Hoimar von Ditfurth

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Rezension zu "Im Anfang war der Wasserstoff" von Hoimar von Ditfurth

Die Entwicklung des Universums und des Lebens
PhilippWehrlivor einem Jahr

Der Arzt und Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth widmete sein Lebenswerk der Verbreitung der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, sowohl als Autor verschiedener populärwissenschaftlicher Bücher als auch als Fernsehmoderator und als Begründer und Herausgeber der wissenschaftlichen Zeitschrift ‚Mannheimer Forum’. Dabei ging es ihm immer darum, den Blick über den Zaun auf andere Fachgebiete und auf das grosse Ganze zu ermöglichen. Ditfurths Buch, ‚Der Geist fiel nicht vom Himmel’ ist eines der besten populärwissenschaftlichen Bücher aller Zeiten. Dies sei klargestellt, bevor ich das vorliegende Buch kritisiere. Denn bei diesem sind Ditfurth leider eine ganze Reihe von Ungenauigkeiten unterlaufen.

Z. B. auf S. 35 zur Relativitätstheorie: Wenn ein Beobachter in einem Raumzeit-Punkt A das Licht von zwei Vulkanausbrüchen gleichzeitig bei A ankommen sieht, so kommen die Lichtstrahlen für jeden anderen Beobachter in A ebenfalls gleichzeitig an. Unterschiedlicher Ansicht sind die Beobachter nur, wenn beide ausrechnen, wann die Vulkane ausgebrochen sind. Das Ereignis, dass die Lichtstrahlen bei A zusammentreffen, ist für alle Beobachter gleich.

Auf S. 41 zum kosmologischen Term: Tatsächlich fügte Einstein seinen Feldgleichungen einen kosmologischen Term hinzu, der bewirken sollte, dass das Universum statisch ist. Als er erkannte, dass das Universum sich ausdehnt, nahm er diesen Term aber nicht ‚stillschweigend’ heraus, sondern er nannte ihn ‚die grösste Eselei meines Lebens’.

Auf den Seiten 122 und 123 sind eine Reihe wichtiger Moleküle modellhaft aber sehr unglücklich abgebildet. So ist z. B. das CO2 Molekül ist gewinkelt gezeichnet. Wenn es so wäre, wäre Kohlendioxid bei Zimmertemperatur flüssig. Bei den anderen Molekülen verwirrt, dass die dreidimensionale Struktur falsch wiedergegeben ist. Zwar sind alle Atome als schief hinter einander liegende Kugeln gezeichnet, aber so, als wären sie alle Atome in einer Ebene. Wenn die grafische Darstellung den Eindruck erweckt, es handle sich um ein dreidimensionales Abbild, dann sollte die räumliche Anordnung auch einigermassen stimmen.

S. 240 Der Birkenspanner ist ein schlechtes Beispiel für die Evolution. Wenn in einem Gebiet durch Abgase die Birkenrinde dunkel wird, gibt es dort schon nach wenigen Generationen viel mehr weisse Birkenspanner als dunkle. Dabei verändert sich aber am Genpool nichts. Denn zu jeder Zeit gibt es sowohl weisse als auch dunkle Birkenspanner. Wenn die Birken weiss sind, überleben die weissen besser als die dunklen. Es hat sich aber nicht eine neue Eigenschaft entwickelt.

S. 285 Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass die Dinosaurier Warmblüter waren (siehe Adrian Desmond, ‚Das Rätsel der Dinosaurier’). Ditfurths Überlegungen, dass die damalige Tierwelt nachts still war, weil nur Warmblüter nachtaktiv sind, passen daher wohl nicht.

S. 310: Ausführlich beschreibt Ditfurth Versuche, die Georges Ungar und James McConnell in den 60er Jahren durchgeführt hatten und die angeblich zeigen, dass Erinnerung auf Molekülen, möglicherweise auf der RNA gespeichert werde. Bei den Versuchen wurde Plattwürmern mittels Licht und Elektroschocks ein bestimmtes Verhalten antrainiert. Danach wurden die Würmer zermalmt und anderen Würmern verfüttert, die danach dasselbe Verhalten schneller erlernen sollten. Die nicht ganz ernst gemeinte Empfehlung an Studenten lautet: „Verspeisen Sie Ihren Professor!“ – Tatsächlich konnten die Versuche nie überzeugend repliziert werden, was sich schon sehr bald abzeichnete, nachdem Hartry, Keith-Lee und Morton 1964 die Versuche unter strengeren Bedingungen wiederholt hatten und nachdem Jensen 1965 in einer Übersichtsstudie zeigte, dass sämtliche Studien, die eine Lernübertragung bei Plattwürmern nachgewiesen haben sollen, ernste methodologische Fehler aufwiesen (Ruch, Zimbardo, ‚Lehrbuch der Psychologie).

S. 346 Anmerkung 6: Zwar ist das Universum rund 13 Milliarden Jahre alt und bekanntlich kann sich nichts schneller als mit Lichtgeschwindigkeit durch den Raum bewegen. Das bedeutet aber nicht, dass wir nur 13 Milliarden Lichtjahre weit sehen können. Die entferntesten sichtbaren Galaxien sind heute wesentlich weiter als 13 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt. Dies ist möglich, obwohl sie sich durch den Raum stets langsamer als das Licht bewegt haben. Aber weil der Raum zwischen uns und den Galaxien sich ausgedehnt hat, ist der Abstand heute doch viel grösser.

An mehreren Stellen wählt Ditfurth Worte, die leicht teleologisch missverstanden werden könnten: Als gäbe es einen Plan im Universum, als wäre schon immer eine höhere Intelligenz da gewesen, die gezielt auf den bewusst denkenden Menschen hingearbeitet hätte. Ditfurth erklärt diese Worte im Anhang damit, dass „unsere Sprache nun einmal unausweichlich ‚anthropozentrisch’ gebaut“ sei. „Deshalb aber sind diese scheinbar teleologischen Formulierungen das relativ beste Mittel, wenn es darauf ankommt, komplizierte Sachverhalte so kurz und einfach wie möglich darzustellen.“
Missverständlich sind die Formulierungen eben doch.


Neben diesen Ungenauigkeiten gibt es eine Reihe ausgezeichneter Erklärungen. Dennoch empfehle ich zu diesem Thema andere Bücher:
Zur Entstehung der Elemente Stephen Weinberg, ‚Die ersten drei Minuten’.
Zur Entstehung des Lebens Nick Lane, ‚Verblüffende Erfindungen der Evolution’.
Und zur Evolution des Bewusstseins ganz heiss empfohlen: Hoimar von Ditfurth, ‚Der Geist fiel nicht vom Himmel’.

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Rezension zu "Der Geist fiel nicht vom Himmel : d. Evolution unseres Bewusstseins." von Hoimar von Ditfurth

Die Evolution des menschlichen Geistes: Brillant erklärt
PhilippWehrlivor einem Jahr

‚Der Geist fiel nicht vom Himmel’ von Hoimar von Ditfurth war lange Zeit mein Lieblingsbuch. Wer verstehen will, was ein Mensch ist, muss dieses Buch gelesen haben. Ich kenne kein anderes Buch, in dem die Evolution so klar und überzeugend erklärt wird.

Ein Argument, das Kreationisten immer wieder gegen die Evolutionstheorie anführen, lautet: Die Evolutionstheorie kann allenfalls erklären, wie ein Giraffenhals länger wurde. Aber sie kann unmöglich erklären, wie so komplizierte Organe wie das Linsenauge entstehen konnten. Bemerkenswerterweise war es Darwin selbst, der darauf aufmerksam machte, dass es schwierig ist, komplizierte Organe wie etwa das Linsenauge mit der Evolutionstheorie zu erklären. Bereits Darwin konnte sich eine Erklärung des Linsenauges aber durchaus vorstellen und er erklärte auch, welche Bedingungen eine Erklärung erfüllen muss.

Erstens kann die Evolution nämlich nicht schlagartig grundsätzlich neue Eigenschaften hervorbringen. Sie kann nur kleine Schritte tun. Und zweitens muss jeder dieser kleinen Schritte einen Vorteil bringen oder zumindest nicht stören, denn ein Schritt der einen Nachteil bringt, in der Evolution sehr unwahrscheinlich.

Die Frage ist also: Gibt es von einfachen Einzellern bis zu höheren Lebewesen mit Linsenaugen einen Weg, auf dem jeder kleine Schritt einen Vorteil bringt? – Darwin kannte diesen Weg nicht. Ditfurth aber kennt einen und er beschreibt ihn im Detail. Er beschreibt die wichtigsten Schlüsselstellen und zeigt, dass es auch heute noch Lebewesen gibt, welche gerade an diesen Schlüsselstellen stehen. So schildert er die Entwicklung des Linsenauges beginnend mit Euglena, einem Einzeller, der Licht braucht um zu überleben. Euglena sieht nichts. Solange kein Licht auf Euglena fällt, wackelt der Einzeller ziemlich zufällig umher. Wenn aber Licht von vorne auf den Einzeller trifft, schlägt dessen Geissel so, dass dieser Richtung Licht schwimmt.

Für Euglena-artige Urwesen ist es ein Vorteil, wenn sich bei der Zellteilung die Zellen nicht sogleich trennen. Denn ein grösserer Klumpen von Zellen wird weniger gefressen und kann sich ausserdem schneller bewegen, wenn die Geisseln koordiniert schlagen. Für Mehrzeller ist es ein Vorteil, wenn die lichtempfindlichen Zellen nicht gleichmässig über die ganze Körperoberfläche verteilt sind, sondern sich wie beim Strudelwurm an nur zwei Stellen konzentrieren. Wenn aber alle empfindlichen Stellen versammelt sind, ist es gut, wenn sie in einer Vertiefung liegen und so ein bisschen geschützt sind. Die Napfschnecke hat solche schützenden Vertiefungen. Und dies führt, ohne dass es das Ziel war, zu einem völlig neuen Effekt: Die Napfschnecke kann Bewegungen sehen. Dies ist natürlich ein Vorteil, wenn man auf einen Angriff reagieren will. Jede Mutation, die diesen Vorteil weiter ausbaut und die Vertiefung tiefer macht, setzt sich in der Evolution durch. Dies führt nach vielen kleinen Schritten zu einem Auge, wie es der Nautilus hat: Ein Lochauge, das wie eine Lochkamera ein vollständiges Bild der Umwelt in sich trägt. Das Bild im Nautilus Auge ist aber stets unscharf, weil das Auge keine Linse hat. Wie kann sich in der Evolution ohne Erfinder eine Linse bilden? – Das Nautilus-Auge hat noch einen zweiten Fehler: Das Loch kann verstopfen und dann sieht der Nautilus gar nichts mehr. Es ist ein Vorteil, wenn das Loch mit einer durchsichtigen Gelatine gefüllt ist, je mehr desto besser. So füllt sich das Lochauge nach und nach. Die Gelatine muss natürlich mit einer durchsichtigen Haut überzogen sein, und je mehr diese Haut die Form einer Linse annimmt, desto schärfer wird das Bild.

So kann also in vielen kleinen Schritten ein Linsenauge entstehen, ohne dass ein Designer dieses geplant hätte. Und wir können unseren Augen sogar noch ansehen, dass es so entstanden ist. Denn unsere Sehzellen haben tatsächlich noch den Ansatz einer Geissel und die Nervenbahnen gehen von den Sehzellen aus nach vorne weg, wie der elektrische Impuls bei den Geisseltierchen nach vorne weg geht. Das bedeutet, dass das Licht an einer Reihe von nicht sehr durchsichtigen Nervenbahnen vorbei muss, um zur Netzhaut zu kommen. Welcher Designer würde bei einem Fotoapparat die elektrischen Leitungen vor die Kamera hängen?

Ein Linsenauge enthält nun zwar ein scharfes Abbild von der Umwelt, aber es sieht noch gar nichts. Nützlich wird das Auge erst, wenn das Bild zu einer Reaktion führt. Gleichzeitig mit dem Auge entwickelt sich also ein Rechenzentrum, das passende Reaktionen auslöst. Das Wichtigste, was dieses Rechenzentrum tut, ist, alle unwichtigen Informationen auszusortieren. Wir haben deshalb eine völlig falsche Vorstellung davon, wie ein einfaches Tier die Welt sieht. Einfache Tiere haben nämlich keineswegs ein vollständiges Bild von der Welt. Vielmehr tauchen nur gerade diejenigen Dinge auf, die unmittelbar eine Reaktion erfordern. Gut erforscht ist das beim Froschauge: Ein grösser werdender schwarzer Schatten löst eine Fluchtreaktion aus. Der Frosch springt dann in Richtung einer waagrechten Linie, weil waagrechte Linien in der Froschwelt Wasser bedeuten. Ein kleiner dunkler Punkt, der sich in bestimmter Weise bewegt, lässt den Frosch die Zunge ausfahren. Kleine dunkle Punkte, die sich bewegen, sind in der Froschwelt Fliegen.

Diese primitiven Reiz-Reaktionsmuster werden durch das Stammhirn gesteuert, das für die lebensnotwendigen Funktionen zuständig ist. Wertvoll wäre aber natürlich, wenn eine Reaktion auch an die aktuellen Bedürfnisse des Tieres angepasst wäre. Es braucht also ein weiteres Gehirn, das sogenannte Zwischenhirn, welches nicht nur die von aussen kommenden Reize verarbeitet, sondern auch den inneren Zustand des Tieres berücksichtigt und eine Reaktion auslöst, die unter Berücksichtigung aller Reize angemessen ist. Der gleiche Input kann nun dank des Zwischenhirns je nach Zustand des Tieres unterschiedliche Reaktionen auslösen. So wird z. B. ein hungerndes Tier eher eine Gefahr in Kauf nehmen, um an Nahrung zu kommen.

Beeindruckend und für mich beim Lesen überraschend war die Erkenntnis, dass die meisten Tiere wie etwa Frösche oder Hühner keineswegs ein vollständiges Bild der Welt haben. Die Haupttätigkeit ihrer Gehirne besteht im Gegenteil darin, alle Reize auszusortieren, die nicht unmittelbar eine Reaktion erfordern. Diese Tiere haben ein komplettes Verhaltensprogramm angeboren, das sich im Lauf der Evolution über Jahrmillionen bewährt hat. Sie müssen und können praktisch nichts mehr lernen. Und diese Lernunfähigkeit ist ein Vorteil. Denn lernen ist immer mit Gefahren verbunden.

Das Lernen, das uns Menschen so wertvoll erscheint, wird in der Tierwelt nach Möglichkeit vermieden. Unbekannte Pflanzen oder Tiere fressen kann zu Vergiftungen führen, ein Huhn, das lernen will, wie Füchse so sind, wird gefressen. Deshalb lernen Tiere meist nur sehr gezielt in ganz bestimmten Bereichen. Nur ganz wenige höhere Tiere schaffen sich ein vollständiges Weltbild und eigentlich nur der Mensch lernt auf allen nur möglichen Gebieten. Dabei sind die primitiven Reiz-Reaktionsmuster durchaus auch bei uns Menschen noch aktiv. Sie erlauben es, sehr schnell auf eine Gefahr zu reagieren. Aber das Grosshirn kann die Reaktionen moderieren oder gar ausschalten.

Ganz zum menschlichen Selbst-Bewusstsein kommt Ditfurth zwar nicht. Dazu müsste er wohl noch die Frage beantworten, wozu das Selbst-Bewusstsein eigentlich gut ist. Dennoch ist das ein einzigartiges Buch, das beste, das Ditfurth geschrieben hat, wohl das beste Buch überhaupt zum Thema Evolution.

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elRinass avatar

Rezension zu "Unbegreifliche Realität. Reportagen, Aufsätze, Essays eines Menschen, der das Staunen nicht verlernt hat." von Hoimar von Ditfurth

Rezension zu "Unbegreifliche Realität. Reportagen, Aufsätze, Essays eines Menschen, der das Staunen nicht verlernt hat." von Hoimar von Ditfurth
elRinasvor 6 Jahren

Eine Sammlung repräsentativer Texte, sozusagen "best-of" ...
nicht unbedeutender (atheistischer) Denker des letzten Jh. ...
empfehlenswert,
zum besseren Verständnis der Väter- bzw. WWII-Generation
aber weder kriegsentscheidend noch unentbehrlich ...

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