Scham ist ein Buch, das zu keinem Zeitpunkt einen Lichtblick verzeichnet. Vom Prolog bis zur letzten Seite ist es ein einfaches Trauerspiel. Pure Verzweiflung, Hass, Grausamkeit.
Damit ist es definitiv nicht ein Buch für jeden, sondern wirklich nur für diejenigen, die sich auf harte Kost einlassen können.
Marie ist eine Protagonistin, die ich nicht immer nachvollziehen konnte – eigentlich konnte ich sie überhaupt nicht nachvollziehen. Oftmals wollte ich sie einfach schütteln und sie fragen, warum sie sich einfach NIEMANDEM anvertrauen kann. Diese Frau ist nicht allein, sie hat ein großes soziales Netz und trotzdem sagt sie niemandem, dass sie vergewaltigt wurde.
Allerdings habe ich die anderen Figuren auch nicht verstanden. Vor allem die Reaktion von Maries Schwester, als sie von der Vergewaltigung erfuhr, ließ mich sprachlos zurück und ich kann und möchte eigentlich nicht glauben, dass gut sozialisierte Menschen so reagieren (allerdings sieht man spätestens seit dem Fall Pelicot in den Sozialen Medien, dass Menschen oftmals unfassbar dumme Gedankengänge zu haben scheinen, wenn es um Vergewaltigung geht).
Von daher möchte ich die Verhaltensweisen der Protagonistin gar nicht so sehr in meine Bewertung einfließen lassen.
Aber dennoch habe ich ein bisschen was zu meckern.
Zum einen fand ich den Schreibstil unglaublich flach. Es gibt kaum Beschreibungen, alles liest sich eher wie ein Manuskript für das unfertige Buch. Ich kann mir vorstellen, dass es gewollt ist, da man so die beschriebene Grausamkeit besser ertragen kann, ich mag diese Art Schreibstil aber einfach nicht. Zu nüchtern, zu neutral.
Und ich fand auch die Schlüsselszene, die Vergewaltigung, ziemlich plump. Sie kam völlig aus dem Nichts heraus und wirkte nicht durchdacht. Hier hätte man mit einigen Seiten zusätzlich mehr herausholen können. Mehr Spannung, mehr Authentizität. Denn ich finde, dass der Chef viel zu wenig Druck ausgeübt hat, um Marie dazu zu bringen, zu schweigen. Und ich finde auch, wie das Ganze überhaupt zu Stande kam, war viel zu plötzlich und hat sich gar nicht angebahnt. Plötzlich hatte sie angst und dann ging es schon los, ohne, dass man wusste, woher es kam.
Insgesamt erzählt das Buch eine durchaus wichtige Geschichte, die aber deutliche Schwächen hatte. So wurde hier auch am Ende des Buches enthüllt, ob der Sohn nun aus der Vergewaltigung stammte oder aus der Beziehung zum Ehemann – dabei war das, für das, was letzten Endes passiert ist, doch gar nicht ausschlaggebend. Die Frau ist an dieser Vergewaltigung zerbrochen und nicht ausschließlich an dem Kind.
Ich muss auch sagen, dass ich mir gewünscht hätte, dass der Chef noch irgendwie zur Rechenschaft gezogen wird. Da auf dem Klappentext steht, dass Marie zur Täterin wird, hatte ich damit gerechnet. Aber das ist halt wieder ein Problem der Erwartungshaltung.








