Ich hatte gezielt nach Literatur gesucht, die sich in Form eines Romans mit der neolithischen Revolution beschäftigt. Die Erzählung "Die Sonne bleibt nicht stehen" von Gabriele Beyerlein entsprach genau meinen Wünschen.
Dilgo ist ein junger Waldmann, der mit seiner Sippe vor etwa 7000 Jahren im bayrischen Donautal lebt. Er entschließt sich zur einer Reifeprüfung, um in die Welt der Erwachsenen aufgenommen zu werden. Dazu muss er sich einen Monat lang allein im Wald aufhalten.
Seine Wanderschaft führt ihn zu Bauern, zu denen auch das Mädchen Mirtani gehört.
Zuerst entdeckt er einen Weg, der planmäßig von Menschen angelegt scheint. Die Spuren auf dem Pfad sind zu klein für die von Auerochsen und auch der Geruch der Fladen irritiert ihn. "Immer wieder sah er rechts und links des Weges entlaubte Ulmen; Ulmen, die noch an den obersten Zweigen Blätter trugen ... Er schaute genauer hin. Da stieg heiße Wut in ihm auf. Es war klar zu sehen, dass es Menschen gewesen waren, die dem Baum dies angetan hatten."
Zu Besuch bei den Bauern erträgt Dilgo deren Demütigungen nicht. Mirtani kann sich aber auch nicht entschließen, mit Dilgo bei den Waldmenschen zu leben.
Als die Höfe der Ortschaft von anderen Siedlern, deren Hab und Gut einem Waldbrand zum Opfer gefallen ist, überfallen werden und die Bewohner des Dorfes nicht wissen, wie sie ohne Vorräte überleben sollen, gar daran denken, nun die schwächeren Nachbarn zu berauben, überwindet sich Dilgo und möchte helfen.
Deutlich erkennen er und seine Familie die Nachteile der neuen Lebensweise: "Und weil sie verlernt haben, sich von dem zu ernähren, was man jeden Tag neu finden und erbeuten kann, müssen sie Vorräte anlegen und immer mehr Vorräte. Und wenn sie keine Vorräte haben, dann bekommen sie Angst. Und wenn sie sehen, dass ein anderer mehr hat, dann packt sie der Neid. Und wenn durch ein Unglück wie den Waldbrand die Vorräte vernichtet sind, dann fällt ihnen nichts Besseres ein, als sich an denen ihrer Nachbarn zu vergreifen. Und sie schlagen sich noch tot dabei."
Der Großvater sieht im Wissen der Waldmenschen ihren einzig wertvollen Besitz. Gildo hält dagegen: "Die Bauern haben ein neues Wissen und davor kann man nicht einfach die Augen verschließen und so tun, als wäre es nicht da!"
Dieses Wissen, diese Macht treibt Gildo schließlich zu den Bauern.
Im ausführlichen Nachwort schreibt die Autorin: "Vielleicht sollte es uns alle nachdenklich stimmen, dass im Alten Testament (1. Buch Mose, Kapitel 3 und 4) der Beginn von Ackerbau und Viehzucht mit dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies in Verbindung gebracht wird:" Ihr Bibelzitat endet mit den Worten: "Und Abel ward ein Schäfer; Kain aber ward ein Ackermann."
Mit dem Streben des Menschen nach Macht, nach Gottgleichheit, hat er sich selbst aus dem paradisischen Zustand getrieben. Die Natur steht inzwischen kurz vor dem endgültigen Kollaps. Aus dem Brudermord Kains an Abel wurden Holocaust und Atombombenabwürfe. Ein Zurück ist ausgeschlossen. "Die Sonne bleibt nicht stehen!"
Gedacht ist die Erzählung als Schullektüre. Die Jugendlichen erfahren viel über die Lebensweise der ersten Bauern, weniger über die Waldmenschen. Ich hoffe vor allem, dass die Mahnung bei den Schülerinnen und Schülern ankommt.
Ich danke Gabriele Beyerlein herzlich für die Erzählung und Herbert Lorenz für den historischen Rahmen.
Vera Seidl


