Hisham Matar Die Rückkehr

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Inhaltsangabe zu „Die Rückkehr“ von Hisham Matar

Hisham Matar wuchs als Kind in Libyen auf, doch die Diktatur unter Gaddafi hat seine Familie früh zerstört. Er selbst lebt seit langem in England, sein Vater wurde in das berüchtigtste Gefängnis von Libyen verschleppt. In dem kurzen Zeitfenster nach Gaddafis Sturz und vor dem neuen Bürgerkrieg kehrt Hisham Matar in seine Heimat zurück, um endlich vor Ort nach seinem Vater zu suchen. Sein Buch ist ein bewegendes Dokument.

Aufschlussreiche und spannend erzählte Libyen-Aufklärung anhand einer bewegenden Familiengeschichte.

— HansDurrer

Die ergreifende Geschichte einer zwischen Exil, Gefangenschaft und Revolution eingespannten Familie.

— jamal_tuschick

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  • Rückkehr nach Libyen

    Die Rückkehr

    HansDurrer

    14. June 2017 um 07:21

    Dreissig Jahre lang hatte Hisham Matar das Land seiner Kindheit nicht mehr betreten, als er sich im März 2012 zusammen mit seiner Frau und seiner Mutter nach Libyen aufmacht, um herauszufinden, was mit seinem Vater geschehen ist, der in Gaddafis Gefängnissen verschwunden war. "Mutter wusste, dass mein Wille, herauszufinden, was geschehen war, zu einer Obsession geworden war." Hishams Vater, Diplomat, Politiker und Widerstandskämpfer gegen Gaddafis Regime, war im März 1990 vom ägyptischen Geheimdienst aus seiner Kairoer Wohnung entführt und an Gaddafi ausgeliefert worden (der Klappentext spricht fälschlicherweise davon, dass der libysche Geheimdienst ihn im Kairoer Exil mitten auf der Strasse entführt habe). Vor allem beschäftig den Sohn, wie es seinem Vater in den ersten Tagen, ja, den ersten Stunden der Gefangenschaft ergangen ist. Bei seinen Nachforschungen stösst er jedoch auch immer wieder auf kulturelle Eigenheiten, die seiner Wahrheitssuche entgegen stehen. "Als Erregung und Nervosität nichts zu sagen übrig liessen, taten wir, was die meisten Leute tun und worin die libysch-beduinische Gesellschaft besonders gut ist: Wir wiederholten die höflichen, unpersönlichen Allgemeinplätze und Fragen, die, so verlangt es die Etikette, nicht zu spezifisch sein dürfen, wobei der Hauptzweck darin liegt, dem aus dem Weg zu gehen, was die männlichen Mitglieder meiner Familie väterlicherseits stets sorgfältig vermeiden: Einmischung und Klatsch." In Libyen waren Geschichten im Umlauf, "die zu abstrus wirkten, als dass man sie glauben konnte", doch die sich als wahr erwiesen. So sollten sich etwa unter dem Gelände des militärischen Komplexes in Tripolis, in dem Gaddafi sich aufhielt, Gefängnisse befinden, in denen die heftigsten Widersacher des Dikatators eingesperrt waren, denn er "hatte seine grössten Gegner gerne nahe bei sich, um sie sich von Zeit zu Zeit ansehen zu können, die Lebenden wie die Toten. Gefriertruhen mit Leichen lange verstorbener Dissidenten wurden gefunden." Die Rückkehr findet in der Zeit nach Gaddafis Sturz und vor dem neuen Bürgerkrieg statt und beschert dem 42jährigen Hisham Matar auch ein recht aufreibendes Familienbesuchsprogramm. Er hat zwar nur einen Bruder, jedoch einhundertdreissig Cousins und Cousinen, die alle besucht werden wollen. Sein Onkel Mahmoud (geboren 1955), der jüngste Bruder seines Vaters (geboren 1939) verbrachte einundzwanzig Jahre in Abu Salim, dem berüchtigsten Gefängnis des Landes, und erweist sich als eine wichtige Informationsquelle. Er war auch ein grosser Leser, der immer wieder bestimmte Einzelheiten aus den Brüdern Karamasow, Candide oder Madame Bovary zitierte, "was er aus dem gleichen Grund heraus tat, der freie Menschen ein Buch erneut lesen lässt: um den Genuss zu wiederholen und zu vertiefen."  Für mich, der ich so ziemlich gar keine Vorstellung von Libyen habe, ist Die Rückkehr eine höchst aufschlussreiche Lektüre. Und das hat nicht zuletzt mit den vielen Anekdoten zu tun, die Hisham Matar erzählt. So war etwa sein Vater Bayern München-Fan und wenn er ausser Haus war, nahm die Mutter die Spiele auf, auch die Fussballübertragungen im Radio, einschliesslich der zweiten ägyptischen Liga, sogar nachdem er entführt worden war. Die mir liebste Anekdote ist diese hier: "Ein achtzehnjähriger arabischer Muslim betete in einem englischen Pub für eine schottische Mannschaft, weil sie einen möglicherweise aus Afrika stammenden schwarzen Spieler hatte, während die libysche Familie des Muslims im Exil in Kairo die deutsche Mannschaft anfeuerte." Da Hisham Matar ein belesener Mann ist, kommt auch Literarisches nicht zu kurz. So zitiert er etwa Jean Rhys: "Nie würde ich zu irgend etwas gehören. Nie würde ich wirklich irgendwohin gehören, und das wusste ich, und mein ganzes Leben lang würde es nie anders sein - ich würde versuchen, irgendwohin zu gehören, und dabei scheitern. Immer würde irgend etwas schiefgehen. Ich bin eine Frede und werde es immer bleiben, und im Grunde genommen machte es mir so gut wie nichts aus." Er kommentiert das Zitat wie folgt: "Als ich diese Zeilen von Jean Rhys zum ersten Mal las, dachte ich, ja, und dann, fast sofort, ärgerte ich mich über dieses Einverständnis. Deshalb ist die Rückkehr in jenes frühere Leben wie das Entdecken eines Spiegelbildes an einem öffentlichen Ort. Deine erste Reaktion, noch bevor du es begreifst, ist Argwohn. Du kommst aus dem Tritt, findest aber gerade noch rechtzeitig das Gleichgewicht wieder." Er soll in der Bibliothek auftreten, ein Gespräch vor Publikum. Ein alter Mann aus dem Publikum stellt sich als Freund seines Vaters vor und übergibt ihm Kurzgeschichten, die dieser geschrieben hatte. "Ich wusste zwar von den Versuchen meines Vaters, Gedichte zu schreiben, hatte aber nicht geahnt, dass er sich als Student in Paris auch in Prosa versucht hatte." Auch erfährt er erst von Fremden, dass seine Mutter Mütter von politischen Gefangenen bei sich aufgenommen hatte. Die Rückkehr informiert auch über die Verbindungen des britischen Establishments mit Gaddafi sowie über die Besatzung Libyens durch die Italiener, die 1911 ins Land kamen und jeden sechsten Bewohner der Hauptstadt auf kleine Inseln rund um Italien, zum Beispiel die Tremiti-Inseln, Ponza, Ustica und Favignana, verschleppten. "Das Land sollte entvölkert werden. Die Geschichte erinnert sich an Mussolini als den clownesken Faschisten, den wirkungslosen, tumben Italiener, der im Zweiten Weltkrieg kaum überzeugte; in Libyen verantwortete er einen Genozid." Gegen Ende des Buches wähnt man sich plötzlich in einem veritablen Thriller. Nach neunzehn Jahren des Stocherns im Nebel, meldet sich ein Mann telefonisch bei Hisham – er habe seinen Vater gesehen, im Jahre 2002. "Noch nie hatte jemand behauptet, meinen Vater nach 1996, dem Jahr des Massakers gesehen zu haben. Wenn das stimmte ...". Der britische Aussenminister David Miliband und Gaddafis Sohn Saif al-Islam kommen ins Spiel ... Die Rückkehr ist ein bewegendes Buch.

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  • ‚Hier geschieht nie was. Aber wenn, dann schnell wie der Blitz.'

    Die Rückkehr

    sabatayn76

    30. April 2017 um 22:07

    ‚Hier geschieht nie was. Aber wenn, dann schnell wie der Blitz. Dann lässt sich die Welt in einem Tag verändern. Es mag zweiundvierzig Jahre dauern, bis der Tag kommt, aber wenn...‘Im Jahre 1979, zehn Jahre nach Gaddafis Machtergreifung, floh Hisham Matars Familie aus der libyschen Heimat. Hisham Matars Vater war unter König Idris Offizier der libyschen Armee und entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem der bekanntesten Führer der Opposition gegen Gaddafis Regime. Die Familie lebte viele Jahre im ägyptischen Exil, wurde auch nach ihrer Flucht aus Libyen vom libyschen Geheimdienst überwacht und nahm einen neuen Namen an. Im Jahre 1990 wurde Hisham Matars Vater dennoch vom libyschen Geheimdienst entführt und in das berüchtigte Abu Salim-Gefängnis bei Tripolis gebracht. In den ersten sechs Jahren seiner Gefangenschaft gelang es dem Vater, drei Briefe an seine Familie aus dem Gefängnis zu schmuggeln, doch dann verlor sich die Spur, und seine Familie hörte nie wieder von ihm. Als im Zuge der libyschen Revolution im August 2011 Tripolis eingenommen und das Abu Salim-Gefängnis gestürmt wurde, konnte Hisham Matars Vater weder unter den Gefangenen von Abu Salim noch in anderen Gefängnissen gefunden werden: ‚Vater war nicht unter ihnen. Zum ersten Mal ließ sich die Wahrheit nicht mehr verleugnen. Es war klar, dass er erschossen, gehängt, verhungert oder zu Tode gefoltert worden war. Niemand weiß, wann, und die es wussten oder wissen, sind tot oder geflohen, haben zu große Angst zu reden, oder es interessiert sie nicht. War es im sechsten Jahr seiner Gefangenschaft, als seine Briefe aufhörten? War es bei dem Massaker in jenem Jahr in Abu Salim, als 1270 Gefangene zusammengetrieben und erschossen wurden? Oder ist er einsam und allein umgekommen, vielleicht im siebten, achten oder neunten Jahr? Oder erst im einundzwanzigsten, als die Revolution ausbrach? [...] Aber vielleicht war Vater ja gar nicht tot [...]. Vielleicht war er in Freiheit [...] und fand wegen eines Gedächtnisverlusts, weil er nicht mehr sehen, sprechen oder hören konnte, nicht zurück zu uns [...].‘. Hisham Matars Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben waren somit geprägt von tiefer Unsicherheit und vom Unwissen, wie es seinem Vater ergangen ist. Im Jahr nach dem Sturz Gaddafis reiste er schließlich mit seiner Frau Diana und seiner Mutter nach Libyen. Er machte sich vor Ort auf die Suche nach Antworten über den Verbleib seines Vaters, sprach mit Verwandten, die zeitgleich inhaftiert waren, und traf andere Gefangene, um Licht in das Dunkel zu bringen. Hisham Matar erzählt in ‚Die Rückkehr‘ sehr eindringlich vom Verschwinden seines Vaters und von der Suche nach ihm und verwebt seine persönliche Geschichte mit der damit sehr eng verknüpften Geschichte Libyens. Dabei wechselt er immer wieder die Handlungsorte und die Zeitebenen, erzählt vom Leben seines Großvaters und seines Vaters sowie von seinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen in Libyen, Ägypten und Europa. Diese Zeitsprünge und Ortswechsel sorgen für viel Spannung und große Abwechslung, erfordern aber auch eine konzentrierte Lektüre dieses in schnörkelloser, aber stets gewählter Sprache geschriebenen Buches. Sowohl durch die Zeit- und Ortswechsel als auch thematisch und sprachlich ist ‚Die Rückkehr‘ meiner Meinung nach ein typisches Hisham Matar-Buch, in dem nicht nur eine fesselnde Geschichte erzählt wird, sondern in dem auch detaillierte Einblicke in die Geschichte Libyen ermöglicht und die Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen und das Leben im Exil thematisiert werden. Dabei sind die Schilderungen im Buch zwar detailliert, aber stets sachlich, so dass Hisham Matar zwar von Grausamkeiten, von Folter und Haft, von Entführung und Exekution erzählt, jedoch nie reißerisch wird. So zeichnet er ein authentisches Bild vom Leben in Libyen zu Zeiten Gaddafis und nach dessen Sturz, und zeigt deutlich, wie ein Leben in Gaddafis Land aussah und wie das Land nach dem Sturz des Diktators aus den Fugen geraten ist. Ich kann ‚Die Rückkehr‘ vorbehaltlos empfehlen und lege jedem Leser auch Hisham Matars ‚Im Land der Männer‘ und ‚Geschichte eines Verschwindens‘ sehr ans Herz.

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  • Eine tiefe Erschütterung

    Die Rückkehr

    Buecherschmaus

    29. March 2017 um 17:45

    Hisham Matar ist ein aus Libyen stammender, in London lebender Autor. Sein 2006 erschienener Roman „Im Land der Männer“ wurde für die Shortlist des Man Booker Preises nominiert.Sein Vater Jaballa Matar stammte aus einer einflussreichen Familie. Zunächst Gaddafis Putsch und der damit verbundenen Hoffnung auf einen modernen freiheitlich-sozialistischen Staat durchaus positiv gegenüber stehend, arbeitete dieser für die libysche Delegation bei den Vereinten Nationen in New York, wo Hisham 1970 zur Welt kam. 1973 zurückkehrend, entwickelte sich der Vater zunehmend zu einem der erbittertsten Oppositionellen. Zeitweise unterhielt er im benachbarten Tschad eine bewaffnete „Rebelleneinheit“. 1979 musste die Familie daraufhin zunächst nach Kenia und dann ins ägyptische Exil fliehen. Durch seine weitreichenden Beziehungen und das Vermögen, das er sich mit Importgeschäften verdient hatte, war er nicht nur einflussreich, sondern konnte seiner Familie auch ein finanziell recht sorgloses Leben bieten. Bereits 1975 ging Hisham wie sein Bruder Zaid zur Ausbildung nach London. 1990 wurde der Vater Jaballa vom libyschen Geheimdienst aus Ägypten entführt, wobei der ägyptische Staat unrühmlich Beihilfe leistete. Jaballa Matar verschwand wie einige seiner Familienangehörigen im berüchtigten Gefängnis Abu Salim in Tripolis. Kamen bis 1995 noch gelegentlich geschmuggelte Briefe oder Nachrichten bei der Familie an, brach danach jeglicher Kontakt ab. Jaballa Matar verschwand einfach. Jegliche Versuche der Kontaktaufnahme, der Anfragen, diplomatischer Interventionen scheiterten. Besonders tragisch, da 1996 nach einer Gefängnisrevolte ein Massaker stattfand, dem 1200 Gefangene zum Opfer fielen. Das Schicksal Jaballas blieb weiter im Dunkeln.Ein Trauma, dass Hisham Matar und seine ganze Familie bis in die Gegenwart verfolgt. 2011 wurde die Verhaftung des Anwalts Fathi Tabil, der Angehörige der bei dem Massaker erschossenen Gefangenen vertrat und den darauffolgenden Kundgebungen Tausender zu einem der Auslöser für den Bürgerkrieg. Verwandte Hisham Matars kamen frei, aber der Vater blieb verschollen.Wie quälend diese Ungewissheit für die Familie ist, wie anstrengend und manchmal absurd die jahrelangen Bemühungen um Aufklärung, zunächst im Umkreis Gaddafis und dessen in London lebenden Sohn Saif waren, wie nah Hisham selbst eines Abends in Paris der Selbsttötung aus Verzweiflung war, wie die Suche nach dem Vater mehr und mehr zur Obsession wurde, sein Privatleben bedrängte und ihm wichtige Ressourcen nahm, beschreibt der Autor auf sehr eindringliche Art und Weise. Aufhänger ist die Reise nach Libyen, mit Mutter und amerikanischer Ehefrau 2012, nach Gaddafis Sturz. Das Zusammentreffen mit Familienmitgliedern, Weggefährten und alten Freunden des Vaters, das Widersehen mit den Orten der Kindheit, all das schildert Matar auf sehr berührende Weise. Dabei blickt er immer wieder zurück, rekonstruiert mit Hilfe von Aussagen die vermeintlich letzten Jahre, Tage und Stunden des Vaters. Lässt nur zögernd die Gewissheit über seinen Tod zu. Ein Rest Hoffnung bleibt.Hier schreibt ein Autor von einer tiefen, lebenslangen Erschütterung. Auch der Leser bleibt erschüttert zurück.

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  • Erinnerungen sind Geschichten

    Die Rückkehr

    jamal_tuschick

    11. March 2017 um 10:14

    “Ich schulde dir eine Universitätsausbildung, danach musst du für dich selbst sorgen.”Die väterliche Feststellung signalisiert den Kurs einer Existenz in einem Kreis von Existenzen. Sie spiegelt Erwartungen, die eine Führungspersönlichkeit in sich gesetzt sieht. Jaballa Matar, Bayern München-Fan und Kopf einer Anti-Gaddafi-Miliz, begreift sich als connecting link zwischen den Generationen. Nach seinem Ideal trägt jeder Libyer die Geschichte eines Stammes in die Zukunft. Das ist seine Aufgabe auf der ersten Stufe. Alle Schulungen richten ihn dafür ein. Wer zu Größerem befähigt ist, steigt zwangsläufig auf. Keiner hat das Recht, hinter seinen Möglichkeiten zurückzubleiben. Hisham wird 1970 in New York geboren, er wächst in Kenia, Ägypten und England auf. Sein Bruder Ziad geht in der Schweiz zur Schule. Der Kosmopolitismus ist zuerst der Diplomatenkarriere des Vaters und dann Verlegenheiten des Exils geschuldet. Das Exil verurteilt Hisham dazu, alles für vorläufig halten zu müssen. Er verliebt sich in den englischen Nebel und in die Zauberstimmungen keltischer Landschaften. Daheim in Kairo lernt Hisham von Britannien reiten, schießen und schwimmen. Die Grundausbildung für höhere Söhne absolviert er “hinter den Pyramiden von Gizeh”. Es fehlt nur noch Indiana Jones vor dem Feuerball einer unbarmherzigen Sonne. Nicht, dass Hisham Matar zur Schwelgerei neigt. Er schreibt sachlich. Trotzdem steckt Hitze im Text. Einmal beobachtet der Vater, wie Hisham Münzen erst zählt, bevor er sie einem Bettler gibt. Matar verlangt: “Das nächste Mal machst du keine Vorführung daraus ... Gib so, als würdest du nehmen.”Wir brauchen einen Vater, gegen den wir uns auflehnen können, schreibt Hisham. Der fehlt ihm. Gaddafi lässt den guten Mann 1990 entführen und macht ihn zu seinem Nachbarn in Tripolis. Sechs Jahre sitzt Jaballa Matar nachweislich in Abu Salim. Danach verliert sich seine Spur. Im Gefängnis bleibt er isoliert. Trotzdem findet er Wege der Kontaktaufnahme zu inhaftierten Verwandten. Nach Gaddafis Sturz besucht Hisham einen Onkel, der einundzwanzig Jahre in Abu Salim eingesperrt war, wo er den Bruder bis Sechsundneunzig zwar nicht sehen, wohl aber hören konnte - als Rezitator von Gedichten. Wer ein Buch auswendig kennt, trägt ein Haus in seiner Brust. Nach Matars Entführung zeigt sich kein Befreiungskämpfer der eingeschworenen Truppe und auch sonst kein Dissident den Verzweifelten. “Es war, als hätte uns eine ansteckende Krankheit befallen.” Die Finanzierung der Freischar verbrauchte ein Privatvermögen von sechs Millionen Dollar. Die Mutter, “die ihr ganzes Leben nicht einen Tag für Geld gearbeitet hatte”, steht mittellos da. Hisham ist wie gelähmt nach all den altruistischen Lektionen. Er entgleitet der Erstarrung im Merhamet (Großherzigkeit) der Umma (Gemeinschaft). Erst im befreiten Libyen kommt er wieder zu sich in der beduinischen Stammesgemeinschaft. Sie hat Plätze für ihre Gedichte, Orte der Kontemplation und der Feste. Sie hat die Wüste, auch als Metapher. Hisham gedenkt eines (im letzten Häuserkampf) gefallenen Cousins, für den der Befreiungskampf direkt vor der eigenen Haustür begonnen hatte. In Schlappen war der angehende Bauingenieur Izzo in den Kampf gezogen - gegen Panzer, die Bengasi (die andere Stadt, von Tripolis aus gedacht) planieren sollten. Das Fazit stand schon auf Plakaten: Hier war Bengasi. Sich auf einem Schlachtfeld überhaupt erst mit schweren Sachen zu bewaffnen, war für Izzo und seine Freunde nicht ungewöhnlich gewesen. Erinnerungen sind Geschichten, die eine Existenz beglaubigen, schreibt Hisham Matar. Die Qualen seines Vaters werden erst mit dem Tod des Sohnes enden. Die Suche nach der Wahrheit, die Frage, was geschah Jaballa Matar im Kerker, untergräbt das Leben des Autors. Er redet mit einem Leser, er antwortet seiner amerikanischen Frau Diana, er bestellt in einem Restaurant Riesengarnelen ... immer mit der Anstrengung, sich von den Tentakeln der Folter, der sein Vater unterworfen war, nicht aus dem Alltag ziehen zu lassen. Er spürt sie wie Fesseln, die den Körper immer erpresserischer einschnüren. Er kann nicht Hamlet sein und (einer See von Plagen) erliegen. Er muss das Zeugnis seines Vaters ablegen. Tripolis ist längst gefallen, als Hisham Matar 2012 die Lage peilt. Er sondiert in einem Land der Milizen. Wer das Abenteuer nicht sucht, hält die Fensterläden geschlossen. Während über Afrika die Sonne durchdreht, glimmt in den Häusern künstliches Licht.

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  • „Die Rückkehr“ ist ein wie alle große Literatur dem Tod und der Dunkelheit abgerungenes Buch

    Die Rückkehr

    WinfriedStanzick

    01. March 2017 um 11:37

    „Die Rückkehr“ ist das bisher persönlichste Buch des libyschen Schriftstellers Hisham Matar, in dem er seine jahrzehntelange obsessive Suche nach dem Verbleib seines Vaters dokumentiert und damit gleichzeitig eine Liebeserklärung an das Libyen seiner Kindheit und ein verzweifelter Aufschrei über das, was die Gaddafi-Tyrannei und eine gescheiterte Revolution aus einem einst blühenden Land und seiner Kultur gemacht haben. Das Buch beginnt im März 2012 an einem Tag auf dem Flughafen in Kairo. Hisham Matar, seine Frau Diana und seine Mutter wollen das, wie sich herausstellen wird, letzte Zeitfenster nutzen, um nach der Revolution noch einmal in die Heimat zu fliegen und dort nicht nur Verwandte zu besuchen, sondern vielleicht auch endgültige Klarheit über das Schicksal des seit 1990 verschwundenen Vaters zu bekommen. Und während sich die drei der alten Heimat nähern und während sie dort bei einem längeren Aufenthalt eintauchen in die Welt ihrer weit verzweigten Verwandtschaft, erzählt Matar sein eigenes Leben und das seines Vaters, dem er nachspürt, seit der 1990 vom ägyptischen Geheimdienst an Gaddafi ausgeliefert wurde. Jaballa Matar war bis 1973 als libyscher Diplomat bei den Vereinten Nationen in New York tätig. Dort wurde auch 1970 der Sohn Hisham geboren. 1973 kehrte die Familie nach Libyen zurück, wo Hisham Matar seine frühe Kindheit verbrachte, bevor die ganze Familie wegen des regimekritischen Engagements des Vaters zunächst nach Kenia und später nach Kairo fliehen musste. Von London aus, wohin Hisham 1986 gegangen war, um dort Architektur zu studieren, erlebt er 1990 mit, wie Ägypten seinen Vater über Nacht an Gaddafi auslieferte. Später stellt sich heraus, dass er sofort nach Abu Salim gebracht wurde, jenem berüchtigten Gefängnis, in dem tausende Regimegegner verschwanden. 33 Jahre hat Hisham Matar auf der Suche nach der Wahrheit über seinen Vater, die ihn über den halben Erdball führte und selbst mit Gaddafis Sohn verhandeln ließ, von dieser Rückkehr geträumt und sich gleichzeitig vor ihr gefürchtet. Er will nun endgültig Gewissheit, ob der Vater noch am Leben ist, bzw. unter welchen Umständen er ums Leben gekommen ist. Sein Buch ist, meisterhaft komponiert und sicher unter großen Schmerzen geschrieben, nicht nur der Bericht über diese Reise, sondern auch eine in vielen Rückblicken erzählte Geschichte seines Landes und eine Introspektion seiner eigenen Heimatlosigkeit und Verzweiflung angesichts des verschwundenen Vaters. Es beginnt, mit jenem Tag, als Gaddafi 1969 in Libyen de Macht an sich reißt und den König stürzt. Anfänglich so wie viele andere seiner Generation diesen Aufbruch in eine neue politische Ära durchaus begrüßend, entwickelt sich Jaballa Matar aber schnell zu einem entschiedenen Gegner eines Systems, dem später nicht nur Tony Blair, sondern auch die deutschen Grünen huldigen sollten.  Mit der Figur seines Vaters verknüpft Matar diese politische Geschichte. Mit der seines Großvaters verschafft er dem Leser Einblicke in die Zeit, als Libyen unter italienischer Besatzung stand, eine Herrschaft, die das Land wirtschaftlich und kulturell ausbeutete und von der in Italien auch heute noch niemand etwas wissen, geschweige denn aufklären will. Die Worte Matars bringen auch dem politisch aufgeklärten Leser ein Land und eine Kultur nahe, die er so nie wahrgenommen hat, ragte doch Libyen unter den sogenannten gescheiterten Staaten besonders heraus. Als Hisham Matar im März 2012 nach Libyen kommt, ist die Arabellion schon fast gescheitert. Die Möglichkeit einer besseren Zukunft besteht noch, doch der Bürgerkrieg ist schon ein Teil des Alltags, die Zerstörung der Hoffnungen schon in vollem Gange: "Ich bin", so schreibt er, "nie irgendwo gewesen, wo Hoffnung und Besorgnis ähnlich groß waren. Alles schien möglich, und so gut wie jeder, den ich traf, sprach in einem Atemzug von seinem Optimismus und düsteren Vorahnungen." Mit viel Einfühlungsvermögen zeichnet er die zahlreichen Menschen, mit denen er über seinen Vater und deren eigene Erfahrungen spricht. Diese Teile des Buches, in denen der Autor selbst immer wieder auf dem Spiel steht, sind auch sprachlich meisterhaft gelungen. Das antike Vater-Sohn-Drama, jene enge Bindung über den Tod hinaus bestimmt das ganze Buch. „Die Rückkehr“ ist ein wie alle große Literatur dem Tod und der Dunkelheit abgerungenes Buch. Es erzählt von Vätern und Söhnen, von Heimat und Exil und von jenem in allen arabischen Ländern gescheiterten Traum vom demokratischen Aufbruch. Ein großes Buch, das spricht vom Schmerz und  von der Kraft derer, die die Hoffnung nicht aufgeben können.

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