Helmut Eisendle Ein Stück des blauen Himmels

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Inhaltsangabe zu „Ein Stück des blauen Himmels“ von Helmut Eisendle

Drei Menschen verstrickt in ein Verwirrspiel um Liebe und Tod

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    Ein Stück des blauen Himmels
    J-B-Wind

    J-B-Wind

    15. April 2013 um 15:24

    Ich hätte es verhindern können. Wie denn? Wenn ich mit ihm geredet hätte. Ich war sein Freund. Ich auch. Estes. Ach. Komm trinken wir. Ja, trinken wir. Auf Schubert. Nein, auf uns. Er hat sich umgebracht. Daran kannst du dich nicht erinnern. Du warst nicht dabei. Ich hätte es verhindern können. Oder dich auch umbringen können, Estes.« Der Grazer Helmut Eisendle hat bereits in früheren Werken mit teils abstrakten und sarkastischen Überlegungen zur Suicidologie von sich Reden gemacht. In Ein Stück des blauen Himmels" bekommen diese Überlegungen eine tiefere Dimension als je zuvor. Sein Protagonist Estes ist Literaturkennern bereits aus früheren Werken, zum Beispiel dem Roman Jenseits der Vernunft" aus dem Jahre 1976, bekannt. Der Freund, mit dem Estes damals philosophierte, ist im vorliegenden Roman gestorben. Estes neuer Gesprächspartner ist der Philosoph Wittmann. Mit ihm redet er in einem Kaffeehaus über sein gescheitertes Leben. Das Buch ist eine Rückschau, ein melancholisches Schwelgen im Vergangenen, eine Suche nach Schuld und Vergebung. Der Dialogroman, den ich, nicht nur aufgrund der Kürze, eher als eine Simulation eines Romans bezeichnen würde, ist nicht chronologisch geschrieben. Es gibt keinen roten Faden, keinen Anfang, keinen Schluss im üblichen Sinne. Er handelt sich vielmehr um Gesprächsfetzen, die teilweise ins Banale gleiten, sich öfter wiederholen und kurze Rückblenden in Dialogen, bei Schubert in Form von abstrusten Monologen: »... ich möchte tausend Transplantate sein, ich möchte eine Welt voller Prothesen sein, für alles ich möchte dreiäugig sein, für die vierte Dimension, ich möchte hundert Löcher in mir sehen, ich möchte die Vulva von tausend Frauen sein, eine Menge von Brüsten, und Nasen und Ohren, und Händen und Bäuchen, ich möchte eine gespaltene Zunge oder Max Bense sein, ein Augenlid, eine Landschaft von Schamhügeln, ich möchte alles gleichzeitig tun und lassen und ich möchte endlich nicht mehr sein.« Nur Sekunden später erstickt Schubert an Schluckkrämpfen, ausgelöst durch eine Überdosis Veronal, während die dritte Symphonie von Rachmaninoff auf dem Plattenteller ihre Runden dreht und das makabere Schauspiel untermalt. Ein Selbstmord, der für seine Freunde vorhersehbar und dennoch plötzlich kommt. Estes Freund Schubert liebäugelte seit jeher mit dem Tod. Trotzdem hadert Estes noch Jahre später damit, ihm nicht geholfen zu haben, unschlüssig, was genau er denn hätte tun können. Sein Gesprächspartner Wittmann ist überzeugt davon, dass nichts und niemand einen, zum Suizid, entschlossenen Menschen retten kann. Doch nicht nur Schuberts Tod ist Thema, sondern auch Estes, nach zwanzig Jahren, gescheiterte Ehe. Natürlich war es Estes Schuld, der sich damals auf eine Affäre mit einer jungen Frau namens Anna einließ, und dieser Faux Pas passierte noch dazu an Sophies Geburtstag. Nach der Trennung schleicht sich ein aberwitziges Ritual ein: Jedes Jahr zum Hochzeitstag trifft sich das ehemalige Paar in Triest zum Essen. In diesem Jahr ist alles anders. Denn kurz davor ist seine Ex-Frau Sophie mit Schubert nach Venedig gefahren. Sophie war es auch, die Schubert, nach seinem ersten Selbstmordversuch, das Leben gerettet hat, weil Schubert den Fehler" gemacht hatte, bei Estes anzurufen und seinen Suizid anzukündigen. Somit fühlte auch sie eine lebenslange Verantwortung für Schubert. Trotz all des Trostes von Wittmann, reißt Estes die Schuld an Schuberts Tod an sich und verfällt in eine tiefe Melancholie bis er mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert wird... Wer Helmut Eisendles Biografie kennt weiß, dass der Autor, unter anderem, Psychologie und Philosophie studiert hat. Mit diesem Wissen ist es leichter seine Worte und Sätze, seine Gleichungen und Ungleichungen zu verstehen und zu verarbeiten. Wieviel von Eisendle selbst in seinen Büchern steht, vermag man nur zu ahnen. Klar ist, dass Eisendle ein Getriebender war, was sich in zahlreichen Umzügen niederschlug und auch in seinem unsteten Lebenslauf. Die Tatsache, dass der Autor, der vorrangig Lyriker war, wenige Tage nach dem Erscheinen des Romans an Speiseröhrenkrebs gestorben ist, lässt den Leser die Lektüre noch trauriger erscheinen. Man fragt sich, ob Eisendle mit diesem schmalen Band bewusst auf etwas in seinem Leben hinweisen wollte und ob es als letzte Botschaft des Autors zu sehen ist. Das sind aber gleichermaßen Spekulationen wie Estes Überlegungen zu Schuberts Tod. Der Roman ist teilweise in einem einfachen Erzählstil geschrieben, teilweise in einer Art lyrischem Prosastil. Dialoge wechseln mit Monologen ab, die sehr oft aprupt von einer anderen Erzählperspektive unterbrochen werden. Manisch wechselt Eisendle zwischen Ich-Form und dritter Person hin und her und das auch noch aus der Sicht verschiedener Personen. Dialoge werden eingeworfen, ohne Verwendung von Anführungszeichen, was das Lesen mitunter schwierig und anstrengend macht. Sein sprunghafter Schreibstil führt auch dazu, dass man trotz der geringen Seitenzahl recht lange an dem Buch liest. Die Figuren bleiben leider blasse Abziehbilder und werden auch im Laufe des Textes nicht plastischer, die Gespräche" sind eher Konstrukte aus Fragen und Antworten. Richtiger Lesefluss will sich nicht einstellen, -- ich bin mir sicher das ist auch vom Autor so gewollt --, denn es gibt zahlreiche Stellen und Sätze wie Jede Lösung ist ein Chamäleon", Lädt einer Schuld auf sich, wenn er etwas nicht verhindert?" oder "Nicht geboren zu werden ist das Beste; freiwillig zu sterben das Zweitbeste", die zum Nachdenken und Weiterphilosphieren anregen, vorausgesetzt man hat das richtige Gegenüber. Deshalb ist es ratsam den Roman in kleine Häppchen einzuteilen. Eisendle hat hierzu eine Inhaltsangabe verfasst und den Roman in 16 Teile gegliedert. Bewundernswert finde ich außerdem, dass der Autor sich nie verbogen oder dem Gesetz des Marktes angepasst hat. Er blieb sich und seinem essayistischen Stil immer treu. Das letzte Buch von Helmut Eisendle mit dem Titel Ein Stück des blauen Himmels" ist ein Geheimtipp für Philosophen, Melancholiker und Menschen, die gerne grübeln und diskutieren, beziehungweise experimentelle Texte lieben. Wenn man einmal einen Roman von Eisendle gelesen hat, sich auf seine Sprache, seinen intellektuellen Humor,-- der immer mit psycholgischem Ernst eingebracht wird --, und seinen eigentümlichen Stil eingelassen hat, kann man nicht mehr aufhören seine philosophischen Texte aufzusaugen: Ein Autor mit Suchtfaktor. So schließe ich diese Rezension mit einem Absatz aus dem Buch, den man als Schlussplädoyer bezeichnen könnte, obwohl er bereits auf Seite 27 steht. Urteilen und beurteilen Sie selbst, lassen Sie sich auf einen Abend voller Fragen und möglicher Antworten über den Tod und das Leben ein. Vielleicht kommen Sie ja zu einer ganz neuen Erkenntnis. »Selbstmord ist möglicherweise ein logisches oder erzwungenes Tun. Niemand kann das bezweifeln. Vor allem, wenn der Selbstmörder zugibt, dass sein Leben zu einer unerträglichen Last geworden ist. Ich glaube, dass noch nie jemand ein Leben weggeworfen hat, das zu erhalten wert gewesen wäre, und wenn es eine Chance gegeben hätte. Ach, ob man die Chancen sieht, hängt von einem selbst ab.« (copyright J.B.W. 2012)

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