Ilse Aichinger

 4 Sterne bei 96 Bewertungen
Autor*in von Die größere Hoffnung, Der Gefesselte und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Ilse Aichinger wurde am 1. November 1921 in Wien geboren. 1948 veröffentlichte sie ihren Roman über die Kriegszeit in Wien, »Die größere Hoffnung«, und ihre ersten berühmten Geschichten. Für ihren Roman, ihre Gedichte, Hörspiele und Prosastücke, die in viele Sprachen übersetzt wurden, erhielt sie zahlreiche literarische Auszeichnungen, u. a. 1952 den Preis der Gruppe 47, 1982 den Petrarca-Preis, 1983 den Franz-Kafka-Preis, 1995 den Österreichischen Staatspreis für Literatur und 2015 den Großen Kunstpreis des Landes Salzburg. Ilse Aichinger starb am 11. November 2016 im Alter von 95 Jahren.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Ilse Aichinger

Cover des Buches Die größere Hoffnung (ISBN: 9783104034447)

Die größere Hoffnung

(31)
Erschienen am 06.10.2015
Cover des Buches Unglaubwürdige Reisen (ISBN: 9783104907949)

Unglaubwürdige Reisen

(6)
Erschienen am 06.01.2018
Cover des Buches Der Gefesselte (ISBN: 9783104034454)

Der Gefesselte

(7)
Erschienen am 30.01.2015
Cover des Buches Kleist, Moos, Fasane (ISBN: 9783104034485)

Kleist, Moos, Fasane

(6)
Erschienen am 30.01.2015
Cover des Buches Verschenkter Rat (ISBN: 9783104034430)

Verschenkter Rat

(6)
Erschienen am 30.01.2015
Cover des Buches Film und Verhängnis (ISBN: 9783104034188)

Film und Verhängnis

(5)
Erschienen am 06.10.2015
Cover des Buches Das kurze Leben der Sophie Scholl (ISBN: 9783473352227)

Das kurze Leben der Sophie Scholl

(4)
Erschienen am 01.01.1987

Neue Rezensionen zu Ilse Aichinger

Cover des Buches Aufruf zum Mißtrauen (ISBN: 9783103970869)
Trishen77s avatar

Rezension zu "Aufruf zum Mißtrauen" von Ilse Aichinger

Trishen77
Hoch auf Ilse Aichinger

Gestern, am ersten November 2021, wäre Ilse Aichinger 100 Jahre alt geworden. Es gibt wohl nur wenige moderne Schriftstellerinnen, denen trotz eines so schmalen Werkes eine so große Verehrung zuteil geworden ist ihr. Sie gilt als Meisterin der kurzen Prosa, ist so etwas wie eine literarische Ikone und es gibt wohl kaum eine*n Student*in des kreativen Schreibens (oder auch der Germanistik, Literaturwissenschaft, etc.), die*der nicht mit ihrer Spiegelgeschichte in Berührung gekommen ist oder mit sonst einer ihrer filigranen Erzählungen.

Nun ist zum Anlass ihres Geburtstags bereits Ende September dieser Band mit (genau hundert) verstreuten Publikationen erschienen, deren Spanne vom Jahr 1948 bis zum Jahr 2005 reicht. Betitelt ist der Band mit „Aufruf zum Mißtrauen“, ein programmatischer Titel (und der Titel eines Textes im Buch), der gewisse zentrale Aspekte von Aichingers Schreiben und Denken gut zusammenfasst, aber zumindest auf mich auch ein bisschen irreführend wirkt, so als handle es sich bei den verstreuten Publikationen vor allem um Glossen, Pamphlete und dergleichen.

Das ist nicht der Fall, vielmehr erwartet die Leser*innen ein Mix aus Gedichten, Feuilleton, Briefen, Beiträgen für Anthologien und andere Gelegenheitsschriften, dramatischen Fragmenten/Szenen, u.v.a.

Die Beiträge sind chronologisch geordnet, es gibt keine Gruppierung/Einteilung nach Art der Texte, was zunächst etwas beliebig anmutet, aber den Leser*innen eben die Gelegenheit gibt, dem einzigen roten Faden des Buches zu folgen, nämlich der mannigfaltigen Darstellung von Aichingers Positionen und ihrer Entwicklung.

Ich muss zugeben, dass ich mich, obwohl durchaus begeisterter Aichinger-Leser, mit dem Band etwas schwergetan habe. Das Konzept (100. Geburtstag = 100 Texte) klingt zunächst griffig, aber in der Praxis hätten vielleicht etwas weniger Texte dem Band gutgetan. Denn mancher Beitrag wirkt, trotz seiner unbestreitbaren Relevanz für die Aichinger-Forschung, deplatziert, weil nicht unbedingt von Interesse für Leser*innen, die sich mit Aichinger als Autorin, aber nicht unbedingt als Person auseinandersetzen wollen.

So erscheint der Band streckenweise weniger wie ein Lesebuch, das unbekannte Glanzstücke Aichingers dem Publikum präsentieren soll, und mehr wie eine Werkausgabenkomplettierung (was aber vermutlich nicht der Fall ist, denn es ist unwahrscheinlich, dass die Zahl der Beiträge ein Zufall ist).

Trotzdem gibt es natürlich einige wichtige und auch starke Beiträge. Besonders interessant fand ich Aichingers Auseinandersetzung mit den Geschwistern Scholl. Aber auch ihre Gedanken zu Thomas Bernhards „Heldenplatz“, zu Gert Jonke und der Gruppe 47 fand ich sehr anregend, ebenso eine Rezension zu einem Buch von Julian Schutting. Und gefreut habe ich mich, dass auch ein paar mir unbekannte Gedichte von Aichinger enthalten sind.

Meine Bedenken habe ich angebracht und abseits dieser will ich von Kauf und Lektüre des Bandes nicht abraten. Es stellt einen guten Querschnitt durch unterschiedlichste Aspekte von Aichingers Werk und Wirken dar. Vielleicht ist auch gerade die unterschiedliche Relevant der Beiträge für manche Leser*innen eine spannende oder angenehme Abwechslung.

Cover des Buches Die größere Hoffnung (ISBN: 9783104034447)
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Rezension zu "Die größere Hoffnung" von Ilse Aichinger

walli007
Der Stern

Die jugendliche Ellen braucht ein Visum. Sie wird aber keines bekommen, weil niemand für sie bürgen wird. Ihre Großeltern sind nicht richtig, zumindest die Hälfte nicht und deshalb ist auch Ellen nicht richtig. Sie ist aber auch nicht richtig falsch, denn deren Großeltern garnicht richtig sind, die müssen sich nicht entscheiden. Und Ellen möchte doch dazugehören. Ihre Mutter ist schon weg und ihr Vater will sie nicht. Nur ihre Großmutter, die Falsche, kümmert sich um sie. Und Ellen möchte dazugehören, das will ihr nirgends gelingen. Bis sie auch eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen trifft, die ganz falsch sind.


Im Jahr 1948 ist dieser Roman von Isle Aichinger erstmals erschienen. Damit erklärt sich auch, um welche Art von richtig und falsch es geht. Ellen, die Halbjüdin, gehört nirgends richtig dazu. Sie kann nicht fliehen, sie kann nicht wirklich bleiben. Und die Menschen um sie herum beginnen zu verschwinden. In ihrem Wunsch dazuzugehören, wählt Ellen den Stern. Sie ahnt nicht, dass sie sich damit in noch größere Gefahr bringt. In ihr lebt die Hoffnung, dass es eines Tages keine Unterscheidung mehr zwischen richtig und falsch gibt. Und dass die Schuldigen bestraft werden. Die große Hoffnung auf das Danach lässt Ellen ihren Weg finden.


Sehr beklemmend und bedrückend wirkt die Erzählung um Ellen und ihre kleinen Freunde. Mit welcher Verzweiflung sie sich eine Kindheit oder Jugend schaffen wollen. Und wie sie sich vor ihren Häschern am Liebsten unsichtbar machen würden, was leider nicht immer gelingt. Der heftiger wütende Krieg und die heftiger wütenden Nazis. Möchte man so leben? Eher nicht. Möchte man sterben? Erst recht nicht. Kann es ein Durchhalten geben? Wahrscheinlich eher selten. Obwohl in leichten Worten, zwar von außen, aber doch die Position der Kinder und Jugendlichen einnehmend, geschrieben, ist dieser Roman doch schwierig und herausfordernd. So kurz nach dem Krieg verfasst, waren die Eindrücke der Autorin frisch und ihr Schreiben eindringlich. Aus heutiger Sicht und mit dem Abstand ist die Lektüre schwer verdaulich. Es bleibt die Hoffnung, dass man nie in die Lage gerät, dies besser verstehen zu können oder zu müssen. 

Cover des Buches Die größere Hoffnung (ISBN: 9783104034447)
Wolf-Macbeths avatar

Rezension zu "Die größere Hoffnung" von Ilse Aichinger

Wolf-Macbeth
Keine Hoffnung - und doch!

Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung, erstmals 1948 erschienen, ist ein literarisches Meisterwerk von seltener Kraft. Es erzählt von jüdischen Kindern während der NS-Zeit, die isoliert, verhöhnt und schließlich deportiert werden. Die Hauptfigur Ellen, die nur zwei „falsche“ Großeltern hat, bleibt zunächst verschont – doch am Ende wird auch sie Opfer der Gewalt. Doch diese Geschichte ist keine konventionelle Erzählung des Grauens. Aichinger schreibt anders. Sie schreibt poetisch, traumwandlerisch, mit Bildern, die zugleich verstören und verzaubern.


Das Wort „Jude“ oder „Nazi“ fällt kein einziges Mal, und doch ist das Unsagbare überall. Der Horror des Nationalsozialismus wird nicht nüchtern berichtet, sondern durch die Augen eines jungen Mädchens erlebt – und damit auf eine Weise, die ebenso verstörend wie berührend ist. Ellen bewegt sich zwischen Angst und Hoffnung, zwischen Realität und Fantasie. Ihre Welt ist voller magischer Bilder, voller unerwarteter Zärtlichkeit und grausamer Abgründe. Manchmal wirkt sie beinahe wie eine Träumerin, doch ihre Träume haben eine schmerzhafte Klarheit: „Peitscht uns, tötet uns, trampelt uns nieder, einholen könnt ihr uns erst dort, wo ihr lieben oder geliebt werden wollt.“


Aichingers Sprache ist einzigartig. Ihre Sätze haben einen Sog, der einen durch das Buch trägt, und doch bleibt vieles rätselhaft. Das ist keine lineare, realistische Erzählung, sondern eine Abfolge von Bildern – zehn Kapitel, die in ihrer Chronologie eher einer inneren als einer äußeren Logik folgen. Es ist kein Buch, das man einfach konsumiert. Es verlangt, dass man sich ihm hingibt.


Mich hat die Erzählweise tief beeindruckt. Sie ist anspruchsvoll, aber genau das macht sie so stark. Die Mischung aus Unmenschlichkeit und Menschlichkeit, Ausweglosigkeit und zarter Hoffnung, Verzweiflung und Schönheit – all das macht Die größere Hoffnung zu einem unvergesslichen Leseerlebnis.


Dieses Buch sollte man gelesen haben. Und dann, wenn man es kennt, kann man einzelne Kapitel erneut lesen – denn jedes für sich ist ein kleines Universum. Ich bin dankbar, dass ich es entdeckt habe.

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