Howard Jacobson J

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Inhaltsangabe zu „J“ von Howard Jacobson

Die Bewohner Port Reubens leben in scheinbarer Harmonie, sie hören nur noch Schnulzen und lesen kitschige Liebesromane, und nach dem schrecklichen Ereignis, über das nur als 'Was geschah, falls es geschah' gesprochen wird, bekamen alle neue Namen. Kevern Cohen misstraut als Einziger dieser 'großen Familie' und ihrer freiwilligen Ahnungs- und Meinungslosigkeit. Er ist ein Eigenbrötler, der die Bücher und Jazzplatten seines Vaters aufbewahrt hat und allein in einer Hütte auf den Felsen wohnt. Eines Tages wird ihm Ailinn Solomons vorgestellt, eine schwarzhaarige Schönheit, und die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Doch Keverns Unbehagen wächst: Ist ihre Liebe wirklich nur aus ihren spontanen Gefühlen genährt, oder haben andere Interesse an ihrer Beziehung? Ist er nur paranoid, oder werden sie tatsächlich überwacht und sind Teil eines allumfassenden, perfekt ausgeklügelten Plans?

Ein prophetischer Gesellschaftsroman, ein psychologisches Meisterwerk, das uns und dem aktuellen Zeitgeist unerbittlich den Spiegel vorhält.

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    J

    Eva-Maria_Obermann

    28. November 2015 um 00:48

    In einer unbestimmten, fernen Zukunft ist die Vergangenheit ein rotes Tuch. WAS GESCHEHEN IST, FALLS ES GESCHEHEN IST, ist das große Ereignis, das ominös und andeutungsvoll schrecklich ein Volk ausgelöscht haben soll. Niemand spricht über sie, selbst Andenken und Familienerbstücke sind gesetzlich begrenzt, doch viele verstoßen gegen diese Gesetzte. Zu ihnen gehört auch Kevern, Drechsler und Einzelgänger. Als er auf Ailinn trifft lernt er die große Liebe kennen. Sie finden zueinander und trotzen kleineren Hürden. Doch ein gemeinsames Geheimnis, das sie vom Rest der Welt unterscheidet, stellt alles auf die Probe. Der Stil ist überraschend. Kein einfaches Dahingeplänkel und keine drückende Spannung. Mit kleineren Zwischenstücken (Briefen, Tagebucheinträgen, …) wird das Bild des personalen Erzählers (mit durchaus allwissenden Momenten) erweitert. Dabei steht zunächst die aufkeimende Beziehung im Vordergrund, die ähnliche Hürden, wie viele andere, erfährt. Mehr am Rande wird die Spannung auf das geheimnisvolle Dahinter, die Vergangenheit, gelenkt. Dieser Schachzug ist gelungen, denn natürlich ahnt der Leser, dass da noch was kommt, lernt aber zunächst die Protagonisten und ihre Eigenheiten gut kennen und findet so zu eigenen Annahmen. Gleichzeitig sind aber gerade diese Protagonisten keineswegs nur Helden oder Antihelden. Sie schwimmen dazwischen und wirken so banal wie wichtig. Ein Mordfall bringt für meinen Geschmack zusätzlich zu viel rein, das führt etwas vom Thema weg und ist eigentlich unnötig. Das schreckliche Ereignis in der Vergangenheit indes bleibt zwar ungenannt, wird aber als religiöser Völkermord erkennbar. Die Andeutungen, die sich schließlich bewahrheiten, finde ich schockierend. Gerade, weil sie so realistisch sind und keineswegs eine unglaubliche Zukunft beschreien. Gleichzeitig finde ich die Lösung im Buch noch schockierender. Nicht nur, dass eine unbewusste, kulturelle Verbindung zum Auslöser für eine große Liebe gemacht wird, gleichzeitig wird Hass als elementar für eine Kultur und Gesellschaft herausgestellt. Abgrenzung und Ausgrenzung wird zur Notwendigkeit, aus der eine zerstörte Kultur wiedererschafft werden soll. Mal davon abgesehen, dass dies auf eine beinahe schon natürliche Feindschaft zwischen Religionen/Kulturen abzielt, was grotesk und als literarisches Thema in dieser Form fragwürdig erscheint, mag das Selbstbild durch Fremdzuschreibung durchaus real sein. J wird dadurch zu einem Roman, der nicht schnell zu lesen ist, nicht schnell loslässt und in gewisser Weise nicht schnell zu verdauen ist. Aktuelle Gegebenheiten und der Schemen des Antisemitismus sind beim Lesen Begleiter, ebenso wie historische wie futuristische Ausblicke. Das lauernde Übel, dass durch die langsame Aufdeckung dessen WAS GESCHEHEN IST, FALLS ES GESCHEHEN IST und damit der Familiengeschichte Ailinns (und auch Keverns) – das dennoch nie vollständig genannt wird – ist schwer zu schlucken und wird keinesfalls als positiv herausgestellt. Die letzte Begründung, dass den Zurückgebliebenen dadurch das Feindbild flöten geht, bleibt für mich dann aber lächerlich und fragwürdig. Ein durchaus lesenswerter Roman mit einem ungewöhnlichen Stil, der zwischen Nähe und Distanz pendelt und mittels Bausteine ein komplexes Bild liefert, auch nach dem Lesen noch zum Nachdenken anregt und dadurch vielleicht mehr bewegt, als auf den ersten Blick sichtbar. Der Verlauf und Thesengang mag mir nicht gefallen, ändert aber nichts an der Stimmigkeit innerhalb des Romans und des gelungenen Plots. Nicht zuletzt zeigt J nämlich auch, dass das Feindbild weder für alle gilt, noch durchweg durchsetzungsfähig ist, sondern viel mehr zwischen unerklärlicher Freundschaft und Feindschaft pendelt, was wiederum bedenkenswert ist.

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