Holger Michel Wir machen das

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Inhaltsangabe zu „Wir machen das“ von Holger Michel

September 2015. Eher zufällig landet Holger Michel als Helfer in einer Unterkunft für Geflüchtete. Und bleibt irgendwie hängen. Kommt am nächsten Tag wieder. Und am übernächsten auch. Aus ein paar Stunden wird ein Jahr, aus dem Zugucken ein Machen. Als einer von Hunderten Freiwilligen baut Michel in den kommenden Monaten die Infrastruktur der Notunterkunft mit auf und wird später Sprecher der Freiwilligen. Er erzählt, wie man improvisiert, wenn einem niemand sagt, wie es geht. Welche Herausforderungen und Konflikte eine große Notunterkunft mit sich bringt. Er schreibt über das Versagen von Staat und Behörden, Bedrohungen im Internet, spontane Hochzeiten, den Kampf gegen deutsche Essgewohnheiten, die Herausforderungen und Möglichkeiten, die die Freiwilligen ergreifen, um die Integration fernab der staatlichen Integrationskurse zu ermöglichen. Und er freut sich, Bürger, Politik und Hollywood in Wilmersdorf begrüßen zu können. Auf sachlich-humorvolle Art schildert Michel in seinem Erfahrungsbericht die Erlebnisse eines Jahres, von den Hochs und Tiefs und davon, wie in Deutschland ein neues »Wir« entsteht.

Organisatorische Katastrophen und Kunststücke, Anekdoten und Entwicklungen. Voller Tatendrang und angenehmem Humor - sachlich und nüchtern.

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    • 1871
    • 01. January 2018 um 23:59
  • "Ich möchte abnehmen. Deswegen spende ich dieses tiefgefrorene Hühnchen."

    Wir machen das
    lex-books

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    Holger Michel, Mitte 30, betreibt in Berlin eine Kommunikationsagentur und landete im September 2015 „[…] ungeplant, unvorbereitet und mäßig motiviert“ S. 9 in einer der heute größten Notunterkünfte der Stadt. Und ist geblieben. Die Energie und der Aktionismus der Helfer sprang auf ihn über und hat ihn gepackt. Inzwischen ist mehr als ein Jahr vergangen, Holger Michel hat sich zum Pressesprecher der Freiwilligen gemausert und zieht Bilanz. Von seinen Erfahrungen mit alltäglichen Schwierigkeiten im Zusammenleben mit hunderten unterschiedlichster Menschen, von Kämpfen mit Behörden, Medien und Politikern, prominentem Besuch, Kulturschock, ausgelöst durch Harzer Käse, Feiern mit den Party-Persern, dem Ausbruch der Krätze, persönlichen Anfeindungen und vielem mehr berichtet er informativ, amüsant und nüchtern in "Wir machen das. Mein Jahr als Freiwilliger in einer Unterkunft für Geflüchtete". Der Autor erzählt temporeich und lässt den Blick über viele Aspekte schweifen, die zahlreich und von allen Seiten auf die Helfer einprasselten. Lässig, pointiert und sprachgewandt verschafft er Überblick über die enorme Bandbreite logistischer und zwischenmenschlicher Probleme, deren Ausmaß ich so nicht vermutet hätte, weil mir viele Fragen gar nicht in den Sinn gekommen wären. Wie kontrolliert man hunderte von überdrehten Kindern auf engem Raum? Wie beschäftigt man Menschen, die den ganzen Tag nichts zu tun haben und beginnen sich über jede Kleinigkeit zu streiten? Wie bringt man Leute dazu, ihren Müll NICHT einfach aus dem Fenster zu werfen? Geradeheraus und unverklärt gewährt Holger Michel Einblick in viele Belange seiner Arbeit. „Gab es sexuellen Missbrauch, Gewalt und Diebstahl durch Geflüchtete? Leider ja. Wir hatten über eine Million Menschen in Deutschland aufgenommen (jedenfalls glaubten wir das, in Wahrheit waren es 200.000 weniger [….]) Natürlich waren unter diesen Menschen Verbrecher, Mörder, Vergewaltiger und einfach grundunsympathische Typen." S.144 Den Kommunikationsexperten meint man jedoch mehr als einmal herauszuhören, denn persönliche Bekenntnisse sind ebenso knapp gehalten wie alles andere. Ganz zu fassen bekommt man ihn nicht, den Menschen Holger Michel - weder in, noch zwischen den Zeilen, was ich ein klein wenig schade fand. Gleich anfangs berichtet er von einem Mann, dessen Frau und Kinder während der Flucht gestorben sind, erzählt, dass ihn dieses Schicksal mitgenommen habe, dass er geweint habe - dieses eine Mal, danach nie wieder. Diese Passage hat mich regelrecht stocken lassen. Weil sie aus dem Ton des Buches herausragt und in dieser Kürze fast ein wenig seltsam anmutet. Denn fast sofort leitet der Autor in flottem Jargon über zu anderen Themen. Welche seelische Tragweite also Sätze wie folgender wirklich für Holger Michel hatten, darüber kann ich nur spekulieren: „Dieser schmale Grat zwischen Härte und Abstumpfung, Mitgefühl und Mitleid, ihn zu finden sollte eine der Herausforderungen werden.“ S.57 Es entsteht jedoch das Bild von einem, der einfach mit anpackt, der nicht lange nachdenkt, sondern das tut, was er für das Naheliegende hält - unter enormem persönlichen Zeitaufwand und in dem Bestreben, dass die Menschen, die zu uns kommen "Gleichheit und Menschenwürde" erfahren. Dabei artet das Buch weder in persönliche Innenschau aus, noch in missionarischen Eifer. Der Bericht liest sich angenehm ausgewogen, auch rein formal, da die Kapitel übersichtlich-kurz gehalten sind und meist sinnvoll aufeinander aufbauen. Geht es anfangs vor allem um das Hineinwachsen in die neuen Aufgaben und ums schlichte Machen, werden im Mittelteil organisatorische Schwierigkeiten benannt, um schließlich zu „äußeren“ Problemen im Zusammenhang mit Medienberichterstattung, der Wahrnehmung der Flüchtlingsfrage nach der Silvesternacht von Köln und im Kontext von Terroranschlägen, überzugehen. Es werden Fragen der Integration sowie rechtlich-behördliche Vorgänge beleuchtet, teilweise laufen alle diese Dinge zwangsläufig aber auch chaotisch ineinander - gespickt mit Alltagserlebnissen und immer die konkrete Bedeutung für die Betroffenen im Blick. Ich habe die 285 Seiten an einem Nachmittag, in einem Rutsch gelesen (denn es lässt sich wirklich flott lesen). Und auch, wenn mich nicht alle Abschnitte gleichermaßen in den Bann ziehen konnten und viele Themen aufgrund ihrer Fülle nur sehr oberflächlich angerissen werden, habe ich diesen abwechslungsreichen und sympathischen Informationsfluss doch genossen. Die Stärken empfand ich jedoch immer dann am größten, wenn Michel verweilt und genauer hinsieht. Sei es, wenn er Einzelschicksale schildert, oder kleine Anekdoten zum Besten gibt, z. B. die von der Dame, die eines Tages eine ungewöhnliche Spende abgibt: "Ich möchte abnehmen. Deswegen spende ich dieses tiefgefrorene Hühnchen.“ S. 78, oder wenn er tatsächlich mal unverblümt Ärger über Freunde rauslässt, die zuschauen aber nicht mit anpacken. Wenn er von dem Lernprozess berichtet, der notwendig war, um seinen Mitmenschen die eigene Entscheidungsfreiheit zuzugestehen."Wir machen das" spielt auf Merkels Ausspruch „Wir schaffen das“ an und übersetzt den Satz in das, was daraus folgt - in die Tat und damit auch in meinen Eindruck von diesem Buch, das eine enorme Energie und gleichzeitig eine entspannte Normalität ausstrahlt. Als Sprecher der Freiwilligen möchte Holger Michel mit dieser Veröffentlichung natürlich Menschen für die Sache sensibilisieren ... wer will ihm das vorwerfen? Aber als Werbebuch oder gar als persönliche Profilierungsplattform habe ich dieses kurzweilige, informative, humorvolle, manchmal traurige, immer unverblümte und - ja, bisweilen etwas glatte - Sachbuch mitnichten verstanden. Mir hat's gut gefallen und ich empfehle es allen, die sich dem Thema "Flüchtlingsfrage" mal abseits der großen Politik aus einem ganz pragmatischen Blickwinkel heraus nähern möchten.

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