Kindeswohl

von Ian McEwan 
4,2 Sterne bei198 Bewertungen
Kindeswohl
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Positiv (160):
Samantha_Jane_Winchesters avatar

Top! Eines meiner Lieblingsbücher!

Kritisch (5):
philines avatar

Im Grunde hochinteressante Konflikte und moralisch komplex abzuwägende Familienrechtsfälle, aber bleibt leider an der Oberfläche

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Inhaltsangabe zu "Kindeswohl"

Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls – das ist das Spezialgebiet der Richterin Fiona Maye. In ihrer eigenen, kinderlosen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. Bis zu dem Tag, als ihr Mann ihr einen schockierenden Vorschlag unterbreitet und ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt wird, in dem es für einen 17-jährigen Jungen um Leben und Tod geht.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783257243772
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:224 Seiten
Verlag:Diogenes
Erscheinungsdatum:24.08.2016
Das aktuelle Hörbuch ist am 09.01.2015 bei Diogenes erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    Briggss avatar
    Briggsvor einem Monat
    Kurzmeinung: Sehr intensiv beobachtend, stark zum Denken bringend. Tolles Buch.
    Mehr Gedanken als Handlung - großartig gemacht

    Wir stolpern gleichzeitig in das Leben einer Richterin und in einen interessanten Fall um die Frage, was Kindeswohl überhaupt ist; wer das bestimmen kann.
    Dieses langsame Herantasten an den eigentlichen Fall ist gut gemacht. Mit Fiona sitzt man und wälzt Akten, folgt ihren Gedanken, teilt ihr Seelenleben.
    Dann begleiten wir sie und beobachten, sind mit ihr verblüfft, als eine unerwartete Wendung eintritt.
    Wie mitreißend ein Buch sein kann, in dem so wenig geschieht! Und wie spannend das sein kann!

    Klare Lesempfehlung!

    Kommentare: 2
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    Martinchens avatar
    Martinchenvor 2 Monaten
    Kindeswohl

    "Familienrecht ist das Spezialgebiet von Fiona Maye, Richterin am High Court in London: Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls. In ihrer eigenen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. Da unterbreitet ihr Mann ihr einen schockierenden Vorschlag. Und zugleich wird ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt, in dem es um den Widerstreit zwischen Religion und Medizin und um Leben und Tod eines 17-jährigen Jungen geht." - soweit der Klappentext.

    Der Umschlag zeigt das Porträt eines jungen Mannes ("Craig" von Elisabeth Peyton) und gleicht sich sonst optisch den im Diogenes-Verlag erscheinenden Büchern an.

    Den Autor muss eigentlich nicht vorgestellt werden, ich tue es dennoch.

    Ian McEwan, Jahrgang 1948, in Aldershot (Hamphire) geboren, lebt in London. Er hat zahlreiche Romane geschrieben. 1998 erhielt er den Booker-Preis für "Amsterdam", 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für sein Gesamtwerk. Er ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts und Sciences. (Quelle: Klappentext)

    Die Protagonistin Fiona Maye lernen wir zunächst von ihrer privaten, dann von ihrer beruflichen Seite kennen. Im Beruf ist sie kompetent, ruhig, sorgfältig, hört gut zu, macht sich ein Bild und fällt dann ein sachlich ausgezeichnet formuliertes, argumentativ gewichtetes Urteil in komplizierten Fällen. Beruf ist sie weniger erfolgreich, sie durchlebt eine Ehekrise, vor der sie sich in ihre Akten flüchtet. Am Schluss finden Fiona und ihr Mann vorsichtig wieder zueinander, mir scheint das Problem dennoch nicht geklärt zu sein. Hier ist die Frage, inwieweit das Privatleben für die Konsequenzen, die sich aus Fionas Urteil ergeben, relevant ist.

    Das Urteil hinsichtlich des an Leukämie erkrankten jungen Mannes wird bereits kurz nach der Hälfte des Romans verkündet. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, schätzt die Richterin falsch ein, was auch Folgen für sie hat.

    Mir hat sehr gut gefallen, wie Ian McEwan die unterschiedlichen Meinungen zu den Fällen, die Fiona Maye bearbeitet, klar und präzise formuliert. Die daraus abgeleiteten Urteile erscheinen klug und ausgewogen.

    Fazit: Ian McEwans Erzählstil gefällt mir sehr, dieser Roman war äußerst kurzweilig zu lesen.

     

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    Perles avatar
    Perlevor 4 Monaten
    Kurzmeinung: Ein sehr überraschendes Ende!
    Ian McEwan = Kindeswohl

    Klappentext:

    Fiona Maye ist eine angesehene Richterin am High Court in London, bekannt für ihre Gewissenhaftigkeit. Mit ihrem Mann Jack, einem Geschichtsprofessor, ist sie seit mehr als dreißig Jahren verheiratet - harmonisch, wenn auch in letzter Zeit vielleicht ein wenig distanziert. So fällt Fiona aus allen Wolken, als er ihr eröffnet, dass er ihren Segen für eine außereheliche Affäre will.

    Genau in diesem Moment wird ihr ein eiliger Fall vorgelegt:  Ein 17-jähriger Junge, der an Leukämie leidet, benötigt dringend eine Bluttransfusion. Aber seine Familie - Zeugen Jehovas - lehnt das aus religiösen Gründen ab. Genauso wie er selbst. Doch ohne Transfusion wird er qualvoll sterben.

    Fiona bleiben für ihr Urteil weniger als 24 Stunden. Kann sie jetzt, inmitten ihres emotionalen Tumults, ihre  kühle Professionalität bewahren?

    "Ein bemerkenswertes Buch von einem der besten Schriftsteller" unserer Zeit." (Ron Charles/The Washington Post)

    Copyright 2015

    Titel der 2014 bei Jonathan Cape Ltd., London

    Eigene Meinung:

    Am Anfang des Buches tat ich mich sehr schwer. Irgendwann wurde es dann besser, da ich dann auch laut las, und es daher besser aufnehmen konnte. Es war eh die ganze letzte Woche, in der ich es las, so schwül und drückend, das ich mich kaum auf das Buch konzentrieren konnte bzw. überhaupt auf das Lesen.

    Es wurde aber dennoch für mich interessanter, als ich an der Stelle war, in dem wir erfuhren, dass er unter anderem Gedichte schrieb oder geschrieben hatte, und jede Menge, und genau das berührte mich sehr, da er in der Art ähnlich war wie ich. Da wurde ich erst richtig mit ihm warm. Und sein Schicksal ging mir sehr nahe. Und leidete mit ihm.

    Folgendes Gedicht:

    Die Ballade von Adam Henry


    Ich nahm mein Kreuz und schleppte es am Fluss entlang.

    Jung war ich und töricht - mir war von einem Träume bang,

    Dass Buße Narrheit sei und Lasten nur die Toren tragen,

    Doch sonntags hatte man mir eigeschärft, niemals zu klagen.


    Splitter in meiner Schulter, das Kreuz war schwer wie Blei,

    Mein Leben karg und gottesfürchtig, eine Wüstenei.

    Der Fluss sprang und tanzte fröhlich mit den Sonnenstrahlen,

    Ich aber musste immer weitergehen, unter Qualen.


    Da stieg eine Nixe aus den Fluten mit Regenbogenschuppen,

    Wasser perlte und strömte herab in silbrigen Schnuppen.

    "Wirf dein Kreuz ins Wasser, auch du sollst einmal frei sein!"

    Und ich, im Schatten eines Judasbaums, warf meine Last hinein.


    Ich kniete am Ufer, wundersam leicht ward mir zumut,

    Da sie zu mir sich beugte und küsste mich mit Glut.

    Dann aber taucht sie in die Eisestiefe, mir auf immer entgangen,

    Und meine Tränen versiegten erst, als die Trompeten erklangen.


    Und Jesus stand auf dem Wasser, und dies sagt` er zu mir:

    "Die Nixe war Satans Stimme, und jetzt bezahlst du dafür.

    Ihr Kuss war der des Judas, Verrat und nicht mehr umzuwenden.

    So soll er ...


    Einfach wunderschön - nur das Ende ist hier eben offen.

    Nicht so das Ende des Buches bzw. das Schicksal oder Krankheit von dem 17-jährigen der dann so gerade noch 18 und volljährig wurde.

    Es war sehr überraschend - und traurig. Schade!

    Er hatte es leider nicht geschafft!


    So heißt es dann auch:

    Jedes Leben ist ein Geschenk des Herrn.

    Nur er kann es nehmen.


    Vergebe hierfür gut und gerne liebgemeinte 3 Sterne.




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    sommerleses avatar
    sommerlesevor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Ein hervorragend geschriebener Roman um ein juristisches Urteil über Leben oder Tod.
    Ein juristisches Urteil über Leben oder Tod.

    Fiona führt ein arbeitsreiches, aber zufriedenes Leben als oberste Familienrichterin, ihren Erfolg hat sie sich durch harte Arbeit und schwierige Präzedenzfälle erkämpft. Gerade als ihr Mann ihre Ehe in Frage stellt, wird sie auch beruflich vor eine schwierige Entscheidung gestellt. Der junge Adam Henry lehnt aus religiösen Gründen eine rettende Bluttransfusion ab. Seine Erziehung und der Einfluss seiner Eltern und religiöser Mitglieder der Zeugen Jehovas sorgen bei ihm für diese Entscheidung, die seinen Todesstoß bedeuten würde. Fiona hat nur einen Tag Zeit für ihr Urteil.


    Bei diesem Roman wird mal wieder das einzigartige Schreibvermögen Ian McEwans sichtbar. Er führt uns in eine Welt voller gerichtlicher Fälle, in denen im Sinne des Kindeswohls entschieden werden muss. Fiona Maye führt uns bei ihrer Arbeit als Richterin in verschiedenste Fälle ein, es geht um Entscheidungen von Recht und Moral, bei denen man selbst ins Nachdenken kommen kann. Oberste Priorität hat stets das Wohl des betreffenden Kindes.



    Im vorliegenden Fall des Adam Henry bekommt Fiona durch den persönlichen Kontakt, durch verbindende Hobbys wie Musizieren und Gedichte schreiben aufkommende Gefühle für den Jungen. Dennoch versucht sie ein unabhängiges Urteil zu fällen. Es ist gerade diese Diskrepanz zwischen rationaler beruflicher Entscheidungsfähigkeit und emotionaler Betroffenheit, die diesen Roman so spannend machen.

    Dabei ist es beeindruckend, wie der Autor schwierige juristische Sachverhalte einbaut und dabei die rechtliche Standpunkte aus ethischer, religiöser und juristischer Sicht einfach und klar vorstellt oder begründet.



    Es ist beeindruckend, wie feinfühlig Ian McEwan die Gedankengänge von Fiona schildert, man lernt auch die Zukunftswünsche der jungen Fiona kennen. Als fast 60 jährige Frau liebt sie das Musizieren von Klassik und fühlt sich in der Literatur zu Hause, sie ist eine interessante und hochintelligente Person.

    Ihre Arbeit wird in Form einiger beispielhafter Gerichtsfälle vorgestellt, diese haben mich sehr interessiert und ich bin von Fionas Urteilen eingenommen, denn sie erscheinen voller professioneller Genauigkeit und zudem mit einem angenehm menschlichen Wohlwollen. Der berufliche Druck ist groß, das Urteil zu Adam lässt keine langen Entscheidungen zu und dabei steht sie privat unter dem Druck, ihre Ehe vor dem Verfall zu bewahren.

    Doch Fiona ist trotz der innerlich ausgeübten Kämpfe eine glaubwürdige Figur. Sie ist die Mittlerin zwischen sozialem Gewissen und gesellschaftlicher Verantwortung und setzt sich für das Wohl von Kindern ein. Mit Adam hat sie einen besonderen Fall zu entscheiden, ihm kommt sie durch die gemeinsamen Interessen Musik und Gedichte gedanklich sehr nahe.


    Dieses Buch regt zum Fachsimpeln an, es gibt Denkanstösse nicht nur in Sachen Rechtsprechung, sondern auch in Beziehungsfragen und verpassten Chancen im Leben.



    Ein beeindruckender Roman über Schuld, Moral und Ethik, der den Leser über seine eigenen Wertevorstellungen nachdenken lässt.


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    Leseratte87s avatar
    Leseratte87vor 8 Monaten
    Eine Richterin vor großen Entscheidungen

    Fiona Maye ist eine erfolgreiche und angesehene Familienrichterin am High Court in London und nach außen verläuft ihr Leben in gut organisierten, ruhigen Bahnen. Doch im Inneren kämpft sie mit den Entscheidungen, die sie am Gericht getroffen hat, was sie aber niemandem eingesteht, auch ihrem Mann nicht. Ihre Ehe steckt in einer Krise und es trifft sie hart, als ihr Mann vorübergehend aus der gemeinsamen Wohnung auszieht. Gerade in dieser Zeit, als sie am verletzlichsten ist, muss sie in einem besonders schwierigen Fall urteilen. Der junge Adam Henry, der kurz vor dem 18. Geburtstag steht, lehnt aus religiösen Gründen eine Bluttransfusion ab, die ihm das Leben retten könnte. Fiona hat nur einen Tag Zeit, um zu einem Urteil zu gelangen, doch wie wird sie sich entscheiden?
    "Kindeswohl" war mein erstes Buch von Ian McEwan und ich muss sagen, dass ich nicht enttäuscht bin, im Gegenteil. Der Roman hat mir außerordentlich gut gefallen. Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet, man kann sich Fiona Maye sofort vorstellen, mit welchen Geistern sie zu kämpfen hat... Auf der einen Seite ihre Ratio, die jeden ihrer Arbeitstage bestimmt, auf der anderen Seite ihre Gefühle und Emotionen, die sie, wie es scheint, gut verschließt, damit niemand herankommt. Und dann dieser Kontrast zwischen ihr und Adam, der zugleich ihre Unzulänglichkeiten aufdeckt. Sehr gut gefallen hat mir auch, dass der Roman vollkommen schnörkellos daherkommt und einfach und in klaren Sätzen diese Geschichte erzählt ohne zu werten, weder über den Glauben, noch über das Leben der Protagonisten. Ich bin mir sicher, dass dies nicht mein letzter McEwan gewesen ist!

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    suryas avatar
    suryavor 2 Jahren
    Meine Erwartungen wurden erfüllt!

    Rezension: McEwan, Ian - "Kindeswohl"

    Inhalt

    McEwan schlüpft in seinem Werk "Kindeswohl" in den Kopf von Fiona Maye, einer renommierten Familienrichterin am High Court in London. Während sie sich privat mit einer unerwarteten Ehekrise auseinandersetzen muss, wird sie beruflich mit einer äußerst schwierigen Entscheidung konfrontiert. Es geht um eine Interessensabwägung im Sinne des Kindeswohls sowie um ethische und religiöse Ansichten:  Adam, ein kurz vor der Volljährigkeit stehender junger Bursche, benötigt dringend eine Bluttransfusion, welche jedoch von seinen Eltern und von ihm selbst aus religiösen Gründen abgelehnt wird. Wie und mit welcher Begründung wird sich Fiona Maye entscheiden?

    Meine Meinung

    Schon seit langem ist es mein Vorsatz, endlich ein Buch von McEwan zu lesen. Und mit diesem Werk bin ich meinem Vorsatz nachgekommen und ich habe es nicht bereut - im Gegenteil. Ich war überrascht mit welcher Feinfühligkeit und psychologischen Finesse sich Ian McEwan in die Familienrichterin hineinversetzt und ihre Gedankenwelt, ihre inneren Kämpfe und Irritationen wiedergibt. Für mich war die Hauptprotagonistin unglaublich glaubwürdig und auch sehr realistisch gezeichnet. Insbesondere im Schlussteil des Buches wird sie für mich nochmals ganz besonders greifbar, als sie um eine verpasste Chance weint, die sie der sozialen Sicherheit und gesellschaftlichem Status willen aufgegeben hat. Der Autor hat sich weiters auch sehr gut mit der Lehre und Haltung der Zeugen Jehovas auseinandergesetzt und auch juristisch sehr gut recherchiert.

    Fazit

    Ein kurzes knackiges Werk, in dem kein Wort zu wenig noch zu viel war. Ein Werk, das trotz seiner Kürze zum Nachdenken und Fachsimpeln anregt, das informiert und einem nicht die Meinung in den Mund legt. Für jeden, der juristisch interessiert ist, eine absolute Leseempfehlung.

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    solveigs avatar
    solveigvor 2 Jahren
    "Das ganze Leben und die ganze Liebe..."

    „Bevor ich tot umfalle, will ich noch eine große, leidenschaftliche Affäre haben“ bekennt der 60jährige Jack Maye an einem verregneten Sonntag und packt seinen Koffer. Während er zeitweilig zu seiner Geliebten zieht, versucht seine Frau Fiona, erfolgreiche Familienrichterin am High Court in London, mit der neuen privaten Situation klar zu kommen und flüchtet sich in ihre Arbeit. Kompetent und versiert verhandelt sie knifflige Fälle vor Gericht, in denen das Wohlergehen und die Zukunft von Kindern im Vordergrund stehen. So muss sie auch im Fall des 17 Jahre alten, an Leukämie erkrankten Adam urteilen, der  -  als Zeuge Jehovas  -  die lebensnotwendige Bluttransfusion ablehnt. Gewohnt vernünftig und sachlich trifft Fiona ihre Entscheidung und glaubt, der Fall sei damit abgeschlossen. Doch so leicht wird sie nicht aus der Verantwortung entlassen…

    In gewohnt ruhigem, wunderbar lesbarem Stil schildert McEwan, wie das Leben der beherrrschten Fiona, das bisher in sicheren Bahnen verlief, plötzlich Wellen schlägt. So sachlich wie es dem Charakter der Juristin entspricht, so nüchtern ist auch die Sprache, die der Autor für seinen Roman wählt. Knapp und wohlüberlegt sind seine Sätze, keine unnötigen Schnörkel lenken vom Geschehen ab. Selbst den Aufruhr, der in Fiona herrscht, und ihre Gefühle scheint sie stets unter Kontrolle zu haben. Dramatischen Szenen versucht sie aus dem Weg zu gehen. In „Kindeswohl“ thematisiert McEwan mehrere unterschiedliche Probleme; bleibt dabei jedoch immer sachlich und vermeidet jedes Pathos. Auch eine mögliche Wertung überlässt er allein dem Leser.

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    Alice-33vor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Darf die Verweigerung einer Bluttransfusion außer Kraft gesetzt werden? Eine Frage und viele glänzend formulierte Standpunkte. Bewegend.
    Fundamentalismus und Kindesswohl

    Darf, soll oder muss  eine Richterin die Verweigerung einer  lebensrettenden Bluttransfusion durch einen Minderjährigen und dessen Eltern außer Kraft  setzen?  Glänzend dargestellt die divergierenden Standpunkte aus ethischer, religiöser und juristischer Sicht. Die treffend erörterten Argumente und  die perfekte Erzählweise machen die Geschichte um die kinderlose alternde Richterin, deren Ehe gerade zu scheitern droht,  zu einem aufwühlenden Erlebnis.
    Auch wenn ich deren angedeutete erotische Verwirrung für nicht allzu wahrscheinlich  halten kann.
    Sehr klug dagegen die Begründung, mit der sie "zu seinem (Adams)  Schutz vor seiner Religion und vor sich selbst"  grünes Licht für die Durchführung der Transfusion gibt und dabei auf Adams Prägung durch eine Religionsgemeinschaft hinweist, in der es "keine Kultur der offenen Diskussion oder des Widerspruches" gegeben habe. Ein Urteil, das sich schließlich als richtig zu erweisen scheint, wenn der Junge rückblickend zugibt,  sich als stolzer Märtyrer gesehen, die Richtigkeit des Blutannahmeverbotes aber nie hinterfragt und die zu erwartenden Qualen und Verzichte nie wirklich bedacht zu haben. Um so böser die Enttäuschung, als Fiona  erkennen muss, dass ihre Entscheidung doch nicht die richtige gewesen war.

      

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    A
    Alice-33vor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Darf die Verweigerung einer Bluttransfusion außer Kraft gesetzt werden? Eine Frage und viele glänzend formulierte Standpunkte. Bewegend.
    Fundamentalismus und Kindeswohl


    Darf, soll oder muss  eine Richterin die Verweigerung einer  lebensrettenden Bluttransfusion durch einen Minderjährigen und dessen Eltern außer Kraft  setzen?  Glänzend dargestellt die divergierenden Standpunkte dazu  aus ethischer, religiöser und juristischer Sicht. Die treffend erörterten Argumente und  die perfekte Erzählweise machen die Geschichte um die kinderlose alternde Richterin, deren Ehe gerade zu scheitern droht,  zu einem aufwühlenden Erlebnis.
    Auch wenn deren angedeutete erotische Verwirrung mir nicht allzu wahrscheinlich erscheint. 
    Sehr klug dagegen die Begründung, mit der sie "zu seinem (Adams)  Schutz vor seiner Religion und vor sich selbst"  grünes Licht für die Durchführung der Transfusion gibt und dabei auf Adams Prägung durch eine Religionsgemeinschaft hinweist, in der es "keine Kultur der offenen Diskussion oder des Widerspruches" gegeben habe. Ein Urteil, das sich schließlich als richtig erweist, wenn der Junge rückblickend zugibt,  sich als stolzer Märtyrer gesehen, die Richtigkeit des Blutannahmeverbotes aber nie hinterfragt und die zu erwartenden Qualen und Verzichte nie wirklich bedacht zu haben.

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    W
    WinfriedStanzickvor 2 Jahren
    Ian McEwan hat wieder einen großen Roman geschrieben


    Das Warten auf jedes neue Buch des englischen Schriftstellers Ian McEwan lohnt sich. In großer Regelmäßigkeit legt er handwerklich perfekte Romane vor, deren Zauber und sachlicher Präzision man sich nicht entziehen kann. Er schreibt in einer verständlichen Sprache, er analysiert kühl sowohl gesellschaftliche Verhältnisse wie menschliche Beziehungen und Seelen. Wer das große sprachliche, gar poetische Kunstwerk sucht bei Romanen, wird bei den Büchern von Ian McEwan mehr oder weniger enttäuscht werden.

    So ist es auch bei seinem neuen Roman „Kindeswohl“, nun im Taschenbuch verfügbar, dessen eröffnende Sätze sehr typisch sind für McEwans ganzen Stil: „London. Sonntagabend, Eine Woche nach dem Ende der Gerichtsferien. Nasskaltes Juniwetter. Fiona Maye, Richterin am High Court, lag zu Hause auf der Chaiselongue und starrte über ihre bestrumpften Füße hinweg quer durch den Raum.“

    McEwan geht sofort mitten hinein in die Szene und das Leben seiner Hauptpersonen. Fiona, 59 Jahre alt, hat soeben einen schrecklichen Streit hinter sich gebracht mit ihrem Mann, einem 60-jährigen Professor für Alte Geschichte, der ihr ganz locker gesagt hat, er wolle eine Affäre mit einer wesentlich jüngeren Frau beginnen. Das sei sein Recht, er wolle noch einmal richtig Sex, an dem sie ja wohl kein Interesse mehr habe.

    Fiona wirft ihren Mann aus dem Haus und ergeht sich in Überlegungen über den körperlichen Verfall im Alter.  Doch für weiteres Selbstmitleid fehlt ihr die Zeit, es stehen wichtige Entscheidungen an bei Gericht.

    Da ist der 17- jährige Sohn von zwei Zeugen Jehovas. Damit sein Leben gerettet werden kann, braucht er dringend Bluttransfusionen. Das lehnen aber sowohl seine Eltern, als auch der Junge selbst heftig ab mit Verweis auf ihre Religion. Die Klinikverwaltung will per Gerichtsentscheidung erzwingen, dass Fiona dieses Recht auf körperlicher Selbstbestimmung aufhebt. Wie schon 2005 in „Saturday“ (damals ging es Gehirnchirurgie) von McEwan bis ins Kleinste recherchiert, wird der Leser staunender Zuschauer einer Verhandlung, einem juristischen Konflikt um Leben und Tod.

    Die Zeit drängt, doch bevor Fiona eine Entscheidung fällt, nimmt sie ihr Recht wahr, und besucht den kranken Adam in der Klinik. Als sie, aus ihrer professionellen Rolle fallend, den Jungen singend begleitet, als der ein von Benjamin Britten vertontes Gedicht von Yeats auf seiner Geige spielt, passiert in der Beziehung der beiden etwas Entscheidendes, das den weiteren Verlauf der Handlung des Buches wesentlich beeinflussen wird. Neben dieser sich langsam aufbauenden Dramatik beschreibt McEwan immer wieder andere Gerichtsfälle, wo es um das  „Kindeswohl“ geht. So interessant das auch ist, es lenkt ein wenig ab vom dem eigentlichen Thema: wie Fiona Maye die Begegnung mit dem jungen Adam erlebt und bewältigt.

    Doch bei aller Kritik im Detail: Ian McEwan hat wieder einen großen Roman geschrieben und zeigt sich als Könner und Meister seines Faches

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