Ich möchte hier direkt mit einem Zitat aus dem Buch beginnen: Dass die Annahme, die Steinzeit sei primitiv und ohne jeglichen Fortschritt, „grundfalsch ist, ist die zentrale Botschaft dieses Buches. Es gibt wohl kaum eine Epoche der Menschheitsgeschichte, in der in vergleichbarer Weise durch intellektuelle Leistung und Unnachgiebigkeit, Innovationskraft und Wagemut zugleich fundamentale Voraussetzungen für unser weiteres Leben geschaffen wurden.“ (S. 7) Und genau das zu vermitteln gelingt dem Autor sehr gut.
Das hier vorliegende Büchlein beginnt mit dem ersten Auftreten von Steingeräten und endet mit dem Erreichen der Sesshaftigkeit. Der Fokus liegt dabei auf Vorderasien und Europa, wobei aber auch spannende Klammern zu anderen Weltgegenden aufgemacht werden. Auf knappem Raum gelingt es dem Autor, die großen Entwicklungslinien von den ersten Werkzeugen bis zur Sesshaftwerdung anschaulich nachzuzeichnen, ohne dabei an Tiefe zu verlieren.
Insgesamt eine faszinierende Lektüre, die Lust macht, noch tiefer ins Thema einzutauchen und ins nächste Museum zu gehen.
Fazit: Sehr zu empfehlen.
Hermann Parzinger
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Hermann Parzinger
Abenteuer Archäologie
Die Skythen
Die Kinder des Prometheus
Die Steinzeit
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung / Die frühen Völker Eurasiens
Verdammt und vernichtet
Neue Rezensionen zu Hermann Parzinger
Wissensvermittlung in hervorragender Form
„Am Anfang war das Wort….sicher nicht die Schrift“.
Kommunikation aber ist jene Möglichkeit, welche die Entwicklung des Menschen entscheidend in langsamer Entwicklung befördert hat.
Der Neandertaler war es in diesem Zusammenhang, der sich als erstes zum einen Schritt für Schritt von der Natur emanzipierte und das „Jenseits“ entdeckte.
Erste hüttenartige Behausung, der Schutz des Körpers durch Fellbekleidung und die Entwicklung von Werkzeugen steht für diese Emanzipation von der Natur, wie die fortgeschrittene innere Organisation des Neandertalers bei der Jagd samt damit einhergehender Spezialisierung auf einzelne Tierarten. Die Entwicklung von Bestattungsriten zeigt auf die fortschreitende Entwicklung „über die Nahrungsversorgung“ hinaus in Richtung eines „über sich hinaus denkenden“ Wesens.
Im Gesamtkontext der Evolution des Gehirns und der kulturellen Folgen geht Parzinger in seinem umfassenden Werk in dieser und vielfach weiterer Weise der Entwicklung des Menschen vor der Erfindung der Schrift nach.
Wie der „große Sprung zur kulturellen Modernität“ dem Homo sapiens gelang, die „Eroberung der Welt“, die Ausformung sozialer Strukturen, die Entfaltung kultureller Merkmale wie der Kunst (die „Eiszeitkunst“) und die Entfaltung der „Stadt“ aus dem „Lagerplatz“ heraus (in Vorderasien zunächst) sind dann die nächsten Etappen auf dem Weg in die Moderne, die einhergehen mit dem Umschwung von nomadischer auf die bäuerliche Lebensweise, die Entstehung erster Großsiedlung, denen Städte folgten (Mesepotamien).
Ein Prozess, der „sesshaften Lebensweise“, der sich nach Europa hin importierte und für einen Kulturwandel zwischen „Alpen und Ostsee“ sorgte.
Sei es das Niltal mit der altägyptischen Zivilisation, sei es die Kulturentwicklung in der Sahara oder das Leben in den Steppen und Waldgebieten Eurasiens, einen globalen Blick wirft Parzinger auf all jene „Brutstätten der Kultur“, die sich einerseits den konkreten Gegebenheiten folgend individuell ausformten, die andererseits aber im Lauf der Zeit jene wichtige „Schnittmenge“ an allen Orten beginnender menschlicher Kultur bereit stellte für die wesentlichen sozialen und kulturellen Entwicklungselemente.
Prozesse, die Parzinger sachlich, wissenschaftlich, durchaus aber verständlich beschreibt. Und immer wieder es versteht, die Besonderheiten der jeweiligen Lage vor Augen zu führen, die zu ganz eigenen Entfaltungen je führt in Ozeanien, Nordamerika, Mittelamerika, Europa, Asien und Afrika.
„Seit der Mensch existiert, zählt die Sicherung der Ernährung zu den entscheidenden Triebfedern jeglicher menschlicher – kultureller und biologischer – Entwicklung“.
So ist es natürlich kein Zufall, dass die ersten Werkzeuge der Zerteilung von Fleisch dienten und „exakt in die Zeit des Übergangs vom Vegetarier zum Aasfresser fiel“.
Das problemlösende, zielgerichtete Denken ist jene Kompetenz, die die Menschheit früh entfaltete und die deren Überleben und den Gang an die „Spitze der Nahrungskette“ initiierte.
Schritte, die eine „verbesserte Qualität im Planungsvermögen“ voraussetzten und damit die Evolution des Gehirns wesentlich mit anstießen. Fortschritt und Weiterentwicklung des Gehirns gehen somit Hand in Hand und schlagen sich auch in der Kunst erkennbar nieder, wie Parzinger ausführlich darlegt.
Hier verortet Parzinger die entscheidenden Entwicklungsschritte zur „Menschwerdung“, in der sich entfaltenden Möglichkeit zu phantasievollen Innovationen, deren Entwicklung über die Zeiten hinweg er im Buch detailliert nachvollzieht.
Kein Buch, weder in der Form noch im Inhalt, für nebenbei, aber eine Lektüre von hohem Informationsgewinn und fundierter Darstellung über die Nutzung des Geistes durch die Menschheit, den Erhalt und die Weiterentwicklung ihrer Existenz überaus erfolgreich zu sichern. Und damit auch ein verhalten optimistischer Blick in die Zukunft aus der tiefsten Vergangenheit heraus.
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