Ilan Stephani Lieb und teuer

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Inhaltsangabe zu „Lieb und teuer“ von Ilan Stephani

Zwei Jahre lang hat Ilan Stephani in einem Berliner Bordell als Prostituierte gearbeitet. Neugierig erforschte sie – eine junge Frau aus gutem Haus – diesen vom Rest der Gesellschaft tabuisierten Randbereich. Dabei erlebte sie Erstaunliches: Sie fand keine fremde Welt vor, sondern eine, die den meisten Menschen wohl vertrauter wäre, als sie denken.

Statt Huren und Freiern im Zwielicht erlebte sie den Puff als Spiegel der Gesellschaft und ihre Arbeit als Lebensschule: »Ich habe so viel gelernt, weiß so viel über die Welt, über Männer und Frauen und die Probleme, die wir miteinander haben – für dieses Wissen würde ich es wieder tun«, sagt sie. Und so verwebt sie in ihrem Buch individuelle Erlebnisse und Situationen aus ihrem Alltag im Bordell mit Reflexionen über den Zustand der Gesellschaft: über unsere Erziehung, unser Rollenverständnis und den Anspruch, den wir an uns, das Leben und die Liebe haben. Ihre Analyse vertritt weder die Haltung, Sexarbeit sei eine Befreiung, noch, sie sei zwangsläufig ein Sklavenmarkt. Vor allem, meint Stephani, ist Prostitution das Symptom einer verwirrten Gesellschaft. Würde das verstanden, ginge es allen besser – nicht nur im Bett.

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    Lieb und teuer

    R_Manthey

    16. October 2017 um 10:12

    Dieser Satz steht erst auf Seite 145 dieses Buches. Dann folgt: "Ihre Motive dafür, Sex zu verkaufen, müssen für uns nicht >>persönlich nachvollziehbar<< sein. Sie brauchen nicht einmal zu wissen oder sich selbst darum zu kümmern, weshalb sie Sex verkaufen. … Sie müssen keine Antworten liefern, nur weil man sich für ihre Antworten interessiert." Warum, so fragt man sich angesichts dieser Sätze zwangsläufig, tut Ilan Stephani es dann doch? Schon lange hat mich kein Buch so verwirrt wie dieses. Was man hier vorfindet, ist eine merkwürdige Mischung aus seltsamer Naivität, einem gelungenem Erfahrungsbericht, sachlichen Milieuschilderungen, streitbaren Kommentaren zur männlichen und weiblichen Sexualität und einem Ende, das verblüfft, weil man mit ihm eigentlich von Anfang an ein ganz anderes Buch hätte erwarten können. Das alles erst einmal zu sortieren, ist nicht einfach.Aus Ilan Stephani, einer Studentin mit einem offenbar recht guten Abitur, wird plötzlich eine Hure, die in einem Edelpuff zu arbeiten beginnt. Bis zum Ende des Buches ist es mir nicht gelungen, die tatsächlichen Motive für dieses Abenteuer zu verstehen. Natürlich muss sich Paula, so heißt Ilan im Puff, nicht erklären. Aber da sie es doch tut, provoziert sie schließlich selbst solche Fragen. Ohne den Hang zu irgendeiner Verurteilung (so ist es jedenfalls bei mir) möchte man aus reiner Neugier schlicht begreifen, was sie wirklich angetrieben hat. Es gibt in diesem Buch sogar einen Abschnitt zu dieser Frage. Dort stehen wenigstens einige Antworten ihrer Kolleginnen, die mehr oder weniger darauf hinauslaufen, dass sie schlechten oder zu wenig Sex hatten. In Paulas Puff arbeiten alle Frauen auf eigenen Wunsch und ohne jeden Zwang. Das klingt so, als ob sich an diesem Ort Frauen und Männer treffen, die gleichermaßen nach sexueller Befriedigung streben und sich der Illusion hingeben, sie dort erhalten zu können.Was man an dieser Konstellation ablesen kann, ist, dass Paula nicht auf Männer schlechthin traf, sondern auf solche, die erstens überhaupt in ein Puff gehen und zweitens in eins, was wohl nicht ganz so billig ist. Insofern handelt es sich um eine Stichprobe, bei der man nicht genau weiß, wie typisch sie tatsächlich ist. Wer noch Illusionen haben sollte, der trifft auf Seite 56 auf die Feststellung, dass "bezahlter Sex weder besonders toll noch besonders aufregend, wertvoll oder originell ist". Wie soll das auch anders sein, wenn Paula sich jedes Mal auf einen anderen Mann einstellen muss (was schlaucht, wie man an anderer Stelle erfährt), ihn gewöhnlich bis zu seinem Höhepunkt führt, was offensichtlich beliebt ist, und dabei ständig die Uhr im Blick haben sollte. Hinterher, so einer ihrer Freier, geht man frustrierter weg als man gekommen ist. Sicher nicht immer, aber wohl oft, wenn man den Schilderungen von Paula glaubt.Und an dieser Stelle wird es sozial-philosophisch, denn die Autorin beginnt nun vor allem über die männliche und weibliche Sexualität nachzudenken. Darauf werde ich nicht weiter eingehen, da all diese gelegentlich seltsamen Gedanken keinerlei Nutzen bringen, weil sie (etwas abstrakter gesehen) auf der Ebene von Alice Schwarzers Behauptung liegen, es gäbe keinen vaginalen Orgasmus. Vielleicht sollte man einfach die eigene Erkenntnisfähigkeit nicht ganz so maßlos überschätzen.Die meisten sexuellen Probleme zwischen Männern und Frauen beruhen auf Ahnungslosigkeit, Missverständnissen und der Tatsache, dass man nicht passend machen kann, was nicht zusammen passt. Wenn man etwas aus diesem Buch neben den Milieuschilderungen lernen kann, dann dies. Schließlich macht die Autorin genau das vor. Sie bricht nämlich ihre "Sexarbeit" (welch ein dämlicher, aber gleichzeitig zutreffender Begriff) sofort nach einem Erlebnis außerhalb ihrer Wirkungsstätte ab, das endlich das Missverständnis ihrer Hurentätigkeit aufdeckt: Bei einem Tantra-Kurs bereitet ihr ihre weibliche Partnerin eine vaginale Ekstase, die sie so noch nie erlebt hatte. Etwas, was man nicht vorspielen kann, weil es zu körperlichen Reaktionen führt, die man nicht bewusst erzeugen kann. Und sie probiert mit einem Freund Slow Sex, bei dem man über Stunden aktiv ist und Dinge entdeckt, die man nur findet, wenn man sich wirklich aufeinander einlässt.Wenn es die Botschaft dieses Buches sein sollte, nach besserem Sex zu streben, dann findet man wenigstens einige Hinweise in ihm, übrigens auch mit Literaturangaben für Interessierte. Der Rest liest sich interessant, wenngleich an vielen Stellen recht wirre Gedanken Platz greifen. Nur um ein Beispiel von vielen zu nennen, sollte folgendes Zitat vielleicht reichen: "Die Erziehung zu einer Tochter aus gutem Hause ist die (im Original kursiv gesetzt, R.M.) Erziehung zur Hure – und das alles andere als zufällig. Prostitution entsteht nicht am Rande, sondern im Herzen unserer Gesellschaft."Die Autorin hat mit ihrer Arbeit als Edelhure sicher einen Erfahrungshorizont, über den nicht viele Menschen verfügen. Insbesondere sieht sie das Elend sexueller Unbefriedigtheit in all seinen vielen Ausprägungen viel deutlicher als andere das können. Und natürlich ist es ihr gutes Recht, daraus allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen, was sie in diesem Buch zur Genüge tut. Ob diese tatsächlich stimmen oder einen praktischen Nutzen besitzen, kann man mit dem gleichen Recht allerdings auch bezweifeln. Nimmt man das Buch lediglich als Erfahrungsbericht, so kann man es nur loben. Der Rest ist an vielen Stellen unausgereift, lückenhaft (was man verstehen kann) und gelegentlich zweifelhaft.

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