Ich stöberte neulich in unserer Schulbibliothek und entdeckte „Cleos Kästchen“ von Hilde Vandermeeren - ein Kinderroman, der offenbar seit Jahren unangetastet geblieben war. Das weckte meine Neugier: Warum wird dieses Buch überhaupt nicht ausgeliehen? Ich wollte wissen, ob der Inhalt dem gerecht wird, was sein stilles Dasein nahelegt.
Bereits nach wenigen Kapiteln stellte sich heraus, dass die Geschichte voll ist von Vorurteilen, Stereotypen und Bodyshaming. Anders als oft üblich, kommen die negativen Bemerkungen nicht von den Erwachsenen, sondern vor allem von Kindern - meistens sogar von Cleo selbst. Das macht deutlich, wie tief der Druck sitzt, wenn ein Kind andere Körper bewertet, geprägt von gesellschaftlichen Idealen.
Trotzdem birgt das Buch auch positive Elemente: Armut und Einsamkeit werden sensibel thematisiert, ohne laut zu moralisieren. Vandermeeren lässt erkennen, dass manche Figuren leiden, nicht weil sie böse sind, sondern weil sie keine andere Möglichkeit sehen. Eine Lehrerin spielt eine wichtige Rolle; sie erkennt Cleos Not, bietet Hilfe an - etwas, das man in vielen Kinderbüchern oft vergeblich sucht. Diese nuancierte Behandlung verdient Anerkennung.
Cleo ist Mittelkind - ein Platz, der in Familien oft übersehen wird. Ihre kleine und große Schwester fordern viel von ihr, meist indirekt, doch die Last ist real. Sie übernimmt Verantwortung, sorgt sich - all das, ohne dass es prominent zur Sprache käme. Diese Rolle als „still Verantwortliche“ macht ihre Figur interessant, aber auch belastend.
Was das Erzähltempo betrifft, so bleibt „Cleos Kästchen“ insgesamt ruhig. Große Überraschungen gibt es nicht, der Spannungsbogen schwankt kaum; vieles liegt in den Andeutungen, die Erwachsene anders bzw. schneller (richtig) deuten als Kinder. Wer auf Action oder unerwartete Wendepunkte hofft, wird enttäuscht werden; wer jedoch Wert auf leise Geschichten legt, findet Trost im Feinfühligen.
Ein weiteres Merkmal ist, dass fast alle Kinder in der Geschichte ein Geheimnis hüten. Diese verborgenen Seiten zeigen, wie viel unausgesprochen bleibt - was Sprache, Nähe und Freundschaft bedeutet und wie schwer es manchmal ist, sich selbst zu zeigen.
Insgesamt empfinde ich „Cleos Kästchen“ nicht als geglückt. Zu dominant sind die wiederkehrenden negativen Botschaften - Vorurteile und Körperkritik nehmen Raum ein, ohne dass Gegengewichte stark genug wirken. Das macht es schwer, das Buch unkritisch zu loben, obwohl es gute Absichten und sensible Szenen besitzt.
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