Hermann Stefánsson

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Rezension zu "Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte" von Hermann Stefánsson

Nicht einfach, aber besonders sprachlich brillant
joergmcflyvor 5 Jahren

Das "Sagenhafte Island" war 2011 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse; in diesem Zusammenhang hatte blogg-dein-buch PUNKT de in letzter Zeit überdurchschnittlich viele isländische Werke im Angebot der zu rezensierenden Bücher. Eines davon hat mich - wie auch bei der letzten Runde - wegen meines Lieblingsthemas "Zeitreise" besonders angesprochen; ich durfte inzwischen tatsächlich ein Rezensionsexemplar des Romans mit dem oben genannten Titel genauer unter die Lupe nehmen.
Hermann Stefánsson hat mit dem Roman "Algleymi" (Originaltitel) 2008 offenbar bereits das dritte Buch herausgebracht, das von den Protagonisten Guðjón Ólafsson und Helena erzählt. In diesem Roman hat Guðjón nach einem Unfall - oder war es ein Überfall? - sein Gedächtnis und zunächst auch seine Sprachfähigkeit verloren. Nach und nach muss er sich sein Leben wieder erschließen. Seine Freundin Helena, in deren Perspektive regelmäßig gewechselt wird, kommt mit alledem nicht klar und zieht sich in ihrem Job als Übersetzerin aufs Land zurück wo eine krimiartige Nebenhandlung eröffnet wird, die sich erst um einiges später wieder etwas unmittelbarer mit Guðjóns Erzählfaden verknüpft. Er dagegen wird Teil (oder ist er es bereits geworden? Raum- und Zeitverwirrung greifen hier sehr leicht auf den Leser über...) eines bizarren Experiments, verbunden u.a. mit der umstrittenen Urknall-Forschung im Schweizer CERN-Labor, das schon einmal für einen Zeitreise oder vielmehr "-Stillstand"-Roman herhalten musste ("42" von Thomas Lehr). Er erlebt dabei Visionen bzw. Erfahrungen und Erinnerungen aus Sicht von geschichtlichen Personen... bis in die Zeit Jesu Christi!
Zu bemerken ist, dass der Verlag mit dem deutschen Titel einen "Spoiler" produziert hat - das kann man auch dem Klappentext anlasten: Die Hinweise, dass es nämlich im Grunde nicht nur um die Geschichte eines Mannes mit Gedächtnisverlust geht, der - aus welchen Gründen auch immer - "Erinnerungen an die Vergangenheit" anderer Menschen hat, sondern eben um ein beabsichtigtes Zeitreiseexperiment, sind im Text sehr subtil verborgen. Ab und an streuen die Figuren, mit denen Ólafsson interagiert, das Thema ein, und auch er selbst philosophiert unter anderem über die Zeit und diesbezügliche physikalische Experimente - aber doch meistens eher durch das Gedankenwirrwar in seinem Gehirn motiviert: Dass da wirklich ein Zusammenhang besteht zwischen den Spritzen seines Arztes und den Experimenten im CERN, und dass es dabei wirklich um Bewusstseins-Zeitreisen geht, wird erst in der zweiten Hälfte des Romans so richtig klar - aber der Effekt dieser langsamen Erkenntnis wird durch den sperrigen deutschen Titel m.E. verdorben. Zum Vergleich: Das Original hieß, wie ja schon erwähnt, einfach und kurz "Algleymi", was soviel bedeutet wie "Entzücken", "Euphorie", im englischen Titel des Buches - ebenfalls nur in einem Wort - auch als "Nirvana" oder "Vergessen(heit)" übersetzt. Ansonsten kann die erst 2011 erschienene deutsche Fassung aber in jeder Hinsicht glänzen: Der Übersetzer Richard Kölbl schafft es meiner Ansicht nach, sowohl wissenschaftliche Sprache als auch kulturelle Anspielungen ebenso wie die Sprachspielereien - ja zu Beginn auch einfach Sprachfetzen zu nennen, die unter anderem die Tatsache illustrieren, dass Guðjón Ólafssons Sprachzentrum durch den Unfall gelitten hat - mit einer Leichtigkeit ins Deutsche zu übertragen, die einen vergessen lässt, dass es sich nicht um einen Originaltext handelt. Das Buch mag nicht immer einfach zu "verdauen"/verstehen sein, aber für mich als Bewunderer auch experimenteller sprachlicher Finesse war es auf der Bahnfahrt, während der ich es gelesen habe, definitiv mehr Genuss als Anstrengung. Dennoch möchte ich mit meiner 4- statt 5-Sterne-Wertung zum Ausdruck bringen, dass mir bewusst ist, dass das durchaus nicht für jeden Leser so sein mag - auch hier noch einmal der Verweis auf "42", das manchen Leser vor ähnliche Probleme stellt.
Der Roman wird auf dem Klappentext übrigens als "Ideen-Thriller" bezeichnet, was insofern treffend ist, als neben der Haupthandlung eben immer wieder philosophiert wird, sei es über das Verständnis der Menschen von ihrer Geschichte oder das Wesen der Zeit allgemein - eins der Beispiele hat es mir besonders angetan, stellt der Autor doch den Vergleich zwischen einem Spiegel als Fenster in die unmittelbare Vergangenheit (schließlich brauchen Licht- und Nervensignale ja ein bisschen Zeit, bis sie in den Spiegel und wieder hinaus respektive von den Augen ins Gehirn gewandert sind und ich mein Spiegelbild wahrnehmen kann) und der leichten Zeitverzögerung, mit der Rundfunksender ihre Ausstrahlungen versehen, um gegebenenfalls z.B. verbale "Ausrutscher" ihrer Moderatoren abfangen zu können - meine Erfahrungen mit der entsprechenden Vorrichtung habe ich bereits selbst in einer Kurzgeschichte verarbeitet, die im Hill Valley Blog unter dem Suchbegriff "Beruhend auf wahren Gegebenheiten" nachzulesen ist.
In der Kritik wird, wie netzseitig zu lesen ist ("Sagenhaftes Island" hat eine eigene Website) und, wie ich denke, ganz zu Recht, die Qualität des "avantgardistischen Werkes" in der isländischen wie auch "egozentrischen Literatur" und damit verbunden Hermann Stefánssons feiner Sinn für Humor einhellig gelobt. Von der Erwähnung stark Science-Fiction-lastiger Passagen abgeschreckte Leser vorliegender Rezension mögen beruhigt sein, denn sie können jenen m.E. in der Summe nicht ersticken.
Ich bedanke mich bei BloggDeinBuch PUNKT de sowie beim Litteraturverlag (sic) Roland Hoffmann für die Vermittlung bzw. Zurverfügungstellung eines Rezensionsexemplars.

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monja1995s avatar

Rezension zu "Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte" von Hermann Stefánsson

Rezension zu "Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte" von Hermann Stefánsson
monja1995vor 7 Jahren

Klappentext:

Der Schriftsteller Gudjon Olafsson erwacht im Krankenhaus, ohne Sprache und ohne Erinnerung daran, wie und warum er dorthin gekommen ist. Sein Vater hilft ihm, den Weg zurück in die Wirklichkeit zu finden, doch um welche Wirklichkeit geht es eigentlich?
Ganz allmählich gewinnt Gudjon seine Sprache wieder und findet heraus, dass Helena, die ihm sein Vater als seine Lebensgefährtin vorstellt, und er in Island von einem Forscher am europäischen Kernforschungszentrum CERN in der Schweiz einem durch Medikamente unterstützten Experiment unterzogen worden sind, bei dem es um Zeitreisen in die Vergangenheit ging.

Mein Umriss:

Rätsel vergangener Jahrhunderte – 200 Jahre Entwicklungsarbeit und das Ergebnis: CERN – der Teilchenbeschleuniger.
Dieses wohl größte Labor der Welt verleitet Wissenschaftler, bestehende Theorien zu testen, Beweise zu finden und neu zu definieren.
Anhand der Kenntnisse von Zeit und Raum, an denen auch Einsteins Relativitätstheorie nicht ganz unbeteiligt ist, liefert Hermann Stefansson eine mitreissende und zugleich erschreckende Vision, zu was die Wissenschaft vielleicht in absehbarer Zeit in der Lage sein wird. Nach Einsteins Theorie sollten Zeitreisen in die Zukunft nicht unmöglich sein. Hier jedoch werden Menschen wie Gudjon und Helena als Hauptprotagonisten auf Zeitreisen in die Vergangenheit geschickt.
Gudjon Olafsson erwacht aus dem Koma. Warum fiel er ins Koma? Warum leidet er an einer massiven Amnesie? Warum ist in seinem Kopf so vieles weiß wie ein unbeschriebenes Blatt?
Langsam in kleinen Schritten unter Mithilfe seines Vaters findet er zurück ins Leben. Während der Rehabilitationsphase begegnet er „dem Hinzugekommenen“, wie er seinen Lebensretter nennt.
Hier erscheint nun auch Helena, Gudjons frühere Lebensgefährtin. Ab dieser Stelle führen zwei scheinbar unabhängige Handlungsstränge durchs Geschehen.

Mein Eindruck:

Anfangs für den Leser sehr verworren geschrieben, als würde man selber an Amnesie leiden. Allerdings wird jeder der das Buch nicht nach zehn Seiten zur Seite legt, mit einer rasanten Fiktion um Zeitreisen im 21. Jahrhundert belohnt.
Wobei sich herausstellt, dass diese Zeitreisen keineswegs für Gudjon und Helena freiwillig stattfinden, sondern dem „kranken Hirn“ eines unersättlichen Wissenschaftlers entstammen, der im Laufe seiner Forschungen das bewusstseinserweiternde Medikament Deiktin entwickelte und dieses menschlichen „Laborratten“, eben Gudjon, Helena und weiteren unfreiwilligen Probanden injiziert.
Die Schreibweise ist nicht ganz einfach, was wohl auch am Thema liegen mag. Daher ist es trotz der wenigen (248) Seiten kein Buch, das man mal eben am Sonntag Nachmittag liest.
Durch die etwas ungewöhnliche Schreibweise und den Gesamtaufbau verdient insbesondere der Übersetzer Richard Kölbl den höchsten Respekt für die hervorragende Zusammenarbeit mit Hermann Stefansson.

Mein Fazit:

Hätte ich das Buch zu lesen angefangen, ohne den Klappentext gelesen zu haben, hätte ich es ganz bestimmt bereits nach 10 Seiten abgebrochen. Da der Klappentext jedoch so vielversprechend war, war der Anreiz umso höher, weiter zu lesen.
Es ist kein Buch für ungeduldige Leser, die eine feste Struktur brauchen. Jedoch ein Buch für Leser, die bereit sind sich auf etwas anderes, nicht weniger spannendes über Forschung und Entwicklung durch Einsteins „Erben“, einzulassen.

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PrinzessinAnnes avatar

Rezension zu "Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte" von Hermann Stefánsson

Rezension zu "Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte" von Hermann Stefánsson
PrinzessinAnnevor 7 Jahren

Worum geht es:
Gudjon kann sich an nichts erinnern. Eines Tages erwacht er im Krankenhaus, kann sich weder an Dinge aus seiner Kindheit und von vor kurzem erinnern, noch funktioniert sein Kurzzeitgedächnis, und trotzdem muss er es irgendwie schaffen sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Doch andauernd überkommen in scheinbare epileptische Anfälle die ihn in eine andere Welt befördern. Das alles verspricht aber ein Ende zu haben, als ihn sein Arzt Karl in die Schweiz schickt, um ihn dort einer neuen Heilungmethode zu unterziehen.

Meine Meinung:
Vorsichtig formuliert ist dieses Buch skurril, mit meinen Worten ist das Buch einfach nur ziemlich verwirrend und teilweise leider auch ziemlich ätzend. Aber mal der Reihe nach. Ich habe das Buch kostenlos zum Rezensieren von der Seite http://www.bloggdeinbuch.de/ zugeschickt bekommen, nachdem ich es mir bewusst aus einer ganzen Auswahl von Titeln ausgewählt habe. (Bestellen könnt ihr euch das Buch dann übrigens hier: http://www.litteraturverlag.com/bestellen.html) Es klingt für mich nach einer eher dramatischen Geschichte um einen Mann der sein Gedächtnis verliert und anschließend Fiktion von Realität nicht mehr unterscheiden kann. Außerdem spielt es auf Island, für mich eine der interessantesten und mystischsten Länder überhaupt. Aber schon nach den ersten 10 Seiten war ich unglaublich genervt von dem Buch, von dem Schreibstil, von allem. Der Einstieg ist total schlecht verständlich, eben auch deshalb weil es aus der Sicht bzw. mit den Rückständen eines Wortschatzes von Gudjon geschrieben ist, der sich an nichts erinnert. Die Sätze sind zusammenhanglos, unlogisch etc. Wüsste ich nicht, worum es in dem Buch ginge, hätte ich nach 5 Seiten aufgehört, weil es mir schlicht und ergreifend nicht möglich war, rein zu kommen.

Teilweise sind dann die Ansichten in dem Buch ganz cool, vor allem für Leute wie mich, die mit Physik beispielsweise nicht allzu viel am Hut haben. Z.B. die Tatsache, dass man sich selbst im Spiegel als jemand anderes wahrnimmt, als man ist, aber andere physikalische Phänomene wurden seitenweise breit getreten und am Ende hab ich trotzdem nicht verstanden wie das funktionieren soll. Über Teilchenbeschleunigung, Materie, den Urknall und und und.

Mittendrin wird das Buch dann aber spannend, und ich dachte wirklich schon: Juchuh, jetzt ist der Knoten geplatzt, das Buch ist doch keine so große Katastrophe wie angenommen. Gudjons Freundin Helena reist in ein abgeschiedenes Dorf und wird in die kranken Phantasien eines Mannes verwickelt. Klingt nach Krimi und Thriller. Hält 20 Seiten an. Und dann wird das Buch wieder irreal und anstrengend.

Wenn ich Sterne vergeben würde, bekäme das Buch höchstens noch 1 von 5.

Ich hatte beim Lesen absolut gar keinen Spaß. Das Buch ist total furchtbar, nicht flüssig, und so an den Haaren herbei gezogen, dass ich es mehr als einmal liebend gerne vergraben hätte.

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