Ibtisam Azem

 4,3 Sterne bei 4 Bewertungen

Lebenslauf

Ibtisam Azem, geboren 1974 in Tayyibe (Israel), ist eine palästinensische Autorin und Journalistin. Sie studierte in Freiburg i.Br. Islamwissenschaften, Germanistik und Anglistik sowie in New York Sozialarbeit. In Berlin arbeitete sie für die Deutsche Welle. Seit 2012 lebt Ibtisam Azem in New York, wo sie als UNO-Korrespondentin für das Nachrichtenportal al-Araby al-Jadeed tätig ist. Sie ist Mitherausgeberin des Onlinemagazins Jadaliyya und hat zwei Romane veröffentlicht.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Ibtisam Azem

Neue Rezensionen zu Ibtisam Azem

Cover des Buches Das Buch vom Verschwinden (ISBN: 9783039250271)
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Rezension zu "Das Buch vom Verschwinden" von Ibtisam Azem

Aischa
Mein Nachbar, der Fremde

2023 würde die Verleihung des LiBeraturpreises an die palästinensische Autorin Adania Shibli verschoben, zu umstritten war ihr Roman, der von der Vergewaltigung und Ermordung eines Beduinenmädchens durch israelische Soldaten erzählt, nach dem Terrorangriff der Hamas in Israel plötzlich.

Dies zeigt, wie schwer es palästinensische Literatur derzeit hat, Gehör zu finden. Im Fall von Ibtisam Azem völlig zu Unrecht, ihr ist mit "Das Buch vom Verschwinden" ein großartiger, wichtiger Roman gelungen, der auf besondere, menschliche und intensive Weise vom jahrzehntelangen Konflikt zwischen jüdischen und palästinensischen Israelis erzählt.

Ausgang ist die kafkaeske Situation, dass über Nacht alle Palästinenserinnen und Palästinenser spurlos aus Israel verschwunden sind. Azem skizziert geschickt, welche Folgen dies für Gesellschaft und Politik hat, und wie unterschiedlich die Menschen darauf reagieren - von ungläubiger Verunsicherung bis hin zu Lobpreisrungen Gottes, dafür dass er "dieses Problem" ein für allemal für sein Volk gelöst habe.

Die Kapitel wechseln zwischen der Sicht Ariels, einem jungen jüdischen Journalisten, und der seines Nachbarn Alaa, einem Kameramann palästinensischer Herkunft. Ariel liest nach dessen Verschwinden in Alaas Notizbuch und merkt, dass er zwar viel Zeit mit Alaa verbracht, ihn aber nie wirklich gekannt, ja sich kaum für ihn interessiert hat.

Der Roman ist berührend und schockierend. Er zeigt, dass wirklicher Frieden nur möglich ist, wenn wir uns füreinander interessieren, wenn wir unser Gegenüber als Mensch erkennen, so wie wir selbst auch erkannt werden wollen. Wenn wir verzeihen, auch Schreckliches vergeben, denn jede und jeder kann selbst schuldig werden.

Azem hat mich mehr als jeder Geschichtsunterricht über den Nahost-Konflikt gelehrt. Immer wieder geht es in ihrem Roman um die Nakba, die Flucht und Vertreibung Hunderttausender Palästinenser aus dem früheren britischen Mandatsgebiet, und wie unterschiedlich dies von Juden und Palästinensern gedeutet wird.

Auch sprachlich ist der Roman sehr gelungen, von den sachlich-investigativen Recherchen Ariels, der jedoch zunehmend zweifelt, bis hin zur stark blumig-orientalischen Ausdrucksweise Alaas. Bitte lesen, es lohnt sich!

Cover des Buches Das Buch vom Verschwinden (ISBN: 9783039250271)
A

Rezension zu "Das Buch vom Verschwinden" von Ibtisam Azem

Almut_Scheller_Mahmoud
Es war einmal und es war nicht.

                      

Das ist der Beginn vieler Märchen aus dem Orient bis hin zur Seidenstraße. Und so stellt auch dieser fiktive Roman die Frage: geschah es oder geschah es nicht?                      

Hauptdarsteller sind neben den beiden männlichen Figuren Ariel, dem Israeli, und Alaa, dem israelischen Palästinenser, und dessen Großmutter Tata mit ihren Erinnerungen vor allem die beiden politischen Katastrophen, die diese Landschaft und ihre Menschen heimsuchten.
Die Shoah und die Nakba.                       

Meisterhaft verwebt die Autorin die Geschichte und die Geschichten beider Völker mit dem gleichen Stammvater, Abraham, die also eigentlich Brüder oder zumindest Cousins sind, deren Sprache ähnliche linguistische Wurzeln hat.

                       

Eine emotional aufrüttelnde Lektüre, die aber auch dazu animieren sollte, die Geschichte der einen wie der anderen Seite zu erforschen und auch zu hinterfragen. Es gibt genug kritische Sachbücher gerade zum Status des Staates Israel, an dessen Entstehung die Europäer und die Deutschen im Besonderen direkt oder indirekt beteiligt waren. Immer wieder wird der Opferstatus ausgespielt und der daraus resultierende Narzissmus des Siegers: Wir sind die Guten, unsere Armee handelt immer moralisch und human, wir sind die einzige Demokratie im Nahen Osten. Wir sind die Modernität und sie sind rückständig und gewaltbereit.

                       

Das spurlose plötzliche Verschwinden der arabischen Bevölkerung in Israel stellt alle vor ein Rätsel. Wieso konnten sie lautlos, ohne Vorzeichen, verschwinden? Wieso wusste der Sicherheitsdienst nichts davon? War es womöglich eine inszenierte Verschwörung?. Aber von wem und mit welchem Ziel? Klar ist, dass das Verschwinden rein praktische Probleme aufwirft: Keine Busfahrer mehr, keine Müllmänner, keine Krankenschwestern. Und neben kritischen, hinterfragenden Stimmen scheint doch Freude und Jubel im Land zu herrschen.“ Endlich sind wir sie los. Endlich gehört das Heilige Land uns. Endlich sind Judäa und Samaria (das Westjordanland) gesäubert“. Sogleich werden Namen von Straßenschildern und Landkarten gelöscht. Die leer stehenden Häuser werden zu einem günstigen Preis angeboten (schon mal gehört, gelesen!?).

                       

All diese politisch aktuellen Nervenfasern verbinden sich mit kartografierten Erinnerungen von Alaa und seiner Großmutter Tata, die im Jahr der Vertreibung im Land blieb und zuerst hinter Stacheldraht eingepfercht war. Für Tata sind Erinnerungen Lebenselixier - Erinnerungen an Menschen, Namen, Häuser, Straßen. Und Alaa stellt immer wieder fest, dass „sie“ , die Israelis, ihm, dem Palästinenser, nie zuhören, nie fragen, wie es ihnen, den Palästinensern, geht, was sie fühlen, was sie hoffen. Ein empathieloses geheucheltes Interesse für die Quotenaraber,

                       

Das passt zu der Aussage in Alberto Memmis Buch „Die Kolonisatoren und die Kolonisierten“: Die Kolonisierten seien keine Subjekte, sondern lediglich Objekte.

                       

Meisterhaft spielt Ibtisam Atem auf der Klaviatur zwischen Satire und Magie. Und lässt die Leser allein mit der Frage: was wäre wenn.....

                       

Es ist ein mutiges Buch, unbedingt lesenswert, anregend zu Sekundärliteratur, um alle Facetten dieses Konflikts zu erfassen, Vielfalt ist gefragt, keine Einfalt. Denn:
Es gibt keine neuen Geschichten, wohl aber neue Ohren für die alten (A.A. Waberi)

                                               

       


    

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