Helmut Kuhn Gehwegschäden

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Inhaltsangabe zu „Gehwegschäden“ von Helmut Kuhn

Berlin, das ist die Welt im deutschen ReagenzglasThomas Frantz ist Schachboxer, Spaziergänger und freier Journalist, der schon bessere Tage gesehen hat. Auf seinen Streifzügen beobachtet er mit wachsender Wut, wie Berlin zu einem gewaltigen Spielplatz der Sinnsucher verkommt. Doch alles, was man hier noch findet, sind Schilder mit der Aufschrift »Gehwegschäden«. Das Wort bedeutet, es wird hier nichts mehr repariert: Wir haben uns abgefunden.

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  • Anti-Manifest der neuen Mitte

    Gehwegschäden

    jamal_tuschick

    04. September 2014 um 06:38

    Helmut Kuhn beschreibt Berlin als Bewerbungsfläche - man ist da, das muss reichen „Gehwegschäden“ ist das Anti-Manifest der neuen Mitte, mit sämtlichen Bedeutungen, die in „Mitte“ zu finden sind. Angefangen bei den Titel stiftenden „Gehwegschäden“ als einem Beispiel für städtische Erosion. Die Schilder sind kommunale Kapitulationserklärungen. Sie erfüllen einen juristischen Zweck: Wer sich auf den Gehweg begibt und dabei zu Schaden kommt, kann die Allgemeinheit dafür nicht haftbar machen. „Gehwegschäden“ knirscht wie Kies. Kuhn hat sich mit dem Roman in die erste Reihe der neuen deutschen Literatur geschrieben. Kuhn betreibt Schachboxen, die Kombination geht auf einen holländischen Aktionskünstler zurück. Sein Romanheld Thomas Frantz tut es ihm gleich. Die biografischen Übereinstimmungen zwischen Frantz und Kuhn machen eine Liste lang. Kuhn wurde Zweiundsechzig in München geboren. Viel Zeit verbrachte er bei Großeltern in Fulda. Die letzten Schuljahre verschafften ihm am Chiemsee Internatserfahrungen: „Ich wollte das so.“ Nach dem Abitur kam Berlin. Die große Stadt: ohne Umwege. Darauf habe er angelegt, erklärt Kuhn. Keine Trödelei an der Peripherie und immer gleich das Kilo statt erst einmal ein Pfund zur vorsichtigen Prüfung. Der Fünfzigjährige verbreitet noch eine Ahnung von Zugriff, genauso wie sein moderner Biberkopf. Thomas Frantz ist angeschlagen, er ist gezeichnet, aber gebrochen ist er nicht. Die Sparringpartner seines Alltags zeichnet effektive Einfalt aus. Jeder kriegt irgendwas hin, nur zum Gelingen taugt es wenig. So steht es geschrieben im Roman: „Ihre Freiheit ist ihr Untergang.“ Ich spüre dieses An- und Aufsaugende bei Kuhn. Das ist ein Staubsauger von einem Mann. Er studierte Geschichte in Paris – und befleißigte sich zum Magister über „Adenauer und die hohe Kommission (der drei westlichen Siegermächte)“.  Lange unter Verschluss gehaltene Akten prüfte er an der Sorbonne auf Sprengstoff. Kuhn befasste sich mit der „Organisation Gehlen“ in der Gründungsära der Republik und so auch des Bundesnachrichtendiensts. Er kultivierte seine Spürnase, trainierte die investigativen Reflexe … und verliebte sich auf dem Boulevard de Ménilmontant, nahe des Père Lachaise, „in eine Jüdin aus New York“. Nun gab es „nichts mehr außer ihr oder dem Tod“. Das schmeckte anders als Aktenstaub und ein Lob vom Professor. Magister Kuhn erzwang eine amour fou. In New York City ließ sich gut leiden, mit Ironie maskiert Kuhn im Prenzlauer Berg eine abgestorbene Verzweiflung. Auch sonst ging in Amerika allerhand los. Kuhn volontierte auf einem Flaggschiff der Emigration: dem weltweit auf deutsch, bis 2004 von New York aus verbreiteten „Aufbau“-Periodikum. „Plötzlich steckte ich in all diesen jüdischen Geschichten.“ Kuhn guckt in meinem Gesicht nach, ob ich folgen kann. Ja, auch ich habe diesen wieder und wieder umgeschulten Blick im Angebot. Kuhn fährt die Namen von Autoren auf, die im „Aufbau Magazin“ publizierten: Feuchtwanger, Thomas Mann, Hannah Arendt. Zum Trotz seien die Emigranten steinalt geworden, so wie die erste Rechtsanwältin, die in Österreich 1925 zugelassen worden war. In ihrer Sphäre das Fluidum der Weimarer Republik. Eine Air wie in „Casablanca“. „Sansinet-Boulevard“ nannte man die Magistrale der Ausgewanderten. „Sansinet“ wie „Ja, san Sie net der Herr, wie war doch gleich der werte Name?“  Die Mutter von Henry Kissinger repräsentierte als „Misses K.“ - und die publizistischen Strecken des Helmut K. aus F. wie Fulda wurden immer länger. 1994 kehrte er nach Berlin zurück, mit merklichem Ostdrall. „Die Musik spielte in Mitte.“ „Berlin, das ist die Welt im deutschen Reagenzglas“, heißt es in „Gehwegschäden“. Das schreibt der Autor Frantz zu: „Er ist geerdet in seinem Intellectual Fight Club, dieser Freimaurerloge unter der Stadt“.  Kuhns Mutter war bei der Kripo Kommissarin, ein Großvater beim BND. Der Vater, ein Chirurg, verschwand spurlos auf einem Törn in der Karibik, (da war Helmut Kuhn vierzehn und in der Form seines Lebens.) Die Story stand im Stern, im Damals der 1970iger Jahre, als man allgemein den Geschichtsverlauf für unumkehrbar hielt, der Kalte Krieg die Welt frösteln ließ und Tod-unter-Palmen-Geschichten gut ankamen. Der Journalist Kuhn recherchierte später dem maritim verschollenen Vater hinterher, es ergab sich ein mörderisches Ergebnis als am Wahrscheinlichsten. Demnach hatte der Skipper in Tatgemeinschaft mit seiner Geliebten einen zeitgemäßen Fluch der Karibik über die Handvoll Männer auf seiner Yacht gebracht. Der Bootseigner war Düsseldorfer Metzger und konnte vortrefflich entbeinen. Kuhn spann daraus den Seemannsgarn „Nordstern“, seine erste Einzelveröffentlichung (bei Mare).  Es folgten Erzählungen, „Regen im 5/4 Takt“ … „ Arm, reich – und dazwischen nichts? Streifzüge durch eine veränderte Gesellschaft“. Außerdem Klagenfurt. 2005 trieb man Kuhn beim Ingeborg Bachmann-Wettlesen „in die Seile“, wie der Autor sagt. Er stand kurz vor der Hinrichtung, so wenig gefiel Kuhn der Kritik. Mit Murat Kurnaz veröffentlichte er „Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo“. Kuhn erinnert sich an einen Co-Autor mit abgründigem Humor. Seelisch unverwüstlich: „Der Murat ist nicht zu knacken.“  

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