Inès Bayard

 4.4 Sterne bei 21 Bewertungen

Lebenslauf von Inès Bayard

 Inès Bayard, geboren 1992 in Toulouse, lebt derzeit in Berlin. Scham ist ihr erster Roman und stand auf der Longlist für den Prix Goncourt 2018.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Inès Bayard

Cover des Buches Scham (ISBN: 9783552059764)

Scham

 (20)
Erschienen am 17.02.2020
Cover des Buches This Little Family (English Edition) (ISBN: B07T8CWFN7)

This Little Family (English Edition)

 (1)
Erschienen am 28.04.2020

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Rezension zu "Scham" von Inès Bayard

Der Anfang vom Ende
leseleavor einem Monat

Es beginnt mit dem Ende. Ein Abend in einer Pariser Wohnung. Der Tisch ist gedeckt. Vater, Mutter, Kind sitzen zusammen, essen. Es ist ihr letztes Mahl. Denn Marie, die Mutter, hat Gift unter das Essen gemischt. Sie tut endlich das, was sie seit Thomas Geburt, nein schon vorher, tun wollte: Ihr Kind töten. Und da die Schlinge aus Lügen, Wut und Verzweiflung immer enger wird, beschließt sie, auch sich und ihren Mann vom Leid zu befreien. Wie konnte es zu dieser Tat kommen? Von den Gründen dieses erweiterten Suizid erzählt Inès Bayard in ihrem Roman Scham – beziehungsweise von dem Grund. Denn Marie kann den Zeitpunkt genau ausmachen, an dem ihr Leben seinen Halt und sie das Glück, das sie bis dahin gepachtet schien, verlor: Es war der Moment, in dem ihr Chef sie brutal in seinem Auto vergewaltigte.

Ein schwieriges und relevantes Thema macht sich Bayard in ihrem Erstlingswerk zu Eigen und konstruiert darum eine erschütternde und oftmals brutale Geschichte, die das Trauma einer Vergewaltigung in all seiner Schrecklichkeit offenbart. Dabei geht sie, durchaus sehr Französisch vor: Sie legt die Folgen der Vergewaltigung auf den Seziertisch, beschreibt Maries Verhalten Stunden danach, Tage danach, Monate danach. Sie zeigt auf, wie alle Entscheidungen und Gemütsregungen ihrer Protagonistin auf diesen einen Moment zurückgeführt können, wie er nicht nur ihr Leben, sondern auch sie selbst grundlegend verändert hat. Bayard hat dabei keine Angst vor klaren Worten und drastischen Szenen: In Scham schmerzt Maries Vagina, fühlt sie sich beim Sex mit dem Ehemann wie erneut vergewaltigt, ekelt sie sich vor dem Penis ihres Sohnes, in dem sie einen zukünftigen potentiellen Täter sieht.

Bayards Schilderungen sind eindringlich, durch die analytische Herangehensweise trotz aller Heftigkeit aber auch sehr distanziert, bisweilen sogar kühl. Scham ist für mich ein Buch, das trotz seiner explosiven Thematik, aufgrund der Schreibweise mehr den Kopf als den Bauch anspricht. Die Auseinandersetzung mit den Themen Vergewaltigung und sexuelle Gewalt findet primär auf einer intellektuellen Ebene statt – auch weil die Autorin den Roman im Laufe der knapp 220 Seiten auch um weitere feministische Debatten erweitert wie weibliche Sexualität und Mutterschaft. Überraschenderweise war mir Scham manchmal zu feministisch – und das, obwohl ich Bayards Überlegungen für treffend halte und es begrüße, ja sogar befürworte dass die oben genannten Themenkomplexe verstärkt literarisch bearbeitet werden.

Man muss sich auf Bayards Stil einlassen und dafür braucht es – obwohl das Buch so schmal ist – doch etwas Zeit. Die Protagonistin bleibt einem fremd und irgendwie unsympathisch (überhaupt mag man kaum eine Figur in diesem Buch), ihr Verhalten häufig unerklärlich, obwohl dieser Roman sich doch um Erklärung bemüht. Und doch, gerade auf diese Weise legt Bayard den Finger an eine schmerzende Wunde: Das Opfer muss einem nicht sympathisch sein, ihr Verhalten nicht rational! Unsere Aufgabe, die Aufgabe der Nicht-Vergewaltigten ist es zu unterstützen und die Tat restlos zu verteufeln! Gewalt ist Gewalt, Missbrauch ist Missbrauch, nichts kann einen Übergriff relativieren oder verständlich machen! Auch das Nicht-Sehen(-Wollen) von Maries Umfeld sollte uns eine Lehre sein: Blenden wir nicht alle die Möglichkeit aus, dass eine Vergewaltigung einem Familienmitglied oder einem guten Freund/einer guten Freundin passieren könnte? Passiert „so etwas“ nicht immer den anderen? Wir müssen als Gesellschaft insgesamt wachsamer sein, uns mehr um unsere Mitmenschen kümmern!

Auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass Scham Hirn und Herz gleichermaßen erreicht, halte ich den Roman – trotz kleiner Schwächen – insgesamt für gelungen und lesenswert. Wir brauchen mehr Bücher wie dieses, das unverhüllt von der Brutalität und den Schmerzen einer Vergewaltigung erzählt und von den Narben, die sie zurücklässt. 4 Sterne und eine Leseempfehlung!

 

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Rezension zu "This Little Family (English Edition)" von Inès Bayard

Inès Bayard - This Little Family
miss_mesmerizedvor 2 Monaten

A woman kills herself, her husband and their small son. What has led her to poison their dinner? They are a well-off Parisian family with a successful husband and lovely kid living in a beautiful apartment. What people cannot see is the inside, the inside of the family home and especially the inside of Marie who has been struggling for years to keep her secret well shut behind a friendly facade: she was raped by her CEO after work one evening and is convinced that Thomas is the result of the assault and not her husband’s son. Every day, she has to look in the eye of the small boy and is confronted again with what happened and what she cannot share with anybody. It is not the tragic story of a family, but the heart-breaking story of a woman not just suffering once from the humiliation and attack, but suffering every single day of her life.

 

Inès Bayard’s novel is one of the most moving and highly disturbing books I have ever read. She starts with the final step of Marie’s desolate and lonely voyage, no surprise where it all will end up, but the way there could hardly be more painful, more emotionally challenging and nevertheless easy to understand and follow.

 

Marie feels ashamed for what has happened to her, for her body after giving birth, for her behaviour towards her husband. She does not see herself as the victim she is, immediately, after the assault, she has taken the decision to comply with her assailant’s threat not to tell anybody and thinks she now has to stick to it. Her mental state is gradually deteriorating and Bayard meticulously narrates the downwards spiral. Looking at her from the outside, you can see that she is trapped in an unhealthy mental state that she has established and which is completely wrong but yet, it is so understandable how she comes to those conclusions and this almost paranoid view of her situation.

 

She does not get help or support, nobody even seems to notice her suffering, only when the signs become too obvious is suspicion raised. There might have been ways out of her depression and misery, but she cannot take these roads and thus needs to face her ultimate fate which does not entail living an option.

 

Without any doubt, Marie is a victim in several respects. But so is her son Thomas and he is the poor boy without any chance to escape or change his fate, he is exposed helplessly to his mother’s hatred which seems unfair, but I think it is not difficult to understand what she sees in him. Is her husband Laurent to blame? Hard to say, the same accounts for Marie’s mother who didn’t do anything other than just cover the traces of her daughter’s state when she becomes aware of it, she does not offer help when it was most needed.

 

The novel is a wonderful example for what such an event can do to people, how they struggle to survive and hide what has happened. It is deeply moving and frightening to observe which is also due to the author’s style of writing. 

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Rezension zu "Scham" von Inès Bayard

"Scham" - Ines Bayard
lovelinesvor 3 Monaten

>>Jeder ist Kapitän seines eigenen Boots und steuert sein Geheimnis, so behände er kann. ...<<
„Scham“ von Ines Bayard ist ein Roman, der mich tief bewegt hat. Hier wird die Geschichte von Marie erzählt, die vom Opfer zum Täter wird und Ines Bayard nimmt hier kein Blatt vor den Mund. Sie holt den Leser hier ganz klar und deutlich, roh, kalt und doch bis ins Mark erschütternd aus seiner Komfortzone. Das ist für mich teilweise gar nicht so leicht zu verdauen gewesen aber umso wichtiger war es einmal den Spiegel vorgehalten zu bekommen, wie sehr doch der Einzelne ignoriert und übergangen werden kann. Maries Ausweglosigkeit und die damit verbundenen Folgen haben für mich Spuren hinterlassen

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