Herta Müller Die blassen Herren mit den Mokkatassen

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Inhaltsangabe zu „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“ von Herta Müller

Ein literarisches und ein optisches Vergnügen, Gedicht und Collage zugleich: Aus Zeitungsausschnitten und Bildern setzt Herta Müller ihre Texte zusammen, so dass jedes einzelne Gedicht zu einer ebenso verspielten wie künstlerisch konsequenten Collage wird. Ein wunderbares, unvergleichliches Buch, das zeigt, zu welchen spielerischen Formen die poetische Phantasie finden kann.

Und: es gbit Tapeten dazu: http://www.drnice.net/tapetenmotive/collection/literatur.php Ich such mir schon mal eine aus.

— Ein LovelyBooks-Nutzer
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  • Rezension zu "Die blassen Herren mit den Mokkatassen" von Herta Müller

    Die blassen Herren mit den Mokkatassen

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    10. October 2009 um 23:43

    „am kleinen Strand da kamen wieder/ die feinen Mitglieder zusammen“ Wer sich vor diesen Zeilen und Versen der letzthin mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Schriftstellerin Herta Müller versammelt, die kokett gestalteten Collagen vor dem Auge zerfließen lässt und dabei auch einmal, vielleicht gar besonders, laut die einzelnen Wörter zählt, der wird einen ungekannten Rhythmus finden und sich am Ende vielleicht gar beim Singen ertappen. Dieses im Jahr 2005 erschiene Büchlein muss ein Liebhaberstück der Autorin gewesen sein. Wenn Herta Müller nicht mehr schreiben kann, wenn sie nicht mehr schreiben will, dann fertigt sie Collagen an, das zumindest sagte auch die Literaturkritikerin Verena Auffermann in einem Interview am 8.10.2009 auf N24. Man kann diese kleinen Texte gar auf Postkarten kaufen. Mit der Schere vom faktualen Zweck befreite Wörter und Buchstaben hat sie mit Kleber auf Papier gedrückt und jedes Blatt ist mir einer kleinen künstlerischen Bildgestaltung versehen. Man ist als liebender Leser versucht, hier einen Beispielauszug vorzulegen. Da dies jedoch leider nicht möglich erscheint, bleibt nur die Bitte oder der Verweis, sich dieses Büchlein einmal selbst anzuschauen. [Mit einer kleinen Anmerkung möchte der Rezensent hier anfügen, dass dies auf Amazon gar möglich ist.] 112 Seiten liegen vor dem Betrachter und zuerst mag vor allem die farbliche Vielfalt ins Auge springen. Ausgeschnittene und aneinander gereihte Wörter haben grundlegend ja erst mal einen Drohbriefcharakter. Doch unglaublicherweise verliert sich dieser Gedanke, kommt gar nicht erst richtig auf, denn die Buchgestaltung und die sehr wechselseitige Anordnung der einzelnen Collagenblätter lenkt die Aufmerksamkeit letztendlich auf das Wichtigste: den Inhalt. Der allerdings ist kein logisch zusammenhängender und doch kann man diesen Text als ein über hundert Seiten langes Gedicht lesen, ist aber auch auf jeder Seite, mit jedem Blick ein neues Gedicht, ein neuer sprachzerwirbelnder Text. Die innere Musikalität der Wortreihen befähigen sich selbst dazu. „[…] zog nur den/ Vorhang an und lief durchs Fenster zur Beerdigung/ zur Begleitmusik mußte ich weinen dem einen/ Kantor tropfte meine Nase auf den Schuh bis/ es ihm zuwider war da riß er eins der Grablieder/ aus seinem Notenbuch gab es mir als Taschentuch/ und sagte wenns trocken ist krieg ich es wieder/ ist das klar“ Herta Müller fängt Umgangssprache ein und verdreht das Müssen und Dürfen so sehr miteinander, dass die putzigen Synekdochen, die bedrohenden Auslassungen, die gewollten Paraphrasen oder sich häufenden Binnenreime die Bilder formen, die im Kopf entstehen. Eine ganz eigene, fast niedliche die Spielerei betonende Sprache wird hier frei. „alle Liebe wird uns mal zur Klette“ Von Liebe spricht Herta Müller. Immer wieder werden in den einzelnen Texten die Mutter, der Vater angesprochen. Sie beurteilen, sprechen, sind paradoxe Erscheinungen. Doch auch die Bild-/Textgestaltung, das Buch als Ganzes drückt die Liebe zum Detail, zum Wort, zur Sprache als Ausdrucksmomentum aus und fordert bei dieser Lektüre alle Sinne ein. Mit einem Male taucht auch ein toter Vogel auf, das lyrische Ich lacht und fürchtet sich und hat „das Problem dass ich nicht weiß vor wem“. Wenn ein Vers so und der Leserhythmus so endet, dann ist das ganz abrupt und sehr nachdenklich, die Bedeutungen klingen nach, bleiben beim Leser und fordern ein erneutes Lesen. Dann beim Wiedersehen der Bilder im Text tauchen Blindstellen auf, so ist bei dem toten Vogel zum Beispiel von der Pfütze die Rede. Eine Pfütze, die mehr als vergänglich ist, weil sie sich selbst tilgt durch die bloße Existenz an der doch von Sonne benetzten Luft. Das tollspielerische an der Sprache wird dann auch ganz schnell zum bitteren Nachgeschmack, wenn die Bildebenen sich so vermischen, dass Menschenteile in den Kaffee gerührt werden und dem guten und schönen Gedanken ein eher bedrängender folgt. Dabei mag dem kontextbeladenen Rezipienten auch immer ein wenig von der unbekümmerten Lesehaltung fehlen, denn man könnte diese Bilder genau so in der einfachen Nebeneinanderexistenz der Möglichkeiten des Seins betrachten, denn so sind auch die geschnittenen Wörter und Zeichen aneinandergereiht – wie das Leben ohne jedwedes Wissen ums Morgen. „[…] wenn niemand/ schaut dann tauschen wir Hals/ über Kopf die Haut“ Im vorliegenden Buch ist Herta Müller etwas ganz Eigentümliches gelungen, das sich ein wenig seitwärts ihrer bisherigen literarischen Werke bewegt. Vor allen Dingen muss man betonen, dass dies eine mutige Verlegerentscheidung ist. Denn sowohl als Bilderbuch, fortlaufender ‚gebastelter‘ Text oder 112 Seiten umfassende Collage ist das Buch nicht genrebestimmt und muss seine Leser wohl eher suchen. Auch wenn das in sich eigentlich unbegründet sein müsste, denn allein das laute Vor-sich-hin-summen des Entstanden macht einen riesigen Spaß.

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