Cover des Buches Vertraute Welt (ISBN: 9783958903036)M
Rezension zu Vertraute Welt von Hwang Sok-yong

Anders und doch nicht so anders

von miro76 vor 3 Monaten

Review

M
miro76vor 3 Monaten

Glupschaug und seine Mutter können die Miete am Berhangslum nicht mehr bezahlen, weil der Vater in ein Umerziehungslager verfrachtet wurde. Ihre einzige Chance bietet ihnen der Baron, der ihnen den Umzug auf die Blumeninsel ermöglicht.

Die Blumeninsel ist die größte Müllhalde in der Nähe von Seoul. Dort lebt die Gesellschaft der Müllsammler; die Menschen, die es in der Stadt nicht geschafft haben, die die Stadt ausgestossen hat, wie den Müll, von dem sie leben.

Diese Welt, die Glupschaug und seiner Mutter schnell vertraut wird und die wir uns kaum vorstellen mögen, beschreibt der Autor mit einer unglaublichen Verve. Er zeigt uns eine Gesellschaft, die gut organisiert und strukturiert ist. Wo die Kinder auch einfach Kinder sind. Sie sind neugierig, spielerisch, lieben es ein Geheimversteck zu finden und manchmal ihre Tage einfach dahinplätschern zu lassen.

Die Erwachsenen lassen ihre Tage an den Tonnenfeuern ausklingen, essen und trinken zusammen und natürlich gibt es auch Streit und Rankeleien. Aber der Autor schafft es, die Menschen, die an der untersten Stufe angekommen sind, mit Würde darzustellen.

Hang Sok-yong hat eine Geschichte geschrieben, die gar nicht so trostlos ist, wie man es vermuten würde. Man könnte jetzt meinen, er verzärtelt das Leben der Müllsammler. Aber das macht er nicht. Er beschönigt nicht. Er zeigt uns lediglich, dass Menschen die unter giftigen Dämpfen und bestialischem Gestank leben, auch Träume haben, sich amüsieren wollen, Freundschaften pflegen, lieben und Kinder erziehen. Sie sind gar nicht so anders als wir. Sie essen nur, was wir für nicht mehr gut genug befinden.

Zusätzlich zur Tatsache, dass der Autor uns eine Welt nahebringt, die leider vielen Menschen vertraut ist, gibt es in diesem Roman noch ein Element des magischen Realismus. Es könnte auch ein Element aus dem Shintokult sein. Auf jeden Fall zeigt er auf, dass die Welt der Geister einfach neben unserer Welt besteht und zeigt uns somit, wie die Blumeninsel vor ihrer neuen Bestimmung als Misthaufen ausgesehen hat und wie sie ja auch jetzt wieder aussieht. Denn die Geschichte spielt in den 70er oder 80er Jahren. Was aus den Menschen wurde, die ihr Auskommen dort fanden, weiß ich leider nicht. Es bleibt die Hoffnung, dass es diesen Broterwerb einfach nicht mehr braucht.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ich fand es beeindruckend, wie behutsam der Autor mit seinen Figuren umgeht, ihre Würde bewahrt. Außerdem gibt das Buch ordentlich zu denken, was unser Konsumverhalten anbelangt.

Uns zusätzlich gefällt mir, wie schön der Autor die dreckige Seite Südkoreas zeichnet!

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