Henning Scherf

 4,3 Sterne bei 4 Bewertungen
Autor*in von Grau ist bunt, Das letzte Tabu und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Henning Scherf, Dr. jur., geb. 1938, war lange Jahre Sozial-, Bildungs- und Justizsenator und von 1995 bis 2005 Bürgermeister und damit Ministerpräsident des Bundeslandes Bremen. Er ist verheiratet, hat drei Kinder, ist neunfacher Großvater und lebt in Deutschlands berühmtester Haus- und Wohngemeinschaft.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Henning Scherf

Cover des Buches Grau ist bunt (ISBN: 9783451031496)

Grau ist bunt

(2)
Erschienen am 15.10.2018
Cover des Buches Altersreise (ISBN: 9783451064876)

Altersreise

(1)
Erschienen am 01.04.2014
Cover des Buches Das Alter kommt auf meine Weise (ISBN: 9783442156511)

Das Alter kommt auf meine Weise

(1)
Erschienen am 14.03.2011
Cover des Buches Das letzte Tabu (ISBN: 9783451032660)

Das letzte Tabu

(1)
Erschienen am 14.03.2022

Neue Rezensionen zu Henning Scherf

Cover des Buches Das letzte Tabu (ISBN: 9783451349263)
W

Rezension zu "Das letzte Tabu" von Henning Scherf

WinfriedStanzick
„Alles Leben ist endlich. Wir möchten Mut machen, sich darauf wieder zu besinnen"



Das vorliegende Buch von Henning Scherf und Annelie Keil, die beide schon seit langer Zeit über dieses Thema nachdenken und auch veröffentlicht haben, ist ein weiterer großer Stein, der aus einer großen Mauer entfernt wird. Eine Mauer, über eine lange Zeit aufgebaut worden, die um den Tod herumgezogen wird. Eine Mauer, die den Tod tabuisiert und ins Anonyme von Sterbezimmern, Altenheimen und Krankenhäusern zwingt. In einer Gesellschaft, die das Junge preist, den Erfolg, die der Leistung und der Schönheit huldigt, hat der Tod keinen Platz.

Doch es gibt schon seit vielen Jahren eine Bewegung, die nicht nur in Büchern, sondern auch ganz praktisch in immer mehr Hospizen und den Gruppen, die sie tragen, haupt- und vor allen Dingen ehrenamtlich, versucht, eine Kultur zu etablieren, in der man über das Sterben und den Tod wieder reden und den Abschied leben lernen kann.

Das vorliegende Buch ist ein wichtiger Beitrag dazu. Offen und authentisch erzählen Henning Scherf und Annelie Keil in unterschiedlichen Beiträgen von persönlichen Erfahrungen mit dem Thema, reflektieren es aber immer auch auf eine erfrischende und verständliche Art philosophisch, politisch und kulturell.

Es ist bewegendes Buch, das keinen unberührt lässt, der sein  eigenes Sterben und seinen Tod nicht immer noch mit Macht verdrängt (dann greift er wohl nicht zu diesem Buch). Ein Buch für Menschen, die für sich selbst und dann vielleicht auch im Gespräch mit denen, die ihnen lieb und wert sind, lernen wollen, sich in dieser Tabuzone freier zu bewegen Dazu wollen die beiden Autoren ermutigen. Sie schreiben dazu:

„Alles Leben ist endlich. Wir möchten Mut machen, sich darauf wieder zu besinnen. Gerade im Sterben, wenn wir unsere Verletzlichkeit besonders stark erfahren, brauchen wir Professionalität und Phantasie, Eigensinn und gegenseitigem Respekt, vor allem aber persönliche menschliche Zuwendung. Wenn wir Ängste und Sorgen gemeinsam annehmen, bleibt niemand ausgeschlossen; so kann eine Kultur der Menschlichkeit am Lebensende gelingen.“

Cover des Buches Altersreise (ISBN: 9783451304439)
W

Rezension zu "Altersreise" von Henning Scherf

WinfriedStanzick
Rezension zu "Altersreise" von Henning Scherf

Seit 2010 lebt der ehemalige Bürgermeister von Bremen und beliebte SPD Politiker und überzeugte Christ Henning Scherf in Borgdorf in einer auch durch seine Bücher und Interviews mittlerweile sehr bekannt gewordenen Wohngemeinschaft. Dort versucht er mit anderen Menschen unterschiedlichen Alters etwas zu verwirklichen von seinem Traum, auf eine andere Weise alt zu werden als in den herkömmlichen „Altensilos“, wie er das nennt.

In seinem neuen Buch „Altersreise“ teilt er neben Tagebuchnotizen aus seinem neuen Leben in seiner WG auch Berichte und Erfahrungen mit, die er zusammen mit Uta von Schrenk, mit der er schon mehrere Bücher zum Thema Alter geschrieben hat und seinem Fotografen Tristan Vankahn auf einer „Altersreise“ durch Deutschland gemacht hat. Eine Reise, auf der er in den vergangenen zwei Jahren ganz unterschiedliche Einrichtungen und Modelle besucht hat.

Immer wieder stellt er sich und seinen Lesern die Frage: Wie wollen wir alt sein? Und wie können wir würdig altern? Nicht weggesperrt in Heime, sondern zusammen mit anderen, mitten in der Gesellschaft?

Nicht nur in Borgdorf in seinem eigenen Projekt, sondern auch an vielen anderen Orten des Landes findet er Beispiele, wo ein solches Zusammenleben gelingt.

Reimer Gronemeyer, ein anderer Pionier eines würdigen Umgangs mit dem Alter hat eben in seinem Buch „Das 4. Lebensalter. Demenz ist eine Krankheit“ dazu aufgefordert, Menschen mit Demenz gastfreundlich aufzunehmen und sie nicht zu behandeln wie Aussätzige. „Wir brauchen Nachbarschaftlichkeit, Freundlichkeit, Wärme“. Und: „Ein Ausweg aus dem Demenzdilemma muss künftig eher in der Konstruktion einer gastfreundlichen Lebenswelt als in der Perfektionierung spezialisierter Versorgung gesucht werden.“

Und was für die Demenz gilt, gilt erst recht für all die anderen Alterserscheinungen, die eine sich immer jung gerierende Gesellschaft abspaltet. Und sie spaltet es ab, weil die einzelnen Menschen nichts damit zu tun haben wollen. Die Vorstellung, mit einem alten Menschen zusammenzuleben, ihm die Versorgung angedeihen zu lassen, die er braucht, und damit auch einmal auf Zeit und mit der nötigen Unterstützung anderer, auf bestimmte Annehmlichkeiten zu verzichten, findet man in einer Konsum – und Spaßgesellschaft kaum noch. Doch all die vielen Singles werden auch einmal alt werden. Wenn sie nicht frühzeitig sich familienähnliche Netzwerke aufbauen und in ihnen leben lernen, steht ihnen ein einsames Schicksal im Alter bevor. Autoren wie Henning Scherf und Reimer Gronemeyer wollen dem entgegen wirken und das Altwerden und Altsein als eine Herausforderung begreifen, die unsere Gesellschaft bewältigen kann und muss, will sie menschlich bleiben. Denn ich glaube, es ist richtig, was Gronemeyer für die Demenz vermutet und dass es cum grano salis für das Alter generell gilt:
„Ich verstehe die Demenz als Zeichen für einen radikalen kulturellen Bruch mit der Vergangenheit. Vor allem sind uns unsere Ahnen vollkommen gleichgültig geworden. Unsere Toten sind nicht mehr gegenwärtig, die Welle der Anonymisierung in der Friedhofskultur ist ein deutliches Anzeichen dafür. Sie sind nicht mehr unter uns. Und ich kann nicht glauben, dass das Phänomen Demenz abzulösen ist von dieser radikalen Erinnerungslosigkeit an das, was zu uns gehört. Vielleicht ist das eine weitere Mitteilung, die Menschen mit Demenz uns machen: Sie wissen, dass sie sofort vergessen sein werden, wenn sie tot sind. Und deshalb vergessen sie uns, die gesund Lebenden, bevor wir sie vergessen.“

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