Bungalow

von Helene Hegemann 
3,5 Sterne bei10 Bewertungen
Bungalow
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Wirklich mitreißend, nach einem etwas schwierigen Einstieg

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Nicht mein Geschmack

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Inhaltsangabe zu "Bungalow"

Während ihre Mutter das letzte Einkaufsgeld versäuft, beobachtet Charlie vom Balkon ihrer Betonmietskaserne die benachbarten Bungalows und deren Bewohner: Sie lernt, dass es mehrere soziale Klassen gibt und sie selbst zur untersten gehört. Dann, kurz nach ihrem zwölften Geburtstag, zieht ein neues Ehepaar ins Viertel. Die beiden sind Schauspieler, unberechenbar, chaotisch, luxuriös, schlauer als alle anderen – und für Charlie das, was der Rest der Welt als ihre „erste große Liebe“ bezeichnen würde: Spielkameraden und Lover, größter Einfluss und größte Gefährdung. Klar und radikal erzählt Helene Hegemann vom Überleben in einer zunehmend apokalyptischen Welt und der vitalen Kraft des freien Willens.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783446253179
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:288 Seiten
Verlag:Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Erscheinungsdatum:20.08.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    Lilith79s avatar
    Lilith79vor einem Monat
    Kurzmeinung: Wirklich mitreißend, nach einem etwas schwierigen Einstieg
    Wirklich mitreißend, nach einem etwas schwierigen Einstieg

    Nachdem ich letztes Jahr ein Buch von der Nominierungsliste des Deutschen Buchpreises gelesen habe, habe ich mir gedacht, dass das eine nette Lese-Tradition werden könnte und habe mir auch dieses Jahr wieder ein Buch davon rausgesucht. Die Wahl fiel dabei auf "Bungalow" von Helene Hegemann, erstens weil ich das Cover mochte (ich bin überzeugte Buch-nach-Cover-Auswählerin) und zweitens weil alle anderen Büchern mir irgendwie zu abgedreht klangen und entweder in der Zukunft spielten oder in irgendeiner Fantasy-artigen Welt, worauf ich zu dem Zeitpunkt keine Lust hatte. Nun spielt zwar auch "Bungalow" nicht wirklich in der gleichen Version Deutschlands in der wir aktuell leben, aber in einer, die auf beunruhigende Art und Weise gar nicht so anders ist, man muss sich alles das tatsächlich passiert nur ein bisschen entgleister vorstellen und schon kann man sich gut vorstellen in der gleichen Version von Deutschland zu leben wie Charlie, die Hauptperson des Buches. Sozusagen in einer apokalyptische Version der heutigen Welt, ständig liegen irgendwo tote Tiere rum, die Ozonbelastung verursacht Hausarrest, Terror und Selbstmorde häufen sich und ein Krieg bricht demnächst aus. In diesem Deutschland wohnt Charlie, in einer Stadt, die nicht explizit als Berlin erwähnt wird, aber trotzdem danach klingt. 

    Charlie ist 12 Jahre alt und lebt mit ihrer alkoholkranken Mutter in einer Plattenbauwohnung. Sie ist meist mit Überleben und Überlebensstrategien beschäftigt und versucht gleichzeitig vor ihren Schulkameraden und -freunden zu verbergen wie zerrüttet ihre Familienverhältnisse sind.

    Neben der Hochhaus-Siedlung in der Charlie lebt, befindet sich eine ganz andere Welt, adrette Bungalows in denen eher gut situierte Menschen wohnen. Charlies Welt wird auf den Kopf gestellt als ein aus ihrer Sicht faszinierendes Ehepaar dort einzieht, Maria (egozentrische Schauspielerin) und Georg (ihr Mann in Form eines Anhängsels). Charlie ist fasziniert von den beiden und projiziert alle ihre Wünsche und Hoffnungen auf die beiden, sie beobachtet und versucht Begegnungen herbeizuführen, während ihr Alltag mit ihrer Mutter immer mehr den Bach runter geht.

    Ich muss zugeben, dass ich etwas Startschwierigkeiten mit dem Buch hatte, da die ersten Kapitel wirklich etwas schwer zugänglich sind und in etwas anstrengenden und prätentiösen Schachtelsätzen geschrieben sind, so dass man den Eindruck gewinnt, es handelt sich um ein Buch, das versucht pseudo-intellektuell rüber zu kommen...das ging in den ersten paar Kapiteln so, als Maria und Georg vorgestellt werden. Sobald die Geschichte aus Sicht von Charlie erzählt wird, wird die Sprache bildgewaltig, direkt und emotional und ab da hat mich das Buch richtig gepackt und mitgerissen. Da Maria und Georg prätentiös und pseudo intellektuell sind (und für Charlie wohl kaum die Lösung sein werden, die sie sich erträumt), vermute ich da im Nachhinein ein absichtliches Stilmittel, das aber die Gefahr birgt, das viele Leser am Anfang abbrechen.

    Das Buch ist natürlich düster, deprimierend und keine leichte Lektüre, aber ich fand es in weiten Teilen auch wirklich bewegend, gerade die Freundschaft zwischen Charlie und ihrem Schulkameraden Iskender fand ich wirklich sehr authentisch und auch Charlies noch sehr kindliche Gefühlswelt obwohl ihr Denken sich schon in Weiten Teilen um Sex dreht ist toll getroffen. Insgesamt hat mich das Buch deswegen doch sehr überzeugt, obwohl sich sicher Schwächen finden lassen, wenn man danach sucht. Für mich war es aber definitiv ein Buch, das zum Nachdenken anregt und mir deshalb wirklich sehr gut gefallen hat. 

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    Frau-Aragorns avatar
    Frau-Aragornvor einem Monat
    Kurzmeinung: Nicht mein Geschmack
    Wortgewaltig, aber nicht mein Geschmack

    Alles in allem konnte ich mich mit dem Stil von Helene Hegemann nicht wirklich anfreunden. 


    Die ausführliche Rezension findet ihr bei uns auf www.buchszene.de 

    https://buchszene.de/bungalow-helene-hegemann-rezension/

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    MikkaGs avatar
    MikkaGvor einem Monat
    Kurzmeinung: Vieles von dem, was Charlie in ihrem Überlebenskampf erlebt, liest sich wie Doku-Soap am sozialen Brennpunkt.
    Zwischen extremer Verwahrlosung und Apokalypse

    Nach den ersten Kapiteln habe ich dieses Buch gehasst.

    Klingt nach einer Übertreibung, doch tatsächlich verspürte ich ein Gefühl fast schon körperlichen Widerwillens. Ich wollte die Geschichte nicht weiterlesen, ich fand sie unsäglich überzogen und bemüht schockierend – einerseits eine Bestätigung für das oft vertretene Vorurteil, Buchpreise würden nur pseudointellektuelles Blahblah honorieren, andererseits wie übelstes Trash-Fernsehen in Buchform.

    Kurz davor, das Buch abzubrechen, erinnerte ich mich plötzlich an eine Rezension von Frank O. Rudkoffsky, die mit ähnlichen Vorbehalten beginnt:

    Zitat Frank O. Rudkoffsky:
    “Nach dem Klappentext erwartete ich eine prekäre Coming of Age-Geschichte vor dem Hintergrund einer drohenden Apokalypse, nach den ersten paar Dutzend Seiten jedoch eher einen bemüht krassen Roman, der zwar bedeutungsschwanger daherkam, am Ende aber wenig Substanz hatte. Kurzum: Ich erwartete meinen ersten Verriss als Buchpreisblogger. (…) Die Erzählhaltung wird erst schlüssiger, als sich die Perspektive auf Charlies eigenes Leben verengt – und der Roman zu meiner Überraschung plötzlich richtig gut wird.”

    Ach ja, richtig. Da war ja was.

    Da hatte ich sogar einen Kommentar hinterlassen: “Ich werde diese Rezension im Hinterkopf behalten, falls ich im ersten Teil verzweifeln sollte.”

    Mit neuer Hoffnung las ich weiter.

    Ich kann den Finger nicht auf die exakte Stelle im Buch legen, an der es geschah, aber auf einmal verschob sich etwas in meiner Wahrnehmung, wie bei einem Stereogramm. Was mir eben noch flach und aufgesetzt erschien, kam mir auf einmal so gnadenlos authentisch vor, dass ich richtig erschrak.

    Das Buch spart nicht mit Sex, Schleim, Blut und Kotze, und mit einem Mal wirkte das wie mitten aus dem Leben gegriffen.
    Allerdings ist es kein schönes Leben: Charlie, die jugendliche Protagonistin, durchlebt eine elende Kindheit, die geprägt ist von Alkohol, Drogen und Gewalt, Hunger.

    Dazu kommt, dass ihre Realität beinahe die unsere ist, aber mit einem deutlich apokalyptischen Element: überall liegen die Kadaver toter Tiere, ein nicht näher erklärter Krieg dräut am Horizont, die Ozonwerte erreichen tödliche Ausmaße, so dass die Menschen nur nachts ihre Häuser verlassen können. Da verwundert wenig, dass sich die Verzweifelten zu Hunderten umbringen.

    Die Autorin erklärt jedoch nicht, wie es so weit kommen konnte.

    Vieles von dem, was Charlie in ihrem Überlebenskampf erlebt, liest sich so realistisch, dass es hier und heute geschehen könnte, Stoff für eine Doko-Soap am sozialen Brennpunkt. Die Apokalypse hingegen bleibt unspezifisch und verzichtet weitgehend auf die Gesellschaftskritik, die normalerweise mit Dystopien einher geht.

    Gibt es die Apokalypse überhaupt, oder ist sie nur Sinnbild für den ständig drohenden Untergang von Charlies persönlicher kleiner Welt?

    Dass sie nur grob umrissen wird, lässt beide Deutungen zu.

    Charlie ist ein komplexer Charakter voller Brüche und scheinbarer Widersprüche: kratzbürstig und verletzlich, unschuldig und sexuell frühreif, grausam und mitfühlend. Mit jedem Kapitel gewinnt sie mehr an Tiefe – sofern sich der Leser auf sie einlässt.

    Möglicherweise ist nicht alles, was sie erzählt, die Wahrheit. Möglicherweise glaubt sie dennoch selber daran.

    Und im Grunde spielt es auch keine Rolle, denn sie hat eine starke Präsenz, der man sich als Leser nach der anfänglichen Durststrecke nur schwer entziehen kann.

    Manchmal wird ihre Geschichte allerdings doch wieder zu schrill, zu bleischwer deprimierend, zu ekelhaft, da geht das Authentische verloren, und welchem Zweck dient das? Ich hatte oft das Gefühl, das hier mehr gewollt als tatsächlich erreicht wird, auch wenn die Sprache immer wieder eine grandiose emotionale Wucht erreicht.

    Die anderen Charaktere erschienen mir wie reine Projektionsflächen für Charlies Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse.

    Georg und Maria sind jung, glamourös und wohlhabend, sie feiern laute Parties und leben in einem schicken Bungalow, der Welten entfernt ist von Charlies verranzter Sozialwohnung. Nach intensivem Stalking gelingt es dem Mädchen, sich in ihr Leben zu zwängen – aber das könnte auch nur ein Wunschtraum sein.

    Ein interessanter Schachzug ist, dass Charlie ihre Geschichte im Rückblick erzählt.

    In einer ungewissen Zukunft hat sie sich ein Leben und eine Familie aufgebaut, worauf die Geschichte aber nicht näher eingeht.

    Sie bedient sich der zornigen, rotzigen Sprache ihres kindlichen Ichs, man spürt man aber dennoch, dass sie sich aus der Perspektive einer Erwachsenen heraus erinnert. Charlie wird also nicht an einer Überdosis oder im Krieg sterben, und dieses Wissen erlaubt es dem Leser, mit der Geschichte abzuschließen, obwohl tatsächlich alles offen bleibt.

    FAZIT

    Helene Hegemann erzählt von einer Kindheit irgendwo zwischen extremer Verwahrlosung und Apokalypse. Das erschien mir zunächst zu laut, zu schrill, zu oberflächlich, zu gewollt schockierend… Nach 47 Seiten kriegt die Geschichte doch noch halbwegs die Kurve, aber an diesem Punkt haben viele Leser wahrscheinlich schon aufgegeben.

    Nach der Kurve wird das Buch gut, aber es hat immer noch deutliche Schwächen – die jugendliche Protagonistin kann mit intensiver Präsenz allerdings vieles wieder rausreißen.

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    renees avatar
    reneevor 2 Monaten
    Dystopie, oder doch nicht ?

    "Bungalow", der neue Roman von Helene Hegemann, beschreibt eine Welt, die eigentlich unsere ist, aber von ihr schon weitergedacht wurde. Was ein interessanter Grundgedanke ist, oder ein angstmachender. Je nach Betrachtungsweise. Der Roman rüttelt an unserer Gesellschaft. Und konfrontiert uns mit möglichen Folgen. Handlungsort ist ein Neubauviertel, in dem der soziale Rand der Gesellschaft lebt, in dem Innenhof der Neubaublöcke liegen 16 Bungalows, bewohnt von reicheren Vertretern der Gesellschaft, angeordnet in der Form eines Hakenkreuzes. … Die Welt, die da beschrieben wird hat eine starke Klimaveränderung hinter sich und einen Krieg. Und man fragt sich wieso und vergleicht und bekommt Angst.

    Charlie, die Protagonistin, lebt in den Neubauten, mit ihrer psychisch kranken Mutter, die mit Alkohol versucht ihrer Welt/Krankheit zu entkommen. Mutter und Vater haben sich getrennt, Charlie bekommt ihren Vater nur sporadisch zu Gesicht, kann aber auch ein Hilfsangebot seinerseits nicht annehmen. Mutter und Tochter sind zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geworden. Geldnot und soziale Ausgrenzung plagen beide. Dazu kommt noch durch Paranoia hervorgerufene Gewalt. Sehr heftig das Ganze. Und sie blicken auf die besser Gestellten. Charlie wird langsam erwachsen, sie verändert sich, da bekommt ein Bungalow neue Mieter. Georg und Maria, die neuen Mieter, ziehen Charlie magisch an, eine gewisse Obsession entsteht.

    In der Wortwahl/Sprache zeichnet sich dieser Roman aus, einerseits schon etwas rotzig/jugendlich, andererseits sind wieder Sätze drin, die sich förmlich ins Hirn brennen, andererseits klingt es wieder als ob jemand erzählt, der deutlich älter/gebildeter ist. Ich empfand das für mich aber nicht als störend. Ganz im Gegenteil. Dann hat dieser Roman einen starken Sog/eine starke Faszination. Ich habe ihn schnell gelesen, konnte ihn schlecht wieder weglegen. Andererseits ist es nicht so eine Geschichte, die erzählt wird, es gibt kein eindeutiges Ende/keine Auflösung. Vieles bleibt verborgen, ist verwirrend. Anscheinend soll sich der Leser eigene Gedanken zu diesem Buch machen. Aber der Sprachklang ist definitiv etwas Herausragendes an diesem Roman. 

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    yellowdogvor 2 Monaten
    Hartes Buch, zu aufgesetzt

    Helene Hegemanns Bungalow ist ein relativ hartes Buch, das ein düsteres Weltbild zeigt.
    Die Erzählerin ist eine Schülerin, im Zeitraum der Handlung ca. 14 - 17 Jahre alt. Challie lebt mit ihrer alkoholkranken, gewalttätigen und unberechenbaren Mutter im sozialen Abseits.
    Manche Passagen sind ziemlich krass, umso irriterender, das einige Szenen dann wieder auch so banal und aufgesetzt wirken. Zu dem Mädchen findet man über die bloße Oberfläche hinaus wenig Zugang.
    Ihre Situation der Verwahrlosung kann einem als Leser nur leid tun. Die gewalttätigen Passagen sind tatsächlich prägend, viel Perspektive hat Charlie aber auch im alltägllichen nicht. Sie wehrt sich dagegen mit Sarkasmus, aber das bewahrt sie auch nicht vor Verzweiflung, wenn ihre Pschomutter mal wieder abstürzt.

    Charlie wohnt mit ihrer Mutter in einer Wohnung, auf der anderen Straßenseite gibt es Bungalows,
    da wohnen die Leute mit Geld. Die neuesten Nachbarn sind Marie und Georg, ein exzentrisches Paar, mit denen ich als Leser nicht viel anfangen kann. Sie wirken auf mich nicht real.

    Das nebenbei eine ökologische Katastrophe und Krieg die Welt bedroht nimmt man nur nebenbei wahr. Eigentlich läuft das nach meiner Lesart ins Leere, das war aber auch schon bei Juli Zehs noch neuen Roman "Leere Herzen" so, weil man das Thema Apokalypse nicht mal eben so bringen kann.

    Manche der gelungenen Passagen bleiben sicher länger im Gedächtnis.
    Dennoch, am Ende bleibe ich mit dem Buch überwiegend ratlos zurück.

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    miss_mesmerizeds avatar
    miss_mesmerizedvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Zwischen Faszination und Abstoßung - eine Geschichte direkt aus der Doku-Soap des Privatfernsehens.
    Helene Hegemann - Bungalow

    Charlie wächst im Grenzgebiet auf – an der Grenze zwischen den vom Sozialstaat Abhängigen in der Hochhaussiedlung und den Bungalows der Reichen. Eigentlich sollten die Welten, in denen die beiden Bewohnergruppen sich bewegen, weit voneinander entfernt liegen, hier grenzen sie aneinander und zwangsweise begegnet man sich. So beobachtet das 12-jährige Mädchen ein Paar, das gegenüber neu einzieht. Fasziniert spioniert sie immer mehr Details aus, bis sie sie eines Tages plötzlich im heimischen Fernseher erkennt, denn Maria und Georg sind Schauspieler. Ihr luxuriöses Leben mit Reisen und teuren Speisen könnte kaum weiter von Charlies Realität entfernt sein: die alleinerziehende Mutter, die manchmal betrunken, dann wieder wegen Tabletten weggetreten ist und bisweilen auch einfach beides kombiniert und im Wahn auch schon mal auf die Tochter eindrischt, die zwar erkennbar verwahrlost ist, der aber trotzdem keine Hilfe zukommt.

    „Bungalow“ hat was von Literatur gewordenem Trash-TV. Charlies Welt ist das, was man im Nachmittagsprogramm des Privatfernsehens in den unzähligen Doku-Soaps mit Laien-Schauspielern bewundern kann. Am untersten Ende der Gesellschaft angekommen flüchtet ihre Mutter dank Alkohol und Medikamenten aus der Wirklichkeit, um sich dieser nicht stellen zu müssen. Die Erziehung der Tochter findet derweil nicht statt und das Mädchen bleibt sich selbst überlassen. Alles, was sie weiß, erfährt sie entweder auf der Straße oder im Internet, wo sich das nichtvorhandene Wissen ergoogeln lässt und Pornoseiten die praktische Einführung in die Sexualität übernehmen.

    Charlie schämt sich für ihre Mutter und die Umstände, in denen sie aufwächst. Dies geht sogar so weit, dass sie sich eben „Charlie“ nennen lässt und nicht Charlotte, wie sie eigentlich nach der großartigen Schauspielerin Charlotte Rampling heißt, sie denkt, sie hätte einen solch großen Namen nicht verdient. Mit abgeklärter Emotionslosigkeit berichtet Charlie von den Selbstmorden in ihrer austauschbaren, namenlosen Stadt, ebenso von den Explosionen und Feuern, die Lebensgrundlagen zerstören. Ereignisse, die eifrig mit den Handys gefilmt werden und das einzig Aufregende in dem sonst trostlosen Leben sind.

    Mit ihrem ersten Roman „Axolotl Roadkill“ wurde Helene Hegemann schlagartig berühmt, weniger wegen der literarischen oder inhaltlichen Qualitäten, sondern mehr wegen der Tatsache, dass weite Teile des Textes nicht von ihr selbst stammten. Auch „Bungalow“ bietet nichts, was man nicht schon einmal irgendwo gesehen oder gelesen hätte. Die Thematisierung von Vernachlässigung ist per se noch kein Qualitätsmerkmal, nichtsdestotrotz steht der Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2018. Die Gesellschaftskritik ist erkennbar, aber Lösungen bleiben aus, auch wird kein größerer Zusammenhang als das unmittelbare familiäre Umfeld von Charlie thematisiert.

    Die Meinungen in den Feuilletons gehen auseinander, zwischen dem größten literarischen Nachwuchstalent Deutschlands und einem belanglosen Roman, der viel will und wenig liefert, findet sich eigentlich jede Meinung. Ohne Frage lässt der Roman sich gut lesen, die Erzählerin kann einem packen und man oszilliert zwischen Faszination und Abstoßung, wie bei einem Unfall, zu dem man hinschauen muss, obwohl man nicht will. Die Sprache ist klar und schnörkellos, was zum Text sehr gut passt. Aber mir fehlt ein wenig die durchschlagende Relevanz bzw. Brisanz und die sprachliche Poesie, um die Autorin mit diesem Roman schon in die Riege der ganz Großen aufzunehmen. Bleibt abzuwarten, was noch folgt.

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    Nespavanjes avatar
    Nespavanjevor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Eine etwas verworrene und anspruchsvolle Geschichte rund um die Suchterkrankung der Mutter und eigenartigen Nachbarn.
    Beziehungsgeflecht meets düstere Gegenwart

    In ihrem neuen Roman – Bungalow – erzählt Helene Hegemann, das Enfant Terrible des deutschen Literaturbetriebs die Geschichte von Charlie und ihrer Suchtkranken Mutter. Es ist genau dieses Beziehungsgeflecht, dass im Hintergrund einer sehr düsteren Version unserer Gegenwart erzählt wird. In Details und gut pointierten Szenen lässt sie den Leser daran teilhaben. Ich hätte mir gewünscht, dass Bungalow, der äußerst sprachgewaltig daherkommt, und bei aller Kritik, eben mit seiner Ausdrucksweise glänzt, ein wenig strukturierter gewesen wäre. Meiner Aufmerksamkeitsspanne hätte es sehr gutgetan.

    Helen Hegemann hat es mit diesem Roman auf die Longlist des deutschen Buchpreises 2018 geschafft. Ich bin schon gespannt, ob es der Roman auf die Shortliste schafft. Bedenkt man mit welchen Vorwürfen Helene Hegemann mit ihrem Debüt Axolotl Roadkill sich konfrontiert gesehen hat. Ganze Passagen sollen aus einem anderen Roman übernommen worden sein. Axolotl Roadkill, der in 20 Sprachen übersetzt worden ist, wurde sogar verfilmt. Helen Hegemann führte beim Film selbst Regie, der beim Sundance Festival 2017 gezeigt worden ist.


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    AnnieHalls avatar
    AnnieHallvor 20 Stunden
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    PrinceXLvor 15 Tagen
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    Kunstateliervor einem Monat

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