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Sick

vor 2 Jahren

(130)

Amsterdam, 2009: Henning Landes ist achtundsechzig Jahre alt und liebt sein Leben. Er ist Vater von drei erwachsenen Kindern und Großvater von fünfzehnjährigen Zwillingen. Er genießt das gute Essen seiner zweiten Frau Luise und seine Spaziergänge durch die Stadt. Doch ein Besuch bei seinem Arzt Dr. Visser reißt ihm den Boden unter den Füßen weg. Henning hat Alzheimer in seiner frühen Form und wird bald massive Gedächtnisprobleme bekommen. Ein Leben als pflegebedürftiger und hilfloser alter Mann kann er sich nicht vorstellen und so beschließt Henning, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Seine Familie ist entsetzt und will ihn umstimmen, aber es ist auch Verständnis für seine Situation da. In der Zeit, in der Hennings Antrag bei der Euthanasie-Kontroll-Kommission überprüft wird, versucht er eine Entscheidung zu treffen – für ein Sterben in Würde oder ein Leben, in dem er seine Würde zu verlieren droht…

„Henning fliegt vor dem Vergessen“ ist „ein Roman über Würde, Alzheimer-Erkrankung und Sterbehilfe“. Der Leser begleitet Henning von der Diagnose durch die Gespräche mit seinem Arzt und der Familie, durch die Erinnerungen an sein bisheriges Leben bis hin zu seiner endgültigen Entscheidung. Dabei tauchen immer wieder Fragen und Sorgen auf, die für Betroffene typisch sind. Wie wird mein weiteres Leben aussehen? Kann ich zuhause bleiben oder muss ich in einem Heim gepflegt werden? Und sind meine Familie und ich überhaupt stark genug, das durchzustehen? Henning findet für sich schnell eine Antwort auf all diese Fragen und möchte seinem Leben ein Ende bereiten. In den Niederlanden ist Euthanasie (griech. etwa „schöner Tod“) gesetzlich erlaubt und geregelt. Leidet der Patient unerträgliche Qualen (egal ob physisch oder psychisch), kann er mithilfe einer Willenserklärung um Sterbehilfe bitten. Diese Bitte wird dann überprüft und gegebenenfalls genehmigt oder abgelehnt. Doch der Patient muss zum Zeitpunkt der Erklärung und des Todes geistig in der Lage sein, solch eine wichtige Entscheidung treffen zu können. Und hier liegt das Dilemma für Henning: Noch kann er sein Leben genießen, auch wenn er manchmal nicht den Weg nach Hause findet. Ist seine Krankheit aber einmal so weit fortgeschritten, dass er beispielsweise seine Familie nicht mehr erkennt, ist es zu spät für Sterbehilfe. Somit liegt ihm die Entscheidung, die für ihn eigentlich schnell gefällt ist, doch sehr schwer im Magen. Außerdem hat Henning ein schlechtes Gewissen gegenüber seinen Kindern und Enkeln. Trauer, Wut und Verzweiflung geben sich bei ihnen die Klinke in die Hand, Gefühle, die nur allzu verständlich und nachvollziehbar sind. Henning versucht seine Entscheidung mit den Erlebnissen zu begründen, die er mit seinem demenzkranken Großvater gehabt hat, doch trotz allem fällt es schwer, die Situation zu akzeptieren.
Mir ist Hennings Geschichte sehr nahe gegangen, sowohl die verschiedenen Stationen seines Lebens, als auch die Krankheit Alzheimer und alles, was damit einherging. Die Familie Landes ist wie aus dem Leben gegriffen und ich habe sie alle ins Herz geschlossen. Oma Greta mit der Keksdose, Tante Olga mit ihrem „Sapperlott“, Opa Anton in seiner Werkstatt, Hennings Schwester Anneliese, die ihn praktisch aufgezogen hat, und seine Mutter Katharina, die erst im Alter das Leben lieben gelernt hat. Natürlich mochte ich auch Henning selbst gerne, seine zurückhaltende, aber liebevolle Frau Luise, seine drei unterschiedlichen Kinder und die Zwillinge. Der Familienzusammenhalt spielt hier eine große Rolle und ist in meinen Augen wirklich bewundernswert. Auch sprachlich ist das Buch toll, es lässt sich leicht lesen und alles ist gut erklärt. Im Anhang sind noch einige Anlaufstellen für Alzheimer aufgelistet, bei denen man sich informieren kann.

Egal, ob man selbst in irgendeiner Form betroffen ist oder nicht, diese Geschichte ist es allemal wert, dass sie gelesen wird. Dabei sollten aber auf jeden Fall die Taschentücher in Reichweite sein…

Autor: Hilda Röder
Buch: Henning flieht vor dem Vergessen

Ausgewählter Beitrag

Lienz

vor 2 Jahren

Du hast das Buch wunderbar rezensiert!
Dennoch - kein Buch für mich. Leider habe ich die Krankheit gesehen, gespürt, dagegen gekämpft und nach langem Ringen verloren. Ich kann darüber nichts mehr lesen.

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