Ich suhle mich im Dreck meiner selbst diagnostizierten Sozialverwaisung, während neben mir der Stall abbrennt und mein Kinderreich rodet.”⠀

(Zitat)⠀

“Das ist Sprachwucht!” steht in meinen Notizen, “Das ist Fabuliervergnügen!” Auch Adjektive wie “ausdrucksstark” und “evokativ” tummeln sich darin – allerdings oft mit einem darauffolgenden “aber”.⠀

Zum Beispiel:⠀

Als Anti-Heimatroman ist “Die Infantin trägt den Scheitel links” originell und kraftvoll geschrieben, aber oft auch sehr überladen.⠀

Helena Adler treibt die Klischees der Heimatliteratur auf die Spitze. Sie verkehrt sie ins Gegenteil, reizt das in plastischen Bildern und ungeschönten Worten aus, bis vom Idyll wirklich nichts mehr übrig ist.⠀

»Tanz, Bär!«, schreit sie und schärft ihre Krallen an den eigenen Zähnen. Die Krallen der Mutter sind messerscharf. Gelb und schrecklich sind ihre hakenförmigen Klauen, am liebsten jagt sie kleine Angsthasen und Faultiere wie mich. Ihr spitzer Schnabel ist ein Hackebeil, damit kann sie Gelenke brechen und Knochen zerschmettern.”⠀

(Zitat)⠀

Ihre Protagonistin, die als Kind schon ungewohnt heftig die Grenzen austestet, rechnet als Jugendliche mehr und mehr ab mit der ländlichen Sippenhaft, mit den festgefahrenen Wegen und den sexistischen Verhaltensmustern. Sie wünscht sich Selbstbestimmung und Weite – bricht mit Generationen von sturem “Das war schon immer so und wird auch immer so sein!”⠀

Das ist heftig, derb, schräg, vulgär – in jeder Tonart intensiv und schwarzhumorig. Oft liest sich das wirklich witzig, wird meines Erachtens aber auch immer wieder gnadenlos überreizt. Zu viel, zu laut, zu schrill, geradezu grotesk und in diesen Passagen eine Spur zu weit weg vom Glaubhaften. Irgendwann klingeln einem einfach die Synapsen.⠀

Bei allem Humor vertrieb mich das Buch jedoch auch aus der Komfortzone. Und das ist gut so, denn es regt zum Nachdenken an und zerschlägt das gefrorene Meer im Leser wie Kafkas Axt.⠀

Die Rebellion der Landkinder hat selbstzerstörerische Aspekte: Alkohol, Drogen, und wahlloser, ungeschützter Sex – mit Folgen. Die 12-jährige Anna zerschrammt sich beim Sex die Knie, um ihr Ansehen zu steigern, und man fragt sich: wo sind die Erwachsenen?⠀

Nur um sich dann unbehaglich in Erinnerung zu rufen, wie ungeeignet die im Roman beschriebenen Erwachsenen sind, als guter Einfluss zu dienen. Auch hier kippt die Stimmung schnell; unterschwellig schwären ohnmächtiger Zorn und Selbsthass.⠀

Noch ein Hinweis: Jedes Kapitel wird vom Titel eines Gemäldes eingeleitet – es lohnt sich, diejenigen nachzuschlagen, die man nicht präsent hat, denn sie geben dem Geschehen eine zusätzliche Ebene der Bedeutung⠀

Fazit⠀

Die Infantin, wie sie sich selber nennt, wächst auf dem Bauernhof der Eltern auf, von verklärt-romantischer Heimatidylle ist jedoch weit und breit nichts zu sehen, ganz im Gegenteil. Das ist böse, das ist frech, das ist laut – und ohne jeden Zweifel hochoriginell.⠀

Ich musste das Buch nach dem Lesern erst eine Weile sacken lassen. Ich hatte das Gefühl, dass mir etwas Wichtiges entging, dass ich noch nicht wirklich verstanden hatte, WARUM die Geschichte so erzählt wird und WAS sie mir sagen soll.⠀

Letztendlich bin ich zum Schluss gekommen, dass mir die Sprachgewalt genauso imponiert wie die Chuzpe der Protagonistin, mir persönlich das Ganze jedoch inhaltlich und stilistisch oft zu viel wird. Ich bereue nicht, das Buch gelesen zu haben, vollends begeistern konnte es mich aber nicht.⠀


Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:

https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-helena-adler-die-infantin-traegt-den-scheitel-links/

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Rezension zu "Die Infantin trägt den Scheitel links" von Helena Adler

Sprachgewaltiges Familienporträt
evaczykvor 10 Tagen

Fulminant, ausdrucksstark, bildgewaltig - Helena Adler hat mit "Die Infantin trägt den Scheitel links" ein krachendes Familienporträt einer österreichischen Bauernfamilie geschrieben. Es ist ein Buch wie ein Gemälde, mit nicht immer schmeichelhaften Beschreibungen der Familie aus der Sicht der jüngsten Tochter der Familie, die sich einerseits am Ende der familiären Hackordnung fühlt, andererseits mit ihrer scharfen und bissigen Beobachtungsgabe das Leben auf dem Hof kommentiert.

Die Wortwucht schlägt schon gleich auf den ersten Seiten durch, wenn die vierjährige Erzählerin eine gemeinsame Mahlzeit der Großfamilie beschreibt. Mehrere Generationen leben unter dem Dach, und vor allem die Urgroßeltern werden eindrücklich porträtiert: "Die langen Finger der Urgroßmutter stehen ab wie spitze Holzschiefer vom Tisch ab, um den wir alle sitzen. Die Arbeiterhände des Urgroßvaters sind übersät von Altersflecken und hervortretenden Adern. Sie ragen aus den Ärmeln seiner braunen Wollweste heraus wie die Köpfe von Schildkröten aus ihrem Panzer. Nackt und zerfurcht. Die Hände der beiden berühren einander nicht. Sie greifen nicht nach oben, denn es sind Hände aus dem Bauernstand, Sie Magd, er Knecht, die Genetik einer Gesindeschicht,"

Das ist großes Kopfkino von Anfang an, und die Brüche innerhalb der Familie sorgen für die kleinen Dramen im Alltag - ganz zu schweigen von dem großen, als die Erzählerin den Bauernhof im zarten Alter von vier Jahren abfackelt. Kann ja mal passieren. Es war auch eine Art Racheaktion, wurden doch die Welpen der Wolfshunde getötet, wie es eben mit unerwünschten Tiernachwuchs auf dem Hof häufig geschah. Überhaupt fühlt sich das Mädchen ihren "Wölfen" häufig näher als den eigenen Angehörigen: Die Mutter steigert sich in ihre Religiosität hinein, der Vater trinkt, die älteren Zwillingsschwestern mögen als Eisläuferinnen beeindrucken, nicht aber durch schwesterliche Fürsorge: Sie drohen der Kleinen, sie einzuschläfern. Wer solche Schwestern hat, braucht keine Feinde. Mit ihren Gewaltphantasien ist aber auch die Erzählerin ganz sicher kein armes Hascherl, sondern in der Familie als "kleine Satansbrut" bekannt.

Die "Infantin" erlebt eine Kindheit, die unendlich weit entfernt ist von Helikopter-Eltern, Mama-Taxi und dem gefüllten Terminkalender voll mit künstlerischer Frühförderung, Ballettraining und Musikunterricht wohlsituierter Stadtsprösslinge. Zwar kann das begabte Mädchen das Gymnasium besuchen und damit Aufstiegsträume der Familie umsetzen, doch dort spürt sie den Unterschied ihres Lebens und dem der Stadtkinder nur noch stärker. Die Bauernkinder erziehen sich im wesentlich selbst, durchaus ruppig mit Rudelbildung, in dem die gemeinsame Verwahrlosung voranschreitet und gleichzeitig Freiheit zelebriert wird.

Auch die Autorin wuchs auf dem Land auf, da fragt man sich natürlich, wie weit das Buch ein (Zerr-)Spiegel der eigenen Familie ist. Aus den Schilderungen des Familienlebens sprechen Liebe und Hass zugleich. Helena Adler lässt den Leser die Infantin durch die Pubertät und ins Erwachsenenalter begleiten, zu dem Punkt, wo sie eine grundlegende Entscheidung über ihre Zukunft treffen muss. Manches in dieser Dorfkindheit wirkt grotesk überzeichnet, manches liebevoll verspottet. Langweilig ist dieses Buch ganz sicher nicht.

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Rezension zu "Die Infantin trägt den Scheitel links" von Helena Adler

Bildgewaltig
SteffiMiegelvor 10 Tagen

Nominiert für den deutschen Buchpreis 2020.


In 'Die Infantin trägt den Scheitel links' von Helena Adler geht es um ein junges Mädchen die ihre Welt und deren Entwicklung auf einzigartige Weise beschreibt.


Der Scheibstil in diesem Buch ist sehr bildgewaltig. Von Metaphern  über Redewendungen zu popkulturellen Anspielungen ist alles dabei und verschafft uns teils skurille Einblicke in die Art wie unsere Protagonistin ihre Welt sieht und erlebt.

Das ist eine beeindruckende Weise eine Geschichte zu erzählen, aber auch riskant, denn ohne die Kenntnisse über gewisse Hintergründe kann man manchmal schnell den roten Faden verlieren. 

Größtenteils waren mir aber die Anspielungen bekannt sodass ich nur vereinzelt Probleme hatte.


Zur Geschichte an sich möchte ich nichts sagen, da hier wahrscheinlich jede Auskunft ein Spoiler oder nichtssagend wäre.


Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Die Erzählung war interessant, aufwühlend aber auch amüsant. Die Protagonistin war mir sehr sympathisch und ich konnte gut mit ihr mitfühlen. Aber vor allem hat mich die fantasievolle Erzählweise überzeugt.


Ein wirklich tolles Buch zu dem ich grundlegend allen raten kann. Da der Schreibstil aber sehr speziell ist und somit wohl nicht für jeden was, würde ich vorher die Leseprobe empfehlen. 

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