Ian Kershaw

 4.4 Sterne bei 93 Bewertungen
Autor von Höllensturz, Das Ende und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Ian Kershaw

Ian Kershaw, geboren 1943, war bis zu seiner Emeritierung Professor für Modern History an der University of Sheffield und zählt zu den bedeutendsten Historikern der Gegenwart. Seine große zweibändige Biographie Adolf Hitlers gilt als Meisterwerk der modernen Geschichtsschreibung. Bei Pantheon erschien zuletzt sein Bestseller »Höllensturz« (2016).

Quelle: Verlag / vlb

Neue Bücher

Achterbahn

 (4)
Erscheint am 22.03.2021 als Taschenbuch bei Pantheon.

Alle Bücher von Ian Kershaw

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Cover des Buches Das Ende (ISBN: 9783641128098)

Das Ende

 (15)
Erschienen am 16.09.2014
Cover des Buches Höllensturz (ISBN: 9783570553619)

Höllensturz

 (16)
Erschienen am 25.09.2017
Cover des Buches Hitler (ISBN: 9783570550946)

Hitler

 (15)
Erschienen am 03.08.2009
Cover des Buches Hitler, Band 1: 1889 - 1936 (ISBN: 9783421051318)

Hitler, Band 1: 1889 - 1936

 (9)
Erschienen am 01.09.1998
Cover des Buches Hitler 1936 - 1945 (ISBN: 9783570552292)

Hitler 1936 - 1945

 (6)
Erschienen am 12.08.2013
Cover des Buches Achterbahn (ISBN: 9783570554388)

Achterbahn

 (4)
Erscheint am 22.03.2021
Cover des Buches Wendepunkte (ISBN: 9783570551202)

Wendepunkte

 (4)
Erschienen am 20.09.2010
Cover des Buches Hitlers Macht (ISBN: 9783423307574)

Hitlers Macht

 (4)
Erschienen am 01.01.2000

Neue Rezensionen zu Ian Kershaw

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A

Rezension zu "Roller-Coaster: Europe, 1950-2017" von Ian Kershaw

Achterbahnfahrt. Europa seit 1950
Andreas_Oberendervor 2 Tagen

Nach dem "Höllensturz" die "Achterbahnfahrt". Im zweiten Teil seiner Geschichte Europas im 20. Jahrhundert schlägt Ian Kershaw einen Bogen vom Beginn des Kalten Krieges bis zur unmittelbaren Gegenwart. Die ereignisreichen Jahrzehnte seit dem Zweiten Weltkrieg haben den Europäern vieles beschert, Frieden und Wohlstand, aber auch Nöte und Tragödien, Krisen und Herausforderungen. Kershaw hat sich entschlossen, den Band nicht mit dem Zusammenbruch des Kommunismus in der Sowjetunion und in Osteuropa enden zu lassen. Der Optimismus, der zu Beginn der 1990er Jahre in Europa herrschte, ist längst verflogen. Eine Zusammenballung von Krisen hält den Kontinent seit einigen Jahren in Unruhe und Spannung (Finanzkrise; Terrorismus; Migration; Ukrainekonflikt; Brexit). Die Europäer sind verunsichert und schauen mit Sorge in die Zukunft. Ganz ähnlich war es um 1950, als die Rivalität zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion ihren ersten Höhepunkt erreichte. Die Europäer lebten in Furcht vor einem neuen Weltkrieg, wenn nicht gar einem Atomkrieg. Der Kontinent war in zwei feindliche Blöcke gespalten. Diese Spaltung prägt Kershaws Darstellung über weite Strecken. Der Westen und der Osten entwickelten sich vierzig Jahre lang auf unterschiedliche Weise. Ihre Geschichte lässt sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Deshalb schildert Kershaw die Entwicklungen in West und Ost in separaten Kapiteln. Die Staaten, die zu den beiden Blöcken zählten, wiesen allerdings nicht nur Gemeinsamkeiten auf, sondern auch Unterschiede. Einmal mehr erweist sich Kershaw als Meister der vergleichenden Untersuchung. Er arbeitet allgemeine Entwicklungen heraus, die den Kontinent seit 1950 geprägt haben, nimmt aber stets auch nationale Besonderheiten in den Blick. Erhellend und ertragreich ist dieser vergleichende und differenzierende Blick vor allem in den Kapiteln über die Ostblockstaaten, die keineswegs eine monolithische Einheit bildeten. Wie schon im ersten Band verknüpft Kershaw die politische Geschichte mit der Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte. Erneut ist ihm eine sehr gute Balance von Faktenvermittlung und Analyse gelungen. Sein Blick ist nüchtern, abgeklärt, reflektiert. Kershaw konzentriert sich streng auf das Wesentliche. Nirgendwo belastet Nebensächliches und Überflüssiges den straff durchkomponierten Text. Bei einem weniger disziplinierten Autor hätte das Buch deutlich umfangreicher und langatmiger ausfallen können, zum Verdruss des Lesers.

Mehrere Leitmotive prägen Kershaws Darstellung der europäischen Geschichte bis 1989/1991. Der Westen erholte sich erstaunlich rasch von den Schrecken des Zweiten Weltkrieges. Zu Beginn der 1950er Jahre setzte ein Wirtschaftsboom ein, der gut 20 Jahre dauerte. Die Gesellschaften Westeuropas genossen einen nie zuvor gekannten materiellen Wohlstand und eine politische Stabilität, die 1945 wohl niemand vorherzusagen gewagt hätte. Mitte der 1970er Jahre machte die Demokratie weitere Geländegewinne: Die glücklose Militärjunta in Griechenland gab die Macht ab; die altersschwachen Diktaturen in Portugal und Spanien brachen wie Kartenhäuser zusammen. Die ersten Etappen der europäischen Integration vollzogen sich. Sozialstaatliche Absicherung, kulturelle Liberalisierung und ungehemmte Konsumfreude prägten das Alltagsleben der Menschen im Westen. Die Ölkrise von 1973 und die von ihr ausgelösten wirtschaftlichen Turbulenzen erschütterten den naiven Glauben der Westeuropäer an unbegrenztes Wachstum. Auch im Osten stellte sich im Laufe der Zeit ein bescheidener Wohlstand ein. Die chaotischen politischen Zustände der Zwischenkriegszeit gehörten der Vergangenheit an. Doch das Herrschafts- und Wirtschaftssystem, das Stalin hinterlassen hatte, lastete bleiern auf der Sowjetunion und den Ostblockstaaten. Die Reformen, die Chruschtschow und andere Parteiführer vornahmen, waren halbherzig und ließen das System im Kern unverändert. Mehrfach kam es zu Konflikten zwischen der Sowjetunion und den Satellitenstaaten (Ungarn-Aufstand 1956, Prager Frühling 1968). Mit Mühe und Not überstand der Osten die schwierigen 70er Jahre, und in den 80er Jahren war nicht zu übersehen, dass die kommunistischen Staaten in einer Sackgasse steckten. Der Kommunismus war erstarrt, verkrustet, nicht reformierbar. Ihm fehlte die Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit des westlichen Gesellschaftssystems mit seiner Kombination von liberaler Demokratie und Marktwirtschaft. Kershaw blickt keineswegs unkritisch auf den Westen. Aber er verweist immer wieder darauf, wie die westlichen Staaten politische und wirtschaftliche Krisen erfolgreich meisterten, sei es im nationalstaatlichen Rahmen, sei es durch Kooperation auf europäischer Ebene. Die Achterbahnfahrt mündete nie in eine Katastrophe. Verhandeln und zusammenarbeiten, das Streben nach Konsens und die Suche nach einem Interessenausgleich – das sind Kershaw zufolge die Stärken, die die Europäische Gemeinschaft in den Jahrzehnten vor dem Epochenumbruch von 1989/91 entwickelt hat. Diese Tugenden sind heute stärker gefragt als je zuvor. Die 1990er Jahre mit dem Jugoslawienkrieg und den harten Zeiten des Übergangs in Russland und in Osteuropa sieht Kershaw als Vorspiel zur neuen "Ära der Unsicherheit", die mit dem 9. September 2001 begonnen hat. Heute ist Europa zwar nicht mehr in feindliche Blöcke gespalten, aber es steht vor Herausforderungen, die nicht weniger schwierig sind als zu Zeiten des Kalten Krieges.

Die unmittelbare Gegenwart steht im Mittelpunkt der beiden letzten Kapitel. Kershaw wendet sich den großen Themen unserer Zeit zu: Die Licht- und Schattenseiten, die Chancen und Risiken der Globalisierung; die Folgen der EU-Osterweiterung; die Migrationskrise; neuartige kulturelle und politische Spannungen innerhalb der europäischen Gesellschaften, die vor 25 Jahren nicht abzusehen waren. Wie werden die einzelnen europäischen Staaten, wie wird die Europäische Union als Ganzes all die Probleme lösen, mit denen Europa gegenwärtig konfrontiert ist? Werden Europa und Russland wieder zu einem erträglichen Verhältnis finden? Wie geht es mit der europäischen Integration weiter; lässt sich ein neuer Enthusiasmus für das europäische Projekt wecken? Kershaw bezweifelt, dass sich die EU in naher Zukunft substantiell verändern und weiterentwickeln wird. Seiner Ansicht nach fehlt es an einem Akteur, der solche Veränderungen anstoßen und vorantreiben könnte. Der Nationalstaat ist lebendiger denn je; eine Europäische Föderation, Vereinigte Staaten von Europa wird es so bald nicht geben. Allenfalls eine bessere Koordination der Außen- und Verteidigungspolitik hält Kershaw für machbar. Er bedauert, dass der jahrzehntelange Prozess der europäischen Integration nicht zur Entstehung einer europäischen Identität geführt hat. Kershaw verklärt die Europäische Union nicht, aber er würdigt mit Nachdruck ihre unbestreitbaren Erfolge und Leistungen. Dabei hat er stets die Katastrophen im Blick, die den Kontinent zwischen 1914 und 1945 heimsuchten. Vor diesem Hintergrund muss die Europäische Union beurteilt werden. Europa ist heute ein Kontinent der Demokratien, der Zivilgesellschaften, des Verhandelns und Kooperierens. Es ist ein pazifistischer Kontinent. Die Europäer haben den unheilvollen Militarismus früherer Zeiten konsequent hinter sich gelassen. Das ist, folgt man Kershaw, eine der wichtigsten Errungenschaften, die sich Europa seit 1945 erarbeitet hat. Was wird die Zukunft bringen? Kershaw rät den Europäern: "In gefährlichem Gewässer sollten die Schiffe eines Konvois besser zusammenbleiben anstatt auseinander zu driften". Die Achterbahnfahrt geht weiter; dafür müssen die Europäer gerüstet sein. Sie sind gut beraten, jene Strategien, die in der Vergangenheit erfolgreich waren, beizubehalten und künftigen Erfordernissen anzupassen. Ian Kershaw spricht den Europäern Mut zu, indem er ihnen zeigt, was sie in den letzten 70 Jahren und besonders im letzten Vierteljahrhundert vollbracht und geleistet haben. Ja, die EU ist schwerfällig, aber gibt es eine ernst zu nehmende Alternative zur Verflechtung und Zusammenarbeit auf europäischer Ebene? Der Weg, den Europa seit 1945 zurückgelegt hat, war mühevoll und nicht frei von Irrungen, Misserfolgen und Fehlschlägen. Aber er hat zu einem zivilisatorischen Fortschritt geführt, den es selbstbewusst zu verteidigen gilt. Das ist die Einsicht, die man als Leser aus Ian Kershaws Buch gewinnt. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Oktober 2018 bei Amazon gepostet)

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A

Rezension zu "To Hell and Back: Europe, 1914-1949 (Alan Lane History)" von Ian Kershaw

In die Hölle und wieder zurück. Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Andreas_Oberendervor 2 Tagen

Die renommierte, auf neun Bände angelegte "Penguin History of Europe" nähert sich allmählich ihrer Vollendung. Für das 20. Jahrhundert konnte der Penguin-Verlag keinen Geringeren als Ian Kershaw gewinnen. Kershaw hat sich entschieden, seine Geschichte Europas im 20. Jahrhundert in zwei Bände aufzuteilen. Der erste Teil liegt jetzt vor. Er umfasst die Jahre von 1914 bis 1949, vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten. Im Folgeband wird der Verlauf der europäischen Geschichte bis zur Gegenwart dargestellt. Es ist durchaus sinnvoll, eine Aufteilung in zwei Teilbände vorzunehmen, denn die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert besteht aus zwei Abschnitten, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Die drei Jahrzehnte zwischen 1914 und 1945 sind zweifellos der Tiefpunkt in der Geschichte des Kontinents. Sie stellen alles in den Schatten, was Europa in früheren Jahrhunderten an Kriegen und Krisen durchlitten hat. Zwei Weltkriege, der Holocaust, staatlicher Massenterror, millionenfacher Hungertod (Ukraine 1932/33), millionenfache Vertreibung, die Weltwirtschaftskrise - selten in der Geschichte der Menschheit traten Tod und Gewalt, Elend und Leid derart geballt auf. Nur wenige Staaten Europas blieben gänzlich von Krieg und Bürgerkrieg verschont (Portugal, Schweden, Schweiz). Im Grunde kann die Zeitspanne von 1914 bis 1945 als fortwährender Krisenzustand, als Dauerkrise verstanden werden, unterbrochen von einer kurzen Stabilisierung Mitte der 1920er Jahre. In grellem Kontrast zur ersten Jahrhunderthälfte steht die Zeit ab 1949. Zwar kam es im Zuge des Kalten Krieges zu einer Teilung des Kontinents in zwei verfeindete Blöcke, aber die Kriege und Krisen der ersten Jahrhunderthälfte wiederholten sich nicht. Westlich und in bescheidenerem Ausmaß auch östlich des Eisernen Vorhangs begann in den 1950er Jahren eine lange Phase wirtschaftlicher Prosperität. Nach dem vollständigen Zusammenbruch des deutschen Nationalsozialismus und des italienischen Faschismus triumphierte im Westen die parlamentarische Demokratie. Die autoritären Regime in Spanien und Portugal erwiesen sich nicht als dauerhaft lebensfähig und machten in den 1970er Jahren ebenfalls der Demokratie Platz. In der Sowjetunion und in Osteuropa war der Kommunismus jahrzehntelang so stabil, dass niemand im Westen mit seinem Niedergang und Zusammenbruch rechnete, vor allem nicht in so plötzlicher Form, wie es Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre zur allgemeinen Überraschung geschah. Kurzum: Nach den Schrecken der ersten Jahrhunderthälfte, nach dem zivilisatorischen Zusammenbruch, den der Zweite Weltkrieg mit sich gebracht hatte, erhob sich Europa in der zweiten Jahrhunderthälfte wie der sprichwörtliche Phönix aus der Asche, eine Leistung, die in hohem Maße erklärungsbedürftig ist.

Kershaw verbindet in seinem Buch Erzählung und Analyse. Er vermittelt die wichtigsten historischen Fakten und unterzieht sie dann der Analyse und Interpretation. Unter einer Geschichte Europas versteht er keine Aneinanderreihung bzw. Nebeneinanderstellung von Nationalgeschichten. Kershaw fragt nach den historischen Kräften und Entwicklungen, die den Kontinent als Ganzen prägten. Sein Blick ist allumfassend und vergleichend. Alle europäischen Länder werden behandelt, allerdings nicht gleichermaßen ausführlich. Für Kershaw ist es selbstverständlich, dass auch das Zarenreich und die Sowjetunion in eine Geschichte Europas einbezogen werden müssen. Natürlich lässt es sich nicht vermeiden, dass manchen Ländern mehr Raum gewidmet wird als anderen. Großbritannien und Frankreich, Deutschland und Italien, die Sowjetunion - diesen fünf Staaten widmet Kershaw aus naheliegenden Gründen besondere Aufmerksamkeit. Aber auch Skandinavien, die Iberische Halbinsel, Ostmitteleuropa und das Baltikum, der Balkan und Griechenland werden angemessen berücksichtigt. Die Dauerkrise zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg führt Kershaw auf vier Faktoren zurück: (1) Ein ethnisch bzw. rassisch begründeter Nationalismus führte zu Konflikten und Kriegen zwischen Völkern und Nationen. (2) Die Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg, die in etlichen Staaten für Minderheitenprobleme sorgten, wurden in Frage gestellt, wodurch zusätzliches Konfliktpotential entstand (territorialer Revisionismus). (3) Der Sieg des Kommunismus in Russland, eine Zäsur von weltgeschichtlicher Bedeutung, verschärfte Klassengegensätze, die im Westen bereits bestanden, und führte überdies zum Aufstieg rechter politischer Bewegungen, die sich der Abwehr des Kommunismus verschrieben. Der unversöhnliche Gegensatz zwischen rechts- und linksradikalen politischen Kräften stellte viele europäische Staaten vor eine innere Zerreißprobe. (4) Zuerst in den USA, dann auch in Europa geriet das kapitalistische Wirtschaftssystem in seine bis dahin schwerste Existenzkrise. Zeitweise sah es so aus, als sei der Kapitalismus an sein Ende gelangt. Die Weltwirtschaftskrise war eine traumatische Erfahrung für fast alle Länder des Kontinents. - Kershaw erläutert, wie diese vier Faktoren ineinandergriffen und in den 1930er Jahren eine hochexplosive Situation entstehen ließen, die schließlich in den Zweiten Weltkrieg mündete. Deutschland nimmt in seiner Darstellung einen zentralen Platz ein, weil die genannten vier Faktoren - Nationalismus/Rassismus; Revisionismus; scharfe Polarisierung zwischen links und rechts; Wirtschaftskrise - dort in besonders extremer Form auftraten. Dass das Dritte Reich den Kontinent an den Rand der Selbstzerstörung führte, ist für Kershaw kein Betriebsunfall der Weltgeschichte, sondern Folge eines verhängnisvollen Ineinandergreifens von Krisenmomenten in Deutschland.

Neun der zehn Kapitel des Buches orientieren sich am chronologischen Verlauf der europäischen Geschichte zwischen 1914 und 1949. Das neunte, vorletzte Kapitel fällt etwas aus dem Rahmen. Es ist rein thematisch angelegt und behandelt einige ausgewählte Sachthemen, die für alle europäischen Staaten von Relevanz sind: Demographische Entwicklungen während der ersten Jahrhunderthälfte; intellektuelle Strömungen und Debatten; die Rolle der Religion und der Kirchen; die wachsende Bedeutung von Populärkultur und Unterhaltungsindustrie. Das Buch beginnt mit dem Ersten Weltkrieg. Er war die buchstäbliche Wurzel allen Übels. Ohne ihn und die hochproblematische Nachkriegsordnung von 1919 ist die Krise der Zwischenkriegszeit nicht zu verstehen. Fast alle Staaten Europas bewegten sich in den 1920er und 1930er Jahren auf schwankendem Grund, die Sieger und Verlierer von 1918, aber auch die neuen Staaten Ostmitteleuropas, die aus dem zusammengebrochenen Habsburgerreich hervorgegangen waren. Wenn es in Kershaws Darstellung ein übergreifendes Thema gibt, dann es ist das Ringen zwischen Demokratie und Diktatur. Das war der Grundkonflikt, der Europa zwischen den Weltkriegen nicht zur Ruhe kommen ließ. Besonders in den 1930er Jahren geriet die Demokratie in die Defensive. Die Zukunft schien autoritären und diktatorischen Regimen zu gehören. Sie setzten sich auf breiter Front in der Mitte, im Süden und Südosten Europas durch, im Falle Spaniens nach einem blutigen Bürgerkrieg, andernorts ohne größeres Blutvergießen. Nur im Westen und Norden des Kontinents konnte sich die Demokratie behaupten. Dort widerstanden die Gesellschaften der Versuchung, die Demokratie preiszugeben, um politischen, sozialen und wirtschaftlichen Problemen zu entrinnen. 1939 standen elf demokratischen Staaten sechzehn Staaten gegenüber, die autoritär oder diktatorisch beherrscht wurden. Von besonderem Interesse ist das sechste Kapitel. Hier analysiert Kershaw vergleichend den italienischen Faschismus, den deutschen Nationalsozialismus und den Stalinismus in der Sowjetunion. Seine Expertise auf dem Gebiet diktatorischer Herrschaftsformen kann Kershaw hier besonders gut zur Geltung bringen. Er fragt nach der sozialen Basis und den Herrschaftsmethoden der drei Diktaturen; er vergleicht sie hinsichtlich Gewaltanwendung und Repression; er arbeitet heraus, wie Mussolini, Hitler und Stalin ihre Rolle als Führer ausübten. Die Sowjetunion war in der Zwischenkriegszeit außenpolitisch weitgehend isoliert, wirkte aber indirekt auf Europa ein. Ihr Anspruch, eine bessere, überlegene Alternative zum Kapitalismus zu sein, fand europaweit bei Millionen Menschen Anklang, bei einfachen Arbeitern wie auch bei Intellektuellen. Es gab aber ebenso die Angst vor dem Kommunismus: Sie spielte rechten Parteien und Bewegungen in die Hand, sie verhalf Demagogen wie Mussolini und Hitler zur Macht.

Kershaws Darstellung kulminiert mit dem Zweiten Weltkrieg, der zumindest in Osteuropa eine neuartige, genozidale Dimension besaß. Der Krieg führte zu Verlusten an Menschenleben, die heute kaum noch vorstellbar sind. Das Buch endet mit den ersten Jahren der Nachkriegszeit. Anders als nach 1918 entstand diesmal eine Ordnung, die neue Kriege im kontinentalen Maßstab verhinderte. Woran lag das? Kershaw nennt mehrere Gründe: Deutschland war keine Großmacht und damit auch kein Störfaktor mehr. Das alte europäische Mächtesystem löste sich auf, da auch Großbritannien und Frankreich als Großmächte abdankten. Faschismus und Nationalsozialismus waren so gründlich gescheitert, dass sie als politische Option nicht mehr in Frage kamen. Grenzveränderungen und Bevölkerungsverschiebungen entzogen dem territorialen Revisionismus, der nach dem Ersten Weltkrieg für so viel Zündstoff gesorgt hatte, den Nährboden. Im beginnenden Kalten Krieg entstanden zwei stabile Blöcke, die über Nuklearwaffen verfügten und deshalb einander nicht anzugreifen wagten. Anders als nach dem Ersten Weltkrieg engagierten sich die USA dauerhaft in Europa. Mit dem Marshall-Plan sorgten sie für die politische und wirtschaftliche Stabilisierung West- und Südeuropas. Auch im Osten Europas, wo Stalin Marionettenregime installierte, herrschte fortan eine im Vergleich zur Zwischenkriegszeit erstaunliche Stabilität - freilich eine durch kommunistische Herrschaft erzwungene Stabilität. Schon in den ersten Jahren nach Kriegsende tastete sich der Westen langsam an die europäische Integration heran. Sie wird eines der beherrschenden Themen im Folgeband sein, wie auch die Konsolidierung des Kommunismus im Ostblock. Da ein Krieg zwischen den Blöcken nicht in Frage kam, traten West und Ost in einen friedlichen Wettbewerb, der auf den Feldern Konsum und sozialstaatliche Versorgung ausgetragen wurde. Ian Kershaw bietet mit seinem Buch keine angenehme, keine unterhaltsame Lektüre. Unbedingt lesenswert ist sein Werk trotzdem. Den von Frieden und Wohlstand verwöhnten Europäern von heute kann nicht oft genug in Erinnerung gerufen werden, dass ihre Vorfahren in die Hölle hinabgestiegen sind. Die Europäer haben sich aus dieser Tiefe wieder emporgearbeitet, und seit nunmehr 70 Jahren leben sie weitgehend friedlich miteinander. Das erscheint uns heute Lebenden längst als Selbstverständlichkeit. Ian Kershaw erinnert uns daran, wieviel Leid, Tod und Zerstörung dem Zustand vorangingen, den wir heute - vielleicht allzu leichtfertig - als selbstverständlich ansehen. Die europäische Union hat unzweifelhaft Defekte und Mängel. Gegenüber den Verhältnissen, die zwischen 1914 und 1945 in Europa herrschten, bedeutet sie aber einen gewaltigen zivilisatorischen Fortschritt. Das wird niemand bestreiten können, der Ian Kershaws düsteres und aufwühlendes Buch gelesen hat. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Oktober 2015 bei Amazon gepostet)

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W

Rezension zu "Höllensturz" von Ian Kershaw

Eines der, wenn nicht DAS beste Buch über die ersten fünf Jahrzehnte des 20ten Jahrhunderts...
wschvor 3 Monaten

Von Ian Kershaw habe ich bereits so gut wie alle Bücher, die er über diese Jahrzehnte und die Personen, die für die Katastrophen dieser Zeit verantwortlich waren, gelesen, eher verschlungen. Weil der Autor es hervorragend versteht, die Ereignisse, die Vorgehensweisen, die Ursachen für die Katastrophen nachvollziehbar zu analysieren. Mit einem Schreibstil, der hervorragend lesbar ist.

Mit 'Höllensturz' ist ihm ein extrem wichtiges Buch gelungen. Weil er notwendigerweise auch auf die Kriegsschauplätze, Schlachten, unvorstellbare Massaker vieler Deutschen, aber auch, was den Zweiten Weltkrieg betrifft, des russischen Militärs eingeht. Das alles steht aber nicht im Mittelpunkt der knapp 800 Seiten.

Ian Kershaw geht es um die politischen Hintergründe, die Stimmungen in der Bevölkerung, die aus machtpolitischen Gründen getroffenen Koalitionen, Verträge, Übereinkünfte, persönliche 'Eitelkeiten' der Machthaber, die russische Revolution, Stalin, Churchill, den immensen Zulauf der NSDAP, den anfänglichen Isolationismus der USA. Ebenso wie um die kulturellen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Auswirkungen. Die Gründe für den Nationalismus, sei es im Deutschen Reich, während des Ersten Weltkrieges, der Zeit der Weimarer Republik, und natürlich während des Zweiten Weltkrieges. Wobei der Blick des Autoren auch nach Süden, also in Richtung des italienischen Faschismus, personifiziert mit Mussolini geht.

Es liessen sich hier noch viele weitere Blickrichtungen anführen. An einigen Stellen stellt man unwillkürlich einige grundsätzliche Übereinstimmungen zu den aktuellen Gegebenheiten fest. Zitat Seite 694, es geht um den so genannten Marshall-Plan, mit dessen Hilfe die USA auch aus Eigennutz dem zerstörten West-Europa zum einen wirtschaftlich wieder auf die Beine zu helfen. Zum Zweiten aber auch Ihre eigene Wirtschaft anzukurbeln beziehungsweise am Laufen zu halten. "Der Marshallplan war alles andere als altruistisch. Er nutzte der amerikanischen Wirtschaft ebenso wie der europäischen, denn die meisten Güter, die mit Mitteln des Plans gekauft wurden, kamen aus den USA." (Seite 692). Und zum Dritten konnte mit dem Marshallplan beziehungsweise dessen Wirkung in der breiten Bevölkerung West-Europas ein Bollwerk gegen Stalins Machtgelüste errichtet werden. Der ganz Europa unter kommunistische, also sowjet-russische Führung, besser Diktat bringen wollte. 

"Der amerikanische Diplomat William L. Clayton, eine Schlüsselfigur hinter dem Marshallplan, traf wohl den Kern der Sache: »Das Problem mit den Briten ist, dass sie noch mit jeder Faser an die Hoffnung klammern, dass sie auf die eine oder andere Weise mit unserer Hilfe in der Lage sein werden, das Britische Empire und dessen Führung für sich zu erhalten.« Großbritannien, so George Marshall kurz und bündig, wolle zwar »von einem europäischen Programm rundum profitieren«, beharre zugleich aber darauf, »kein vollständig europäisches Land« zu sein."

Wem kommt bei solchen, immerhin vor etwa 70 Jahren getroffenen Feststellungen nicht das Brexit-Drama in den Sinn?

Zum Abschluss dieser paar Zeilen muss noch ein Zitat herhalten. Diesmal von der Rückseite des Buchdeckels: 

"Die Geschichte des zweiten Dreißigjährigen Kriegs in Europa ist nie besser erzählt worden.


So Sir Christopher Clark, Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine’s College in Cambridge.


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