Holger Weinbach

 4.5 Sterne bei 62 Bewertungen
Autor von Brudermord, Irrwege und weiteren Büchern.
Holger Weinbach

Lebenslauf von Holger Weinbach

1971 - geboren in 74722 Buchen (Odw.) 1992-98 Studium der Architektur in der FH Karlsruhe 1998-2004 diverse Wohnortwechsel über Stuttgart, Berlin, bis nach Freiburg bis 2008 tätig als Architekt, zuletzt als Projekt- und Büroleiter in Karlsruhe seit 2009 selbstständig als Freier Architekt und Autor in Freiburg

Alle Bücher von Holger Weinbach

Brudermord

Brudermord

 (39)
Erschienen am 18.10.2010
Irrwege

Irrwege

 (21)
Erschienen am 30.11.2010
Die Eiswolf-Saga. Teil 3: Wolfsbrüder

Die Eiswolf-Saga. Teil 3: Wolfsbrüder

 (1)
Erschienen am 24.09.2018
Das Praxisbuch zum Seelenhaus

Das Praxisbuch zum Seelenhaus

 (1)
Erschienen am 10.11.2010

Neue Rezensionen zu Holger Weinbach

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Rezension zu "Die Eiswolf-Saga. Teil 3: Wolfsbrüder" von Holger Weinbach

Grandioses Intrigenspiel um Einfluss und Macht
Thomas_Lawallvor einem Monat

 Januar 2019. Es schneit und es wird kalt. Sehr kalt sogar. Etwa genau so, wie es uns die eiskalte Covergestaltung des dritten Teils der Eiswolf-Saga "Wolfsbrüder" vermittelt. Also genau die richtige Jahreszeit, um nun endlich mit dem Lesen zu beginnen. Mehr als acht Jahre sind seit dem Erscheinen des zweiten Bandes vergangen, weshalb sich für die treue Fangemeinde, trotz aller Liebe, die Frage aller Fragen ergibt: Wird der Einstieg nach so langer Zeit gelingen? Hat man im schlimmsten Fall die Handlung gar komplett vergessen ...?

Drogo, Sohn des Grafen Rurik, ist außer sich, dass Faolán entkommen konnte. Walram, Prior des Benediktinerklosters nahe Neustatt, versucht ihn zu besänftigen, indem er ihn daran erinnert, dass Faolán bei seiner Flucht von Nordmännern verschleppt wurde. Dies würde zweifellos das Schicksal seines Erzfeindes besiegeln, da man ihn mit Sicherheit als Sklaven verkaufen würde. Drago kann sich mit dieser Vermutung nicht so recht anfreunden, da ihm Gewissheit weitaus lieber wäre, besser noch Faoláns Tod durch seine eigene Hand.

Andererseits versucht Drago seine Mutter Wulfhild mit eben dieser Argumentation zu überzeugen, als ihr klar wird, dass ihr Neffe wahrscheinlich noch am Leben ist: Faolán, der niemand anderes ist als Rogar, Sohn des beim Angriff auf die Greifburg ermordeten Grafen Farold, dem Bruder ihres Mannes Graf Rurik. Sie sieht nunmehr den "Fortbestand ihrer Blutlinie" in Gefahr, sähe sie doch viel lieber ihren Sohn Drago als Nachfolger des Grafen. Vorschnelles Handeln jedoch ist ihre Sache nicht, weshalb sie den Tatendrang ihres Sohnes zunächst eindämmt. Ihr Wähnen richtet sich in Richtung größerer Ziele, und jene gilt es, nicht auf direktem Wege zu erreichen!

Indes ist Faolán, immer noch nicht wissend, wer er wirklich ist, geschweige denn welche Bestimmung in jenem Zusammenhang für ihn vorgesehen ist, auf dem Weg nach Norden. Ebenfalls von den Svear verschleppt, befindet sich der Vasall des Grafen, der ihm wohlgesonnene Ritter Brandolf, auf dem gleichen Schiff. Bleibt die bange Frage, ob sich seine geliebte Svea ebenfalls in Gefangenschaft auf einem der beiden weiteren Schiffe befindet. Doch dies ist bei weitem nicht die einzige Frage, die sich ergibt ...

Ganz erstaunlich, wie es sich anfühlt, sich nach so langer Zeit wieder auf die Eiswolf-Saga einzulassen. Doch wie soll das gehen? Tausend Geschichten und Bilder im Kopf, und knapp 480 Bücher später soll der Rezensent den Faden wieder aufnehmen? Eine Zumutung eigentlich und für jeden Serienfan ganz allgemein eine Herausforderung. Doch schon nach den ersten Zeilen geschieht ein Wunder: Es ist wie damals, als 2009 und 2010 die ersten beiden Teile der legendären Reihe erschienen sind. Geändert hat sich, auch und vor allem was die Stimmung betrifft, gar nichts - denn es ist die gleiche! Wie Holger Weinbach dies geschafft haben mag, dürfte an Zauberei grenzen.

Wie auch immer, man wird sofort in jene dunklen Tage regelrecht zurückkatapultiert, die mit dem ersten Band "Brudermord" in den Jahren 949-963, im zweiten Band "Irrwege" 960 bzw. 963-966 spielten und sich nunmehr auf die Jahre 966-967 konzentrieren. Erstaunlich ebenfalls, dass die behandelten Zeitabschnitte immer geringer wurden, der Umfang der Bücher sich aber in diametral entgegengesetzte Richtung entwickelte.

Man wird also bereits rein optisch erschlagen. Doch damit nicht genug, denn nach dem Inhaltsverzeichnis erwartet uns nunmehr ein fünfseitiges Personenregister! All das mag eine potentielle Leserschaft abschrecken, doch man sollte nicht dem fatalen Irrtum verfallen, sich zu fragen, ob dies alles noch zu schaffen ist.

Vielmehr findet man in diesem grandiosen Intrigenspiel um Einfluss und Macht den Einstieg bereits in den ersten Zeilen wieder und alle Vorbehalte sind vollständig vergessen. Allerspätestens wenn Faolán aufwacht und sich langsam die Erkenntnis heranschleicht, wo und in welch aussichtsloser Lage er sich befindet, ist sie wieder da: Die Faszination einer monumentalen Geschichte, die in der Lage ist, die Befindlichkeiten ihrer Leserschaft vollkommen zu vereinnahmen. 

Wie man sich die Geschichte vorstellen kann? Vielleicht in etwa wie ein Schachspiel in ungewohnter Dimension. Auf einem gigantischen Spielfeld bewegen sich Figuren, markant gestaltet und charakterisiert, egal ob Bauer, Knappe, Edelmann oder König. Die Spielzüge sind das Zentrum der Geschichte, denn sie gehorchen nicht dem Diktat und den Ideen von nur zwei Spielern, denn es sind ungleich mehr. Teils handeln die Figuren aus eigenem Ermessen und teils werden sie von den unterschiedlichsten "Spielern" bewegt und geführt. Oft ohne Wissen der jeweils anderen und hier wird die Sache kompliziert. Die Übersicht verliert man aber nie, und genau deshalb kann sich Spannung ungezügelt mit sich selbst multiplizieren!

Der Autor schreibt und beschreibt Szenarien, dank umfangreicher Recherchen, überzeugend authentisch, Stimmungen und persönliche Befindlichkeiten kann man tatsächlich körperlich spüren, ebenso wie Landschaften oder Witterung. Selbst winzige Details wie die Wirkung der Augen eines ausgestopften Bärenkopfes oder die dann wieder ausführlicher gestalteten Ausführungen zum Ritual der mittelalterlichen Schwertleite, gewinnen dank Weinbachs ebenso eindringlicher wie ermüdungsfreier Erzählkunst faszinierende Dimensionen. 

Auch einige, gottlob kurze, Ausflüge in den Fantasy-Bereich, die Sveas aufkeimende Fähigkeiten skizzieren, gehören zu den Höhepunkten, wenn man einmal davon absieht, dass im Prinzip das ganze Buch ein solcher ist! Breit gefächert sind auch die geschichtlichen Hintergründe, die sich zum großen Teil auf das Ostfrankenreich konzentrieren. Die Zeit der Ottonen, unter besonderer Berücksichtigung des dritten Feldzuges Kaiser Ottos des I. nach Rom im Jahr 966, aber auch die Ereignisse in der ehemaligen Wikinger-Siedlung Birka auf der schwedischen Insel Björkö, unter der Regentschaft Erik Segersälls, lassen Bilder längst vergangener Epochen wieder aufleben.

Selbst der Humor bleibt nicht auf der Strecke. Reisen in den Norden haben ernste Konsequenzen, denn dort oben "bauen sie keinen Wein an". Auch das Toilettenproblem auf Langschiffen findet aufklärende Erwähnung. Weinbachs Personen und Schauplätze wirken so real, so greifbar, fast so, als wäre die gesamte Geschichte begehbar. Apropos laufen, hier gibt es Kritik, auf höchstem Niveau selbstverständlich, denn die Überquerung der Alpen durch Drogos und Konrads Nachhut für die Truppen Kaiser Ottos, die in Richtung Rom marschieren, kann man nicht in wenigen Sätzen abhandeln. Bei genauerer Ansicht lassen sich mehrere solcher Abschnitte entdecken, insofern kann das nächste Buch also sehr gerne noch etwas an Umfang zunehmen! Bitte, danke.

Alltag? Wo ist er geblieben? Holger Weinbachs Bilderflut steht über allem und lässt einen selbst in Lesepausen nicht mehr los. Und so wird es auch sein, wenn das Buch endgültig geschlossen wird und sich im Regal zu den anderen gesellt. Völlig egal, wann und ob es einen weiteren Teil geben wird. Ein eisiger Nordwind flüstert längst die ersten Ahnungen möglicher Wahrscheinlichkeiten ...

Schön, dass offen bleibende Fragen die frommen Wünsche unterstreichen. Wann und wie wird Faolán Klarheit über seine Herkunft erlangen? Können die Mönche Ering und Thomas, in Bremen angekommen, ihre Suche nach ihm fortsetzen? Wird der unglückselige Konrad, inzwischen Ritter und Anführer von Brandolfs Tross, nach den grauenhaften Abscheulichkeiten in Rom jemals wieder Frieden finden können? Und vor allem: Wann wird Drogo dereinst eine ebenso langsame wie furchtbare Rache erfahren? Immerhin wissen wir nun, weshalb die 2012 angekündigte Fortsetzung nicht "Wolfsnacht" heißt, sondern "Wolfsbrüder" und noch so einiges mehr. Zum Glück jedoch nicht alles ...

Die Eiswolf-Saga - mögen alle Geschichten enden, aber diese bitte nicht!

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Rezension zu "Irrwege" von Holger Weinbach

Filmreife Szenen
Thomas_Lawallvor einem Monat

Anno 960. Bjoren Langarm verschlägt es die Sprache. Der Jarl von Birka kann nicht glauben, was ihm der Einsiedler von Björkö prophezeit. Eine große Veränderung soll über das Land kommen. Ein von einem Wolf entfesseltes Feuer wird kommen, aber es wäre nicht Ragnarök, der Weltenbrand, doch es könnte zumindest das Ende von Birka bedeuten. Unklar sind die Bilder und Pläne der Götter, aber es wird nicht Lokis Wolf und somit nicht das Ende aller Dinge sein. Ein anderer Wolf wird kommen und er ist nicht allein. Eine Frau wird ihn begleiten, und sie wäre wie eine Tochter seines Volkes, würde ihre Bestimmung erfüllen und dereinst mitten in dem entfachten Feuer stehen, ohne zu verbrennen. Das Merkwürdigste aber ist, dass der blinde Weise voraussagt, Bjoren würde sich dem Wolf nicht in den Weg stellen, sondern ihn gar beherbergen und selbst nach Birka bringen! Bjoren versteht den Willen der Götter nicht mehr. Und er fürchtet, König Erik Segersäll würde dies niemals zulassen. Jorund der Weise entgegnet, dies sei auch nicht nötig, denn niemand könne sich dem Willen der Götter entgegenstellen. Vielmehr soll er seinen Einfluss beim König nutzen, um ihn von der Prophezeihung der Götter zu überzeugen und ihn ziehen zu lassen, denn seine Aufgabe sei es, den Wolf zu finden und herzubringen ... 

Drei Jahre später. Es ist soweit. Faolán und Konrad werden verbannt. In Gedanken nimmt Faolán Abschied von der Abtei, von Bruder Ivo, der ihm wie ein Vater war, und von seinem treuen Freund Ering. Er denkt an all die Jahre, die er hier verbrachte und ein letztes Mal durchstreift er im Geiste die vielen vertrauten Gebäude des Klosters. Erst jetzt, da er Abschied nehmen muss, erkennt er den wahren Wert seiner neuen Heimat, die er nun verlassen muss. Das Schlimmste aber ist, dass ihn der Weg zum Verbannungsort weg von Neustatt und damit weg von Svea führt! 
Abt Degenar, Prior Walram und Bruder Wunhold machen sich zusammen mit Faolán und Konrad auf den weiten Weg zum Columbankloster. Die Mönche sind zu Pferde, doch die Verurteilten barfuß unterwegs und nur mit einem Büßerhemd bekleidet. Nach vielen Tagen erreichen sie ihr Ziel. Die beiden Novizen sind völlig erschöpft und am Ende ihrer Kräfte. Im Kloster angekommen werden sie zunächst überaus unfreundlich empfangen. Selbst Abt Umbert scheint ein überaus düsterer Zeitgenosse zu sein. Die ganze Abtei macht einen wenig einladenden Eindruck. Die Gebäude sind dunkel und kalt, so wie ihre Bewohner. Misstrauen schlägt ihnen entgegen und ein erbarmungsloser Abt, ein gnadenloser Verfechter von Disziplin und Härte, der weder Gnade noch Gastfreundschaft zu kennen scheint. Er wagt es gar, Abt Degenar Führungsschwäche vorzuhalten, denn nur ein schwacher Abt würde sich dem Willen der Gemeinschaft beugen. Nur unter einer starken Führung könne man seine Herde, selbstverständlich unter den strengen Augen des Herrn, auf dem richtigen Weg ins Paradies führen. Der Beeinflussung von jungen Männern, insbesondere durch fleischliche Versuchungen, müsse man mit aller Härte, eiserner Disziplin und mit jahrelanger Züchtigung entgegentreten. 
Faolán und Konrad stehen keine leichten Jahre bevor, was auch Abt Degenar schnell klar wird. Ein schlechtes Gewissen beginnt ihn zu plagen, doch er ahnt nicht, welches weitere Unheil sich anbahnt. Zwar vermutet er richtig, dass Prior Walram alles Erdenkliche in die Wege leiten wird, um den beiden Novizen das Klosterleben so schwer wie möglich zu gestalten, doch welchen teuflischen Plan er tatsächlich ausheckt, übersteigt seine Phantasie um ein Vielfaches ...

Faolán träumt in seiner Zelle von einem gewaltigen Feuer. Er kennt dieses Traumbild schon seit seiner Kindheit. In einem brennenden Gebäude steht eine schwarze Gestalt, die langsam im Meer der Flammen untergeht. Doch plötzlich verändert sich das Bild und wird durch ein neues ersetzt. Das brennende Haus verschwindet und alles wird schwarz. Aus der Dunkelheit löst sich eine Gestalt, die langsam auf ihn zukommt. Es ist ein weißer Wolf! Faolán fürchtet sich nicht, denn von dem Tier scheint keine Bedrohung auszugehen ...

Svea vermisst ihren Geliebten. Sie glaubt, Faolán vergessen zu können, doch es gelingt ihr nicht. Auch sie hat seltsame Träume. Über dem Wasser schwebend sieht sie eine Hafenstadt, die in Flammen steht. Ein Teil der Menschen flüchtet oder versucht vergeblich, die vielen Brände zu löschen. Sie selbst kann nicht eingreifen, ist wie gelähmt und kann weder sprechen noch hören. Über der Stadt bildete sich eine gewaltige Säule aus Rauch und darin formte sich eine Gestalt. Ein Wolf mit glühenden Augen. Doch an der Stadt scheint er nicht interessiert zu sein, sondern er stürzt sich auf Svea ...

Im Jahr 965 hat Brandolf ganz andere Sorgen. Er kann die Berge nicht mehr erkennen, weil ihm das dichte Schneetreiben jede Möglichkeit dazu nimmt. Kaiser Otto entscheidet sich für eine spontane Abreise aus Italien, wobei niemand den Grund für den überstürzten Rückmarsch kennt. Es ist Winter und ein Fußmarsch über die Alpen nicht gerade ein Spaziergang. Selbst die engsten Vertrauten des Kaisers kennen seine Beweggründe nicht und trotz allen Bedenken bricht das Heer in Richtung Heimat auf.  
Viele Jahre suchte Brandolf Rogar, den Sohn seines ehemaligen Lehnsherrn, Graf Farold. Die Spur, die sich bald verlor, führte ihn in ein Kloster. Nicht einmal den Namen des in Frage kommenden Novizen hat er noch im Gedächtnis. Sehr wohl aber die Tatsache, dass Graf Rurik seinen Bruder Graf Farold und seine Gemahlin umbringen ließ. Leider gibt es für diese Greueltat nach wie vor keine Beweise, und Rogars Aufenthaltsort ist ihm noch immer unbekannt ...

Ab Mitte Dezember wollte ich mich eigentlich anderen Projekten widmen. Ausgerechnet zu Beginn einer geplanten Lesepause erreichte mich "Irrwege" und ich schwöre, dass ich diesmal wirklich nur einen kurzen Blick in das Buch werfen wollte. Die Erfahrungen mit dem ersten Teil der Eiswolf-Saga hätten mich jedoch lehren sollen, dass dies völlig unmöglich ist!

Höchst erfreut registrierte ich ein Personenregister am Ende des Buches, was (nicht nur) den Wiedereinstieg in die Geschichte unmittelbar in Gang brachte. Danach betrachtete ich mir ausgiebig das neue Cover. Besser ausgedrückt, ich bewunderte es (wieder), denn selten gibt es derart markante Covergestaltungen. In der Ausführung scheinbar spartanisch angelegt, eröffnet Schrift und Grafik der Phantasie des Lesers Tür und Tor. Das fängt schon damit an, dass sich dieses Buch irgendwie anders anfühlt und in der Hand liegt als zahlreiche andere "Kollegen" ...! Abschließend wollte ich mir noch ein paar Testzeilen genehmigen, bevor ich dann das Buch zu den anderen auf den Stapel zu legen gedachte. Dies war ein kapitaler Fehler, denn damit ging ich einen Schritt zu weit. An ein Zurück war jetzt nicht mehr zu denken und meine Lesepause bereits am ersten Tag beendet ...

... denn schon im Prolog versteht es Holger Weinbach, seine stetig wachsende Fangemeinde aufs Neue in ebenso freudige wie spannungsgeladene Alarmbereitschaft zu versetzen. Ich hätte es mir ja denken können, denn beim ersten Band war es nicht anders. Einmal im Sog der Geschichte gibt es kein Entrinnen mehr. Nun besitze ich nicht gerade das beste Gedächtnis, aber nach elf Monaten und einer ganzen Menge anderer gelesener Bücher war die Erinnerung sofort wieder da.

Ein schwerer, samtener Vorhang öffnet sich, und wir reisen wieder über eintausend Jahre zurück. Dort treffen wir all jene Figuren wieder, die wir im ersten Band bereits lieben, hassen und fürchten gelernt haben. Die mitunter zweidimensionalen Charakterzeichnungen werden im zweiten Band (teilweise) korrigiert, dürfen wachsen und sich entwickeln. Insbesondere über Drogos innere Welten erfahren wir im zweiten Band nicht unwesentlich mehr, und wahre Abgründe öffnen sich bei seinem Vater Rurik. 

Lange war die Wartezeit auf den zweiten Band der Eiswolfsaga, doch sie hat sich gelohnt. Das Buch ist kein Schnellschuss und ein zweiter Teil, der eben mal locker aus dem Ärmel geschüttelt und hinterhergeschoben wurde. Die Story ist durchdacht und bis ins kleinste Detail recherchiert. Einmal mehr weiß Holger Weinbach die diversen Handlungsstränge filmreif in Szene zu setzen! Drei Ebenen führt er behutsam und doch sehr eindringlich zusammen. Seine Worte lassen wahre Bilderfluten auf zunächst unabhängigen Leinwänden entstehen. Der Plan scheint zu sein, die monumentalen Bilder dereinst zusammenzuführen. Da dies sehr langsam geschieht, steigt die Spannung ins Unermessliche. Ein Kunstgriff, den ich mir sehr gerne gefallen lasse, denn schnelle Lösungen wären in dieser Geschichte ebenso unglaubwürdig wie unbefriedigend ...

Wahrhaft filmreif sind aber auch einzelne Szenen (welche dennoch in einem größeren Zusammenhang stehen). Auch und im Besonderen denke ich hier an Konrads "Prüfung" in Brandolfs Burg - (nicht nur) diese Szene würde ein Kinopublikum außerordentlich beunruhigen - selbst als Leser möchte man aufstehen und an jenes Fenster hasten, um den Dingen, die sich da tun mögen (oder auch nicht), beizuwohnen! Gleichzeitig ist da diese Angst, etwas zu lesen/sehen, das man nicht will. Oder doch? Spätestens an dieser Stelle bin ich bei einem Punkt angelangt, der so etwas wie ein Höhepunkt (von vielen) sein mag. Und wenn mir etwas gefällt und mich restlos überzeugt, lehne ich mich gerne auch einmal ziemlich weit aus dem Fenster. Träume sind wichtig und halten uns am Leben. Schon deshalb sollte man ab und zu einen wagen. Wenn Hollywood nicht bald erkennt, welches Potential hier für ein monumentales Historienepos -fernab vom Potter-Hokuspokus- vorliegt, dann sollte man sich mit vereinten Kräften einmal bemühen, dies irgendwie zu ändern ...

Wieder ein Jahr Wartezeit steht uns nun bevor. Damit das Warten auf "Wolfsnacht" (vorläufiger Titel für den dritten Teil) nicht wieder zur Last wird, werde ich nun den Standpunkt ändern, indem ich Ungeduld einfach in Vorfreude verwandle. Tag für Tag will und werde ich sie genießen!

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Rezension zu "Brudermord" von Holger Weinbach

Wie ein Kinofilm ...
Thomas_Lawallvor einem Monat

Abt Degenar weiß, wen er vor sich hat. Der vom Wirtschaftsverwalter Ivo gefundene Junge jedoch hat die Erinnerung an seinen Namen verloren. Traumatisiert von den grauenvollen Ereignissen der letzen Tage verschließt er sich vollständig. Dennoch stimmt er zu, Aufnahme als Novize in einem Benediktinerkloster zu erhalten und den Namen Faolán anzunehmen. Die Frage ist nur, ob er hier auf Dauer sicher ist, denn schon scheint der intrigante Prior Walram den Hauch einer gewissen Ahnung zu verspüren ...

Falschheit liegt in der Luft. Sigrun spürt das aufziehende Unheil. Es nähert sich ein Unwetter, doch nicht nur das. Gewitterwolken verdecken den Mond und spenden den Verrätern schützende Dunkelheit. Noch warten sie auf ein Signal und können ihrem dunklen Drang kaum mehr Einhalt gebieten. Sie sind zu allem bereit und sie wollen handeln. Graf Farold schlummert weinbetäubt im Schlafgemach, während seine Gattin hilflos mit ansehen muss, wie sich ihre fürchterliche Ahnung bewahrheitet. Doch es kommt viel schlimmer, als sie denkt. Die Greifburg wird angegriffen. Eigentlich unmöglich, denn die Festung ist uneinnehmbar. War es Verrat? Rurik, der jüngere Bruder des Grafen, hatte für den nächsten Tag seinen Besuch angekündigt. Entgegen den üblichen Gepflogenheiten trafen jedoch zwei Männer seines Gefolges bereits einen Tag zuvor auf der Burg ein. Gibt es hier einen Zusammenhang?

Doch Sigrun bleibt keine Zeit mehr. Sie flüchtet mit ihrem Sohn in die Stallungen, während die Burg in einem grausigen Gemetzel bereits dem Untergang geweiht ist. Eine gemeinsame Flucht zu Pferd ist jedoch nicht mehr möglich, denn zwei Nordmänner stürmen im Blutrausch den Stall. Sigrun schafft es nicht einmal mehr, einen Sattel aufzulegen - nur ihren geliebten Sohn Rogar, der nicht begreift, wie ihm geschieht, vermag sie noch auf das Pferd zu setzen. Mit einem Schlag in die Flanke besiegelt sie seine Rettung, denn unverzüglich braust das Pferd los. Begünstigt durch die allgemeine Verwirrung gelingt die Flucht in letzter Sekunde - die Mutter erlebt jedoch ihre letzte. Sie nimmt noch das Bild ihres fliehenden Kindes mit in ihre sterbende Erinnerung, bevor sie von kaltem Stahl durchbohrt wird. Derweil kämpft Graf Farold seinen letzten Kampf. Brandolf, Sohn des Edelherren Gerold, eilt ihm zu Hilfe und streckt in rasender Verzweiflung einen Feind nach dem anderen nieder. Doch letztlich kommt er zu spät und kann den schwer verwundeten Grafen nicht mehr retten. Ein letzter verzweifelter Dialog und ein fester Händedruck bleiben Brandolf sowie die Gewissheit, seinem Herrn auch über den Tod hinaus Treue und Ehre zu erweisen. Brandolf weiß, was er zu tun hat ...

All das geschah im Jahre 956. Sieben Jahre zuvor erblickte ein kleines Mädchen das Licht der Welt. Freya wäre bereits siebenfache Mutter, wären nicht drei ihrer Kinder tot auf die Welt gekommen und ein weiteres im Winter gestorben. Auch dieses Mal ahnt sie, bereits völlig mutlos und entkräftet, dass etwas nicht stimmt. Die Wehen haben bereits eingesetzt und von ihrem Mann kann sie keinerlei Unterstützung erwarten. Mit Hilfe der Heilerin Alveradis und Freyas ältestem Sohn Georg gelingt es jedoch, das falsch im Mutterleib liegende Baby zu drehen. Svea kommt auf die Welt - doch seiner Mutter geht es ganz und gar nicht gut ... ! Es war das Jahr 949. Niemand - auch nicht Kräuterfrau und Seherin Alveradis - können wissen, wie sich die Zukunft des kleinen, rothaarigen Mädchens gestalten wird ...

Dieses Buch in Händen zu halten, ist schon etwas Besonderes. Man spürt bereits den Zauber der Geschichte, ohne einen einzigen Satz gelesen zu haben. Vielleicht ist es der Titel, vielleicht sind es die Blutspritzer oder das Cover insgesamt, welches nach einem alten Runenstein gestaltet wurde. Man spürt Ungemach, aber man spürt auch eine Art seltsame Ruhe und Weisheit. Das Buch ist geduldig und drängt sich nicht auf. Es hat alle Zeit der Welt. Es könnte auch auf dem Stapel verschwinden und würde sich nicht grämen, erst in zwei Jahren gelesen zu werden. Dennoch trieb mich eine sagenhaft schwingende Neugier auf die erste Seite, um wenigstens einen unverbindlichen Blick auf die ersten Zeilen zu wagen. Doch damit war es nicht genug ...

Holger Weinbach schreibt, wie andere Menschen Kinofilme drehen. Zu Beginn eines Films ist es oft dieser Schwenk und diese Kamerafahrt, die uns sofort in eine andere Welt entführt. Schon bei der ersten Einstellung wissen wir, mehr oder weniger unbewusst, ob uns ein guter oder ein schlechter Streifen erwartet. Die ersten Zeilen der Eiswolf-Saga halten diesem Vergleich mühelos stand. Es öffnet sich ein Vorhang, der uns unvermittelt weit über tausend Jahre in die Vergangenheit führt. Man spürt regelrecht die Sonne brennen und riecht diesen Sommerduft ...! Man glaubt dabei zu sein in jenen längst vergangenen Tagen. Es sind keine platten, zweidimensionalen Schilderungen, der Autor lässt dreidimensionale, scheinbar begehbare Bilder entstehen. Für den Leser ist es ein Glück, einer solchen ersten Seite zu begegnen, denn sie gehört zu denjenigen, die halten, was sie versprechen!

Doch es geht nicht nur um Schauplätze und "Action", sondern auch und vor allem um die Menschen in dieser Geschichte und das Glück und das Leid, das ihnen in jenen Tagen widerfahren ist. Kinder wurden unter erbärmlichsten Verhältnissen zur Welt gebracht. Nicht selten starben die Mutter, das Kind oder beide. Das Leben war ein ständiger Kampf. Die einen kämpften mit der Armut und gegen sie - und die, die etwas zu sagen hatten, kämpften um Macht und Besitz. Rurik ist einer von ihnen und er geht über Leichen. Nach dem Verrat an seinem Bruder wiegt er sich als neuer Graf in Sicherheit. Sein Bruder, Graf Farold ist tot, und dessen geflohener Sohn Rogar auch nach jahrelanger Suche unauffindbar. Doch Rogar lebt unter anderem Namen in einem Benediktinerkloster - ahnt aber nicht, wer er ist ... 

Eingetaucht in die Eiswolf-Saga begegnen wir dem schlimmsten aller Morde und einer Geschichte, die spannender und eindringlicher nicht erzählt werden kann. Mehr kann ein Buch nicht erreichen. Dennoch geht es einen Schritt über das gesteckte Ziel hinaus ...

... denn die wahrhaft unbändige Neugier auf den zweiten Teil zu zügeln wird ein verdammt hartes Stück Arbeit werden!

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Holger Weinbach wurde am 14. Februar 1971 in 74722 Buchen (Deutschland) geboren.

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