Herta Müller Atemschaukel

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Inhaltsangabe zu „Atemschaukel“ von Herta Müller

Rumänien, Januar 1945. 'Es war 3 Uhr in der Nacht, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15° C.' So beginnt der erschütternde Bericht eines jungen Mannes, der in ein russisches Straflager verschleppt wird – so wie 60000 andere Rumäniendeutsche, von deren Schicksal Herta Müller in diesem ungeheuren Buch erzählt. In Gesprächen mit dem verstorbenen Dichter Oskar Pastior und anderen Überlebenden der Lager hat sie den Stoff gesammelt – und zu überwältigender Literatur geformt.

Eine berührende Geschichte von Hunger und Heimweh

— Bellis-Perennis

Von Herzschaufeln, Hungerengeln, Brotfallen und Blechküssen.

— thesmallnoble

Die Geschichte hat mich betroffen und gleichermaßen fasziniert. Lesenswert!

— Sikal

Eines der besten Bücher, die ich las. Herta Müllers Sprach- und Bildfülle über den Arbeitslageralltag überschreitet literarische Grenzen.

— Kopf-Kino

Keine leichte Kost. Sowohl sprachlich als auch thematisch. Und doch lesenswert

— AnMich_09

kein leichtes Thema, bildhafte Sprache

— Angel10

Großartig.

— CarolinHafen

Ein erschütterndes Buch, sowohl vom Inhalt als auch vom Erzählstil her. Aufwühlend, berührend und wahrlich große Literatur.

— pedestrian

Für mich eine Hommage an den großartigen Dichter Oskar Pastior und seine ganz eigentümliche wie faszinierende Sprache

— MetaEbene

Dem Grauen der KZs hat Hertha Müller hiermit ein in seiner Schönheit beklemmendes literarisches Denkmal gesetzt.

— NicolasDierks

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  • Herta Müller | ATEMSCHAUKEL

    Atemschaukel

    Bookster_HRO

    26. September 2017 um 15:54

    INHALT: Der 17-Jährige Leopold wird kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus seinem Heimatdorf im rumänischen Banat nach Russland deportiert, um dort in einem Arbeitslager für den Wiederaufbau Zwangsarbeit zu verrichten. Fünf lange Jahre muss er bleiben, bis seine „Kriegsschuld“ abgetragen ist. Die Lagerzeit bringt ihn an seine körperlichen und seelischen Grenzen und droht ihn völlig zu zerstören. Aber er hat Freunde: Männer und Frauen allen Alters, die sein Schicksal teilen, Deportierte aus allen sozialen Schichten. Jeder versucht auf seine Weise, gegen die Jahre anzukämpfen, die harte Arbeit, die Eintönigkeit, den Hunger durchzustehen. Viele zermürbt es, viele schaffen es nicht, aber es gibt auch Hoffnung. FORM: In über sechzig zum Teil sehr kurzen Kapiteln beschreibt Herta Müller den Lageralltag in kunstvoll poetischer Sprache. Ihr gewähltes Stilmittel hierbei ist das Untersuchen und Benennen der Dinge: Alles, was das Arbeitslager und das Leiden der Deportierten ausmacht, wird personifiziert, erhält einen Namen und eine Rolle für den weiteren Verlauf der eigentlichen Geschichte. Dadurch entstehen Wortschöpfungen, die perfekt die Umstände erklären, aus denen sie entstanden sind: Hungerengel, Atemschaukel, Wangenbrot, Blechkuss … um nur einige zu nennen. Die Überlegungen, die zu diesen Wörtern führen, sind so einfach wie nachvollziehbar: Was kann man sagen über den chronischen Hunger. […] Der Gaumen ist größer als der Kopf, eine Kuppel, hoch und hellhörig bis hinauf in den Schädel. Wenn man den Hunger nicht mehr aushält, zieht es im Gaumen, als wäre einem eine frische Hasenhaut zum Trocknen hinters Gesicht gespannt. (Seite 24 f.) Sätze wie diese sind (neben der Handlung) die eigentliche Großtat, für die man Herta Müller danken muss. Ich habe noch nie einen solchen Hunger verspürt (und werde es hoffentlich auch nie), aber jetzt habe ich eine ungefähre Ahnung, wie es sich anfühlt. Mehr kann man von Literatur nicht verlangen. FAZIT: Ich muss gestehen: Vor der Verkündung des Literatutnobelpreises hatte ich noch nie etwas von Herta Müller gehört. Gleich nach der Pressemitteilung bin ich in den Buchladen meines Vertrauens gerannt, habe mir ATEMSCHAUKEL gekauft und auch gleich gelesen. Damals war ich zugegebenermaßen reichlich überfordert und stand dem Roman eher kritisch gegenüber. Jetzt, sieben Jahre später und mit dem Wissen, was mich erwartet, muss möchte ich meine Meinung korrigieren und vergebe sehr gern die volle Punktzahl. Ein wichtiges Buch gegen das Vergessen und für die Kraft der Sprache. *** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich über Euren Besuch ***

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  • Punkte-Challenge zum SUB-Abbau 2017

    Warum Lesen glücklich macht

    GrOtEsQuE

    Punkte-Challenge zum SUB-Abbau 2017 Achtung - es handelt sich nicht um eine Leserunde sondern eine Challenge zum SUB-Abbau!!! Es werden keine Bücher verlost. Ich habe es nur als Leserunde erstellt, damit das Ganze etwas übersichtlicher wird.Ich möchte mich 2017 mehr dem SUB-Abbau widmen, daher habe ich mir überlegt eine Challenge zu erstellen. Die Regeln möchte ich so einfach wie möglich halten - es soll ja auch Spaß machen und nicht in Stress ausarten.Es wird jeden Monat ein anderes Motto geben. Für die zum Monatsmotto passenden Bücher, gibt es jeweils einen Extrapunkt. Das Monatsmotto werde ich immer Ende des Vormonats im entsprechenden Unterthema bekannt geben. Den Extrapunkt kann man mehrmals im Monat sammeln, wenn man genügend passende Bücher für das Motto hat.Jeder der mitmachen möchte, postet bitte im Unterthema Sammelbeiträge seinen Sammelbeitrag. Ich werde dann jeden Monat hier im Startbeitrag die Punkte aktualisieren. Bei den einzelnen Sammelbeiträgen ist mir eigentlich nur wichtig, dass in der ersten Zeile die Gesamtpunktzahl steht, ansonsten kann jeder seinen Beitrag so gestalten wie er möchte - entweder nur die Punkte aufschreiben oder auch das gelesene Buch benennen.Man kann jederzeit noch einsteigen - einfach einen Sammelbeitrag posten und los gehts!!! Rezensionen sind keine Pflicht. Es gelten alle Bücher, die in 2017 beendet werden, man kann also ruhig auch die in 2016 angefangen erst in 2017 beenden. Die Punkteverteilung sieht wie folgt aus: Für jedes gelesene Buch gibt es einen Punkt. Für jedes gelesene Buch, was vor 2017 auf dem SUB gelandet ist, gibt es einen Extrapunkt. Für jedes gelesene Buch, was mehr als 400 Seiten hat, gibt es einen Extrapunkt. Für jedes gelesene Buch, was mehr als 600 Seiten hat, gibt es zwei Extrapunkte. Für jedes gelesene Buch, was zum Monatsmotto passt, gibt es einen Extrapunkt. Für Comics und Mangas werden nur die Hälfte der Punkte vergeben. Hörbucher zählen auch. Bei den Extrapunkten für die Seiten einfach an dem "echten" Buch orientieren. Wenn es sich um die gekürzte Fassung des Hörbuchs handelt, dann ein dreiviertel der Seiten. (Also mal angenommen das Buch hat 400 Seiten und du hast die gekürzte Fassung des Hörbuchs, zählt es nur für 300 Seiten, also kein Extrapunkt.) Bereits früher gelesene Bücher zählen auch, aber hier gibt es den vor-2017-auf-dem-SUB-gelandet-Punkt nicht, da die Bücher ja nicht mehr zum SUB gehören. Im besten Fall kann man also 5 Punkte pro Buch erhalten. Wer noch Fragen hat, kann sie im Unterthema für Fragen stellen. Nun hoffe ich auf eine rege Teilnahme und wünsch uns schon mal viel Spaß :-) Teilnehmer --- Gesamtpunktzahl --- zuletzt aktualisiert 24.09.2017: _Jassi                                           ---  77 Punkte AmberStClair                             ---   69 Punkte (Gesamtpunkte angeben) Arachn0phobiA                         ---   239 Punkte Astell                                           ---    9 Punkte BeeLu                                         ---   92 Punkte Bellis-Perennis                          ---  646 Punkte Beust                                          ---   302 Punkte Bibliomania                               ---   201 Punkte Buecherkaetzchen                   ---   48 Punkte Buchgespenst                         ---  397,5 Punkte ChattysBuecherblog                --- 253 Punkte Buchperlenblog (CherryGraphics)  ---   130,5 Punkte Code-between-lines                ---  136 Punkte eilatan123                                 ---   53 Punkte Eldfaxi                                       ---   52 Punkte Farbwirbel                                ---   46 Punkte fasersprosse                            ---    35 PunkteFrau-Aragorn                           ---   168 Punkte Frenx51                                     ---  82 Punkte glanzente                                  ---   82 Punkte GrOtEsQuE                               ---   78 Punkte hannelore259                          ---   78 Punkte hannipalanni                           ---   157 Punkte Hortensia13                             ---   130 Punkte Igelchen                                    ---   25 Punkte Igelmanu66                              ---  178 Punkte janaka                                       ---   118 Punkte Janina84                                   ---    95 Punkte jasaju2012                               ---   20 Punkte jenvo82                                    ---   122 Punkte kalestra                                    ---   33 Punkte katha_strophe                        ---   53 Punkte Kattii                                         ---   78 Punkte Katykate                                  ---   110 Punkte Kerdie                                      ---   239 Punkte Kleine1984                              ---   142 Punkte Kuhni77                                   ---   114 Punkte KymLuca                                  ---   103 Punkte LadyMoonlight2012               ---   29 Punkte LadySamira090162                ---   259 Punkte Larii_Mausi                              ---    63 PunkteLeif_Inselmann                       ---   40,5 Punkteleseratte89                               ---   50 Punkte Leseratz_8                                ---   18 Punktelisam                                          ---   226 Punkte louella2209                            ---   69 Punkte lyydja                                       ---   92 Punkte mareike91                              ---    47 Punkte MissSnorkfraeulein                  ---  44 Punkte MissSternchen                          ---  55 Punkte mistellor                                   ---   181 Punkte Mone97                                    ---   55 Punktenaevia                                        ---   17 Punktenatti_Lesemaus                        ---  131 Punkte Nelebooks                               ---  235 Punkte niknak                                       ----  285 Punkte nordfrau                                   ---   97 Punkte PMelittaM                                 ---   213 Punkte PollyMaundrell                         ---   34 Punkte Pucki60                                        --- 37 Punkte QueenSize                                 ---   115 Punkte readergirl                                   ---    5 Punkte Readrat                                      ---   67 Punkte SaintGermain                            ---   139 Punkte samea                                           --- 65 PunkteSandkuchen                              ---   205 Punkteschadow_dragon81                  ---   92 Punkte Schmiesen                                  ---   178 Punkte Schokoloko29                            ---   35 Punkte Somaya                                     ---   279 Punkte SomeBody                                ---   178,5 Punkte Sommerleser                           ---   198 Punkte StefanieFreigericht                  ---   213,5 Punkte tlow                                            ---   149 Punkte Veritas666                                 ---   117 Punkteverruecktnachbuechern         ---   61 Punktevielleser18                                 ---   131 Punkte Vucha                                         ---   151 Punkte Wermoeve                                 ---   17 Punkte widder1987                               ---   69 Punkte Wolly                                          ---   179 Punkte Yolande                                       --   171 Punkte

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    • 2409
  • Unrecht mit Unrecht vergelten macht atemlos

    Atemschaukel

    Bellis-Perennis

    27. July 2017 um 07:41

    „Atemschaukel“ ist die Geschichte des (fiktiven) Leopold Auberg, einem Siebenbürger Sachsen, der als Siebzehnjähriger mit hunderten anderen Deutschstämmigen aus Hermannstadt (heute Sibiu) in die Ukraine (damalige UdSSR) verschleppt wurde, um als Zwangsarbeiter Kriegsschäden „abzuarbeiten“. Man schreibt das Jahr 1945, es ist Jänner als Leopold Auberg in ein Arbeitslager in der Ukraine gebracht wird. Gemeinsam mit tausenden anderen Zwangsarbeitern ist er den Demütigungen, dem Hass der Aufseher ausgeliefert. Hunger und Heimweh begleiten die Menschen. „Seit wir als Knochenmännlein und Knochenweiblein füreinander geschlechtslos waren, paarte sich der Hungerengel mit jedem. Er betrog auch das Fleisch, das er uns bereits gestohlen hatte, und schleppte immer mehr Läuse und Wanzen in unsere Betten.“ (S.159)In zahlreichen Rückblenden erfahren wir mehr von Leopold. Er ist homosexuell und immer der Gefahr der Denunziation und Verhaftung ausgesetzt. Seine flüchtigen Kontakte zu anderen Männern werden als „Wildwechsel“ bezeichnet. Eine – wie mir scheint – passende Metapher.Die Zwangsarbeiter müssen Wohnhäuser für die Russen bauen. Zement ist knapp und auch ein gefährlicher Arbeitsstoff. Nicht nur einmal stirbt einer von ihnen am unsachgemäßen Umgang mit Zement.Leopold kann sich durchmogeln, er passt sich dem grausamen System an und überlebt die fünf Jahre Zwangsarbeit nahezu unbeschadet. Als er 1950 wieder nach Hermannstadt zurückkehrt, ist die Welt eine andere. Er findet Arbeit in einer Kistenfabrik, verlässt diese aber wieder und schreibt sich in einer Abendschule ein. Dort lernt er Emma kennen und heiratet sie. Obwohl er wieder auf „Wildwechsel“ geht, hält die Ehe beinahe elf Jahre. Aus Furcht vor der Entdeckung flieht er alleine nach Graz, um nicht zurückzukehren.Meine Meinung:Dieser Roman ist poetisch und düster zugleich. Er basiert auf autobiographischen Erzählungen mehrerer Personen. Die Autorin hat bestimmt auch die Erlebnisse ihrer Mutter einfließen lassen, die eine der Zwangsarbeiterinnen war.Der Roman – er ist nicht frei von Brüchen – ist in der Ich-Form aus der Sicht der Betroffenen geschrieben. Herta Müller selbst ist in Nitzkydorf im Banat geboren. Der Vater war bei der SS, die Mutter wurde, wie schon erwähnt, zur Zwangsarbeit verpflichtet. Die Autorin lebte und studierte in Temesvar. Als sie sich weigert für die Securitate des Diktators Ceausescu zu spionieren, bekommt sie die Härte des Regimes zu spüren. 1987 darf sie das Land verlassen.Fazit:Ein berührender Roman, der den Literaturnobelpreis sowie die vielen anderen Buchpreise verdient hat.

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  • Atemschaukel

    Atemschaukel

    thesmallnoble

    20. June 2016 um 14:21

    "Ich wollte ein Buch schreiben, und es so gut schreiben, wie ich kann. Ich wollte dem, was ich von Literatur erwarte, so gut es geht gerecht werden. Das ist Alles. Und für andere Dinge hat Literatur sich nicht zu rechtfertigen."Herta MüllerDie mehrfach ausgezeichnete Herta Müller, hat einen Trauma-Roman verfasst, der zum deutschen Buchpreis 2009 nominiert wurde, und der sich auf Gespräche von ehemaligen Deportierten Deutschen in Rumänien stützt sowie mit dem deportierten Schriftsteller Oskar Pastior, mit dem ursprünglich der Wunsch entstand, den Roman zusammen zu schreiben. Oskar Pastior verstarb jedoch im Oktober 2006, sodass Herta Müller diese Nachkriegsgeschichte alleine fertigstellen musste.Erzählt wird die Geschichte des jungen siebzehnjährigen Rumäniendeutschen Leo Auberg, (neben vielen Einzelschicksalen, die nicht selten mit dem Tod endeten) der endlich weg wollte, aus dieser Stadt, "in der alle Steine Augen hatten", dem die Deportation gerade recht kommt. ("Ich wollte weg aus der Familie und sei es ins Lager".) Wir erleben den Protagonisten während Fünf Jahren Arbeitslager in der Ukraine, wo in einem isolierten Klima, die demütigenden Arbeitsbedingungen, die psychischen Belastungen, die erniedrigenden Verhältnisse, die Hölle in einem sowjetischen Arbeitslager, das idiotische Antreten zum Appell, und dem unendlichen Ausmass des Hungerns, "alles was ich tat, hatte Hunger", "mein Hunger und ich", eine traumatische Erfahrung, die sich in die Seele einbrennt, vom "Hungerengel" begleitet wird, ("denn man war sich nicht sicher, ob es einen Hungerengel für uns alle gibt oder jeder seinen eigenen hat.) und ein Leben lang eine Bedeutung haben sollte. "Ich esse seit meiner Heimkehr aus dem Lager, seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern."Mit unglaublicher Sprachvirtuosität und konzentrierter Sprachgewalt, wo der Bogen vom traumatischen, zum Verspielten, bis hin zum Surrealen und Unverständlichen gehen kann, spüren wir etwas vom Potential und der Kraft und Ausdrucksmöglichkeit, dieser Autorin, die mit einer metaphorischen Sprache etwas zum Ausdruck bringt, das ich unglaublich und außergewöhnlich halte. Sie erfindet Wörter und Satzstellungen, die wir noch nie gehört haben..."in der Früh nach dem Waschen löste sich ein Tropfen aus meinen Haaren und lief mir wie ein Tropfen Zeit in die Nase entlang in den Mund..", die Autorin schreibt selbst an einer Stelle: "Es gibt Wörter, die machen mit mir was sie wollen. Sie sind ganz anders als ich und denken anders, als sie sind. Sie fallen mir ein, damit ich denke, es gibt erst Dinge, die das zweite schon wollen, auch wenn ich das gar nicht will."Man kann sich darüber streiten, inwiefern eine Nachkriegsverarbeitung, dessen Hintergrund, nämlich der Einmarsch der Russen in Rumänien, (Fünf Monate bevor der der Krieg beendet war) um Deutsche, die in Rumänien lebten, für den Wiederaufbau zu zwingen totgeschwiegen wurde, mit der unglaublichen Sprachvirtuosität und kunstvollen Verarbeitung dieser begabten Schriftstellerin, die übrigens in Rumänien geboren wurde, deren Mutter ,die selbst im Lager war, ihr die "Spuren des Krieges" vermacht hat, zusammenpasst oder eben nicht.Für mich persönlich ist Herta Müller eine ausgezeichnete Schriftstellerin, die sich traut und etwas wagt, etwas riskiert. Auch wenn ihre Schrift Anstoß geben könnte, wo sich zwei Lager auftun könnten, nämlich der Literaten die die Kunst ihrer besonderen Sprachausdrucks darin sehen oder das Lager der politischen Seite, wo ein Stück deutsch-rumänische Nachkriegsgeschichte, und damit ein Stück Nachkriegsverarbeitung des zweiten Weltkriegs aufgezeigt wird.Wer so wie ich, an der Schreibweise, der Art der Komposition und wiederholenden Schreibrhythmen, und Lust auf das literarische Neuland einer Herta Müller bekommt, wird sich nach Ihren anderen Werken umsehen, um sich von der Schreibkraft dieser für mich so außergewöhnlichen Schriftstellerin inspirieren zu lassen, kann sich auf etwas freuen...Für mich ist Herta Müllers Roman ein Stück Vergangenheitsverarbeitung, wo wir uns in einen Menschen hineinversetzen können, der die Brandmarkung eines Lageralltags erlebt hat, die "inneren Beschädigungen" nicht verhindern konnte, und deren Auswirkung auch viele Jahre danach nicht auszulöschen sind. Ein biographische Aufarbeitung, hinter der eine melancholische Trauer glüht, wo das Schreiben ein Schreibenmüssen, aus einer fundamentalen Ausweglosigkeit wird, wo das Sprachgenie Herta Müller genauso zu Wort kommt, wie eine gebranntmarkte Seele, die bis ins Alter an so einem Trauma leiden kann. Ein Werk das von großer Subtilität, psychologischem Feingefühl und einer Note von surrealem Anmut verfasst wurde, hinter dessen Stimme Oskar Pastior hindurchzuschimmern scheint und maßgeblich am Erfolg des Romans von Herta Müller beteiligt ist...

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  • Hungerengel

    Atemschaukel

    Farbwirbel

    Mit gerade einmal 17 Jahren kommt Leopold Auberg in ein Arbeitslager der Russen nach dem II. Weltkrieg. Er ist jung und wird ausgebeutet. Mit ihm sind Frauen und Männer verschiedenen Alters. Leo erzählt von seinen Arbeiten. Er zählt innerhalb des Buches Kohle-, Schlick und Lausarten auf, berichtet von den anderen 'Bewohnern' des Arbeitslagers und von Erinnerungen der Kindheit und vor allem vom allgegenwärtigen Hunger. Seit wie als Knochenmännlein und Knochenweiblein füreinander geschlechtslos waren, paarte sich der Hungerengel mit jedem, er betrog auch das Fleisch, das er uns bereits gestohlen hatte, und schleppte immer mehr Läuse und Wanzen in unsere Betten. Die Hautundknochenzeit war die Zeit der wöchentlichen Entlausungsparaden im Lagerhof nach der Arbeit. Alle, aber auch alle Gegenstände mussten hinaus Entlausen – die Koffer, die Kleider, die Bettgestelle und wir. - S. 159 Der Hunger ist das tragende Motiv in der Erzählung. Die ganze Zeit geht es darum, wie die Menschen ausgebeutet wurden und wie wenig sie zu essen bekamen. Das perfideste Bild: Leo findet bei einem Tag Freigang zehn Rubel. Davon kauft er sich, ohne auf den Preis zu achten, verschiedenste Leckereien und Backwaren. Kurz vor seiner Ankunft im Lager erbricht er alles und hat am Ende nichts, außer Säure im Magen. Auch nach dem Lager bleibt Leo im Lager. Er kann sich nicht vom Hunger lösen und er kann sich nicht einfügen in ein normales Leben. Die Entwicklung des Menschen zum Gegenstand klingt hart, doch genau diese Entwicklung scheint Leo in der Lagerzeit für mich durchzumachen... Wenn es so viel Anschauungsmaterial von anderen gibt, die schneller abdanken als man selbst, wird die Angst mächtig. Mit der Zeit übermächtig, also zum Verwechseln ähnlich mit Gleichgültigkeit. - S. 148 Herta Müller hat mit einem ehemaligen Lagerarbeiter zusammengearbeitet, um die Zustände in diesen nachvollziehen zu können. Es ist ihr wohl gelungen. Die Tristesse ist staubtrocken. Man liest das Buch und das Herz wird schwer. Vermutlich ist das auch der Grund, weshalb ich so lange dafür gebraucht habe. Immer wieder habe ich es abgebrochen, denn es belastete mich. Der Inhalt ist stark, aber Herta Müllers Poetik ist es auch. Trockene Sätze, spröde Monotonie und Bilder, die einen zumindest ein wenig verstehen lassen, wie es gewesen sein muss. Man sagt zwar DER oder DIE, wie man auch der Kamm oder die Baracke sagt. Und so wie diese sind auch Halbverhungerte nicht männlich oder weiblich, sondern objektiv neutral wie Objekte – wahrscheinlich sächlich. - S.158 Ich persönlich dachte zu Beginn, Leo sei weiblich. Später bin ich dann immer wieder geschwankt, bis ich es noch einmal bestätigt sah, dass es sich um einen Mann handelte. Ich weiß nicht wirklich warum. Jeder Wagon wird einzeln aufs Gitter gefahren. Jeder Wagon ist ein 60-Tonner vom Typ Pullman und hat fünf Klappen unten am Bauch. Sie werden mit Hämmern geöffnet, es klingt fünfmal wie der Gong im Kino, wenn es auf Anhieb klappt. Wenn es klappt, muss man gar nicht in den Wagon steigen, die Kohle rasselt in einem Schwupp durch. - S. 123 Zudem ist mit aufgefallen, dass die Schreibweise Müllers stark retardierend sein kann oder aber auch mit einem Jambus getaktet ist. Die Lesart ist dadurch dominierend monoton und irgendwie einsam. Nichts ging mich was an. Ich war eingesperrt in mich und aus mir herausgeworfen, ich gehöre nicht ihnen und fehlte mir. - S. 272 Das Buch ist wirklich gut. Es ist ein Werk, welches durch seine eingängigen Bilder und starken Schreibstil besticht. Dennoch kann ich keine volle Punktzahl geben. Das Buch zog mich so sehr runter. Natürlich ist das bei diesem Thema auch angemessen, aber ich bin da wohl zu janusköpfig. Auf der einen Seite waren Inhalt und Schreibstil mehr als meine Erwartungen übertreffend, auf der anderen Seite hatte ich wirklich kein Vergnügen beim Lesen.

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    • 11
  • Ich weiß, du kommst wieder

    Atemschaukel

    Sikal

    Die Autorin Herta Müller greift mit diesem Roman ein Tabuthema unserer Zeit auf – die Deportation nach Kriegsende zum Wiederaufbau des Landes in russische Arbeitslager. Sie hatte als Grundlage für dieses Buch in ihrem Heimatdorf mit Deportierten gesprochen und diese Notizen liefern den Hintergrund für Atemschaukel. Der 17-jährige Leo Auberg stammt aus Siebenbürgen (heute Rumänien) und ist einer von den vielen Deportierten, die in ein solches Arbeitslager gebracht werden. Seit dieser Stunde weiß er, was Hunger bedeutet, dass Durst sein ständiger Begleiter wird und ein Ende dieser Tortur nicht in Sicht ist. Der Abschiedssatz seiner Großmutter bleibt ihm im Gedächtnis und hält ihn am Leben: „Ich weiß, du kommst wieder.“ – dieser Satz begleitet ihn während er mit dem Hungerengel kämpft, die Herzschaufel schwingt oder an der Tageslichtvergiftung leidet. Das Buch erzählt über das Leben im Lager, klar, sachlich, ohne Verschnörkelung und doch so treffend. Man fühlt die Schwere der Zementsäcke, die Melancholie einzelner Bewohner und dann wieder das Ringen um ein Stückchen Brot. „Ich habe meinem Heimweh schon lange trockene Augen beigebracht. Und jetzt möchte ich noch, dass mein Heimweh auch herrenlos wird. Dann sieht es nicht mehr meinen Zustand hier und fragt nicht mehr nach denen von Zuhause. …Dann ist mein Heimweh nur der Hunger nach dem Ort, wo ich früher einmal satt war.“ Die Autorin bestürzt mit einer bildhaften Sprache, die das Entsetzen verdeutlicht. Oftmals ist man als Leser gefangen vom Alltag der Lagerinsassen, dann wieder schockiert ob der Grausamkeiten der Aufseher. Durch diese lange Zeitspanne, während der man das Leben Leo Aubergs begleiten darf, erfährt man auch über die Auswirkungen für das „Nach-dem-Lager-Leben“. „Ich weiß, du kommst wieder“ – doch ein Teil bleibt immer zurück. Es ist nie mehr wie vorher. Die Heimkehrer können ihr Erleben nicht in Worte fassen und eine Fremdheit zum sozialen Umfeld hat sich eingeschlichen. Das Buch hat mich fasziniert, betroffen und immer wieder gefesselt ob der Wortgewalt. Nicht einfach zu lesen, aber durchaus lesenswert.

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    • 3
  • Challenge: Literarische Weltreise 2016

    Euphoria

    Ginevra

        Liebe Lovelybookerinnen und –booker, habt Ihr Lust, im Jahr 2016 auf Weltreise zu gehen – literarisch gesehen? Dann begleitet mich durch 20 verschiedene Lese- Regionen! Die Aufgabe besteht darin... -  12 Bücher in einem Jahr zu lesen;-   Mindestens 10 verschiedene Regionen auszuwählen (zwei Regionen dürfen also doppelt vorkommen);-   Autor und/oder Schauplatz und/oder eine bzw. mehrere der Hauptfiguren müssen zu dieser Region passen.-   Bitte postet Eure Rezensionen und Beiträge bei den passenden Regionen;-   Auch Buchtipps ohne Rezension sind jederzeit willkommen;-   Am Ende des Jahres zählen Eure 12 Rezensionen - bis zu zwei Kurzmeinungen sind erlaubt!-   Eure Beiträge werde ich verlinken;-   Einstieg und Ausstieg sind natürlich jederzeit möglich;-   Genre und Erscheinungsjahr sind egal:-   Hörbücher, Graphic Novels, Biographien, Krimis, Literatur – bei dieser Challenge ist alles erlaubt!Gut geeignet sind z.B. die Bücher verschiedener Literaturpreise oder Empfehlungslisten (Booker- Preis, Preis des Nordischen Rats, ZEIT- Liste zur Neuen Weltliteratur, usw.).Diese Challenge eignet sich also auch hervorragend dazu, den SuB abzubauen, oder um andere Challenges damit zu kombinieren.Unter den TeilnehmerInnen, die die Challenge erfolgreich beenden, verlose ich am Ende des Jahres drei Bücher aus meinen Beständen - natürlich passend zum Thema!Ich freue mich sehr auf Eure Beiträge und werde zu jeder Region ein Unterthema erstellen, so dass es etwas übersichtlicher wird. Einige Tipps und Empfehlungen werde ich schon mal vorab anhängen - Ihr müsst davon natürlich nichts lesen. Dann wünsche ich uns allen...Bon voyage – Buon viaggio - Have a nice trip - Tenha uma boa viagem - Приятной поездкиСчастливого пути - ¡Qué tengas un buen viaje! -旅途愉快!- すばらしい旅行をなさって下さい。-Gute Reise! TeilnehmerInnen:abaAberRushAmayaRoseAriettaArizonaarunban-aislingeachBellastellaBellisPerennisBibliomaniablack_horseBonniereadsbooksBuchraettinBücherwurmBuchinaCaroasCode-between-linesConnyMc CorsicanaCosmoKramerDaniB83DieBertaDunkelblauElkeelmidiGelindeGinevraGingkoGruenentegstGwendolinahannelore259hexepankiInsider2199IraWirajasbrjeanne1302kopikrimielseKruemelGizmoleiraseleneleseratteneuleseleaLeonoraVonToffiefeelesebiene27leucoryxLexi216189lieberlesen21LibriHollylittleowllouella2209MaritaGrimkeMinnaMminorimiss_mesmerizedmozireadnaninkaNightflowerOannikiOrishapardenPetrisPMelittaMPostboteRyffysameaSchlehenfeeschokolokoserendipity3012Sikalsnowi81StefanieFreigerichtstefanie_skysursulapitschiSvanvitheTalathielTanyBeeTatjana89Thaliomeevielleser18wandablueWanderdueneWedmawerderanerWollywunderfitz

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    • 1702
  • Ein Deutscher in einem rumänischen Arbeitslager

    Atemschaukel

    Bibliomania

    25. November 2015 um 15:53

    Leopold lebt als deutscher mit seiner Familie in Rumänien. Er wird eingesammelt, um im Arbeitslager Dienst zu tun. Er trägt Säcke von Zement, darf aber nichts verschütten, arbeitet in einem Keller und sieht manchmal weder andere Menschen noch die Sonne, einmal muss er auch Kartoffeln ausbuddeln -  mit bloßen Händen. Und über allem liegt der Hunger. Was tun die Arbeiter nicht alles, um wenigstens ein bisschen Brot, dünne Krautsuppe oder ein bisschen Salz und Zucker zu bekommen. Dieses Buch ist aus Gesprächen mit ehemals Deportierten entstanden, die Herta Müller interviewt hat. Es gibt ein ziemlich gutes Bild, wie schlimm die Zustände in diesen Arbeitslagern waren. Ungeziefer und Hunger waren nur zwei von vielen furchtbaren Zuständen. Irgendwie schwächt es Herta Müllers Sprache ein wenig ab. "Nanking Requiem", was ich kurz zuvor gelesen habe, kam mir viel schlimmer vor.

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  • Ich weiß du kommst wieder

    Atemschaukel

    Kopf-Kino

    Eintropfenzuvielglück.Ich gab ihr recht, weil man den Toten beim Abräumen die Erleichterung ansah, dass im Kopf das starre Nest, im Atem die schwindlige Schaukel, in der Brust die taktvergessene Pumpe, im Bauch der leere Wartesaal endlich Ruhe geben. Januar, 1945: Der siebzehnjährige Siebenbürger Sachse (heute: Rumäniendeutsche) Leopold Auberg wird in einem Waggon mit anderen Inhaftierten zwölf Tage lang durstig, hungrig und stinkend in das Arbeitslager Nowo-Gorlowka der Sowjetunion deportiert. Dort angekommen, verliert Leopold das Ideal der Individualität langsam, aber stetig. Was bleibt, ist die in Grau gegossene Form des Lagerwesens - menschliches Material. Die Halbverhungerten verwandeln sich nach und nach in neutrale Objekte ohne Attribute, deren einziger Trieb derjenige ist, der ihre bloße Existenz umklammert: der Nahrungstrieb. Der Hungerengel sitzt immer mit am Tisch. Was kann man sagen über den chronischen Hunger. Kann man sagen, es gibt einen Hunger, der dich krankhungrig macht. Der immer noch hungriger daherkommt, zu dem Hunger, den man schon hat. Der immer neue Hunger, der unersättlich wächst und in den ewig, mühsam gezähmten Hunger hineinspringt. Wie läuft man auf der Welt herum, wenn man nichts mehr über sich zu sagen weiß, als dass man Hunger hat. […] Es gibt keine passenden Wörter fürs Hungerleiden. Ich muss dem Hunger heute noch zeigen, dass ich ihm entkommen bin. Ich esse buchstäblich das Leben selbst, seit ich nicht mehr hungern muss. Ich bin eingesperrt in den Geschmack des Essens, wenn ich esse. Ich esse seit meiner Heimkehr aus dem Lager, seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern. Soviel darf aufgrund der gewählten Ich-Perspektive und Vor- und Rückblenden verraten werden: Leopold, der am Schicksal des mittlerweile verstorbenen Lyrikers Oskar Pastior angelehnt ist, überlebt die mühsame Zeit jeglicher Entbehrungen und Schrecken nach fünf Jahren Zwangsarbeit. Diese Erinnerungsarbeit schreckt auch nicht davor zurück, inwiefern das Lagerlagen den Protagonisten prägt. Manchmal überfallen mich die Gegenstände aus dem Lager nicht nacheinander, sondern im Rudel. Darum weiß ich, dass es den Gegenständen, die mich heimsuchen, gar nicht oder nicht nur um meine Erinnerung geht, sondern ums Drangsalieren. […] Gegenstände, die vielleicht nichts mit mir zu tun hatten, suchen mich. Sie wollen mich nachts deportieren, ins Lager heimholen, wollen sie mich. Weil sie im Rudel kommen, bleiben sie nicht nur im Kopf. Ich hab ein Magendrücken, das in den Gaumen steigt. Die Atemschaukel überschlägt sich, ich muss hecheln. […] Und es gäbe die Heimsuchung der Gegenstände nicht, wenn es den Hunger als Gegenstand nicht gegeben hätte. Die Autorin Herta Müller, die mit Oskar Pastior und anderen Überlebenden zum Schreiben zusammenkam, erzählt chronologisch die Geschichte Leopolds in 64 überwiegend sehr kurzen Kapiteln und fügt ebenfalls Vor-und Rückblenden ein. Dieses Sprachkunstwerk, das mit dem Schweigen der Zwangsarbeit jenseits des Dritten Reiches bricht, zähle ich zu der beeindruckendsten Literatur unserer Zeit. Die Bilder, die die Autorin fand, sind besonders dort bestürzend scharf gezeichnet, wo die herkömmliche Sprache eigentlich versagt. Herta Müller schafft mit poetischer Schöpfungskraft selbst dem Elend eine Würde zu verleihen. Die oftmals altertümliche Sprache lebt von Müllers Wortbildungen. Das Buch ist erschreckend einfach - keine Psychologisierung, kein Urteilen. Es ist, wie es ist. Das Leben im Lager erscheint fatal einfach und manchmal sehr nüchtern, sachlich: überleben oder verenden. Zement, Herzschaufel, Brot, Appell. Wenn das Fleisch am Körper verschwunden ist, wird einem das Tragen der Knochen zur Last, es zieht dich in den Boden hinein. Ich übte beim Appell, mich beim Stillstehen zu vergessen und das Ein- und Ausatmen nicht voneinander zu trennen. Und die Augen hinaufzudrehen, ohne den Kopf zu heben. Und am Himmel eine Wolkendecke zu suchen, an die man seine Knochen hängen kann. Wenn ich mich vergesse und den himmlischen Haken gefunden hatte, hielt er mich fest. Aus dem Chor der Inhaftierten treten nicht nur andere Personen hervor, die in den Fokus der Worte geraten, sondern ebenfalls die am häufigsten genannte Figur: der Hungerengel. Meiner Meinung nach eine der besten erzählstrategisch gewählten Personifikationen der Literatur. Um ehrlich zu sein, bezweifle ich, dass meine Rezension diesem Buch gerecht werden kann. Ich könnte Seiten füllen – aus Angst, wichtige Punkte, die erwähnt werden sollten, zu vergessen. Aus Angst, am Ende sprachlos zu sein. Vielleicht sollte ich Letzteres endlich zulassen. Etliche Male musste ich tief Luft holen und gegen die Tränen kämpfen. Innerlich weinte ich ob der sprachliche Kunstfertigkeit, die mich oftmals an Paul Celans Werke erinnerte. Seit sechzig Jahren will ich mich in der Nacht an die Gegenstände aus dem Lager erinnern. Sie sind meine Nachtkoffersachen. Seit der Heimkehr aus dem Lager ist die schlaflose Nacht ein Koffer aus schwarzer Haut. Und dieser Koffer ist in meiner Stirn. Allein für dieses Werk erhielt Herta Müller meiner Meinung nach den Literaturnobelpreis zurecht. Uns hingegen gibt sie ein schwierig schönes Stück Literatur, das seinesgleichen sucht. Man kann zum Monstrum werden, wenn man nicht mehr weint. […] Ich habe meinem Heimweh schon lange trockene Augen beigebracht. Und jetzt möchte ich noch, dass mein Heimweh auch herrenlos wird.

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    • 13

    Kopf-Kino

    26. July 2015 um 20:02
  • Die Atemschaukel

    Atemschaukel

    Angel10

    02. July 2015 um 07:46

    - kein leichtes Thema (Arbeitslager)
    - bildhafte Sprache (Hungerengel)
    - lesenswert

  • Das Arbeitslager als Märchenwald

    Atemschaukel

    Liebes_Buch

    03. March 2015 um 18:24

    Herta Müller schildert den Aufenthalt eines jungen Deutschen im russischen Arbeitslager. Der Roman beruft sich dabei auf Schilderungen echter Häftlinge und der Mutter der Autorin. Ich habe schon Primo Levi und Witold Pilecki gelesen, beides Auschwitz-Überlebende. Schon auf den ersten Seiten war ich überrascht, dass Herta Müller mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, weil ihre Schreibweise so kindlich und verspielt ist. Ihre Schilderungen sind voller Wortspiele und Gegenstände werden vermenschlicht. Ihr Stil hat etwas Märchenhaftes. Sprachlich ist das natürlich sehr beeindruckend. Leider tritt so das Arbeitslager in den Hintergrund. Nach dem ersten Drittel des Buches war ich mehr gespannt auf ihre Wortbilder als auf das Arbeitslager. Handlung und Menschen gibt es kaum, immerhin Läuse. Ich würde also andere Bücher zum Thema eher empfehlen. Primo Levi schreibt auch sehr literarisch, fand ich. Trotzdem drängt sich bei ihm die Sprache niemals in den Vordergrund. Bei Herta Müller geht der Inhalt durch die bildhafte Ausdrucksform verloren. Das Buch ist voller poetischer Leckerbissen. Gerne bin ich den dichterischen Gedankengängen gefolgt, obwohl ich mir nicht sicher bin, dass Häftlinge so lyrisch denken. Herta Müller ist eine Dichterin und Denkerin, die die Welt poetisch beschreibt. Das muss man in der Tat mal gelesen haben.

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  • Abstrakte "Wortgeschöpfe" erschließen sich mir nicht

    Atemschaukel

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    13. July 2013 um 14:42

    Nun oute ich mich als Literaturbanause, aber wie auch immer ich die gelesenen Zeilen drehe, betrachte, wirken lasse, sie stoßen mich mit der Heftigkeit eines gleichgepolten Magneten ab. Ich lese die Lobeshymnen der "echten" Kritiker und Kenner und denke böse, ob es an mangelnder Vorstellungskraft oder fehlendem Mitgefühl liegt, dass einfache, direkte Sprache uns nicht mehr betroffen genug macht und sprachakrobatische, manierierte Phrasen vergleichsweise besser unter die intellektuelle Haut gehen, die so eigentlich doch nur, wenn wir ehrlich sind, ganz wenige Menschen (nach)denken, nachempfinden können. Herta Müller (gemeinsam mit Oskar Pastior, auf dessen Erinnerungen der Roman basiert) erzählt in einer höchst eigenwilligen Sprache den fünf Jahre währenden (eigentlich unbeschreiblichen) sowjetischen Arbeitslager-Alltag des 1945 deportierten jungen Mannes Leo Auberg. Natürlich hat der Leser trotz grauenvollen Berichte immer eine natürliche Distanz, die auch nicht überwunden werden kann, sofern nicht Vergleichbares erlebt wurde. Etliche Passagen des Buches scheinen jedoch zusätzlich surreale Barrieren zu errichten, denn ich konnte weder dem "Hungerengel", der "Atemschaukel", noch dem "Eigen-, oder Wangenbrot" und dem "Hasoweh" sinnlich folgen. Sich den wahnsinnigen Beschreibungen zu nähern, wäre gleichbedeutend mit dem Hineingleiten in eine Depression nach dem etwas schnoddrigen Motto: "Mein Vater ist tot, meine Mutter ist tot und mir ist auch schon ganz schlecht". Einige Kapitelinhalte haben mich natürlich erschüttert und ich hatte nach Beenden des Buches eine vage Vorstellung von richtigem Hunger. Dennoch fühlte ich mich durch die vielen seltsamen "Wortgeschöpfe" einfach unangenehm und negativ berührt. Ich finde es traurig, wie bemüht verkopft und verdreht in der Sprache wir manche bittere, emotional verstörende Pille nur noch zu schlucken vermögen. Ich habe mich daran verschluckt - zu abstrakt und experimentell. (T)

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  • DUNKEL. SCHWER. WORT-GEWALTIG.

    Atemschaukel

    parden

    11. April 2013 um 20:10

    DUNKEL. SCHWER. WORT-GEWALTIG. Als im Sommer 1944 die Rote Armee schon tief nach Rumänien vorgerückt war, wurde der faschistische Diktator Antonescu verhaftet und hingerichtet. Rumänien kapitulierte und erklärte dem bis dahin verbündeten Nazideutschland völlig überraschend den Krieg. Im Januar 1945 forderte der sowjetische General Vinogradov im Namen Stalins von der rumänischen Regierung alle in Rumänien lebenden Deutschen für den "Wiederaufbau" der im Krieg zerstörten Sowjetunion. Alle Männer und Frauen im Alter zwischen 17 und 45 Jahren wurden zur Zwangsarbeit in sowjetische Arbeitslager deportiert. Die Mutter der Autorin war fünf Jahre in einem solchen Arbeitslager, ebenso wie Oskar Pastior, mit dem sich Herta Müller jahrelang unterhalten und ausgetauscht hat und mit dem zusammen sie dieses Zeugnis einer fast vergessenen Vergangenheit eigentlich hatte schreiben wollen. Als er überraschend starb, brauchte sie ein Jahr um zu entscheiden, dieses Buch letztlich alleine zu verfassen. Geschrieben ist es aus der Erzählperspektive des jungen Leo Auberg, für den die Jahre im Arbeitslager nicht nur zu einer harten Bewährungsprobe wurden, sondern überaus entscheidend und hartnarbig für sein gesamtes weiteres Leben. Vorbild für diese literarische Figur ist dabei der genannte Oskar Pastior. In Kapiteln von jeweils einigen Seiten wird keine eigentliche Geschichte erzählt, sondern Episoden, Gedanken, Erlebnisse skizziert, seziert, memoriert. Viele davon beschäftigen sich mit der tatsächlichen Zeit im Lager, dem ewigen Hunger, der knochenharten Arbeit, dem Umgang miteinander, den Überlebensstrategien. Aber fast noch beeindruckender ist die Schilderung der Zeit danach, denn es macht die endgültige Heimatlosigkeit deutlich, das Sichverschließen vor anderen und das Niemehrabhängigmachen. Es wird überaus deutlich, wie sehr diese Jahre im Lager Einfluss haben auf den gesamten Rest des Lebens, und darin liegt die eigentliche Melancholie. Es gibt keine wirkliche Rettung, kein Entkommen vor diesen Erfahrungen... Nun hat Herta Müller 2009 nach Erscheinen von "Atemschaukel" den Literaturnobelpreis erhalten. Zeichen genug, um schon im Vorfeld deutlich zu machen, dass es auch um Besonderheiten der sprachlichen Formulierungen geht. Als Begründung für die Vergabe des Preises schrieb die Akademie u.a., die 56 Jahre alte Autorin zeichne "mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit". Und hierin liegt der Grund, weshalb ich persönlich dem Buch nicht die Höchstwertung vergebe. Bleischwer sind die Sätze, bedeutungsschwanger bald jedes Komma, der Stil und die Sprache von Bildern, Metaphern, Anspielungen und Allegorien gesättigt - teilweise fast übersättigt. Ich habe nichts gegen das Spiel mit der Sprache, fand manche Formulierungen wie Atemschaukel, Hungerengel und Hautundknochenzeit durchaus akzeptabel und nachvollziehbar - aber manches war dann doch des Guten zu viel. Beispielsweise drei oder vier Seiten lang denselben Sachverhalt in immer neuen Formulierungen darzustellen oder Erlebnisse derart metapherhaft zu formulieren, dass fast nicht mehr deutlich wird, um was es eigentlich geht, das war mir persönlich zu anstrengend. Oft habe ich das Buch nach einigen Seiten gerne wieder weggelegt, einfach weil es reichte. Wort-Gewaltig ist das Buch, dunkel und schwer. Beeindruckend in jedem Fall, aber es will mit Muße und in wohldosierten Häppchen gelesen und verarbeitet werden.

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  • Rezension zu "Atemschaukel" von Herta Müller

    Atemschaukel

    Die_Eule

    11. August 2011 um 22:26

    Eigentlich schmeiße ich keine Bücher weg. Ich bewahre sogar noch die hinduistischen spirituellen Ratgeber auf, die kostenlos an Straßenecken verteilt werden. Aber dieses Buch hat mich dennoch stark in Versuchung geführt. Das grauenvollste Buch meines vorletzten Lesejahres; und da ich es im Rahmen eines Literatur-Oberseminars las, war ich gezwungen, mich auch noch intensiver damit auseinanderzusetzen. "Atemschaukel" geht bekanntlich zurück auf die Erfahrungen des mit Herta Müller befreundeten Schriftstellers Oskar Pastior. Die Vorbereitung für den Roman verlief zweigleisig: Einesteils fragte Müller Pastior aus über das Lagerleben, andernteils trug sie ihm auf, ihr Wörterlisten anzufertigen. Warum Wörterlisten? Deswegen: Die Pointe des Buches ist nicht eigentlich die Schilderung des Lagerlebens (dass man hiervon einen recht ordentlichen Eindruck bekommt, ist das einzig Positive, das ich zu diesem Buch sagen kann, und der einzige Grund, aus dem ich ihm überhaupt einen Stern gegeben habe), sondern die Schöpfung eines Charakters, der ein eigenartiges Verhältnis zu den Wörtern hat, mit denen er umgeht. Und dies Verhältnis führt sich nicht zurück auf Erfahrungen Pastiors, sondern auf Erfahrungen von Herta Müller höchstselbst, wie sie das auch in ihrer Nobelpreisrede noch einmal bestärkt. Es ist nämlich so, dass Wörter und Sätze hier nicht primär Kommunikationsfunktion haben, sondern urplötzlich eine Eigendynamik entwickeln und Macht über Leben und Erleben des Protagonisten erlangen können. Ein (noch gemäßigtes) Beispiel: "Auf dem Holzgang, genau dort, wo die Gasuhr ist, sagte die Großmutter: ICH WEISS DU KOMMST WIEDER. Ich habe mir diesen Satz nicht absichtlich gemerkt. Ich habe ihn unachtsam mit ins Lager genommen. Ich hatte keine Ahnung, dass er mich begleitet. Aber so ein Satz ist selbstständig. Er hat in mir gearbeitet, mehr als alle mitgenommenen Bücher. ICH WEISS DU KOMMST WIEDER wurde zum Komplizen der Herzschaufel und zum Kontrahenten des Hungerengels. Weil ich wiedergekommen bin, darf ich das sagen: So ein Satz hält einen am Leben." (S. 14). Es wäre noch relativ einsichtig bei einem solchen Satz, und es wäre verständlich, wenn eine solche Erfahrung zu etwas Peripherem des Inhalts würde. Aber tatsächlich dreht sich hierum das Buch, und es wird übersteigert in groteskst-möglicher Weise - auf einmal sind es die banalsten Wörter, die dem Erzähler-protagonisten entgleisen, was weiter und weitergeführt wird zu Nonsens-Wortspielen, die sich ebenfalls als roter Faden durch das Buch ziehen. Z.B. hier, ganz am Anfang: "Meine Mutter sagte bei Tisch: Stich die Kartoffel nicht mit der Gabel an, sie fällt auseinander, nimm den Löffel, die Gabel nimmt man fürs Fleisch. Mir pochten die Schläfen. Wieso redet sie vom Fleisch, wenn es um Kartoffel und Gabel geht. Von welchem Fleisch spricht sie. Mir hatten die Rendezvous das Fleisch umgedreht. Ich war mein eigener Dieb, die Wörter fielen unverhofft und erwischten mich." (S. 10) Selbst mein Professor kapitulierte irgendwann und versuchte, das Buch zu retten, indem er jenes Streben nach Sinn, das des Germanisten Arbeit am Text beherrscht, in Diskredit brachte: "Vielleicht gehört dies zu jenen Büchern, die zeigen, dass es vielleicht gar nicht unser höchstes Ziel sein sollte, Bücher zu verstehen. Vielleicht sollten wir manchmal einfach schweigend verharren vor dem Unverständlichen." Genau... Deswegen ist nämlich Germanistik auch eine Wissenschaft. Wie auch immer: Diese Erfahrung der Eigenmächtigkeit der Sprache, die in Worten wie "Fleisch" oder ICH WEISS DU KOMMST WIEDER auf einmal Eigenmächtigkeit gewinnen kann, macht das Empfinden des Protagonisten gänzlich un-nachvollziehbar für den Leser; das Buch wird leer, sinnlos; ein Eindruck, der noch verstärkt wird durch die allüberall willentlich angebrachten sinnlosen Wortspiele. Als Leser bemühst du dich, dich einzulesen in die Geschichte - und plötzlich entgleist das Buch in Richtung Sinnlosigkeit. Und genau das Gegenteil des Geschilderten geschieht: Anstatt das die Worte Macht erhalten, verlieren sie mit ihrem Sinn auch ihre Macht, und als Leser hast du vor dir keine sinnvolle Geschichte mehr, sondern nur noch bloße, rohe Text-masse. Wenn ihr meinen Rat hören wollt: Erspart euch das.

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  • Rezension zu "Atemschaukel" von Herta Müller

    Atemschaukel

    Palatina

    19. May 2011 um 22:01

    Alles, was ich habe, trage ich bei mir. Oder: Alles Meinige trage ich mit mir. Getragen habe ich alles, was ich hatte. Das Meinige war es nicht. Dieses sprachliche Meisterwerk hatte mich bereits nach der ersten Seite. Und zwar nicht wegen seiner Geschichte oder des Inhaltes, sondern einzig wegen seiner Liebe zur Sprache. Ich habe die kunstvoll gewebten Sätze genossen, ebenso sehr wie die Beschreibungen die mir jeden Gegenstand und jede Person irgendwie zu eigen gemacht haben.

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