Zwischen 2009 und 2012 brachte der Verlag Belin eine Geschichte Frankreichs in 13 Bänden heraus. Auf die Frühe Neuzeit (1500 bis 1789) entfallen vier Bände. Sie orientieren sich an der herkömmlichen Gliederung dieser Epoche: Renaissance – Religionskriege – Absolutismus – Aufklärung. Der 2011 veröffentlichte Band über das Zeitalter Ludwigs XIV. stammt aus der Feder des Militärhistorikers Hervé Drévillon. Jeder Leser, der das Buch zur Hand nimmt und durchblättert, wird von der prächtigen Aufmachung hellauf begeistert sein. Der Verlag hat keine Kosten gescheut und den Band verschwenderisch mit farbigen Abbildungen, thematischen Karten und Diagrammen ausgestattet. Zahlreiche längere Quellenauszüge veranschaulichen und vertiefen Sachverhalte, die Drévillon im Haupttext behandelt. Der umfangreiche Anhang besteht aus zwei Teilen. Zunächst rekapituliert Drévillon die Forschungsgeschichte. Er erörtert, wie die Herrschaft Ludwigs XIV. seit dem 18. Jahrhundert erforscht und bewertet wurde und wie sich der Blick der Geschichtswissenschaft auf die absolute Monarchie in den letzten Jahrzehnten verändert hat (S. 485-566). Auf diesen wissenschaftsgeschichtlichen Essay folgen eine detaillierte Chronologie (S. 568-576), Stammtafeln, Kurzbiographien wichtiger historischer Persönlichkeiten und eine reichhaltige Bibliographie, die auch viele Arbeiten angelsächsischer Historiker umfasst. Werke deutscher Historiker sucht man im Literaturverzeichnis jedoch vergebens. Das ist kein Zufall, ist doch der Beitrag der deutschen Geschichtswissenschaft zur Erforschung der Geschichte Frankreichs im 17. Jahrhundert seit jeher minimal. Es ist nicht klar, an welchen Leserkreis sich das – im wahrsten Sinne des Wortes – schwergewichtige Buch richtet. Für die Verwendung im universitären Seminarbetrieb ist es zu umfangreich und zu unhandlich. Drévillon bietet keine ereignisgeschichtliche Überblicksdarstellung. Die elf Kapitel sind eher analytisch als erzählend angelegt und bewegen sich auf einem relativ hohen Reflexionsniveau. Streng genommen ist das Buch für Studierende und historisch interessierte Laien nicht geeignet.
Zwar gewährt Drévillon auch den Themen Kultur, Religion und Wirtschaft breiten Raum, doch stehen die Politik und der Krieg eindeutig im Mittelpunkt der Darstellung. Drévillon lässt keinen Zweifel daran, dass das 17. Jahrhundert für Frankreich und die Franzosen ein "eisernes Zeitalter" war (siècle de fer). Frankreich trat 1635 aktiv in den Dreißigjährigen Krieg ein. Kardinal Richelieu, der mächtige Prinzipalminister Ludwigs XIII., verfolgte das Ziel, die Habsburger nachhaltig zu schwächen und die "habsburgische Umklammerung" Frankreichs zu durchbrechen, die seit dem 16. Jahrhundert bestand. Während der Krieg im Deutschen Reich 1648 endete, dauerte der französisch-spanische Krieg noch bis 1659. Ludwig XIV. führte während seiner langen Regierungszeit mehrere Kriege, um weitere Territorien für Frankreich zu gewinnen, den Grenzverlauf zu optimieren und die Sicherheit des Königreiches zu steigern. Ausführlich schildert Drévillon, wie die Krone über Jahrzehnte hinweg alle menschlichen und materiellen Ressourcen Frankreichs für den Krieg mobilisierte. Viele Autoren, die über Ludwig XIV. schreiben, konzentrieren sich aus naheliegenden Gründen auf den Bau des Schlosses Versailles. Drévillon hingegen führt dem Leser vor Augen, wieviel Geld in die Streitkräfte und den Aufbau einer Infrastruktur für Armee und Marine floss: Festungen; Kasernen und Arsenale; Kriegshäfen und Werften. Während des Neunjährigen Krieges (1688-1697) hatte der Sonnenkönig bis zu 450.000 Mann unter Waffen. Zur Finanzierung des gewaltigen Militärapparates wurde die steuerpflichtige Bevölkerung – also hauptsächlich die Bauern – rücksichtslos ausgepresst. Paradoxerweise kam es während der Selbstherrschaft des Sonnenkönigs (ab 1661) nicht mehr zu Bauernaufständen und Steuerrevolten wie noch in den Jahren 1635 bis 1660. Ludwig XIV. regierte autoritär; er hatte seine Untertanen fest im Griff, wie Drévillon betont.
Religiöse Abweichler wie die Hugenotten und Jansenisten waren Schikanen und Verfolgung ausgesetzt. Die königliche Zensurbehörde kontrollierte Bücher und andere Druckerzeugnisse auf unerwünschtes politisches Gedankengut. Der König und seine Minister hatten nicht den Ehrgeiz, das verkrustete und schwerfällige Verwaltungs- und Steuersystem zu reformieren. Sie zementierten stattdessen eine konservative Gesellschaftsordnung, die auf dem Bündnis zwischen der Krone einerseits und dem Schwert- und Amtsadel andererseits beruhte. Die Elite besaß keinen politischen Einfluss, genoss aber zahlreiche Privilegien und stützte die Monarchie. Drévillon stellt die kulturelle Blüte, die Frankreich unter Ludwig XIV. erlebte, nicht in Abrede. Aber er macht deutlich, dass viele Dichter und Künstler im Dienst der königlichen Propaganda standen. Sie verherrlichten den Monarchen und seine Machtpolitik im Innern wie nach außen. Der große Vorzug des Buches besteht darin, dass Drévillon das ganze Land in den Blick nimmt, nicht nur den königlichen Hof und die Hauptstadt. Dank des breiten Blickwinkels entsteht ein differenziertes Bild vom Leben verschiedener Bevölkerungsgruppen. Die Eliten und die Bewohner größerer Städte genossen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts einen vergleichsweise hohen Lebensstandard: Die Sitten verfeinerten sich; das Bildungswesen machte Fortschritte; der materielle Wohlstand stieg. Auf dem Lande hingegen blieb das Leben der Bauern prekär. Missernten und Hungersnöte forderten 1692/93 und 1709 Hunderttausende Tote. Zwar steht Drévillon dem ludovizianischen Militarismus alles in allem kritisch gegenüber, doch gibt er zu bedenken, dass die Kriege des Sonnenkönigs auch eine gewisse integrative Wirkung hatten. Millionen Männer dienten in der königlichen Armee. Ein neuartiges Gefühl der Zusammengehörigkeit entstand. Das einfache Volk zog zwar keinen greifbaren Nutzen aus den Kriegen seines Monarchen. Gleichwohl entwickelten die Franzosen unter Ludwig XIV. erste Ansätze von Patriotismus und Nationalbewusstsein (S. 460-469).
Hervé Drévillons Buch ist anspruchsvoll, belohnt den Leser aber mit vielfältigen Einsichten und Erkenntnissen. Das Buch ist nicht als Einstiegslektüre gedacht und eignet sich am ehesten für Leser, die bereits Vorkenntnisse besitzen und sich vertiefend mit der Geschichte Frankreichs im 17. Jahrhundert beschäftigen wollen. Aus Sicht eines Nichtfranzosen ist Drévillons Werk umso wertvoller, als es in englischer und erst recht in deutscher Sprache keine vergleichbaren Bücher über das Zeitalter Ludwigs XIV. gibt.

