Hoimar von Ditfurth Der Geist fiel nicht vom Himmel : d. Evolution unseres Bewusstseins.

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Inhaltsangabe zu „Der Geist fiel nicht vom Himmel : d. Evolution unseres Bewusstseins.“ von Hoimar von Ditfurth

Ein einzigartiges Buch! Das Beste, das Ditfurth geschrieben hat, wohl das beste Buch überhaupt zum Thema Evolution.

— PhilippWehrli
PhilippWehrli
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  • Die Evolution des menschlichen Geistes: Brillant erklärt

    Der Geist fiel nicht vom Himmel : d. Evolution unseres Bewusstseins.
    PhilippWehrli

    PhilippWehrli

    05. September 2017 um 10:04

    ‚Der Geist fiel nicht vom Himmel’ von Hoimar von Ditfurth war lange Zeit mein Lieblingsbuch. Wer verstehen will, was ein Mensch ist, muss dieses Buch gelesen haben. Ich kenne kein anderes Buch, in dem die Evolution so klar und überzeugend erklärt wird. Ein Argument, das Kreationisten immer wieder gegen die Evolutionstheorie anführen, lautet: Die Evolutionstheorie kann allenfalls erklären, wie ein Giraffenhals länger wurde. Aber sie kann unmöglich erklären, wie so komplizierte Organe wie das Linsenauge entstehen konnten. Bemerkenswerterweise war es Darwin selbst, der darauf aufmerksam machte, dass es schwierig ist, komplizierte Organe wie etwa das Linsenauge mit der Evolutionstheorie zu erklären. Bereits Darwin konnte sich eine Erklärung des Linsenauges aber durchaus vorstellen und er erklärte auch, welche Bedingungen eine Erklärung erfüllen muss.Erstens kann die Evolution nämlich nicht schlagartig grundsätzlich neue Eigenschaften hervorbringen. Sie kann nur kleine Schritte tun. Und zweitens muss jeder dieser kleinen Schritte einen Vorteil bringen oder zumindest nicht stören, denn ein Schritt der einen Nachteil bringt, in der Evolution sehr unwahrscheinlich.Die Frage ist also: Gibt es von einfachen Einzellern bis zu höheren Lebewesen mit Linsenaugen einen Weg, auf dem jeder kleine Schritt einen Vorteil bringt? – Darwin kannte diesen Weg nicht. Ditfurth aber kennt einen und er beschreibt ihn im Detail. Er beschreibt die wichtigsten Schlüsselstellen und zeigt, dass es auch heute noch Lebewesen gibt, welche gerade an diesen Schlüsselstellen stehen. So schildert er die Entwicklung des Linsenauges beginnend mit Euglena, einem Einzeller, der Licht braucht um zu überleben. Euglena sieht nichts. Solange kein Licht auf Euglena fällt, wackelt der Einzeller ziemlich zufällig umher. Wenn aber Licht von vorne auf den Einzeller trifft, schlägt dessen Geissel so, dass dieser Richtung Licht schwimmt.Für Euglena-artige Urwesen ist es ein Vorteil, wenn sich bei der Zellteilung die Zellen nicht sogleich trennen. Denn ein grösserer Klumpen von Zellen wird weniger gefressen und kann sich ausserdem schneller bewegen, wenn die Geisseln koordiniert schlagen. Für Mehrzeller ist es ein Vorteil, wenn die lichtempfindlichen Zellen nicht gleichmässig über die ganze Körperoberfläche verteilt sind, sondern sich wie beim Strudelwurm an nur zwei Stellen konzentrieren. Wenn aber alle empfindlichen Stellen versammelt sind, ist es gut, wenn sie in einer Vertiefung liegen und so ein bisschen geschützt sind. Die Napfschnecke hat solche schützenden Vertiefungen. Und dies führt, ohne dass es das Ziel war, zu einem völlig neuen Effekt: Die Napfschnecke kann Bewegungen sehen. Dies ist natürlich ein Vorteil, wenn man auf einen Angriff reagieren will. Jede Mutation, die diesen Vorteil weiter ausbaut und die Vertiefung tiefer macht, setzt sich in der Evolution durch. Dies führt nach vielen kleinen Schritten zu einem Auge, wie es der Nautilus hat: Ein Lochauge, das wie eine Lochkamera ein vollständiges Bild der Umwelt in sich trägt. Das Bild im Nautilus Auge ist aber stets unscharf, weil das Auge keine Linse hat. Wie kann sich in der Evolution ohne Erfinder eine Linse bilden? – Das Nautilus-Auge hat noch einen zweiten Fehler: Das Loch kann verstopfen und dann sieht der Nautilus gar nichts mehr. Es ist ein Vorteil, wenn das Loch mit einer durchsichtigen Gelatine gefüllt ist, je mehr desto besser. So füllt sich das Lochauge nach und nach. Die Gelatine muss natürlich mit einer durchsichtigen Haut überzogen sein, und je mehr diese Haut die Form einer Linse annimmt, desto schärfer wird das Bild.So kann also in vielen kleinen Schritten ein Linsenauge entstehen, ohne dass ein Designer dieses geplant hätte. Und wir können unseren Augen sogar noch ansehen, dass es so entstanden ist. Denn unsere Sehzellen haben tatsächlich noch den Ansatz einer Geissel und die Nervenbahnen gehen von den Sehzellen aus nach vorne weg, wie der elektrische Impuls bei den Geisseltierchen nach vorne weg geht. Das bedeutet, dass das Licht an einer Reihe von nicht sehr durchsichtigen Nervenbahnen vorbei muss, um zur Netzhaut zu kommen. Welcher Designer würde bei einem Fotoapparat die elektrischen Leitungen vor die Kamera hängen?Ein Linsenauge enthält nun zwar ein scharfes Abbild von der Umwelt, aber es sieht noch gar nichts. Nützlich wird das Auge erst, wenn das Bild zu einer Reaktion führt. Gleichzeitig mit dem Auge entwickelt sich also ein Rechenzentrum, das passende Reaktionen auslöst. Das Wichtigste, was dieses Rechenzentrum tut, ist, alle unwichtigen Informationen auszusortieren. Wir haben deshalb eine völlig falsche Vorstellung davon, wie ein einfaches Tier die Welt sieht. Einfache Tiere haben nämlich keineswegs ein vollständiges Bild von der Welt. Vielmehr tauchen nur gerade diejenigen Dinge auf, die unmittelbar eine Reaktion erfordern. Gut erforscht ist das beim Froschauge: Ein grösser werdender schwarzer Schatten löst eine Fluchtreaktion aus. Der Frosch springt dann in Richtung einer waagrechten Linie, weil waagrechte Linien in der Froschwelt Wasser bedeuten. Ein kleiner dunkler Punkt, der sich in bestimmter Weise bewegt, lässt den Frosch die Zunge ausfahren. Kleine dunkle Punkte, die sich bewegen, sind in der Froschwelt Fliegen.Diese primitiven Reiz-Reaktionsmuster werden durch das Stammhirn gesteuert, das für die lebensnotwendigen Funktionen zuständig ist. Wertvoll wäre aber natürlich, wenn eine Reaktion auch an die aktuellen Bedürfnisse des Tieres angepasst wäre. Es braucht also ein weiteres Gehirn, das sogenannte Zwischenhirn, welches nicht nur die von aussen kommenden Reize verarbeitet, sondern auch den inneren Zustand des Tieres berücksichtigt und eine Reaktion auslöst, die unter Berücksichtigung aller Reize angemessen ist. Der gleiche Input kann nun dank des Zwischenhirns je nach Zustand des Tieres unterschiedliche Reaktionen auslösen. So wird z. B. ein hungerndes Tier eher eine Gefahr in Kauf nehmen, um an Nahrung zu kommen.Beeindruckend und für mich beim Lesen überraschend war die Erkenntnis, dass die meisten Tiere wie etwa Frösche oder Hühner keineswegs ein vollständiges Bild der Welt haben. Die Haupttätigkeit ihrer Gehirne besteht im Gegenteil darin, alle Reize auszusortieren, die nicht unmittelbar eine Reaktion erfordern. Diese Tiere haben ein komplettes Verhaltensprogramm angeboren, das sich im Lauf der Evolution über Jahrmillionen bewährt hat. Sie müssen und können praktisch nichts mehr lernen. Und diese Lernunfähigkeit ist ein Vorteil. Denn lernen ist immer mit Gefahren verbunden.Das Lernen, das uns Menschen so wertvoll erscheint, wird in der Tierwelt nach Möglichkeit vermieden. Unbekannte Pflanzen oder Tiere fressen kann zu Vergiftungen führen, ein Huhn, das lernen will, wie Füchse so sind, wird gefressen. Deshalb lernen Tiere meist nur sehr gezielt in ganz bestimmten Bereichen. Nur ganz wenige höhere Tiere schaffen sich ein vollständiges Weltbild und eigentlich nur der Mensch lernt auf allen nur möglichen Gebieten. Dabei sind die primitiven Reiz-Reaktionsmuster durchaus auch bei uns Menschen noch aktiv. Sie erlauben es, sehr schnell auf eine Gefahr zu reagieren. Aber das Grosshirn kann die Reaktionen moderieren oder gar ausschalten.Ganz zum menschlichen Selbst-Bewusstsein kommt Ditfurth zwar nicht. Dazu müsste er wohl noch die Frage beantworten, wozu das Selbst-Bewusstsein eigentlich gut ist. Dennoch ist das ein einzigartiges Buch, das beste, das Ditfurth geschrieben hat, wohl das beste Buch überhaupt zum Thema Evolution.

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    PhilippWehrli

    PhilippWehrli

    29. August 2017 um 20:35

    Gleich im ersten Kapitel bin ich uneins mit Monod. Er behauptet da: „Der Grundpfeiler der wissenschaftlichen Methode ist das Postulat der Objektivität der Natur. Das bedeutet die systematische Absage an jede Erwägung, es könne zu einer „wahren“ Erkenntnis führen, wenn man die Erscheinungen durch eine Endursache, d. h. durch ein „Projekt“, deutet.“ – Konkret bedeutet dies, die Wissenschaften setzten zum Vornherein voraus, dass es keinen Gott gibt, der ein Ziel verfolge. Das ist Unsinn! Es wäre durchaus denkbar, dass Wissenschaftler einen Gott entdecken und dazu beitragen, dessen Gedanken und Ziele besser zu verstehen. Für viele Wissenschaftler vergangener Jahrhunderte war gerade das die Motivation, die Natur zu erforschen. Es wäre im Gegenteil unwissenschaftlich, einen Gott zum Vornherein auszuschliessen. Natürlich, da hat Monod recht, haben die Wissenschaften bisher gezeigt, dass wir zumindest sehr viele ganz wichtige Fragen klären können, ohne ein Ziel, einen Plan oder ein Design dahinter zu vermuten. Und es ist durchaus begrüssenswert, wenn Monod speziell diesen Punkt betont, dass in der Natur bisher nirgends ein Ziel oder ein Design sichtbar wurde. Aber dass wir die Vielfalt der Arten ohne göttliches Design erklären können, ist eine Erfahrungstatsache, nicht eine Voraussetzung.Tatsächlich können wir auch sehr komplizierte Organe erklären, ohne dahinter ein Design oder ein göttliches Ziel zu sehen. Dies ist aber keine neue philosophische Erkenntnis, da es bereits von Darwin am Beispiel des Linsenauges vorgeführt wurde. Ausserdem scheint mir Monod übers Ziel hinauszuschiessen, wenn er Lamarcks Theorie mit Teleologie, also quasi mit göttlichem Design, in einen Topf wirft. In Monods Worten:„Lamarck war der Ansicht, dass die Anspannung bei den Bemühungen, die ein Tier entwickelt, um ‚im Leben Erfolg zu haben’, gewissermassen auf sein Erbgut zurückwirkt, sich ihm eingliedert und unmittelbar die Nachkommenschaft formt.“... „Diese Hypothese ist heute natürlich unannehmbar, ...“Darwin hat bewiesen, dass es Lamarcks Mechanismus zur Erklärung nicht braucht. Aber Darwins Erfolg schliesst nicht aus, dass auch der von Lamarck propagierte Mechanismus in gewissen Fällen vorkommt. Vor 22 Jahren notierte ich deshalb an den Seitenrand: „? Evtl. über Hormone im Mutterleib: Eine Mutter, die oft zu aggressivem Verhalten gezwungen wird, kriegt Kinder, die aggressiver sind?“ – Seit der Jahrhundertwende ist die sogenannte Epigenetik zu einem zentralen Thema der Genetik geworden. Sie zeigt, dass die Lebensumstände die Gene verändern und dass diese Veränderung sogar an Enkel weitervererbt werden kann. Dies kommt aber Lamarcks Vorstellung zumindest sehr nahe. Mir scheint, das Buch wird den Erwartungen nicht gerecht, die der Untertitel ‚Philosophische Fragen der modernen Biologie’ weckt. Da hätte ich wesentlich mehr philosophischen Weitblick erwartet, wie ich ihn z. B. bei Erwin Schrödingers Buch 'Was ist Leben?' finde.In anderen Kapiteln zeigt der Nobelpreisträger Jacques Monod aber seine Grösse. Bei der Betrachtung von Lebewesen drängt sich sehr bald die Frage auf, wie diese so geordnet sein können. In der Physik gilt der 2. Hauptsatz der Thermodynamik, nach dem die Unordnung immer zunehmen muss. Wie also können Lebewesen eine solche Komplexität und Ordnung erreichen? – Viele schlossen daraus, Lebewesen folgen zumindest in diesem Punkt nicht der Physik, es müsse noch eine zusätzliche Lebenskraft geben. Hier zeigt der Biochemiker Monod seine Meisterschaft und erklärt ausführlich, dass die Biologie sehr wohl mit dem 2. Hauptsatz in Übereinstimmung ist.Andere Kapitel, etwa zur molekularen Ontogonese und über Mutationen waren sicher zur Zeit der Abfassung vom biologischen Standpunkt her auf höchstem Niveau, gehören sie doch zur Kernkompetenz des Autors. Allerdings haben sich diese Gebiete seither weiter entwickelt und die Ausführungen sind wohl vor allem von historischem Interessen. Mit wieder anderen Bemerkungen erscheint mir der Autor sehr fremd, etwa wenn er von der „Angst“ schreibt, „die uns zwingt, den Sinn des Daseins zu erforschen.“ Bei den mir bekannten Wissenschaftlern erlebe ich Begeisterung für die Forschung, Leidenschaft und einen Forschungstrieb, der allenfalls bis zur Sucht ausarten kann. Aber Angst scheint mir für einen Top-Forscher eine sehr ungewöhnliche Motivation.Ausserdem scheint mir die Sprache unnötig umständlich und trocken, was an der Übersetzung liegen mag. Einem Laien würde ich das Buch nicht als Einstieg in die Evolutionstheorie empfehlen. Dazu eignet sich Hoimar von Dithfurt, ‚Der Geist fiel nicht vom Himmel’ oder auch mein Buch ‚Das Universum, das Ich und der liebe Gott’ besser. Für Biologie-Studenten ist das Buch durchaus lesenswert. Es ist auch sehr rasch gelesen.

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