2023 würde die Verleihung des LiBeraturpreises an die palästinensische Autorin Adania Shibli verschoben, zu umstritten war ihr Roman, der von der Vergewaltigung und Ermordung eines Beduinenmädchens durch israelische Soldaten erzählt, nach dem Terrorangriff der Hamas in Israel plötzlich.
Dies zeigt, wie schwer es palästinensische Literatur derzeit hat, Gehör zu finden. Im Fall von Ibtisam Azem völlig zu Unrecht, ihr ist mit "Das Buch vom Verschwinden" ein großartiger, wichtiger Roman gelungen, der auf besondere, menschliche und intensive Weise vom jahrzehntelangen Konflikt zwischen jüdischen und palästinensischen Israelis erzählt.
Ausgang ist die kafkaeske Situation, dass über Nacht alle Palästinenserinnen und Palästinenser spurlos aus Israel verschwunden sind. Azem skizziert geschickt, welche Folgen dies für Gesellschaft und Politik hat, und wie unterschiedlich die Menschen darauf reagieren - von ungläubiger Verunsicherung bis hin zu Lobpreisrungen Gottes, dafür dass er "dieses Problem" ein für allemal für sein Volk gelöst habe.
Die Kapitel wechseln zwischen der Sicht Ariels, einem jungen jüdischen Journalisten, und der seines Nachbarn Alaa, einem Kameramann palästinensischer Herkunft. Ariel liest nach dessen Verschwinden in Alaas Notizbuch und merkt, dass er zwar viel Zeit mit Alaa verbracht, ihn aber nie wirklich gekannt, ja sich kaum für ihn interessiert hat.
Der Roman ist berührend und schockierend. Er zeigt, dass wirklicher Frieden nur möglich ist, wenn wir uns füreinander interessieren, wenn wir unser Gegenüber als Mensch erkennen, so wie wir selbst auch erkannt werden wollen. Wenn wir verzeihen, auch Schreckliches vergeben, denn jede und jeder kann selbst schuldig werden.
Azem hat mich mehr als jeder Geschichtsunterricht über den Nahost-Konflikt gelehrt. Immer wieder geht es in ihrem Roman um die Nakba, die Flucht und Vertreibung Hunderttausender Palästinenser aus dem früheren britischen Mandatsgebiet, und wie unterschiedlich dies von Juden und Palästinensern gedeutet wird.
Auch sprachlich ist der Roman sehr gelungen, von den sachlich-investigativen Recherchen Ariels, der jedoch zunehmend zweifelt, bis hin zur stark blumig-orientalischen Ausdrucksweise Alaas. Bitte lesen, es lohnt sich!






