Helmut Kuhn

 3.8 Sterne bei 12 Bewertungen
Autor von Gehwegschäden, Nordstern und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Helmut Kuhn

Gehwegschäden

Gehwegschäden

 (7)
Erschienen am 09.12.2013
Nordstern

Nordstern

 (3)
Erschienen am 01.09.2002
Omi

Omi

 (1)
Erschienen am 25.08.2016
Arm, reich - und dazwischen nichts?

Arm, reich - und dazwischen nichts?

 (1)
Erschienen am 11.09.2007
Regen im 5/4-Takt

Regen im 5/4-Takt

 (0)
Erschienen am 08.09.2006
Fussball in den USA

Fussball in den USA

 (0)
Erschienen am 01.02.1996

Neue Rezensionen zu Helmut Kuhn

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J

Rezension zu "Omi" von Helmut Kuhn

Es ist nicht mehr das
jamal_tuschickvor 2 Jahren

Wir saßen vor der Rumbalotte, ein verregneter Nachmittag dampfte im plötzlichen Einfall von Licht. Die Aschenbecher waren abgesoffen. Die Gegend war im Niedergang und im Kommen schon zig Mal gewendet worden. Wir wussten Bescheid. Zuviel war im Grunde jedes Wort, jede Geste, um von einem Gefühl gar nicht erst anzufangen. Wir untergruben uns, wir sind beide als Heranwachsende Gewichtheber gewesen. Deshalb kennen wir uns mit einer Sache aus, da können die meisten nicht mitreden. Ich kenne sonst keinen, der von sich behaupten darf, er habe mit dreizehn fünfundfünfzig Kilo gerissen. Kuhn wollte noch zum Schachboxen, er sagte: “Ich hole meine Oma nach Berlin.”

Nun ist sie da auf dreihundert Seiten in frommer Sprache. “Omi” ist wieder so ein Kuhn’sches Meisterwerk in handwerklicher Vollendung und von nachhaltiger Umgebungslosigkeit. Ich sehe weit und breit keinen Titel in der Nähe von “Omi”. Der Roman folgt idiomatisch und im Rückwärtsgang der Lebensbahn einer sudetendeutschen Greisin, die mit ihrem Enkel sich auf eine Suche nach der verlorenen Zeit begibt. Kuhn nennt sich Holli Umsiedler, die Oma ist Heimatvertriebene. Diesen Teig kann man mit Heiner Müller, Franz Fühmann und Johannes Bobrowski rollen. Umsiedler heißt Einsicht in die Kriegsschuld und Ausstieg aus dem persönlichen Schicksal. Das Gegenteil geschieht im Text. Omi steigt durch Nebelbänke des Jetzt ein in die Verschlußsache Vergangenheit. Einem Stift entgehend, steigt die Seniorin auch zum Enkel ins Auto, wo Sheltie Pit und Marylong sie außerdem erwarten.

In meiner Kindheit waren alte Leute Überlebende des 19. Jahrhunderts. Sie hatten den Steckrübenwinter von neunzehnfünfzehn mitgemacht und das Inflationsgeld von Dreiundzwanzig in Weidenkörben davongetragen. Im Dritten Reich waren sie dann schon zu alt für alles außer Leid gewesen.

Inzwischen ragt das Greisenalter kaum noch in die Vergangenheit, soweit sie nicht in den Gesamtschulen durchgekaut wurde im Wechsel zwischen Faschismus- und Zwangsverwaltungswirtschaftskunde. Omi war eine Braut des Tias um 1940, verliebt, verlobt, verheiratet als braves Mädchen und liebes Frauchen. Der Offizier verzehrte sich ausführlich und verpflichtete sich schlankweg für weitere zehn Jahre in der Wehrmacht. Offenbar gefiel ihm der Krieg besser als die Ehe. Kuhn setzt den Punkt ansatzlos, eine Hand, die man nicht kommen sieht, man muss auf der Höhe sein, um den schönen Ausblick auf diesen psychosozialen Kyffhäuser nicht zu verpassen. Den letzten Offiziersbrief trägt Omi sechzig Jahre im Portemonnaie. Dem Gefallenen folgt August als einfacher Lückenbüßer im Ehestand. Er macht und tut und bleibt ein langes Berufsleben lang maulfaul frei von jeder Verfehlung.

Holli merkt sich das: Opa als zweite Wahl und den Tias als Busengeheimnis. Schauplatz des Betrugs war die osthessische Randerscheinung Fulda, wo einem Flüchtling die Tür aufgehalten wurde einst vom redlichen August. Dass er kein gutes Wort für Omi hatte, steht auf einem anderen Blatt.

Sie bezog sein Bett zwanzig Jahre über den Tod hinaus. Vielleicht lag ihr mehr an ihm als er im Grab lag. Wer weiß so was schon. Omi überlebte ihre jüngeren Schwestern. Dafür schämte sie sich, solange Scham noch eine Rolle spielte. Jetzt geht es nur noch ums Heimwollen als einem Mysterium - “Heimwollen, aber nicht mehr wissen, wo das ist”. Doch noch kennt Omi den Wert von Federbetten, sie “sind ein richtiges Gut” gewesen, solange man Selbstgerupftes verarbeitete ... in der verlorenen Heimat. “ Es ist (ohnehin) nicht mehr das”, was einen einmal paradiesisch frösteln ließ, und ist das nicht gut so, geradezu am besten?

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J

Rezension zu "Gehwegschäden" von Helmut Kuhn

Anti-Manifest der neuen Mitte
jamal_tuschickvor 4 Jahren

Helmut Kuhn beschreibt Berlin als Bewerbungsfläche - man ist da, das muss reichen

„Gehwegschäden“ ist das Anti-Manifest der neuen Mitte, mit sämtlichen Bedeutungen, die in „Mitte“ zu finden sind. Angefangen bei den Titel stiftenden „Gehwegschäden“ als einem Beispiel für städtische Erosion. Die Schilder sind kommunale Kapitulationserklärungen. Sie erfüllen einen juristischen Zweck: Wer sich auf den Gehweg begibt und dabei zu Schaden kommt, kann die Allgemeinheit dafür nicht haftbar machen.

„Gehwegschäden“ knirscht wie Kies. Kuhn hat sich mit dem Roman in die erste Reihe der neuen deutschen Literatur geschrieben. Kuhn betreibt Schachboxen, die Kombination geht auf einen holländischen Aktionskünstler zurück. Sein Romanheld Thomas Frantz tut es ihm gleich. Die biografischen Übereinstimmungen zwischen Frantz und Kuhn machen eine Liste lang. Kuhn wurde Zweiundsechzig in München geboren. Viel Zeit verbrachte er bei Großeltern in Fulda. Die letzten Schuljahre verschafften ihm am Chiemsee Internatserfahrungen: „Ich wollte das so.“

Nach dem Abitur kam Berlin. Die große Stadt: ohne Umwege. Darauf habe er angelegt, erklärt Kuhn. Keine Trödelei an der Peripherie und immer gleich das Kilo statt erst einmal ein Pfund zur vorsichtigen Prüfung. Der Fünfzigjährige verbreitet noch eine Ahnung von Zugriff, genauso wie sein moderner Biberkopf. Thomas Frantz ist angeschlagen, er ist gezeichnet, aber gebrochen ist er nicht. Die Sparringpartner seines Alltags zeichnet effektive Einfalt aus. Jeder kriegt irgendwas hin, nur zum Gelingen taugt es wenig. So steht es geschrieben im Roman: „Ihre Freiheit ist ihr Untergang.“

Ich spüre dieses An- und Aufsaugende bei Kuhn. Das ist ein Staubsauger von einem Mann. Er studierte Geschichte in Paris – und befleißigte sich zum Magister über „Adenauer und die hohe Kommission (der drei westlichen Siegermächte)“.  Lange unter Verschluss gehaltene Akten prüfte er an der Sorbonne auf Sprengstoff. Kuhn befasste sich mit der „Organisation Gehlen“ in der Gründungsära der Republik und so auch des Bundesnachrichtendiensts. Er kultivierte seine Spürnase, trainierte die investigativen Reflexe … und verliebte sich auf dem Boulevard de Ménilmontant, nahe des Père Lachaise, „in eine Jüdin aus New York“. Nun gab es „nichts mehr außer ihr oder dem Tod“. Das schmeckte anders als Aktenstaub und ein Lob vom Professor. Magister Kuhn erzwang eine amour fou. In New York City ließ sich gut leiden, mit Ironie maskiert Kuhn im Prenzlauer Berg eine abgestorbene Verzweiflung. Auch sonst ging in Amerika allerhand los. Kuhn volontierte auf einem Flaggschiff der Emigration: dem weltweit auf deutsch, bis 2004 von New York aus verbreiteten „Aufbau“-Periodikum. „Plötzlich steckte ich in all diesen jüdischen Geschichten.“

Kuhn guckt in meinem Gesicht nach, ob ich folgen kann. Ja, auch ich habe diesen wieder und wieder umgeschulten Blick im Angebot. Kuhn fährt die Namen von Autoren auf, die im „Aufbau Magazin“ publizierten: Feuchtwanger, Thomas Mann, Hannah Arendt. Zum Trotz seien die Emigranten steinalt geworden, so wie die erste Rechtsanwältin, die in Österreich 1925 zugelassen worden war. In ihrer Sphäre das Fluidum der Weimarer Republik. Eine Air wie in „Casablanca“.

„Sansinet-Boulevard“ nannte man die Magistrale der Ausgewanderten. „Sansinet“ wie „Ja, san Sie net der Herr, wie war doch gleich der werte Name?“ 

Die Mutter von Henry Kissinger repräsentierte als „Misses K.“ - und die publizistischen Strecken des Helmut K. aus F. wie Fulda wurden immer länger. 1994 kehrte er nach Berlin zurück, mit merklichem Ostdrall. „Die Musik spielte in Mitte.“

„Berlin, das ist die Welt im deutschen Reagenzglas“, heißt es in „Gehwegschäden“.

Das schreibt der Autor Frantz zu: „Er ist geerdet in seinem Intellectual Fight Club, dieser Freimaurerloge unter der Stadt“.  Kuhns Mutter war bei der Kripo Kommissarin, ein Großvater beim BND. Der Vater, ein Chirurg, verschwand spurlos auf einem Törn in der Karibik, (da war Helmut Kuhn vierzehn und in der Form seines Lebens.) Die Story stand im Stern, im Damals der 1970iger Jahre, als man allgemein den Geschichtsverlauf für unumkehrbar hielt, der Kalte Krieg die Welt frösteln ließ und Tod-unter-Palmen-Geschichten gut ankamen. Der Journalist Kuhn recherchierte später dem maritim verschollenen Vater hinterher, es ergab sich ein mörderisches Ergebnis als am Wahrscheinlichsten. Demnach hatte der Skipper in Tatgemeinschaft mit seiner Geliebten einen zeitgemäßen Fluch der Karibik über die Handvoll Männer auf seiner Yacht gebracht. Der Bootseigner war Düsseldorfer Metzger und konnte vortrefflich entbeinen. Kuhn spann daraus den Seemannsgarn „Nordstern“, seine erste Einzelveröffentlichung (bei Mare).  Es folgten Erzählungen, „Regen im 5/4 Takt“ … „ Arm, reich – und dazwischen nichts? Streifzüge durch eine veränderte Gesellschaft“.

Außerdem Klagenfurt. 2005 trieb man Kuhn beim Ingeborg Bachmann-Wettlesen „in die Seile“, wie der Autor sagt. Er stand kurz vor der Hinrichtung, so wenig gefiel Kuhn der Kritik. Mit Murat Kurnaz veröffentlichte er „Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo“.

Kuhn erinnert sich an einen Co-Autor mit abgründigem Humor. Seelisch unverwüstlich: „Der Murat ist nicht zu knacken.“

 

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