Helmut Kuhn

 4,1 Sterne bei 43 Bewertungen
Autor von Gehwegschäden, Nordstern und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Helmut Kuhn

Helmut Kuhn, geboren 1962, studierte Geschichte und Publizistik in Berlin und Paris. Er arbeitete bei der deutschjüdischen Zeitschrift "Aufbau" in New York und lebt heute als freier Journalist und Autor in Berlin. Helmut Kuhn schreibt u.a. für die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, Neue Zürcher Zeitung, Stern, Focus und mare. 2002 erschien sein vielbeachtetes Romandebüt "Nordstern". Als Co-Autor verfasste er zusammen mit Murat Kurnaz "Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo" (2007).

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Helmut Kuhn

Cover des Buches Fünf Jahre meines Lebens (ISBN: 9783871345890)

Fünf Jahre meines Lebens

 (14)
Erschienen am 23.04.2007
Cover des Buches Vegan für alle (ISBN: 9783492056304)

Vegan für alle

 (9)
Erschienen am 14.04.2014
Cover des Buches Gehwegschäden (ISBN: 9783453676640)

Gehwegschäden

 (7)
Erschienen am 09.12.2013
Cover des Buches Türken-Sam (ISBN: 9783423347693)

Türken-Sam

 (6)
Erschienen am 01.10.2012
Cover des Buches Kein Döner Land (ISBN: 9783423249522)

Kein Döner Land

 (3)
Erschienen am 01.10.2012
Cover des Buches Nordstern (ISBN: 9783936384758)

Nordstern

 (3)
Erschienen am 01.09.2002
Cover des Buches Omi (ISBN: 9783627002329)

Omi

 (1)
Erschienen am 25.08.2016
Cover des Buches Arm, reich - und dazwischen nichts? (ISBN: 9783404606122)

Arm, reich - und dazwischen nichts?

 (1)
Erschienen am 13.01.2009

Neue Rezensionen zu Helmut Kuhn

Cover des Buches Omi (ISBN: 9783627002329)J

Rezension zu "Omi" von Helmut Kuhn

Es ist nicht mehr das
jamal_tuschickvor 6 Jahren

Wir saßen vor der Rumbalotte, ein verregneter Nachmittag dampfte im plötzlichen Einfall von Licht. Die Aschenbecher waren abgesoffen. Die Gegend war im Niedergang und im Kommen schon zig Mal gewendet worden. Wir wussten Bescheid. Zuviel war im Grunde jedes Wort, jede Geste, um von einem Gefühl gar nicht erst anzufangen. Wir untergruben uns, wir sind beide als Heranwachsende Gewichtheber gewesen. Deshalb kennen wir uns mit einer Sache aus, da können die meisten nicht mitreden. Ich kenne sonst keinen, der von sich behaupten darf, er habe mit dreizehn fünfundfünfzig Kilo gerissen. Kuhn wollte noch zum Schachboxen, er sagte: “Ich hole meine Oma nach Berlin.”

Nun ist sie da auf dreihundert Seiten in frommer Sprache. “Omi” ist wieder so ein Kuhn’sches Meisterwerk in handwerklicher Vollendung und von nachhaltiger Umgebungslosigkeit. Ich sehe weit und breit keinen Titel in der Nähe von “Omi”. Der Roman folgt idiomatisch und im Rückwärtsgang der Lebensbahn einer sudetendeutschen Greisin, die mit ihrem Enkel sich auf eine Suche nach der verlorenen Zeit begibt. Kuhn nennt sich Holli Umsiedler, die Oma ist Heimatvertriebene. Diesen Teig kann man mit Heiner Müller, Franz Fühmann und Johannes Bobrowski rollen. Umsiedler heißt Einsicht in die Kriegsschuld und Ausstieg aus dem persönlichen Schicksal. Das Gegenteil geschieht im Text. Omi steigt durch Nebelbänke des Jetzt ein in die Verschlußsache Vergangenheit. Einem Stift entgehend, steigt die Seniorin auch zum Enkel ins Auto, wo Sheltie Pit und Marylong sie außerdem erwarten.

In meiner Kindheit waren alte Leute Überlebende des 19. Jahrhunderts. Sie hatten den Steckrübenwinter von neunzehnfünfzehn mitgemacht und das Inflationsgeld von Dreiundzwanzig in Weidenkörben davongetragen. Im Dritten Reich waren sie dann schon zu alt für alles außer Leid gewesen.

Inzwischen ragt das Greisenalter kaum noch in die Vergangenheit, soweit sie nicht in den Gesamtschulen durchgekaut wurde im Wechsel zwischen Faschismus- und Zwangsverwaltungswirtschaftskunde. Omi war eine Braut des Tias um 1940, verliebt, verlobt, verheiratet als braves Mädchen und liebes Frauchen. Der Offizier verzehrte sich ausführlich und verpflichtete sich schlankweg für weitere zehn Jahre in der Wehrmacht. Offenbar gefiel ihm der Krieg besser als die Ehe. Kuhn setzt den Punkt ansatzlos, eine Hand, die man nicht kommen sieht, man muss auf der Höhe sein, um den schönen Ausblick auf diesen psychosozialen Kyffhäuser nicht zu verpassen. Den letzten Offiziersbrief trägt Omi sechzig Jahre im Portemonnaie. Dem Gefallenen folgt August als einfacher Lückenbüßer im Ehestand. Er macht und tut und bleibt ein langes Berufsleben lang maulfaul frei von jeder Verfehlung.

Holli merkt sich das: Opa als zweite Wahl und den Tias als Busengeheimnis. Schauplatz des Betrugs war die osthessische Randerscheinung Fulda, wo einem Flüchtling die Tür aufgehalten wurde einst vom redlichen August. Dass er kein gutes Wort für Omi hatte, steht auf einem anderen Blatt.

Sie bezog sein Bett zwanzig Jahre über den Tod hinaus. Vielleicht lag ihr mehr an ihm als er im Grab lag. Wer weiß so was schon. Omi überlebte ihre jüngeren Schwestern. Dafür schämte sie sich, solange Scham noch eine Rolle spielte. Jetzt geht es nur noch ums Heimwollen als einem Mysterium - “Heimwollen, aber nicht mehr wissen, wo das ist”. Doch noch kennt Omi den Wert von Federbetten, sie “sind ein richtiges Gut” gewesen, solange man Selbstgerupftes verarbeitete ... in der verlorenen Heimat. “ Es ist (ohnehin) nicht mehr das”, was einen einmal paradiesisch frösteln ließ, und ist das nicht gut so, geradezu am besten?

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Cover des Buches Fünf Jahre meines Lebens (ISBN: 9783871345890)Buecherseele79s avatar

Rezension zu "Fünf Jahre meines Lebens" von Murat Kurnaz

5 Jahre Hölle in Guantanamo...
Buecherseele79vor 7 Jahren

Murat Kurnaz ist Türke, in Deutschland geboren, aufgewachsen, hier zur Schule gegangen und seine Lehre begonnen. Mit dem Glauben hat er sich nie auseinandergesetzt, ändert dies aber als er vor hat zu heiraten.
Er möchte ein guter, glaubiger Muslime werden und nach längerem überlegen will er mit einem guten Freund nach Pakistan reisen um eine Koranschule zu besuchen.
Als er wieder ausreisen möchte wird er von der Polizei in Pakistan festgehalten und zum Terrorregime Al Qaida "hinzugefügt".
Kurze Zeit später wird er erst nach Afghanistan verschleppt wo die amerikanischen Truppen ihn verhören, quälen, misshandeln und mit den Verhören und Foltern gar nicht mehr aufhören. Die Zustände in diesem Lager sind erschreckend, um sie herum tobt der Krieg USA gegen den Terror in Afghanistan.
Dann kommt Murat nach Guantanamo, wird dort mit seinen Mitgefangenen in kleinen Maschendrahtkäfigen gehalten bis das Gefängnis fertiggestellt ist.
Er trifft Beamte aus der Türkei, aus Deutschland, will seine Geschichte erzählen und doch hört ihm keiner zu, keiner schenkt ihm Glauben, 2x hat er eine Gerichtsverhandlung in Guantanamo und wird zum schlimmsten Drahtzieher von Osama Bin Laden abgestempelt. Keiner hört ihn an, die Folter, Isolation, Essensentzug und viele andere schreckliche Dinge nehmen überhand aber Murat bleibt bei seiner Geschichte, er hat nichts getan.
Dann tritt unerwartet ein Anwalt an ihn heran und versucht das Unmögliche- Murat aus Guantanamo frei zu bekommen...

Auch dieses Buch hat mich unheimlich mitgenommen da auch hier beschrieben wird wie es in Guantanamo zugeht, was die Amerikaner für einen Blickwinkel in diesem Gebäude haben. Murat wurde für 3.000 Dollar an die USA "verkauft", nach dem 11. September wurden manche Ausländer in anderen Ländern für dieses Kopfgeld an die USA ausgeliefert und die USA wollen nur eines hören- schuldig- ganz egal ob du nie etwas mit Terror zu tun hattest.
Ein erschreckend, bedrückender Bericht über das schlimmste Gefängnis der Welt mit sovielen Unschuldigen hinter Gittern und unter täglicher Folter.
Für mich eine dringende Leseempfehlung!

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Cover des Buches Gehwegschäden (ISBN: 9783453676640)J

Rezension zu "Gehwegschäden" von Helmut Kuhn

Anti-Manifest der neuen Mitte
jamal_tuschickvor 8 Jahren

Helmut Kuhn beschreibt Berlin als Bewerbungsfläche - man ist da, das muss reichen

„Gehwegschäden“ ist das Anti-Manifest der neuen Mitte, mit sämtlichen Bedeutungen, die in „Mitte“ zu finden sind. Angefangen bei den Titel stiftenden „Gehwegschäden“ als einem Beispiel für städtische Erosion. Die Schilder sind kommunale Kapitulationserklärungen. Sie erfüllen einen juristischen Zweck: Wer sich auf den Gehweg begibt und dabei zu Schaden kommt, kann die Allgemeinheit dafür nicht haftbar machen.

„Gehwegschäden“ knirscht wie Kies. Kuhn hat sich mit dem Roman in die erste Reihe der neuen deutschen Literatur geschrieben. Kuhn betreibt Schachboxen, die Kombination geht auf einen holländischen Aktionskünstler zurück. Sein Romanheld Thomas Frantz tut es ihm gleich. Die biografischen Übereinstimmungen zwischen Frantz und Kuhn machen eine Liste lang. Kuhn wurde Zweiundsechzig in München geboren. Viel Zeit verbrachte er bei Großeltern in Fulda. Die letzten Schuljahre verschafften ihm am Chiemsee Internatserfahrungen: „Ich wollte das so.“

Nach dem Abitur kam Berlin. Die große Stadt: ohne Umwege. Darauf habe er angelegt, erklärt Kuhn. Keine Trödelei an der Peripherie und immer gleich das Kilo statt erst einmal ein Pfund zur vorsichtigen Prüfung. Der Fünfzigjährige verbreitet noch eine Ahnung von Zugriff, genauso wie sein moderner Biberkopf. Thomas Frantz ist angeschlagen, er ist gezeichnet, aber gebrochen ist er nicht. Die Sparringpartner seines Alltags zeichnet effektive Einfalt aus. Jeder kriegt irgendwas hin, nur zum Gelingen taugt es wenig. So steht es geschrieben im Roman: „Ihre Freiheit ist ihr Untergang.“

Ich spüre dieses An- und Aufsaugende bei Kuhn. Das ist ein Staubsauger von einem Mann. Er studierte Geschichte in Paris – und befleißigte sich zum Magister über „Adenauer und die hohe Kommission (der drei westlichen Siegermächte)“.  Lange unter Verschluss gehaltene Akten prüfte er an der Sorbonne auf Sprengstoff. Kuhn befasste sich mit der „Organisation Gehlen“ in der Gründungsära der Republik und so auch des Bundesnachrichtendiensts. Er kultivierte seine Spürnase, trainierte die investigativen Reflexe … und verliebte sich auf dem Boulevard de Ménilmontant, nahe des Père Lachaise, „in eine Jüdin aus New York“. Nun gab es „nichts mehr außer ihr oder dem Tod“. Das schmeckte anders als Aktenstaub und ein Lob vom Professor. Magister Kuhn erzwang eine amour fou. In New York City ließ sich gut leiden, mit Ironie maskiert Kuhn im Prenzlauer Berg eine abgestorbene Verzweiflung. Auch sonst ging in Amerika allerhand los. Kuhn volontierte auf einem Flaggschiff der Emigration: dem weltweit auf deutsch, bis 2004 von New York aus verbreiteten „Aufbau“-Periodikum. „Plötzlich steckte ich in all diesen jüdischen Geschichten.“

Kuhn guckt in meinem Gesicht nach, ob ich folgen kann. Ja, auch ich habe diesen wieder und wieder umgeschulten Blick im Angebot. Kuhn fährt die Namen von Autoren auf, die im „Aufbau Magazin“ publizierten: Feuchtwanger, Thomas Mann, Hannah Arendt. Zum Trotz seien die Emigranten steinalt geworden, so wie die erste Rechtsanwältin, die in Österreich 1925 zugelassen worden war. In ihrer Sphäre das Fluidum der Weimarer Republik. Eine Air wie in „Casablanca“.

„Sansinet-Boulevard“ nannte man die Magistrale der Ausgewanderten. „Sansinet“ wie „Ja, san Sie net der Herr, wie war doch gleich der werte Name?“ 

Die Mutter von Henry Kissinger repräsentierte als „Misses K.“ - und die publizistischen Strecken des Helmut K. aus F. wie Fulda wurden immer länger. 1994 kehrte er nach Berlin zurück, mit merklichem Ostdrall. „Die Musik spielte in Mitte.“

„Berlin, das ist die Welt im deutschen Reagenzglas“, heißt es in „Gehwegschäden“.

Das schreibt der Autor Frantz zu: „Er ist geerdet in seinem Intellectual Fight Club, dieser Freimaurerloge unter der Stadt“.  Kuhns Mutter war bei der Kripo Kommissarin, ein Großvater beim BND. Der Vater, ein Chirurg, verschwand spurlos auf einem Törn in der Karibik, (da war Helmut Kuhn vierzehn und in der Form seines Lebens.) Die Story stand im Stern, im Damals der 1970iger Jahre, als man allgemein den Geschichtsverlauf für unumkehrbar hielt, der Kalte Krieg die Welt frösteln ließ und Tod-unter-Palmen-Geschichten gut ankamen. Der Journalist Kuhn recherchierte später dem maritim verschollenen Vater hinterher, es ergab sich ein mörderisches Ergebnis als am Wahrscheinlichsten. Demnach hatte der Skipper in Tatgemeinschaft mit seiner Geliebten einen zeitgemäßen Fluch der Karibik über die Handvoll Männer auf seiner Yacht gebracht. Der Bootseigner war Düsseldorfer Metzger und konnte vortrefflich entbeinen. Kuhn spann daraus den Seemannsgarn „Nordstern“, seine erste Einzelveröffentlichung (bei Mare).  Es folgten Erzählungen, „Regen im 5/4 Takt“ … „ Arm, reich – und dazwischen nichts? Streifzüge durch eine veränderte Gesellschaft“.

Außerdem Klagenfurt. 2005 trieb man Kuhn beim Ingeborg Bachmann-Wettlesen „in die Seile“, wie der Autor sagt. Er stand kurz vor der Hinrichtung, so wenig gefiel Kuhn der Kritik. Mit Murat Kurnaz veröffentlichte er „Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo“.

Kuhn erinnert sich an einen Co-Autor mit abgründigem Humor. Seelisch unverwüstlich: „Der Murat ist nicht zu knacken.“

 

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