Helmut Ortner Der Zorn

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Inhaltsangabe zu „Der Zorn“ von Helmut Ortner

Der Zorn hat keinen guten Ruf. Wir kennen nur noch die ressentimentgeladene Variante eines »gerechten Zorns«, der auf Vergeltung sinnt, es dem Anderen heimzahlen will. Mit Zorn assoziieren wir den »Zorn Gottes« oder den Affektausbruch mythologischer Heroen, allenfalls gebrauchen wir das Wort noch im Sinn von Jähzorn, einer Unbeherrschtheit. An die Stelle des Zorns sind Begriffe wie »Aggression« oder »Empörung« getreten. Die Essays in diesem Band thematisieren die unterschiedlichen Varianten des Zorns unter historischen und gegenwartsdiagnostischen Vorzeichen. Dabei geht es auch darum, die produktiven Seiten eines modernen Begriffs von Zorn auszuloten. Philosophische, psychologische, politische, sozialwissenschaftliche, kulturelle und moralische Aspekte des »Zorns« werden miteinander in Beziehung gesetzt. Mit Beiträgen von Jürgen Busche, Wolfram Eilenberger, Ute Frevert, Peter Glaser, Jens Jessen, Claus Leggewie, Jutta Limbach, Wolf Lotter, Bascha Mika, Bodo Morshäuser, Christian Nürnberger, Alan Posener, Jürgen Werner, Uwe Wittstock und mit einem Nachwort von Michel de Montaigne.
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  • Rezension zu "Der Zorn" von Helmut Ortner

    Der Zorn

    HeikeG

    28. October 2012 um 11:00

    "Zorn macht langweilige Menschen geistreich." (F. Bacon) oder Von der Freiheit, sich zu erzürnen . "Tief liegen die Quellen des Lebens. Man muss hinabsteigen, weit hinab in die düstere Seelenhöhle, um ihr Gurgeln zu hören. Dort, in der schützenden Dunkelheit des Vergessens, wo das Urgestein des Daseins noch flüssig ist, angereichert mit wilden Instinkten und den giftigen Gasen der Verdrängungen, dort köchelt die Lebensmaterie leise vor sich hin. An den Anfang seiner Existenz gelangt der Mensch nur, indem er die Schichten abträgt, die ihn geformt haben. Aber selbst, wenn der Schleier aller künstlichen Gestalten fortgerissen ist, in diesem reinen Raum des Ursprungs, bleibt vieles verborgen. Denn der Blick findet keinen Halt. Er wird aufgesogen von einer glühenden, wabernden Masse, die jederzeit bereit ist, sich nach außen und oben zu ergießen und die seltsamsten Verkrustungen zu bilden. Der Anfang ist unbestimmt - soll man ihn unergründlich nennen?" . So beginnt einer der zwölf großartigen Essays in dem vorliegenden Buch, die sich allesamt um eine dieser glühend-wabernden Essenzen drehen: den Zorn. Hier hat sich der erste Philosoph unter den Sportreportern - Jürgen Werner - über das "siedende Gemüts-Magma" Gedanken gemacht, das von Zeit zu Zeit aus uns hervorzuquellen droht und dessen explosionsartige Entladung wir auch unter Einsatz all unserer Willenskraft nicht immer verhindern können. Seine elf Kolleginnen und Kollegen stehen ihm an Eloquenz, Emotionalität, Produktivität, aber vor allem Facetten- und Ideenreichtum in nichts nach. Psychologische, politische, sozialwissenschaftliche, kulturelle und moralische Aspekte flechten die Autoren ganz und gar subjektiv in ihre Aufsätze ein und setzen diese zueinander in Beziehung. Doch auch wenn Fokus und Duktus der Texte unterschiedlich ist und sie den Zorn aus völlig konträren Gesichtspunkten betrachten, so haben alle einen gemeinsamen Grundton: die Rehabilitierung des antiquierten Zornbegriffs und dessen Befreiung vom Makel des Destruktiven. Hier wird er nicht verteufelt oder stigmatisiert, sondern seine produktive Seite sichtbar gemacht. . "Zorn ist ein komplexes und manchmal auch ein widersprüchliches Phänomen, das sich aus den unterschiedlichsten Quellen speist.", stellt der Herausgeber in seinem Eingangsessay fest. Aristoteles zählte ihn zu seinen elf Grundgefühlen. In der christlichen Theologie hingegen gehörte er zu den sieben Todsünden. "Den Zorn des Achill" möge die Göttin Pallas Athene besingen, ruft Homer bereits in der ersten Zeile seiner "Ilias". Francis Bacon wiederum beschreibt den Zorn als eine Charakterschwäche, von der hauptsächlich "Kinder, Weiber, Greise, Kranke" beherrscht seien. Seneca, einer der großen Philosophen des alten Roms, bläst in ein ähnliches Horn. Auch er betrachtete diesen Gemütszustand als "eine Störung" bei Frauen und kleinen Kindern. Wann ist er blind und zerstörerisch? Wann ist Zorn am Platz, wann nicht?, fragt sich der Literaturredakteur des Focus Uwe Wittstock. Wann ist Zorn ein gerechter und wie verhält es sich mit dem heiligen? Dieser Frage, nein, gar der ganzen jüdisch-christlichen Geschichte geht Christian Nürnberger in seinem exzellenten Beitrag "Weihe eines Zornigen - und die weltgeschichtlichen Folgen" nach, bevor schlussendlich ein aktuelles Nachwort - verfasst zwischen 1571 und 1580 von Michel de Montaigne - das großartige, sehr empfehlenswerte Buch beschließt. . Fazit: Deutscher Wutbürger, Bürgerzorn, Zorn und Ehre oder der Zorn der Zeit: derlei Furor hat keine gutes Image. Alle Autorinnen und Autoren in diesem Band vertreten jedoch die feste Meinung, das gesellschaftliche und soziale Veränderungen durchaus ein gewisses Maß an Zorn brauchen, denn "vom 'widerständigen Menschen', so Helmut Ortner, "lebt die Zivilgesellschaft. Zorn ist Energie, und Energie braucht es, um Dinge zu verändern." Zornig werden, heißt, beteiligt sein, hat auch John Osborne im Vorwort zu seinem Theaterstück "Blick zurück im Zorn" treffend festgestellt. Oder um es abschließend noch einmal in die Worte Jürgen Werners zu kleiden: "Das Leben ist allemal stärker als das, was wir für das Leben halten. Es irrt, wer glaubt, wir tanzten auf einem Vulkan: Wir sind einer."

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