Beruhend auf einer wahren Begebenheit lässt der Autor hier ein Buch einen sehr vielschichtigen Roman erzählen. Richtig gelesen! Ein Buch erzählt es uns. Es ist der Roman von Joseph Roth „Die Rebellion“, der 1933 vor der Bücherverbrennung der Nazis von einer Familie gerettet wurde. Es ist eine Erstausgabe, noch in Sütterlin verfasst.
Das Buch berichtet von seiner Rettung, den Verstecken, und vor allem ganz viel von seinem Verfasser Joseph Roth sowie seiner Frau Friederike Richter. Es sind teils erfolgreiche Schicksale, aber auch sehr traurige. Den Bogen zur Gegenwart spannt die Enkelin des Bücherretters, Lena – eine Künstlerin. Sie erbt eines Tages das Buch, auf dessen letzter Seite eine Art Landkarte gezeichnet worden ist. Von Amerika aus macht sie sich auf den Weg nach Berlin. Sie möchte mehr über das Buch und ihre Verwandten erfahren. Und vor allem auch, was es mit dieser ominösen Zeichnung auf sich hat.
In Berlin lernt sie zwei junge Menschen kennen, die als Kinder vor dem grausamen Tschetschenienkrieg flüchten konnten. Armin trägt ein paar Granatsplitter in seinem Körper, seine Schwester Madina verlor damals ein Bein und unterhält eine spezifische Sammlung von Prothesen. Sie ist mittlerweile eine erfolgreiche Musikerin.
So weit eine kurze Inhaltsangabe. In Wirklichkeit ist dieser Roman viel komplizierter, verschachtelter. Der Spannungsfaden mit Lena und ihrer Kunst, Armin und Madina zieht sich durch den Roman, ist wie der Puls. Die Atemzüge sind das Leben des Schriftstellers Roth mit all seinen Facetten, die nicht immer glorreich waren. Seine Frau „Frieda“ litt sichtlich unter der Beziehung.
Vergangenheit und Gegenwart sind geschickt miteinander kombiniert. Der Große Krieg damals, sowie die Massaker der Russen in Tschetschenien in jüngerer Zeit auf der politischen Ebene; Schriftstellertum zur Nazizeit und bildnerische wie musikalische Künstler:Innen heute.
Hamilton arbeitet Vergleiche von einst versus heute heraus, die sehr erschreckend sind:
S.73: „Nach dem Krieg [Anm.: Erster Weltkrieg] werden die Menschen von einer Schwäche erfasst. Sie sind anfällig für Parolen. Die Grenzen zwischen Tatsachen und Fiktion sind inzwischen so schwammig, dass man beides nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Als hätten die Leute einen Appetit auf Falschmeldungen entwickelt.
S. 75: „Wenn man etwas gesichert nennt, gilt es zugleich als ungesichert. Lügen bedienen Ängste. Die Wahrheit ist zu beschwerlich.“
Der Roman liest sich trotz der Fülle an Details leicht und flüssig, baut einen guten Spannungsbogen auf, der nicht nur von der Suche Lenas geprägt ist, sondern auch die Literaturgeschichte und die Liebe zu den Büchern involviert. Ganz allgemein kann gesagt werden, dass dieses Buch eine Liebeserklärung an die Literatur darstellt. Die Idee, dass ein Buch erzählt, ist zwar nicht neu, aber immer wieder schön zu lesen. Auch die Gedanken und das „Leben“ der erzählenden Erstausgabe sind faszinierende schriftstellerische Besonderheiten, die ich sehr mochte. Darum gibt es von mir ein allumfassende #Leseempfehlung für dieses wunderbare Buch.
Auch das Cover ist treffend gestaltet, auch wenn man es auf den ersten Blick natürlich nicht erahnen kann, was die Schaukel dort zu suchen hat.
Hugo Hamilton
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Neue Rezensionen zu Hugo Hamilton
Ein Buch entgeht der Bücherverbrennung 1933, wird versteckt, wird ein persönlicher Gegenstand seines neuen Besitzers. Nach vielen Jahrzehnten verändert es das Leben einer jungen Frau. Es ist eine Exemplar der Erstausgabe von "Die Rebellion" von Joseph Roth aus dem Jahr 1924.
So ein Buch hätte eine Menge zu erzählen, wenn es könnte. Dies ist kein gewöhnlicher Roman, die Erzählperspektive ist wohl einzigartig, denn der Ich-Erzähler ist das Buch selbst, die Erstausgabe von "Die Rebellion". Es erzählt von seiner Entstehung, seinem Inhalt, von seinem Autor und was es alles seit seiner Veröffentlichung geschehen ist. Ich kann es nicht anders sagen, mir als Bibliophilistin jagte es nicht nur einmal eine Gänsehaut über den Körper.
"Die Bücher begrüßen mich summend. Einen schöneren Empfang kann man sich nicht vorstellen. Es klingt, als würde eine große Schar Mönche oder Nonnen die Heimkehr eines Bruders oder einer Schwester feiern... ... Sie können es kaum erwarten, auf den neuesten Stand gebracht zu werden."
Leider wird dieser Stil nicht konsequent durchgehalten, manches was an Biografie aus der Vergangenheit erzählt wird, kann das Buch nicht wissen, sei's drum. Aber das, was in der heutigen Zeit spielt, driftet teils ab in eine auktoriale Erzählstruktur, dadurch scheint die Qualität deutlich abzusinken, weil die anderen Passagen einfach so phänomenal gut sind.
Das Buch lässt mich hin und her gerissen zurück. Weder konnten mich die Figuren noch der Verlauf der Handlung begeistern, da hätte es einfach "eine Schippe mehr" von allem sein dürfen. Dagegen dann das Ende, das für mich so gar nicht passte. Und Joseph Roth, der nur 44 Jahre alt wurde (nicht etwa der Krieg wurde dem jüdischen Schriftsteller zum Verhängnis, es war vielmehr der Alkohol) fand ich äußerst unsympathisch, seine Ehe und das Schicksal seiner Frau waren ein unsagbares Drama. Und doch wird mir dieses Buch noch lange im Gedächtnis bleiben und ich empfehle es trotz allem von Herzen weiter.
Die Rebellion erzählt den anderen Büchern von der Welt draußen und dass wieder Menschen Bücher verbrennen:
"Die Regale bedecken alle Wände bis zur Decke und ziehen sich bis in die angrenzenden Zimmer. Es gibt eine Ausgabe des Tagebuchs der Anne Frank, und sie fühlt sich sicher. Sie muss sich nicht mehr auf dem Dachboden verstecken. Sie wurde weltweit millionenfach verkauft. Die öffentliche Verbrennung eines Exemplars kann sie nicht zum Schweigen bringen."
Nicht nur Romanfiguren, auch ein Buch kann spannende Abenteuer erleben wie Hugo Hamilton zeigt. Er macht eine Erstausgabe von „Die Rebellion“ von Joseph Roth zum Erzähler. Sie entkam 1933 nur knapp der Bücherverbrennung und wanderte seitdem durch viele Hände, die ihre Spuren hinterlassen haben. Eine handgezeichnete Karte auf der letzten Seite, auf deren Spur sich die aktuelle Besitzerin macht und nach Berlin reist, bildet den Spannungsbogen der Geschichte.
Die Idee ist sehr originell, anhand eines Buches den Verlauf historischer Ereignisse und menschlicher Schicksale auf verschiedenen Zeitebenen zu verknüpfen. Dabei kommt auch der Held des Romans Andreas Pum, ein Kriegsveteran und Drehorgelspieler, nicht zu kurz. Berührt hat mich die komplizierte Beziehung zwischen Joseph Roth und seiner Frau Friederike, die Hugo Hamilton ebenfalls einfließen lässt. Es ist schade, dass die Erzählstimme des Buches, das emotional und physisch einiges erleiden muss und sein bewegtes Schicksal mal packend, mal humorvoll mit uns teilt, über längere Strecken von der Bildfläche verschwindet.
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