Helmut Schreier

 4.2 Sterne bei 6 Bewertungen
Autor von Krise der Kindheit, Bäume und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Helmut Schreier

Krise der Kindheit

Krise der Kindheit

 (3)
Erschienen am 30.08.2012
Bäume

Bäume

 (2)
Erschienen am 25.09.2009
Ludwig, die Dinge und ich

Ludwig, die Dinge und ich

 (0)
Erschienen am 16.08.2004

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Rezension zu "Krise der Kindheit" von Helmut Schreier

Wald statt Ritalin?
R_Mantheyvor 3 Jahren

In den letzten Jahren nimmt in den westlichen Staaten die Anzahl von Diagnosen des sogenannten "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom" (ADHS) bei Kindern dramatisch zu. Leider weiß man nicht genau, ob dies daran liegt, dass nun nach dieser neu definierten Krankheit besonders gesucht wird oder ob man sie jetzt verstärkt entdeckt, weil sie als Begriff auf der Welt ist oder ob tatsächlich eine solch dramatische Zunahme einer realen psychischen Störung existiert.

Die so diagnostizierten Kinder werden in der Regel mit einer Droge ruhig gestellt. Doch damit löst man bekanntlich keine Probleme, sondern schafft neue. In seinem Buch versucht Helmut Schreier, ein gestandener Erziehungswissenschaftler, sowohl der Ursache der ADHS-Ausbreitung als auch möglichen Lösungen auf die Spur zu kommen.

Da man keine Chance hat, zu überprüfen, ob tatsächlich immer mehr Kinder übermäßig hyperaktiv und konzentrationsschwach sind oder ob dies eine Erfindung ist, betrachtet der Autor die Zahlen als gegeben. Nimmt man sie also als Fakten an, dann wären zunehmende Verhaltensstörungen bei Kindern ein Warnzeichen für eine gefährliche gesellschaftliche Entwicklung, auf die Heranwachsende sensibler reagieren als Erwachsene.

Der Autor geht zunächst der Frage nach, ob es sich bei ADHS um eine von der Schule erzeugte Störung handelt. Dazu berichtet er von Reisen nach Turkmenistan und Vietnam, wo diese merkwürdige Krankheit trotz höherer Leistungsanforderungen und einem nach deutschen Maßstäben nahezu unerträglichen Drill völlig unbekannt sind. Er schließt daraus, dass ADHS keine "Schulkrankheit" sei.

In den beiden Ländern existieren jedoch auch völlig andere soziale Strukturen als in Deutschland. Kinder leben oft in Großfamilien mit mehreren Generationen. Sie bilden einen natürlichen Bestandteil der Familie und werden in der Gesellschaft nicht als Belastung empfunden. In den westlichen Industrieländern nimmt ganz im Gegensatz dazu der Anteil alleinerziehender Eltern seit Jahren ebenso dramatisch zu wie die Anzahl der ADHS-Diagnosen. Obwohl Korrelationen nicht immer etwas über Kausalzusammenhänge aussagen, vermutet der Autor hier eine entscheidende Verbindung.

Für ihn bröckelt es in den westlichen Ländern an der grundsätzliche Verlässlichkeit, die eine vollständige und intakte Familie vermittelt und auf die sich eine gesunde kindliche Entwicklung gründet. Wenn Kinder nicht mehr wie Kinder behandelt werden, wenn sie nicht mehr unbeschwert und frei in der Natur oder ihrer Umgebung toben können, sondern die Welt nur noch aus dem Fernseher oder anderen elektronischen Medien kennen, dann wird sich das Gefühl, abgeschoben zu sein, in "Verhaltensstörungen" seinen Protest bahnen. Das ist eine der Hauptaussagen des Buches.

Das Buch gliedert sich in drei Teile: (1) Verlässlichkeit und Aufmerksamkeit, (2) ADHS und die Andersheit der Kinder, (3) Wege aus der Sackgasse. Im zweiten Teil läuft der Autor gegen die "pharmazeutische Wende" in Psychiatrie Sturm. Und das sehr zu recht. Seine Ausführungen über die merkwürdige Logik bei der Ursachenforschung für ADHS und die daraus abgeleitete Drogentherapie waren für mich die stärksten Abschnitte des Textes.

Doch bei aller Sympathie für den Autor und sein Anliegen erscheint mir sein Buch nicht völlig durchdacht zu sein. Ich hatte jedenfalls noch Tage damit zu tun, mir zu überlegen, wie ich diesen Text nun eigentlich zu verstehen habe. Das beginnt schon mit der Frage, wie man das Problem überhaupt quantifizieren kann. Ich kenne viele Kinder, aber keine mit diesem Syndrom.

Der Text liest sich nicht immer ganz einfach. Offenbar konnte sich der Autor nicht entscheiden, für wen er sein Buch eigentlich schreiben will. Es ist vom Stil her eher eine erziehungswissenschaftliche Arbeit mit gelegentlichen persönlichen Abschweifungen und endet mit Appellen an die Wissenschaft, Studien fortzuführen, die bewiesen haben wollen, dass Waldspaziergänge das Verhalten von ADHS-Kindern abmildern.

Ein Aufenthalt in der Natur beruhigt immer, aber er repariert keine Familien. "Waldkindergärten" im Sinne des Autors sind bestimmt eine tolle Idee, aber dazu braucht man Wald. Und vermutlich sind die ADHS-Diagnosen in großen Städten besonders häufig.

Ich bin sicher einer der Letzten, der einem Aufenthalt in der Natur nicht befürworten würde. Aber ein wie auch immer geartetes "Zurückfinden in die Natur", das als Forderung immer wieder und sicher berechtigt auftritt, macht doch die zunehmende Fragmentierung der Gesellschaft nicht rückgängig. Natur ersetzt nicht die Geborgenheit in einer intakten Familie.

Und steckt nicht hinter der Waldkindergarten-Idee das Prinzip staatlichen Eingreifens in Abläufe und Verantwortlichkeiten, die den Staat nichts angehen? Und kann es nicht sein, dass dieses Prinzip auch einen Anteil an der Fragmentierung der Gesellschaft besitzt, weil es die Verantwortlichkeit der Familie aufheben will?

Der Autor hat sicher recht, wenn er die Natur als Heiler in Spiel bringt. Sie kann allerdings nicht kitten, was anderswo zerstört wird. Insofern lässt das Buch seine Leser mit mehr Fragen als Antworten zurück, wenngleich der grundlegende Ansatz des Autors im Sinne einer individuellen Heilung oder Milderung von Hyperaktivität und Konzentrationsschwäche bestimmt richtig ist.

Ob das nun mit einer vom Autor behaupteten Verlässlichkeit der Natur zusammenhängt oder einfach eine Übertragung von Harmonie und Ruhe in die gequälte Seele ist, scheint dabei zweitrangig. Es zeigt sich immer wieder, dass selbst schwer verhaltensgestörte Kinder dann wieder zu sich finden, wenn sie aus ihrer sie irre machenden Umgebung herausgerissen werden und in hierarchische Familienstrukturen mit festen Regeln und einem dauerhaften Bezug zur Natur kommen.

Alles in allem also ein lesenswertes Buch, weil es tatsächlich zum Nachdenken anregt.

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hanna_loreleis avatar

Rezension zu "Über das Philosophieren mit Geschichten für Kinder und Jugendliche" von Helmut Schreier

Rezension zu "Über das Philosophieren mit Geschichten für Kinder und Jugendliche" von Helmut Schreier
hanna_loreleivor 6 Jahren

Schreier stellt interessante Definitionen für Philosophie und der Gesprächsmethode vor. Außerdem ist er einer der wenigen Fürstreiter für philosophieren mit Kindern, aber Kritiker dies in der Schule zu tun!
Allerdings lassen sich seine Beispiele schwerer lesen und selber versuchen, als beispielsweise die Matthews. Anregend und inspirierend sind sie aber allemal.

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