Lieb und teuer

von Ilan Stephani 
4,0 Sterne bei6 Bewertungen
Lieb und teuer
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"Lieb und teuer" ist ein Buch wie ein Sozialroman, in dem Erlebtes und Nachgedachtes ineinander fließen.

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Was macht Prostitution, Pornografie, Werbung, gegenseitiger Druck mit dem männlichen Gefühl für Sex? Diese Frage geht die Autorin nach

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Inhaltsangabe zu "Lieb und teuer"

Zwei Jahre lang hat Ilan Stephani in einem Berliner Bordell als Prostituierte gearbeitet. Neugierig erforschte sie – eine junge Frau aus gutem Haus – diesen vom Rest der Gesellschaft tabuisierten Randbereich. Dabei erlebte sie Erstaunliches: Sie fand keine fremde Welt vor, sondern eine, die den meisten Menschen wohl vertrauter wäre, als sie denken.

Statt Huren und Freiern im Zwielicht erlebte sie den Puff als Spiegel der Gesellschaft und ihre Arbeit als Lebensschule: »Ich habe so viel gelernt, weiß so viel über die Welt, über Männer und Frauen und die Probleme, die wir miteinander haben – für dieses Wissen würde ich es wieder tun«, sagt sie. Und so verwebt sie in ihrem Buch individuelle Erlebnisse und Situationen aus ihrem Alltag im Bordell mit Reflexionen über den Zustand der Gesellschaft: über unsere Erziehung, unser Rollenverständnis und den Anspruch, den wir an uns, das Leben und die Liebe haben. Ihre Analyse vertritt weder die Haltung, Sexarbeit sei eine Befreiung, noch, sie sei zwangsläufig ein Sklavenmarkt. Vor allem, meint Stephani, ist Prostitution das Symptom einer verwirrten Gesellschaft. Würde das verstanden, ginge es allen besser – nicht nur im Bett.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783711001252
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:240 Seiten
Verlag:Ecowin
Erscheinungsdatum:22.06.2018

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    GernotUhlvor 6 Monaten
    Kurzmeinung: "Lieb und teuer" ist ein Buch wie ein Sozialroman, in dem Erlebtes und Nachgedachtes ineinander fließen.
    Geld gegen Sex

    Link zur Rezension: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/stephani

    Huren-Bücher waren fast immer Skandalbücher. Die Memoiren der Fanny Hill und die Geschichte der wienerischen Dirne Josephine Mutzenbacher haben sogar die obersten Gerichte in den USA und Deutschland beschäftigt. Während diese beiden berühmten Büchern von Männern geschrieben worden sind, sind die lesenswerten Erinnerungen von Ilan Stephani gefühlsecht. Ein Blick hinein.

     Illan Stephani (Jahrgang 1986) fängt mit nackten Zahlen an: 1,2 Millionen würde in Deutschland jeden Tag für Sex bezahlt. Deutsche Bordelle setzten im Jahr doppelt so viel Euro um, wie die Bierbranche. Dann wird es ernst. Ihr erster Tag im Bordell beginnt mit ungeahnter Leichtigkeit: Aus Ilan wird Paula (weil es in ihrem Puff noch keine Paula gibt) und Paula hat keine Berührungsängste. Freier sind auch nur Menschen, sind auch nur Männer. Dem ersten Freier folgt der erste Selbsttest im Spiegel: "Vorher-nachher. Irgendetwas. Muss. Doch. Jetzt. Anders. Sein. Ist es aber nicht."

     Nein, hier schreibt kein Skandal-Sternchen, dass es mit versauten Formulierungen und derben Anekdoten auf billige Effekte abgesehen hat. Hier schreibt eine Art zufällige Sozialphilosophin, die als neugierige Studentin ins Bordell geht und von dort aus die Gesellschaft beobachtet: Warum prostituieren sich Frauen? Was erhoffen sich die Männer von käuflicher Liebe: Geht es nur um körperliche Befriedigung oder auch um Seelenmassage ? Was passiert, wenn sich Sex und Geld begegnen? Und warum ist Prostitution ein ewiges Stress-Thema? Unter anderem, weil Sex gegen Geld oft – manche sagen: immer – mit Erniedrigung und Unterdrückung einhergeht. Ilan Stephani macht keinen Bogen um die Zwangsprostitution. Sie verharmlost nicht, wie viele Frauen gewaltsam zu (käuflichem) Sex gezwungen werden. "Sex gegen Geld ist ein Tauschgeschäft – Sex unter Zwang ist ein Verbrechen." Freiern, die vermuten, einer Zwangsprostituierten begegnet zu sein, rät Ilan Stephani, den Verdacht anonym zu melden.

     Ilan Stephani ist eine meinungsstarke Frau, aber sie drängt mir als Leser ihre eigene Sicht nicht auf. Sie erläutert und begründet die Überzeugungen, die sie gewonnen hat. Sie reflektiert die Prostitution als gesellschaftliches Symptom für die Sehnsucht nach gutem Sex. "Das wirkliche Geheimnis, das Huren hüten, ist, wie glücklich und friedlich Männer in der Nähe einer Vagina werden." Und obwohl Ilan Stephani immer wieder Beispiele von verunsicherten, enttäuschten und frustrierten Freiern zu erzählen weiß, die sie in den zwei Jahren als Prostituierte mit ein bisschen Zärtlichkeit für den Moment glücklich und friedlich gemacht hat, spricht sie der Prostitution letztlich doch die Fähigkeit ab, diese Sehnsucht befriedigen zu können.

     "Lieb und teuer" ist ein Buch wie ein Sozialroman, in dem Erlebtes und Nachgedachtes ineinander fließen.

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    Buecherspiegelvor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Was macht Prostitution, Pornografie, Werbung, gegenseitiger Druck mit dem männlichen Gefühl für Sex? Diese Frage geht die Autorin nach
    den Puff nutzen, um über das Leben zu lernen? Ilan Stephani hat es getestet.

    Ilan Stephani, die Autorin von „Lieb und Teuer – Was ich im Puff über das Leben gelernt habe“, hat freiwillig in Berlin in einem Edelbordell als Prostituierte gearbeitet. Ihre Erfahrungen und Schlussfolgerungen für ihr Leben und wie sich Prostitution ihrer Meinung nach auf die Gesellschaft auswirken hat sie in ihrem Buch zusammengefasst. Warum sie überhaupt über Hydra, der Prostituiertenorganisation in Berlin, auf die Idee kam, in einem Bordell zu arbeiten, kommt nicht so recht zur Sprache, nur, warum sie dann ebenso kurzentschlossen aufhörte. Immer wieder greift sie im Übrigen auf Statistiken zurück, leider ohne im Anhang oder in einer Fußnote auf einen direkten Link hinzuweisen, zu anderen Themen beziehungsweise Veröffentlichungen hingegen schon. An manchen Stellen greift sie so manche Methodik an, wie die Zahlen zustande gekommen wären. Es geht hier nicht um Zwangsprostitution oder dem Straßenstrich, der oft von Drogensüchtigen genutzt wird, sondern ausschließlich die freiwillige Arbeit im Puff, ohne Zuhälter oder anderen Personen, die irgendwelchen Zwang ausüben.

    Schätzungen zufolge, so Stephani, gibt es zurzeit 400 000 Prostituierte in Deutschland, die Tag für Tag! von 1,2 Millionen Freiern besucht werden. Die Dunkelziffer ist sicher noch um einiges höher. Stephani erläutert, dass es sich dabei entweder um Männer handelt, die das erste Mal überhaupt ein solches Etablissement besuchen, die meisten allerdings wöchentlich oder einmal im Monat die Frauen aufsuchen. Das heißt, es ist mitnichten eine Sache, die nur am Rande der Gesellschaft stattfindet, sondern mittendrin geschieht. Jede Person muss einen Mann kennen, der bereits im Puff war. Ob im Freundeskreis, der Busfahrer, Politiker, Manager, Seefahrer … Doch ab wann zählt es eigentlich, ob man seinen Körper gegen Geld verkauft? Ein interessantes, nachdenklich machendes Beispiel gibt die Autorin vor. Ein Paar verlässt gemeinsam eine Veranstaltung, irgendwie ist klar, sie verbringen die Nacht gemeinsam. Um vorher ihren Hunger zu stillen gehen sie noch in einen Imbiss. Nach dem Sex stellt er fest: für 2,50 hat er einen Fick bekommen. Und nun?

    Die Autorin beschreibt ihren Alltag im Puff und behauptet gleich am Anfang, dass sie bereits nach dem ersten Tag eigentlich alles begriffen hätte, alles Wissenswerte erlebt, doch was dann folgt, zeigt mir, dass dem mitnichten so war. Außer einem: dass die meisten Männer eigentlich etwas ganz anderes suchen und erhoffen, als allgemein angenommen wird. Die Zeit reicht beileibe nicht aus, um dem Mann ein echtes orgiastisches Vergnügen zu bereiten, sondern wenn, dann ausschließlich zur Ejakulation, ein gewaltiger Unterschied,wie uns Stephani erläutert. Und so kommt es, dass sie viele Männer nicht wirklich zufrieden gehen sieht sondern trauriger, um eine Illusion ärmer. Und manchmal wollen die Kunden noch nicht einmal das Eine, viele wollen Massagen, oder einfach nur reden. Den Grund sieht sie in dem immensem Druck unter der Männer stehen, sie müssen stark sein, nicht weinen, ganze Kerle sein. Wie es zum Beispiel die Werbung zeigt und unsere patriarchalische Gesellschaft dies vorlebt. Sex sells, riesige Plakate mit entsprechenden Bildern, die Pornoindustrie und so weiter, das überfordert uns alle.

    Einige Abschnitte lang versucht sie den Leser über die sexuelle Andersartigkeit des Mannes aufzuklären und wie wir uns alle neu und tiefer kennenlernen sollten, damit sich etwas ändert. Das ist zum Teil verworren und nicht immer einfach nachzuvollziehen. Aber sie fordert auch die Frauen auf mutig zu sein und ihrer Sexualität eine Sprache zu geben. Dabei legt sie sich auch mit Feministinnen an, unter anderem mit Alice Schwarzer, der sie es übel nimmt, die Vagina als empfindungslosen Schlauch bezeichnet zu haben.

    An einem Punkt schreibt sie, dass keiner der Männer, die sie im Puff erlebt hat, sie ausbeuten wollte. Doch in ihrem Kapitel über Übergriffe kommt das genau so vor, oder ist eine Vergewaltigung keine Ausbeutung? Dass sie doch nicht in einem hundertprozentig geschützten Raum arbeitet, musste sie bitter erfahren. Und es kostete sie einige Zeit, um damit fertig zu werden. Im Übrigen beschreibt sie weitere „Übergriffe“, zum Beispiel die des Staates im Zusammenhang mit dem Prostituiertenschutzgesetzes, das bereits überarbeitet werden muss. Diskussionswürdig ist das allemal. Ebenso die Übergriffe, die sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs ableiten lassen. Wir scheren wie üblich alle über einen Kamm und wissen genau, wie es um die Damen und Herrn steht, die im Milieu arbeiten. Tatsächlich? Wer macht sich wirklich die Mühe, wenigstens einer dieser Personen zu befragen und wirklich zuzuhören. Nicht nur denen, die in der Illegalität stecken, die missbraucht wurden, sondern auch denjenigen, die, wie die Autorin, es als ihren Job ansehen, eine gewisse Dienstleistung gegen Geld anzubieten. Auch das bietet reichlich Stoff zu Diskussionen. Wir sollten den moralischen Zeigefinger herunternehmen und darauf eingehen, findet sie.


    Sex in kürzester Zeit ist kein guter Sex. Doch wer nimmt sich schon Zeit dafür? Die Autorin gibt am Ende ihres Erfahrungsberichtes Ratschläge, wie es besser gehen kann, selbst getestet mit ihrem Partner. Ob das aber wirklich ein Ende der Prostitution einläuten lässt, werden wir wohl nicht mehr erfahren. Dafür bedarf es einen grundlegenden Wandel in der Gesellschaft und den Mut aller beteiligten, dies zu wollen. Bis dahin gibt Stephani Seminare für Frauen, ist Körpertherapeutin und Bloggt über Sexualität und Freiheit.

    Das Buch wurde in Zusammenarbeit mit Theresa Bäuerlein geschrieben. Sie beschäftigt sich als Autorin und Journalistin zum Beispiel mit Konsum und Beziehungen. Unter anderem ist ein Buch von ihr und Tom Eckert „Besser als Sex ist besserer Sex: Ein Paar. Ein Jahr. Ein Experiment“ erschienen.







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    Sikals avatar
    Sikalvor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Mutige Stellungnahme!
    Lieb und teuer

    Ilan Stephani ist neugierig. Sie kommt aus einer ganz normalen Familie, hat eine normale Kindheit und Jugend, beginnt zu studieren und hat plötzlich das Bedürfnis, in einem Puff zu arbeiten. Sie interessiert sich für die Beweggründe der Prostituierten, wundert sich über banale Gesprächsthemen, wie z.B. Marmelade einkochen oder Kinderbetreuung und nimmt ihre Arbeit in einem Bordell als normalen Job wahr.

     

    Ilan wird zu Paula und berichtet in diesem Buch von ihren Erlebnissen, Beweggründen, dem Umgang der Gesellschaft mit Prostitution und diversen Klischees. Bereits ganz am Anfang musste sie lernen, dass genau diese Klischees mit dem tatsächlichen Job nichts gemein haben, dass z.B. Gewalt und Erniedrigung von Frauen nicht an der Tagesordnung stehen. Und hier denke ich mal, dass es ja schön und gut ist, wenn für Paula diese Übergriffe nicht am Programm standen (mit einer Ausnahme), doch viele Frauen erleben gerade diese Situation wohl häufig. Sie schreibt zwar mehrfach, dass sie keine Werbung für die Arbeit als Prostituierte machen möchte, doch irgendwie scheint sie teilweise eine verklärte Vorstellung zu vermitteln (auch wenn sie ständig darauf hinweist, dass dem nicht so sei). Man kann sicherlich nicht sämtliche Klischees als gegeben annehmen, doch ebenfalls ist diese Beschreibung hier nicht die Welt von 400.000 Prostituierten in Deutschland, dessen muss man sich bewusst sein, wenn man dieses Buch liest.

     

    Warum sich Ilan in Paula verwandelte wird mir bis zum Schluss nicht ganz klar – denn nur Neugierde war es wohl nicht.

    Kommentare: 3
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    R_Mantheys avatar
    R_Mantheyvor einem Jahr
    "Huren müssen sich uns nicht erklären"

    Dieser Satz steht erst auf Seite 145 dieses Buches. Dann folgt: "Ihre Motive dafür, Sex zu verkaufen, müssen für uns nicht >>persönlich nachvollziehbar<< sein. Sie brauchen nicht einmal zu wissen oder sich selbst darum zu kümmern, weshalb sie Sex verkaufen. … Sie müssen keine Antworten liefern, nur weil man sich für ihre Antworten interessiert." Warum, so fragt man sich angesichts dieser Sätze zwangsläufig, tut Ilan Stephani es dann doch? Schon lange hat mich kein Buch so verwirrt wie dieses. Was man hier vorfindet, ist eine merkwürdige Mischung aus seltsamer Naivität, einem gelungenem Erfahrungsbericht, sachlichen Milieuschilderungen, streitbaren Kommentaren zur männlichen und weiblichen Sexualität und einem Ende, das verblüfft, weil man mit ihm eigentlich von Anfang an ein ganz anderes Buch hätte erwarten können. Das alles erst einmal zu sortieren, ist nicht einfach.

    Aus Ilan Stephani, einer Studentin mit einem offenbar recht guten Abitur, wird plötzlich eine Hure, die in einem Edelpuff zu arbeiten beginnt. Bis zum Ende des Buches ist es mir nicht gelungen, die tatsächlichen Motive für dieses Abenteuer zu verstehen. Natürlich muss sich Paula, so heißt Ilan im Puff, nicht erklären. Aber da sie es doch tut, provoziert sie schließlich selbst solche Fragen. Ohne den Hang zu irgendeiner Verurteilung (so ist es jedenfalls bei mir) möchte man aus reiner Neugier schlicht begreifen, was sie wirklich angetrieben hat. Es gibt in diesem Buch sogar einen Abschnitt zu dieser Frage. Dort stehen wenigstens einige Antworten ihrer Kolleginnen, die mehr oder weniger darauf hinauslaufen, dass sie schlechten oder zu wenig Sex hatten. In Paulas Puff arbeiten alle Frauen auf eigenen Wunsch und ohne jeden Zwang. Das klingt so, als ob sich an diesem Ort Frauen und Männer treffen, die gleichermaßen nach sexueller Befriedigung streben und sich der Illusion hingeben, sie dort erhalten zu können.

    Was man an dieser Konstellation ablesen kann, ist, dass Paula nicht auf Männer schlechthin traf, sondern auf solche, die erstens überhaupt in ein Puff gehen und zweitens in eins, was wohl nicht ganz so billig ist. Insofern handelt es sich um eine Stichprobe, bei der man nicht genau weiß, wie typisch sie tatsächlich ist. Wer noch Illusionen haben sollte, der trifft auf Seite 56 auf die Feststellung, dass "bezahlter Sex weder besonders toll noch besonders aufregend, wertvoll oder originell ist". Wie soll das auch anders sein, wenn Paula sich jedes Mal auf einen anderen Mann einstellen muss (was schlaucht, wie man an anderer Stelle erfährt), ihn gewöhnlich bis zu seinem Höhepunkt führt, was offensichtlich beliebt ist, und dabei ständig die Uhr im Blick haben sollte. Hinterher, so einer ihrer Freier, geht man frustrierter weg als man gekommen ist. Sicher nicht immer, aber wohl oft, wenn man den Schilderungen von Paula glaubt.

    Und an dieser Stelle wird es sozial-philosophisch, denn die Autorin beginnt nun vor allem über die männliche und weibliche Sexualität nachzudenken. Darauf werde ich nicht weiter eingehen, da all diese gelegentlich seltsamen Gedanken keinerlei Nutzen bringen, weil sie (etwas abstrakter gesehen) auf der Ebene von Alice Schwarzers Behauptung liegen, es gäbe keinen vaginalen Orgasmus. Vielleicht sollte man einfach die eigene Erkenntnisfähigkeit nicht ganz so maßlos überschätzen.

    Die meisten sexuellen Probleme zwischen Männern und Frauen beruhen auf Ahnungslosigkeit, Missverständnissen und der Tatsache, dass man nicht passend machen kann, was nicht zusammen passt. Wenn man etwas aus diesem Buch neben den Milieuschilderungen lernen kann, dann dies. Schließlich macht die Autorin genau das vor. Sie bricht nämlich ihre "Sexarbeit" (welch ein dämlicher, aber gleichzeitig zutreffender Begriff) sofort nach einem Erlebnis außerhalb ihrer Wirkungsstätte ab, das endlich das Missverständnis ihrer Hurentätigkeit aufdeckt: Bei einem Tantra-Kurs bereitet ihr ihre weibliche Partnerin eine vaginale Ekstase, die sie so noch nie erlebt hatte. Etwas, was man nicht vorspielen kann, weil es zu körperlichen Reaktionen führt, die man nicht bewusst erzeugen kann. Und sie probiert mit einem Freund Slow Sex, bei dem man über Stunden aktiv ist und Dinge entdeckt, die man nur findet, wenn man sich wirklich aufeinander einlässt.

    Wenn es die Botschaft dieses Buches sein sollte, nach besserem Sex zu streben, dann findet man wenigstens einige Hinweise in ihm, übrigens auch mit Literaturangaben für Interessierte. Der Rest liest sich interessant, wenngleich an vielen Stellen recht wirre Gedanken Platz greifen. Nur um ein Beispiel von vielen zu nennen, sollte folgendes Zitat vielleicht reichen: "Die Erziehung zu einer Tochter aus gutem Hause ist die (im Original kursiv gesetzt, R.M.) Erziehung zur Hure – und das alles andere als zufällig. Prostitution entsteht nicht am Rande, sondern im Herzen unserer Gesellschaft."

    Die Autorin hat mit ihrer Arbeit als Edelhure sicher einen Erfahrungshorizont, über den nicht viele Menschen verfügen. Insbesondere sieht sie das Elend sexueller Unbefriedigtheit in all seinen vielen Ausprägungen viel deutlicher als andere das können. Und natürlich ist es ihr gutes Recht, daraus allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen, was sie in diesem Buch zur Genüge tut. Ob diese tatsächlich stimmen oder einen praktischen Nutzen besitzen, kann man mit dem gleichen Recht allerdings auch bezweifeln. Nimmt man das Buch lediglich als Erfahrungsbericht, so kann man es nur loben. Der Rest ist an vielen Stellen unausgereift, lückenhaft (was man verstehen kann) und gelegentlich zweifelhaft.

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    K
    Karin_Kovor 4 Monaten
    Lemalas avatar
    Lemalavor 10 Monaten

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