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Milagro

vor 2 Jahren

(229)

“Jeder Mensch hat eine eigene Vorstellung davon, was Würde für ihn bedeutet“ S. 155


Würde bedeutet für Henning, den lebensbejahenden, aktiven Mann aus Amsterdam, den man sich sogleich als den eigenen Vater/Verwandten/Kollegen vorstellen kann, einen selbstbestimmten Abschied zu erreichen. Das ist der einzige Gedanke, der sich in ihm festsetzt. Und das ist die Tragik, denn er leidet an einer unheilbaren Krankheit. Henning hat Alzheimer. Die Diagnose erschüttert ihn genau wie die Leserin. Aber er lebt in den Niederlanden, dort gibt es Sterbehilfe unter engen, gesetzlich festgelegten Bedingungen. Und für Henning stellt sich die Frage, ob er diese Weg gehen will. Diese Entscheidung , allein der Gedanke, eine solche treffen zu müssen/zu wollen, brach mir das Herz. Nur in kleineren Häppchen konnte ich seinen Kampf um das Recht auf einen selbstbestimmten Tod ertragen, immer zweifelte ich mit ihm: ist das die richtige Entscheidung? Für wen ist es die richtige Entscheidung? Für ihn, für die Kinder, die Enkel , die ältere Partnerin, die Leserin? Wie entscheiden wir uns richtig? Was ist richtig ? Henning will unbedingt seine Würde bewahren, das ist ihm das Wichtigste. Als Leserin setzte ich mich mit der Würde des Menschen auseinander, ich überlegte, ich zweifelte und weinte mit ihm. Oft war ich getroffen von kleinen Dingen, der Verzweiflung, der Unfähigkeit, das, was uns in einer solchen Situation durch den Kopf gehen mag, auch zu artikulieren. Henning steht stellvertretend für uns selbst, die Mutter oder Freundin. Jeden kann es treffen, das wird deutlich, denn Henning steht mitten im Leben. Das macht die Lektüre anstrengend, aber im positiven Sinne. Wann setzt man sich schon so direkt mit Entscheidungen den eigenen Tod betreffend auseinander. Henning versucht Klarheit zu finden, indem er zurück blickt. Auf Familienmitglieder, auf Geschehen, auf seine Vergangenheit. Daraus kann er schließlich Kraft gewinnen und sich entscheiden.
Dass die vielen Rückblicke  einen großen Raum einnehmen, ich aber lieber deutlich mehr über die verschiedenen Nebenfiguren, insbesondere die Kinder und deren Gedanken erfahren wollte, führt zu “nur“ vier Sternchen. Aber das ist nicht entscheidend, denn es ist ein tolles Buch, das unbedingt gelesen werden soll.

Autor: Hilda Röder
Buch: Henning flieht vor dem Vergessen

BrittaRoeder

vor 2 Jahren

Habe schon viel Gutes zu diesem Buch gelesen, deine Rezi bestätigt den Eindruck, es mal selbst lesen zu müssen.

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