Solar

von Ian McEwan 
3,6 Sterne bei129 Bewertungen
Solar
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Neue Kurzmeinungen

Positiv (76):
Settembrinis avatar

Unsympathischer Held, mit dem man trotzdem mitfiebert

Kritisch (15):
herrmuenchens avatar

nicht sein bestes Buch - war mir zu langatmig.

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Inhaltsangabe zu "Solar"

Michael Beard ist Physiker – und Frauenheld. Er hat den Nobelpreis erhalten, doch ist er alles andere als nobel: Im Beruf ruht er sich auf seinen Lorbeeren aus, privat hält es ihn auf Dauer bei keiner Frau. Bis die geniale Idee eines Rivalen für Zündstoff in seinem Leben sorgt. In ›Solar‹ geht es nicht nur um Sonnen-, sondern auch um kriminelle Energie.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783257241747
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:416 Seiten
Verlag:Diogenes
Erscheinungsdatum:26.06.2012
Das aktuelle Hörbuch ist am 28.09.2010 bei Diogenes erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    Daphne1962s avatar
    Daphne1962vor 2 Jahren
    Energie- und Beziehungsprobleme


    Michael Beard ist ein Physiker und Nobelpreisträger. Darauf kann er sich was einbilden. Bei den Frauen kann er damit schon mal recht gut punkten. Dabei ist er nicht mal attraktiv, eher so der dickliche Typ, ein  Genuss-Esser und kein Kind von Traurigkeit. Seine 5. Ehe geht gerade den Bach runter, denn auch die hat er an die Wand gefahren. Aus seinen  Eskapaden macht er ja auch kein großes Geheimnis.

    Doch nun hat seine Gattin den Spieß umgedreht und sich ebenfalls
    einen Geliebten genommen. Ausgerechnet einen muskelbepackten
    Handwerker. Das kratzt gewaltig an seinem Ego.

    Beards Karriere bekommt zunächst einen gewaltigen Knick. Denn er ruht  sich auf seinen Lorbeeren aus. I n relativ jungen Jahren ist er durch die Lösung  eines mathematisch- physikalischen Problems, indem er die Forschungen  Albert Einsteins fortgesetzt hat, zu großem Ruhm gekommen, er hat ihm auch  einem Nobelpreis beschert. Von nun hat ruht er sich auf seinen Lorbeeren aus.

    In seine Fußstapfen will sein derzeitiger junger Assistent Aldous treten, der ihn mit  den wahnwitzigsten Ideen überhäuft. Dieser Aldous wird für ihn zum  Schicksal seiner Zukunft. Mehr möchte ich hier nicht verraten. Denn von nun  an entwickelt sich die Geschichte zu einem Krimi. 

    5 Jahre später hat er nichts weiter erreicht, als sich eine neue junge und  hübsche Geliebte zu angeln. Sie lässt ihn nicht aus seinen Klauen, obwohl  er ihr immer wieder zeigt, das ihm auf Dauer keine Ehe mehr in Frage kommt.  Allerdings holt ihn seine Vergangenheit ein, die er nur allzu sorglos hat  schleifen lassen. 

    Die erste Hälfte des Buches liest sich noch recht amüsant. Allerdings
    schweift der Autor dann zu sehr ins wissenschaftliche ab. Was für einen  Laien doch recht anstrengend wird. Dadurch fängt die Geschichte dann an  leicht zu schwächeln und es dauert doch ein wenig, eh sie zum Ende wieder  Fahrt aufnimmt. Die Person Beard ist dem Leser wahrlich nicht sehr sympathisch,  was zu der Story aber auch recht gut passt. Ich denke aber, der Autor kann es noch  besser. Davon werde ich mich in Kürze mit dem nächsten Roman überzeugen. 

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    Gretchenfrages avatar
    Gretchenfragevor 2 Jahren
    Der langsame Niedergang des Physikers Michael Beard

    Der Name „Ian McEwan“ gleicht für mich einem Versprechen: Wenn er auf dem Cover eines Buches prangt, weiß ich sofort, dass mich eine interessante und gut geschriebene Lektüre erwarten wird. McEwans Bücher sind vielleicht nicht so spannend wie Thriller oder Krimis. Aber sie ziehen mich dennoch durch ihre vielschichtigen Protagonisten und die differenzierte Darstellung der zwischenmenschlichen Beziehungen jedes Mal schnell in ihren Bann. Außerdem schreibt McEwan einfach wunderschöne, klare Prosa. Es war daher für mich nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder einmal zu seinem Werk zurückkehren würde. Vier Romane des Briten habe ich in der Vergangenheit bereits mit Begeisterung gelesen. Solar sollte nun anlässlich meines Vorsatzes, nur noch gute Bücher zu lesen, endlich Nummer 5 werden.

    Im Mittelpunkt von Solar steht der alternde Physiker Michael Beard. Klein und dick, wie er ist, kann Beard nicht gerade als attraktiv beschrieben werden. Seiner Beliebtheit bei den Frauen tut dies jedoch keinen Abbruch: Er reiht Affäre an Affäre und Ehe an Ehe. Zu Beginn der Romanhandlung steht Scheidung Nummer 5 unmittelbar bevor. Denn auch die Ehe mit der wesentlich jüngeren Lehrerin Patrice liegt auf Grund seiner ständigen Affären in Trümmern. Man wohnt zwar noch zusammen im gemeinsamen Haus, ignoriert sich aber weitestgehend, was für Beard ein ziemliches Problem darstellt. Denn nun da das Ende ihrer Beziehung unausweichlich scheint und seine Frau einen Geliebten hat, fühlt er sich plötzlich wieder zu seiner Patrice hingezogen und will sie gerne zurückgewinnen.

    Ähnlich unbeständig wie sein Liebesleben verläuft auch Beards Karriere. Nachdem er als junger Forscher für seine Weiterentwicklung von Einsteins Theorem für Photovoltaik mit dem Nobelpreis geehrt wurde, zehrt Beard rund 20 Jahre später immer noch von der Strahlkraft dieser Auszeichnung und verdient sein Geld im Wesentlichen mit Vorträgen oder als Schirmherr. Sein Forscherdrang ist mit Anfang Fünfzig ebenso erloschen wie sein Interesse an Neuerungen innerhalb seines Faches. Dennoch ergattert Beard auf Grund seiner früheren Erfolge den Posten als Leiter eines staatlich geförderten Instituts für erneuerbare Energien. Für ihn ist der Posten jedoch bloß eine weitere Einnahmequelle; der Erfolg des Instituts interessiert ihn ebenso wenig wie der Kampf gegen den Klimawandel, dem sich das Institut verschrieben hat. Den Idealismus, den manche seiner jungen wissenschaftlichen Mitarbeiter bei der Arbeit an den Tag legen, kann er daher nur belächeln – bis einer von ihnen einen brillanten Einfall hat und Beard nach einem bizarren Unfall die Chance wittert, noch einmal in seinem Leben einen ganz großen Wurf zu landen.

    Die Handlung von Solar erstreckt sich über insgesamt neun Jahre. Obwohl man Beards Entwicklung also über einen langen Zeitraum begleitet, ist es für mich schwer, Zugang zu diesem eigenwilligen Charakter zu finden. Gier und Eitelkeit scheinen seine einzigen Triebfedern zu sein, sodass ich trotz Beards allzu menschlichen Schwächen kaum Sympathie für ihn empfinden kann. Ebenso wenig taugt Michael Beard jedoch als Antiheld, was zum einen daran liegt, dass McEwan sich größte Mühe gibt, ihn zu demontieren. Spätestens als Beard während einer Polarexpedition beim Pinkeln beinahe der Penis abfriert, hatte er für mich jede Glaubwürdigkeit verloren. Das zweite Problem mit ihm als Antihelden besteht darin, dass der Reiz, der einen Antihelden typischerweise ausmacht, Beard meines Erachtens komplett fehlt. Weder erkennt man sich in ihm wieder noch stimmt man ihm zuweilen heimlich zu. Michael Beard ist, um es in einem Wort zu sagen, einfach nur uninteressant.

    Da Solar von Beards Niedergang erzählt und seine Entwicklung das Herz der Handlung war, hat mich der Roman leider streckenweise sehr gelangweilt. Mir war es leider völlig gleichgültig, was aus dem Physiker werden würde. Denn auch wenn ich mit der Figur nichts anfangen konnte, war meine Abneigung doch nicht groß genug, um wenigstens sein Scheitern herbeizusehnen. Das einzige, das ich tatsächlich herbeisehnte, war das Ende des Buches. Selten habe ich mich so sehr gelangweilt wie während der Lektüre von Solar. Der Gedanke, das Buch einfach abzubrechen, war daher allgegenwärtig. Das einzige, was mich davon abhielt, waren McEwans handwerklichen Fähigkeiten als Autor, die mich dieses Mal jedoch auch nicht zu 100 Prozent überzeugen konnten. McEwan versucht in Solar nämlich mehrfach lustig zu sein. Das Problem daran ist: Er kann’s nicht. Ich habe mich dabei erwischt, wie ich mich für seinen Humor geschämt habe. Der Penis mit Gefrierbrand ist nämlich leider nur der Gipfel des Eisbergs.

    Alles in allem war Solar also eine ziemliche Enttäuschung. Im Vergleich zu vielen anderen Büchern ist es wahrscheinlich immer noch ein ganz passabler Roman. Aber von dem Autor, der Abbitte (engl. Atonement) und Liebeswahn (engl. Enduring Love) geschrieben hat, erwarte ich einfach mehr als das.

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    Barbara62s avatar
    Barbara62vor 4 Jahren
    Kurzmeinung: Für den Physiker Michael Beard war der frühe Nobelpreis eher Fluch als Ansporn. Skrupellos schlägt er sich durch's Leben bis...
    Wissenschaftssatire um einen gnadenlos unsympathischen Helden

    Eine frühe Auszeichnung kann Ansporn oder Fluch sein. Der Physiker Michael Beard, der schon mit Ende 20 den Nobelpreis erhalten hat, ruht sich seither auf seinen Lorbeeren aus, hält hochdotierte Vorträge, leitet, obwohl ihn die Erderwärmung keineswegs interessiert, ein Institut für die Erforschung erneuerbarer Energien und verschleudert Steuergelder für ein sinnloses Windenergie-Projekt. Nebenbei wird er immer glatzköpfiger und eitler, isst und trinkt maßlos und seine fünfte Ehe steht wegen seiner zahlreichen Affären vor dem Aus.


    Als er Tom Aldous, seinen ambitioniertesten Institutsmitarbeiter, in verdächtiger Manier in seinem Haus überrascht, kommt es während eines heftigen Wortwechsels zu dessen tödlichem Sturz. Nicht nur gelingt es Beard, den Tod skrupellos einem anderen in die Schuhe zu schieben, er stiehlt Aldous auch dessen Idee zur künstlichen Fotosynthese und startet damit in eine vielversprechende Zukunft in der aufstrebenden Solarbranche.


    Doch ewig währt sein Glück nicht und es braut sich ein Finale mit apokalyptischen Dimensionen zusammen…


    Eine pointierte Satire über charakterliche Schwächen, den Wissenschaftsbetrieb und die Politik.


    http://xn--mit-bchern-um-die-welt-wlc.de/ian-mcewan-solar/


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    awogflis avatar
    awogflivor 4 Jahren
    Keine Geschichte für mich

    Tja was soll ich über Solar sagen? Dass Mc Evan meiner Meinung nach immer ein bisschen zu langwierig und episch breit herumschreibt, bevor seine Geschichten zum Punkt kommen und spannend werden, habe ich ja schon als Kardinalschwächte des Autors ausgemacht. Normalerweise kommt aber bei Mc Evan im Plot noch eine dramatische unkonventionelle Wende, die in einem herrlichen Finale gipfelt, und mich diesen kleinen Makel meist komplett vergessen läßt. Diesmal dachte ich auch am Ende des 1. Teiles, als durch einen einzigen lapidaren tollpatschigen Schritt alles auf den Kopf gestellt wurde, dass die Story nun in Fahrt kommt - aber es war nix.

    Und wo war der vielgepriesene Humor der in allen Rezensionen so jubelnd gelobt wurde. Eigentlich waren für mich nur 2 Szenen innovativ witzig eine in der Arktis und die andere habe ich oben bereits angedeutet, will aber nicht spoilern.

    Warum finde ich sonst keinen Humor in diesem Buch? Das ist leicht erklärt. Wer wie ich seit 25 Jahren im Wissenschaftsbetrieb arbeitet, stolpert über genau solche Typen tagtäglich (oft männlich, mit einem Ego eines Tyrannosaurus Rex und einer Libido, die in krassem Gegenverhältnis zum Aussehen und den körperlichen Möglichkeiten steht, chauvinistisch bis sexitisch, Geld raffend, amigomäßig Förderungen abstaubend und zuschiebend, mittlerweile komplett einfallslos und im Prinzip mäßig intelligent, Ideen und Forschungsergebnisse von anderen meist jüngeren nicht etablierten Wissenschaftlern stehlend...
    das ist keine Satire sondern Realität. Zwar trifft man auf den Fluren der Unis diese Charaktereigenschaften nicht in einer einzigen Person, aber zumindest jeden einzelnen Teilaspekt der Persönlichkeit von Prof. Beard kann man täglich dort in seiner natürlichen Umwelt beobachten. Sorry da bin ich zu nahe dran, als dass ich das irgendwie witzig finden könnte.

    Ach ja und die tatsächlich witzige Chips-Geschichte ist dann auch noch vom Douglas Adams geklaut - Das geht gar nicht!

    Fazit: Ich bin enttäuscht!

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    jamal_tuschickvor 4 Jahren
    Ungeheuer an Unaufrichtigkeit

    Blind ins Regal gegriffen und „Solar“ von Ian McEwan erwischt

    Samuel Beckett bemerkt (in „Malone stirbt“): „Ich mache eine Pause, um zu notieren, dass ich in außerordentlicher Form bin. Es ist vielleicht das Delirium.“ Diese Feststellung könnte auch Michael Beard treffen, wäre er zu Einsicht begabt. Der Nobelpreisträger für Physik hat sein Genie verloren, Jahrzehnte nach einer wissenschaftlichen Großtat ist er nicht einmal mehr besonders geistreich. Gelegentlich scheint Beard kaum bei Sinnen. Ein Beispiel für Verluste, eine Szene im Zug: Beard isst die Chips eines anderen, glaubt aber, den eigenen Vorrat zu verbrauchen. Ihn erbost ein penetranter Mitesser. Beard, über fünfzig, kompakt wie ein Hamster, eskaliert sitzend, er phantasiert Mord und Totschlag. Endlich entdeckt er die eigene Tüte zwischen Zeitungen, die als Alibi für den Genusskauf herhalten mussten. Beard will seinem Leben eine neue Wendung mit einer Diät nicht zuletzt geben. Doch das Fleisch ist schwach. Er hat einen Grad römischer Dekadenz erreicht, da wird die Torte zur Tortur. Beards Skrupellosigkeit ist bahnbrechend. Einen Nebenbuhler stellt er erfolgreich als Mörder hin, Forschungsergebnisse eines toten Kollegen beansprucht er für seine Karriere. Der Welt erscheint Beard weiterhin einigermaßen ehrenwert, jederzeit lässt er sich vor den Karren des Wissenschaftsbetriebs spannen, um Cash zu machen und Eindruck zu schinden. Als Leiter eines Instituts für erneuerbare Energie zeigt er, was in einer Fehlbesetzung steckt. Er verschwendet Ressourcen an die Laienpost. Laien sind Wähler und die Finanzierung des Instituts ist eine politische Angelegenheit.

    Den Nachhall seines Ruhms verstärkt Beard mit neuem Blech. Besonders klangvoll ist die Klimaerwärmung in der Gegenwart des Romans. Als Wissenschaftstourist nimmt Beard an einer Reise zu kalbenden Eisbergen teil. Der endzeitsüchtige Katastrophenkarneval seiner Zeitgenossen treibt ihn in die Groteskenmalerei.

    Ian McEwans gibt den wie wahnsinnig den Polarkreis verpestenden Klimagipfelstürmern und Eisbergliebhabern und Eisbärpaten Saures. Er haut ihr ahnungsloses Pathos in die Tonne. Das sind Beards lichten Momente, wenn die moralisch und intellektuelle kompromittierte Ratte andere Scharlatane erkennt und durch Gossen der Niedertracht schleift.

    Am Anfang des Romans scheitert Beards fünfte Ehe am Klempner. Im Fortgang wird Gattin Patrice (an guten Tagen bebt sie schöner als M. Monroe) reibungslos ersetzt, der schwankende Boden, auf dem Beard existiert, bietet Bestand keine Haftung. Ich denke bei Beard an Heinrich VIII., so maß- und ruchlos erscheint mir McEwans Begünstigter des Bösen. Erkenntnisse zur künstlichen Photosynthese, die ganz bestimmte nicht Beard hatte, nutzt er als Geschäftsidee. Er reichert die Mythen der Klimaforschung zu seinem Vorteil an; ein Profiteur der Apokalypse als Wille und Vorstellung.

    Beard hat „keine Geduld für das Kleingedruckte in den menschlichen Beziehungen“, ist aber selbst bedürftig. Er plündert den emotionalen Haushalt von Melissa, die in beinah schon betagtem Zustand unbedingt ein Kind von dem Launenpapst bekommen will. Sie setzt sich durch, der Greis wird Vater. Vertraglich geregelt ist seine Unzuständigkeit. Dann wird der Mann entlassen, den er ins Gefängnis gebracht. Die Welt kühlt ab, Erderwärmung als Erreger der Massen zieht nicht mehr. Künstliche Photosynthese und so auch der Schulrucksack als Solarmobil sind der Schnee von gestern.

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    J
    jamal_tuschickvor 4 Jahren
    Ungeheuer an Unaufrichtigkeit

    Blind ins Regal gegriffen und „Solar“ von Ian McEwan erwischt

    Samuel Beckett bemerkt (in „Malone stirbt“): „Ich mache eine Pause, um zu notieren, dass ich in außerordentlicher Form bin. Es ist vielleicht das Delirium.“ Diese Feststellung könnte auch Michael Beard treffen, wäre er zu Einsicht begabt. Der Nobelpreisträger für Physik hat sein Genie verloren, Jahrzehnte nach einer wissenschaftlichen Großtat ist er nicht einmal mehr besonders geistreich. Gelegentlich scheint Beard kaum bei Sinnen. Ein Beispiel für Verluste, eine Szene im Zug: Beard isst die Chips eines anderen, glaubt aber, den eigenen Vorrat zu verbrauchen. Ihn erbost ein penetranter Mitesser. Beard, über fünfzig, kompakt wie ein Hamster, eskaliert sitzend, er phantasiert Mord und Totschlag. Endlich entdeckt er die eigene Tüte zwischen Zeitungen, die als Alibi für den Genusskauf herhalten mussten. Beard will seinem Leben eine neue Wendung mit einer Diät nicht zuletzt geben. Doch das Fleisch ist schwach. Er hat einen Grad römischer Dekadenz erreicht, da wird die Torte zur Tortur. Beards Skrupellosigkeit ist bahnbrechend. Einen Nebenbuhler stellt er erfolgreich als Mörder hin, Forschungsergebnisse eines toten Kollegen beansprucht er für seine Karriere. Der Welt erscheint Beard weiterhin einigermaßen ehrenwert, jederzeit lässt er sich vor den Karren des Wissenschaftsbetriebs spannen, um Cash zu machen und Eindruck zu schinden. Als Leiter eines Instituts für erneuerbare Energie zeigt er, was in einer Fehlbesetzung steckt. Er verschwendet Ressourcen an die Laienpost. Laien sind Wähler und die Finanzierung des Instituts ist eine politische Angelegenheit.

    Den Nachhall seines Ruhms verstärkt Beard mit neuem Blech. Besonders klangvoll ist die Klimaerwärmung in der Gegenwart des Romans. Als Wissenschaftstourist nimmt Beard an einer Reise zu kalbenden Eisbergen teil. Der endzeitsüchtige Katastrophenkarneval seiner Zeitgenossen treibt ihn in die Groteskenmalerei.

    Ian McEwans gibt den wie wahnsinnig den Polarkreis verpestenden Klimagipfelstürmern und Eisbergliebhabern und Eisbärpaten Saures. Er haut ihr ahnungsloses Pathos in die Tonne. Das sind Beards lichten Momente, wenn die moralisch und intellektuelle kompromittierte Ratte andere Scharlatane erkennt und durch Gossen der Niedertracht schleift.

    Am Anfang des Romans scheitert Beards fünfte Ehe am Klempner. Im Fortgang wird Gattin Patrice (an guten Tagen bebt sie schöner als M. Monroe) reibungslos ersetzt, der schwankende Boden, auf dem Beard existiert, bietet Bestand keine Haftung. Ich denke bei Beard an Heinrich VIII., so maß- und ruchlos erscheint mir McEwans Begünstigter des Bösen. Erkenntnisse zur künstlichen Photosynthese, die ganz bestimmte nicht Beard hatte, nutzt er als Geschäftsidee. Er reichert die Mythen der Klimaforschung zu seinem Vorteil an; ein Profiteur der Apokalypse als Wille und Vorstellung.

    Beard hat „keine Geduld für das Kleingedruckte in den menschlichen Beziehungen“, ist aber selbst bedürftig. Er plündert den emotionalen Haushalt von Melissa, die in beinah schon betagtem Zustand unbedingt ein Kind von dem Launenpapst bekommen will. Sie setzt sich durch, der Greis wird Vater. Vertraglich geregelt ist seine Unzuständigkeit. Dann wird der Mann entlassen, den er ins Gefängnis gebracht. Die Welt kühlt ab, Erderwärmung als Erreger der Massen zieht nicht mehr. Künstliche Photosynthese und so auch der Schulrucksack als Solarmobil sind der Schnee von gestern.

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    rkuehnes avatar
    rkuehnevor 5 Jahren
    Stück für Stück geht viel verloren

    Die Bewertung für „Solar“ könnte durchaus deutlich positiver ausfallen, hätte ich mich nicht so oft unterbrechen lassen beim Lesen. Ganze sechs Wochen hab ich für dieses eigentlich nicht wirklich lange Buch(ca. 400 Seiten) gebraucht, und wer schonmal derart zerstückelt ein Buch gelesen hat, weiß, dass davon dann nicht mehr viel übrigbleibt. Und so fand ich auch von Stück zu Stück schwerer in das Buch hinein, wenn ich aber mal ein größeres Stück am Stück gelesen hab, war Solar eigentlich ziemlich gut. Nun steht die Frage, war Solar nicht gut genug, um mich mehr am Stück lesen zu lassen oder hab ich es nicht so gut werden lassen. Die Frage könnte eigentlich nur ein erneuter Leseversuch beantworten, doch dafür gibt es zu viele Bücher. Also bekommt McEwan eine solide 3 und ich nehm mir vor, mich künftig weniger ablenken zu lassen.

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    ralluss avatar
    rallusvor 6 Jahren
    Rezension zu "Solar" von Ian McEwan

    Gewaltige Raumkreuzer werden in gigantischen Werften erstellt, um in die Unendlichkeit des Raumes zu eilen, auf der Suche nach neuen vielfältigen, für Menschen lebensfreundlichen Planten.
    Doch wer erstellt diese Geschwader, welche mit Orden behängten Nobelpreisträger, auf jeden Tag neue die Grenzen der Quantenphysik auslotende Physiker, sind die Grundlage unserer stolzen Armada?
    Welche glorreichen Hand in Hand arbeitenden Institutionen sind die Stütze dieser Heroen?
    Wir kehren ins Jahr 2000 zurück.
    Michael Beard ist ein narzistischer, egozentrischer Physiker, Nobelpreisträger und Frauenheld.
    Zur Zeit hat er ein Problem.
    Nicht nur dass er seit Jahren keine neuen Ideen mehr hat, dass ihn die englische Gesellschaft schlecht bezahlt und er einen langweiligen Job als Aushängeschild in einem Wissenschaftscenter hat, dessen Mitarbeiter er mit Namen kaum kennt.
    Sein Hauptproblem ist seine fünfte Frau Patricia.
    Gerade als er sich daran gewöhnt hat, sie auch nach den üblichen 6 Jahren Ehe zu verlassen, als Abgang gewürzt mit einer Affäre, wagt sie sich doch selber eine zu haben mit einem stämmigen, kraftvollen und dummen Bauarbeiter.
    Noch schlimmer ist allerdings, dass er sie plötzlich begehrt, schmerzlich.
    Sein Blut kommt massiv in Bereiche, was ihm ein zielstrebiges Denken aus dieser Lage herauszukommen, unmöglich macht!
    Und überhaupt Frauen: "Wie überaus lästig, dass Frauen nach dem Sex noch genauso intim bleiben wollen wie vor dem Sex, statt kurzerhand ihre Gefühle auf Null zu stellen"
    So sieht also die Basis für unsere - im Geiste schon zerstobene - glänzende Raumflotte aus.
    Ein abgeschlaffter, schwanzfixierter, Anfangfünziger, der seit 15 Jahren nicht mehr an seine Zehen kommt.
    Ein Ausflug an den Nordpol verändert sein Leben anders, als er es sich vorgestellt hat.
    Michael Beard schlittert im Verlauf des ersten Teiles von einer Katastrophe in die nächste, allein seine Notdurft im ewigen Eis zu verrichten, ist so traurig wie lächerlich.
    Doch er ist auch nur ein Beispiel wie lächerlich sich doch die Menschheit im Schatten einer Katastrophe verhält.
    Schlussendlich ist es nur der Zufall der ihn einen Schritt weiterbringt.
    Wie soll die Menschheit die großen Probleme lösen können, wenn eine kleine Gruppe es nicht schafft innerhalb einer Woche Ordnung in eine Kleiderkammer zu bekommen.
    Wie McEwans uns dies näherbringt, der satirisch überzeichnete Mikrokosmos, der im Chaos versinkt, im Vergleich zum Klimawandel der mit der Kunst verglichen wird, ist beeindruckend.
    Die Sätze sind durchzogen von einer scharf beobachtenden Ironie und einer sarkastischen Gesellschaftskritik; McEwans übertreibt aber nie, seine Sätze sind fein, subtil fabuliert.
    Wie berechne ich mit der Unschärferelation die Moral, Ethik einer Gesellschaft, kann uns die Physik überhaupt retten?
    Köstliche aber auch bitterböse Ironie. Am Ende ist es immer der Mensch der für die Ausführung verantwortlich ist.
    Doch ausser guten Vorsätzen wird im Kleinen wie im Großen nichts erreicht, Beard wiegt bald 35, ja 65 Pfund zu viel, die Klimakatastrophe ist auch wieder ein Stück voran geschritten.
    Bezeichnend für die direkte Verbindung des übergewichtigen, an allen Ecken und Enden knarrenden Michael Beard, ist die Beschreibung seiner Wehwehchen, bevor er seine Rede vor Investoren mit dem Satz beginnt: "Der Planet ist krank"
    Nach dem Vortrag geht er nach hinten und kotzt - zu kotzen ist uns auch zu Mute.
    Nicht nur dieser Planet - auch Beard - wird vernachlässigt, ausgeraubt, es zwickt und knackt, an allen Stellen brennt es.
    Zwar wird es bemerkt, aber vollkommen ignoriert.
    "Das geht nicht einfach weg, bloß weil sie es nicht wahrhaben wollen, oder nicht daran denken." Nein weder sein Melanom noch die Kliamkatastrophe.
    Wie soll ich auch in dieser auf Eigennutz eingestellten Gesellschaft, die Welt retten.
    Es geht um Ruhm und Geld aber nur für einen selber und diese Rechte werden von Investoren und Anwälten mit Zähnen und Klauen verteidigt.
    Ein Buch der verpassten Chancen, so wie der Mensch (Beard) antriebslos, mutlos und unentschlossen durchs Leben geht kann er den Planeten nicht retten.
    So wie Beard in seiner von Schimmel überzogenen Wohnung haust und es immer was anderes gibt, als dort mal aufzuräumen, so haust der Mensch über die Erde.
    Chancen sind da (Kind) aber werden nicht ergriffen, genau wie im Großen (Wahl Bush zum Präsidenten und 8 Jahre Nichtsttun)
    Selten habe ich eine Hauptperson in einem Roman so verfallen gesehen, vom Autor dekonstruiert, moralisch, ethisch auf die unterste Stufe gestellt wie in Solar.
    Das sollte uns für unseren Planeten zu denken geben, mit dem wir genauso umgehen!
    McEwans versteckt dies subtil, er gibt dem Leser Raum zu assoziieren, sich seine Gedanken zu machen.
    Mehr Science als Fiction, da es bittere Realität ist, aber wenn so unsere Science aussieht, werden wir wohl noch lange auf unsere Raumflotte warten müssen.

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    Bellamis avatar
    Bellamivor 6 Jahren
    Rezension zu "Solar" von Ian McEwan

    Berühmte Männer sind sexy! Das trifft auch für Michael Beard zu, dem Nobelpreisträger für Physik von anno dazumal, der klein und als fett zu bezeichnen ist, von seiner beginnenden Glatze ganz zu schweigen.
    Er ist trinkfest und Kettenraucher. Sportlich fit? Fehlanzeige! Aber dieses dicke Etwas von einem Mann, scheint keinen Mangel an Geliebten zu haben und ist bereits das 5. Mal verheiratet.

    Als die Ehefrau Nr. 5 die Nase voll hat von den ständigen Affären ihres Mannes und sich die gleichen Rechte wie Ihr Mann raus nimmt, stürzt der berühmte Nobelpreisträger, der seit langem schon das Interesse an der Wissenschaft verloren hat und nur noch von seinem Ruhm lebt, nicht in eine wirkliche Krise, aber an seinem Ego kratzt es schon sehr. So beginnt der Roman aus dem Leben des Michael Beard im Jahr 2000. Seine privaten Probleme und beruflichen Eskapaden scheint er am Ende im Griff zu haben und er hat gute Vorsätze, die es gilt umzusetzen.

    Fünf Jahre später hat er nur den Vorsatz umgesetzt, nicht mehr zu heiraten. Eine schöne, junge, erfolgreiche Geschäftsfrau ist eine seiner neuen Geliebten und ein bereits 2000 "geerbtes" Projekt weckt sein Interesse und er bekommt Lust, nochmal als Wissenschaftler durchzustarten.

    2009 ist es dann soweit, der große Moment ist gekommen. Die Welt soll gerettet werden, die Energiewende mittels Nutzung der Solarenergie kann beginnen und immer noch lieben ihn die Frauen mehr, als ihm lieb ist.

    Die Figur Michael Beard wirkt dermaßen unsympathisch und doch ist Michael Beard zu bewundern. Ein bewundernswerter scheuklappentragender Lebenskünstler.
    Er lebt sein Leben und ist (meistens) nur ehrlich zu sich selbst, denkt nicht an die Konsequenzen.

    Am Anfang etwas viel Physik ( nicht gerade mein Fachgebiet und für mich wohl eher eine nebensächliche Notwendigkeit) lässt die Geschichte nicht lange auf sich warten und nimmt Fahrt auf. Es ist leicht zu lesen, hat eine wunderschöne Sprache. Die Geschichte bietet auch fast alles: Die psychologische Studie eines "Ihr könnt mich alle mal- Professors", Situationskomik, Humor, ein bisschen Krimi, Liebe, Lug und Betrug, aber auch einen Einblick in die Welt erneuerbarer Energien (für Laien ausreichend und trotz der Ernsthaftigkeit des Themas nicht zu ernst erzählt ) und die Machenschaften der Politik und Konzerne.

    Mein zweiter Ian Mc Ewan und bereits ein heißer Kandidat um in die Loge meiner Lieblingsautoren aufgenommen zu werden.

    Kommentare: 2
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    B
    bfhighlandervor 6 Jahren
    Rezension zu "Solar" von Ian McEwan

    Selten hat mir ein Buch so gefallen, bei dem mir der Protagonist so dermaßen unsympatisch ist. McEwan hat einfach unglaublich viel hineingepackt. Man braucht allerdngs schon einen Sinn für einen etwas speziellen Humor. Dennoch werde ich mehr von dem Autor lesen!

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