Henning Ritter

 4.3 Sterne bei 12 Bewertungen
Autor von Notizhefte, Die Schreie der Verwundeten und weiteren Büchern.

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Notizhefte

Notizhefte

 (3)
Erschienen am 04.09.2010
Die Schreie der Verwundeten

Die Schreie der Verwundeten

 (2)
Erschienen am 12.02.2013
Soziologie und Anthropologie

Soziologie und Anthropologie

 (1)
Erschienen am 01.01.1974
Verehrte Denker

Verehrte Denker

 (1)
Erschienen am 20.08.2012
Nahes und fernes Unglück

Nahes und fernes Unglück

 (1)
Erschienen am 15.03.2005
Die Eroberer

Die Eroberer

 (1)
Erschienen am 15.02.2008
Die Wiederkehr der Wunderkammer

Die Wiederkehr der Wunderkammer

 (1)
Erschienen am 17.03.2014
Die Herrschaft der Mechanisierung

Die Herrschaft der Mechanisierung

 (1)
Erschienen am 01.01.1988

Neue Rezensionen zu Henning Ritter

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M

Rezension zu "Die Schreie der Verwundeten" von Henning Ritter

Rezension zu "Die Schreie der Verwundeten" von Henning Ritter
michael_lehmann-papevor 6 Jahren

Grausamkeit als Begleiter der Menschheit

Unerträglich wäre, was Ritter als eine „Essenz“ menschlichen Seins luzide und bewegend in seinem Essay vor Augen führt, wenn es nicht auch noch die „andere Seite“ gäbe.

In einer Zeitspanne von etwa der französischen Revolution an bis nach dem ersten Weltkrieg wendet sich Ritter fundiert und breit dem zu, was das menschliche Sein anscheinend nicht nur nicht lassen kann, sondern in dunkelster kreativer Form immer weiter entwickelt und dabei jeden moralischen oder ethischen Maßstab verlässt: „Die Grausamkeit“.

Es ist ja ein Widerspruch fast in sich, dass die französische Revolution für die Menschenrechte und gegen die Diktatur antritt, eine Bürgergesellschaft gestalten will und dabei die Guillotine letztendlich fast im Minutentakt gebraucht. Und auch sonst in grausamer Weise von der Folter bis zur Verfolgung wenig auslässt, was Menschen einander an Schmerz antun können. Ritter legt auch hier den Finger mitten auf eine schwärende Wunde all dessen und derer, die sich als „zivilisiert“ schon damals verstanden haben. Das es eben keine Selbstverständlichkeit in der „bürgerlichen Revolutionsgesellschaft“ war, überhaupt noch einmal im Konvent gehört zu werden, bevor es zur Aburteilung ging.

„Die Wüste wächst mit jedem Tag“, ein Satz Michelets der damaligen Zeit, der bis heute seine Berechtigung hat. Mehr noch, als wäre es so, dass der Mensch in Bezug auf die Grausamkeit noch nie wirklich die Wüste der Existenz verlassen hätte. Gewalt war immer ein probates Mittel und über die Jahrhunderte, auch das ein einprägsames, starkes Bild Ritters, „Schreien die Verwundeten“. Nicht nur nach Mitleid, sondern auch nach Recht und Menschlichkeit.

Unerträglich wäre das, wenn nicht Ritter auch das Mitleid wieder mit in den Blick nehmen und rücken würde. Die „Schwester“ der Grausamkeit und ein paradox fast, dass der gleiche Mensch, die gleiche Menschheit zu beiden in fast grenzenloser Weise fähig ist. Eine Analyse, die immer zutreffender wird, gerade in der modernen Welt, wo die Grenzen zwischen Grausamkeit und Mitleidsfähigkeit verschwimmen, wo Selbstmordattentäter Maasen mit in den Tod reißen und zugleich das Wesen der Zuwendung und Wohlfahrt religiös vorgeschrieben ist (und durchaus breit eingehalten wird).

Am Ende folgt man Ritter überzeugt in seiner Bezeichnung unseres Zeitalters als „unter der Signatur der Zweisprache von Grausamkeit und Mitleid“. In einem Lebensraum der Natur, die ausschließlich für die Erhaltung der Arten und nicht für das Individuum sorgt. Einem Lebensraum, in dem eine „tröstliche Kultur“ (wie sie um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert hin propagiert und auch geglaubt wurde) ebenfalls keine existenzverändernde Kraft in sich trägt. So verbleibt der kleine Lichtblick (den Ritter allerdings nicht zum „Programm“ macht, seine Kraft ist die der Darstellung , nicht die der „Rettung“), dass es als Aufgabe des Menschen im Raume verbleibt, die großen „Kränkungen), die Freud benannte, eben nicht „persönlich“ zu nehmen, nicht auf echte oder vermeintliche Kränkungen mit der automatischen Grausamkeit des „Kampfes gegen den vermeintlich Kränkenden“ zu antworten, sondern die Wahrheiten des Lebens ohne Kränkung hören zu können.

Nein, der Mensch ist nicht die „Krone“ der Schöpfung sondern nur Teil der Natur, die auch durch ihn hindurchgeht. Damit aber entfällt letztlich die Grundalge für Gewalt und Grausamkeit gegen andere, denn da der Mensch an sich nicht die Krone ist, ist auch keiner der Menschen untereinander dazu berechtigt, sich „über die anderen“, und sei es mit Gewalt, zu erheben. Mitleid ist die bessere Variante, gerade einem Wesen mit Verstand angemessen, das sich über die kurzfristigen Triebe zu erheben vermag. Mit Anstrengung zwar, aber dennoch möglich.

Ein sprachgewandtes, in sich wunderbar schlüssiges Essay zum „Augen öffnen“, auch wenn keine fertigen Alternativen oder Aufrufe zum „Mach anders“ von Ritter in den Raum geworfen werden. Zur Reflektion auch des eigenen Handelns bestens geeignet.

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Rezension zu "Verehrte Denker" von Henning Ritter

Rezension zu "Verehrte Denker" von Henning Ritter
HeikeGvor 6 Jahren

Ästhetische Reflexionen
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Die Substanz und das Subjekt

Liegen müßig hingestreckt.

Die Substanz kaut an der Prosa

Eines Benedikt Spinosa.

Das Subjekt liest nur noch Hegel

Und benimmt sich wie ein Flegel.

Jeder hofft den jeweils Andern

Mit sich selbst zu unterwandern.

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Mit diesen Worten beginnt Carl Schmitts "Ballade vom reinen Sein", die er unter dem Pseudonym Erich Strauß in den fünfziger Jahren veröffentlichte. Sie zeigt nur zu gut, dass der 1985 fast hundertjährig verstorbene Jurist und politische Denker, der zu einem der einflussreichsten und gleichzeitig umstrittensten deutschen Gelehrten im 20. Jahrhundert avancierte, vielseitig interessiert war und überall originelle Gesichtspunkte ins Spiel brachte. Henning Ritter, der sich bereits in jungen Jahren von dessen "Art zu sehen, zu denken, fasziniert von der Spannung, die er zu erzeugen vermochte" magisch berührt fühlte, führt mit Carl Schmitt seine "biografischen Inszenierungen" an. Vier weitere, nicht minder bedeutende Gelehrte unserer Zeit folgen: der charismatisch-dämonische Religionssoziologe, Philosoph, Judaist und "Ideenhändler" Jacob Taubes, Klaus Heinrich, einer der Mitbegründer der Freien Universität Berlin, der britisch-jüdisch-russische politische Philosoph Isaiah Berlin und der deutsche Philosoph Hans Blumenberg.
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Das schmale Büchlein aus der erfolgreichen Essayreihe des zu Klampen Verlages entpuppt sich durch Ritters ganz persönliche Sicht auf herausgepickte Momentaufnahmen als ein höchst vergnügliches "intellektuelles Abenteurertum". Der Autor stellt zwar fest, dass eine Beziehung zu einem Menschen nicht auf ein einzelnes Erlebnis gegründet sein kann, aber "es sind doch einzelne Züge, die im Rückblick die Anziehungskraft (...) erklären." Diese arbeitet er wunderbar heraus, setzt diese "Singularitäten" letztendlich jedoch wieder in ein großes Ganzes, indem er ein weitmaschiges Beziehungsgeflecht knüpft. Und obwohl seine fünf völlig verschiedene Charakterköpfe waren, zeichnet alle eine verbindende Gemeinsamkeit aus, die sich wie ein roter Faden durch die Essays zieht: ihr hoher "Grad der Spannung des Denkens". Diesen "Messwert" macht Henning Ritter in seinen kurzen und durchaus subjektiven Essay für den Leser deutlich spür- und erlebbar. Ganz im Sinne seiner Porträtierten gelingt es dem Autor formidabel, Geist zu beleben und "geistige Erregtheit zu übermitteln."
"Verehrte Denker" zeigt auch in weniger opulenter Form, dass "die Biografie kein untergeordneter Zugang zur Philosophie und zur Welt der Ideen [ist], sondern der Schlüssel zu ihnen."
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"Entfesselung ist nicht schwer." (Carl Schmitt)

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W

Rezension zu "Notizhefte" von Henning Ritter

Rezension zu "Notizhefte" von Henning Ritter
WinfriedStanzickvor 6 Jahren

Das ist ein Buch, von dem vielleicht die Historiker in einigen Jahrzehnten sagen, es sei eines der ausdrucksstärksten Dokumente einer längst vergangenen Zeit und Epoche. Henning Ritter, ein Intellektueller der alten Schule, war für die FAZ von 1985 bis zum Jahr 2008 (man beachte diesen enormen Zeitraum!) zuständig für den Bereich Geisteswissenschaften und hat die philosophische und geisteswissenschaftliche Debatte in dieser Zeit durch zahlreiche wichtige Bücher bereichert.

In dieser ganzen Zeit und auch lange Jahre zuvor hat er für sich ganz allein Notizhefte geführt. Dabei ließ er sich von Anfang an durch Georg Christoph Lichtenbergs „Sudelhefte“ inspirieren. Nun hat er in einem durch Dünndruck doch sehr umfangreichen Buch etwa einen zehnten Teil dieser enormen Produktion der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Jeder, der das Buch in die Hand nimmt, sei gewarnt: er wird es so schnell nicht mehr aus der Hand legen können. Man gerät immer tiefer in die Gedankenwelt Ritters hinein, lässt sich faszinieren von seiner Sprachkunst und seinen tiefsinnigen Bemerkungen. Von kurzen Aphorismen bis zu Texten, wo ihn ein einzelner Gedanke zu einem ganzen Essay treibt, von politischen Einschätzungen, die in der Regel skeptisch bleiben, wie es sich für einen ernsthaften Intellektuellen gehört, bis hin zu zahllosen kleinen Texten über die Bücher alter und neuerer Denker, die er gelesen und scharfsinnig kommentiert hat, geht das Spektrum dieses Buches - und immer gehen die Texte „ darüber hinaus“.

Sie erinnern an Adornos „Minima Moralia“ und haben ihr gegenüber doch den Vorzug weitaus größerer Offenheit. Wo Adorno apodiktisch formuliert und urteilt, nennt Ritter das eine „Signatur der Rechthaberei“, die die „Anmut der Prosa“ vernichte.

Von solcher Anmut ist man auf fast jeder Seite dieses bemerkenswerten Buches gefangengenommen. Während und nach seiner Lektüre schmerzt die Flachheit der gegenwärtigen Diskurse und ihre sprachliche Erbärmlichkeit ganz besonders.

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