Hilde Domin Im Vorbeigehn

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Inhaltsangabe zu „Im Vorbeigehn“ von Hilde Domin

Sprache des Herzens zum 100. Geburtstag von Hilde Domin Und im Vorbeigehn, ganz absichtslos, zünde ich die ein oder andere Laterne an in den Herzen am Wegrand. So formuliert es Hilde Domin in einem ihrer Gedichte. Ein wunderbares Bild, das als Überschrift über ihrem Schaffen stehen könnte. Sie gilt als „Dichterin des Dennoch“. Trotz vielfach erlittenem, persönlichen Leid, schwingt immer wieder Hoffnung, der Glaube an das Gute, in ihren Texten mit. Zeitlebens war sie viel unterwegs. Noch mit 95 Jahren kam sie zu einer Lesung nach Gnadenthal. Die Bilder von Andreas Felger haben sie sehr angesprochen. So entstanden zwei viel beachtete Bücher mit ihren Gedichten und Aquarellen des Künstlers. Jetzt erscheint aus Anlass ihres 100. Geburtstages am 27. Juli 2009 der dritte Band. Marion Tauschwitz, die Hilde Domin als Assistentin in den letzten Lebensjahren begleitet hat, spannt in ihrem Vorwort einen weiten Bogen über das Werk und die Biografie einer der bedeutendsten Lyrikerinnen der Gegenwart.

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  • Rezension zu "Im Vorbeigehn" von Hilde Domin

    Im Vorbeigehn
    Leserrezension_2009

    Leserrezension_2009

    04. September 2009 um 09:21

    Eingereicht von Werner F. Die Wortmagierin des Dennoch Zum 100. Geburtstag von Hilde Domin “Ein Gedicht ist ein gefrorener Augenblick, den jeder Leser für sich wieder ins Fließen, ins Hier und Jetzt bringt.” Derart pointiert verteidigte die 2006 verstorbene Lyrikerin Hilde Domin schon 1968 in dem Essay “Wozu Lyrik?” die Poesie gegen ihre Widerredner. Und hielt sich selbst bis zu ihrem Abschiedsband “Der Baum blüht trotzdem”, den die zarte Wortmagierin noch voll auf der Höhe ihrer Kunst 1999 im Alter von 90 Jahren veröffentlichte, an den damit selbstgestellten Anspruch: Ein Dichter muss sein Erleben und sein Leid mit Worten so gestalten, dass sich der Leser damit identifizieren kann. Das Schreiben aus Leiderfahrungen ist bei Hilde Domin authentisch, musste sie doch als Jüdin und NS-Regimegegnerin bereits 1932 mit ihrem späteren Mann, dem Kunsthistoriker Erwin Walter Palm, Deutschland und ihr heimisches Köln verlassen, um via Italien und England schließlich in die Dominikanischen Republik zu emigrieren. Sie hatte Jura, Wirtschaftswissenschaften, Soziologie und Philosophie (bei Karl Jaspers und Karl Mannheim) studiert und arbeitete während der Exiljahre als Sprachlehrerin und Übersetzerin, bevor sie 1954 unverbittert nach Deutschland zurückkehrte und sich 1961 endgültig in Heidelberg niederließ, weil sie immer am Glauben an die Möglichkeit eines zivilisierten Deutschlands festgehalten hatte und sich in diesem Sinn politisch in der SPD und als Vordenkerin der Grünen engagierte. Der literarische Durchbruch gelang ihr 1959 mit dem bei S. Fischer erschienenen Gedichtband “Nur eine Rose als Stütze”, in dem sie das Vertrauen in die Literatur als lebenshelfende Kraft mit virtuoser Schlichtheit in ein eindringliches Bild setzte, von Walter Jens als die “Vollkommenheit im Einfachen” gelobt. Im Juli 2009 wäre die vielfach ausgezeichnete Dichterin 100 Jahre alt geworden und aus diesem Anlass wird sie mit Recht als eine der bedeutendsten deutschen Nachkriegsdichterinnen mit mehreren Publikationen gewürdigt. So zeigte der Kultursender 3sat im Mai 2009 die dokumentarische Hommage “Ich will dich - Begegnungen mit Hilde Domin” von der fast 70 Jahre jüngeren Filmemacherin Anna Ditges, die damit ein intimes und glaubhaftes Lebens-Portrait der Lyrikerin zeichnete. Für das literarische Portrait engagiert sich seit einiger Zeit der Präsenz Kunst & Buch Verlag mit einer Auswahlreihe aus Domins lyrischen Arbeiten, deren mittlerweile dritter Band “Im Vorbeigehn” nun vorliegt. Der edle haptische Eindruck des schmalen Hardcover wird beim ersten Aufschlagen visuell noch verstärkt durch die hochwertig gedruckten, abstrakt-assoziativen farbigen Aquarelle von Andreas Felger, den mit Hilde Domin eine tiefe gegenseitige Bewunderung und Freundschaft verband. Eine ähnliche Nähe zu Domin hatte auch ihre langjährige Assistentin Marion Tauschwitz, die in ihrem Vorwort die Inspiration der Lyrikerin aus der Naturphilosophie Spinozas betont, nach der der Mensch in eine kosmische Ordnung gestellt ist, die Liebe und die Natur Spiegel für das Perpetuum der Erneuerung sind und dass der Neuordner / in dir in mir / fingernagelgroß schläft. So befasst sich die “Dichterin der Rückkehr”, wie der langjährige Freund Hans-Georg Gadamer sie einst nannte, nicht nur mit dem Verlust essenziellen Lebensinhalts und dem Gewinn des dadurch ermöglichten Neuen, sondern vor Allem mit der dem Menschen innewohnenden Kraft zu einer aufrechten Haltung gegenüber dem Schicksal, das es anzunehmen gilt mit dem Mut zur aktiven Teilhabe: “Brenne / Wir sind Fackeln mein Bruder / Wir sind Sterne / Wir sind Brennendes / Steigendes / Oder wir sind nicht / gewesen”. Daraus spricht keine Verbitterung, sondern die Aufforderung zur Zivilcourage, diese Hoffnung des “Fürchte dich nicht / es blüht / hinter uns her.” Hilde Domins Gedichte sind nie hochkomplex oder metaphorisch verstiegen, bedürfen aber einer aufmerksamen Annäherung durch den Leser, um die Wirkung der vielfach geglückten Symbiosen von feinsinniger Sprachästhetik und Engagement zu erspüren. Auch bei nach ’schwerer Besetzung’ verlangenden Themen wie der Liebe zeigen sich die hier zusammengestellten Gedichte meist knapp und unprätentiös; sie begnügen sich mit fast ökonomischer Bildhaftigkeit, erschließen aber gerade durch den Verzicht auf adjektivischen Tand und Euphemisierungen ein umso eindringlicheres poetisches Wahrnehmungsfeld: “Ich liege in deinen Armen / wie in einem Schiff, / ohne Route noch Hafen / aber mit Delphinen am Bug.” Mit ihrem hohen Anspruch an Wahrhaftigkeit in der Selbstoffenbarung und einem trotz Flucht und Exil bewahrten Lebensmotiv der Hoffnung trotzen Hilde Domins Gedichte der Schwere des Lebens mit Leichtigkeit, “weil das Wunder immer geschieht”. Ich gehe vorüber - aber ich lasse vielleicht den kleinen Ton meiner Stimme, mein Lachen und meine Tränen und auch den Gruß der Bäume im Abend auf einem Stückchen Papier. Und im Vorbeigehn, ganz absichtslos, zünde ich die ein oder andere Laterne an in den Herzen am Wegrand.

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