Indra Sinha Menschentier

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Inhaltsangabe zu „Menschentier“ von Indra Sinha

„Früher war ich ein Mensch. Erzählt man mir. Ich erinnere mich selbst nicht daran, aber Leute, die mich kannten, als ich klein war, sagen, ich ging auf zwei Beinen wie ein Mensch. (.) Die Welt der Menschen ist dazu gedacht, in Augenhöhe betrachtet zu werden. Deiner Augen. Hebe ich meinen Kopf, starre ich jemandem auf den Schritt. (.) Ich sei früher aufrecht gegangen, sagt Ma Franci, warum soll sie lügen? Nicht, dass mich das tröstet. Ist es nett, einen Blinden daran zu erinnern, dass er mal sehen konnte?“
Dies sind drei tongebende Sätze der Hauptfigur und des Ich-Erzählers aus dem ersten Kapitel. Animal, so genannt, weil er sich nur auf allen Vieren fortbewegen kann, ist ein 19-jähriges verkrüppeltes Opfer des Unglücks von Bhopal. Er lehnt Mitleid ab, flucht wie ein Seemann, und giert nach körperlicher Zuwendung. Animal spricht seine Geschichte auf Tonkassetten eines Journalisten, und er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: die Sprache der Straße; bei Animal ein charmanter Mix aus Hindi, Englisch und Französisch.
Als eine junge amerikanische Ärztin eine Klinik für die Opfer der Chemiekatastrophe eröffnet, wird Animal zu ihr geschickt, um herauszufinden, auf welcher Seite sie steht. Ein Netz von Intrigen und Verdächtigungen treibt die Handlung voran, bis zu ihrem dramatischen Ende. Eine Reihe von bemerkenswerten Figuren, etwa die köstlich schräge französische Nonne Ma Franci, die das Findelkind Animal aufgezogen hat, oder Chunaram, windiger Vermittler und Teeladenbesitzer, werden mit wenigen Strichen meisterhaft zum Leben erweckt. Die Geschichte bleibt trotz aller Leiden und Schrecken stets anrührend. Sinha balanciert zwischen Komödie und Tragödie und bringt seinen Figuren stets Respekt und Zuneigung entgegen. In einer aus den Fugen geratenen Welt ergibt nur noch die groteske Übertreibung einen Sinn. Ein sehr bewegender Roman.

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  • Indra Sinha | MENSCHENTIER

    Menschentier

    Bookster_HRO

    26. September 2017 um 15:51

    INHALT: Am 3. Dezember 1984 öffneten sich in Khaufpur, einer Großstadt im Herzen Indiens, die Pforten der Hölle, als nach einem Betriebsunfall in einem Chemiewerk ein ätzendes Gemisch austrat und als riesige Giftgaswolke durch die Elendsviertel schlich. Tausende Menschen verloren in dieser Nacht unter schrecklichen Qualen ihr Leben, Hundertausende erlitten unheilbare Krankheiten oder körperliche Entstellungen für den Rest ihres Lebens. Knapp zwanzig Jahre nach dem Unfall erzählt ein junger Mann einem Journalisten seine Geschichte. Animal, wie er von allen genannt wird, wurde in jener Todesnacht geboren, verlor dort seine ganze Familie und ist seit seinem sechsten Lebensjahr anatomisch völlig verdreht: Die Giftgaswolke ließ seine Wirbelsäule falsch wachsen, sodass er sich nur auf allen Vieren fortbewegen kann. Animal erzählt vom Leben im Armenviertel Chicken Claw, von Zafar, dem Heiligen der Armen, der nie aufgibt, gegen die Verantwortlichen der Katastrophe vorzugehen, denn bisher gab es keinerlei Entschädigung für die Opfer. Er berichtet auch von Elli Barber, einer Ärztin aus den Staaten, die in Khaufpur auf eigene Kosten ein Krankenhaus eröffnet. Doch die Einwohner sind skeptisch und wittern einen Trick des Chemiekonzerns. Als sich die Chefetage der Fabrik wieder einmal um einen Gerichtstermin herumschummelt (Korruption steht in Khaufpur auf der Tagesordung), gehen Zafar und einige Aktivisten öffentlich in den Hungerstreik. Dieser Widerstand findet in der Bevölkerung großen Anklang und eine Demonstration entsteht, die die Regierung zum Handeln zwingt. Diese jedoch fährt schweres Geschütz auf, und als Zafar nicht mehr zu retten ist, kippt die Bewegung in kollektiven Zorn und die verlassene aber nie bereinigte Fabrik geht in Flammen auf… FORM: Das fiktive Khaufpur hat ein reales Vorbild – Bhopal. Der Unfall im Chemiewerk von Bhopal ging als schlimmste Chemiekatastrophe in die Geschichte Indiens ein und ist Ausgangspunkt für Indra Sinhas bemerkenswerten Roman. Auch die Erzählform des Buches ist außergewöhnlich: Animal, der Ich-Erzähler, bespricht dreiundzwanzig Kassetten des Journalisten; wir Leser erhalten eine genaue Abschrift dieser Kassetten, ohne Korrektur, mit allen Fehlern und Ungenauigkeiten. Denn obwohl Animal wahrlich kein dummer Junge ist, hat er doch das Schandmaul seines Viertels geerbt und spricht so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das ist zum Teil recht derb, überwiegend aber doch sympathisch. Er spricht frei von der Leber weg über alles und jeden, über die Armen und die Reichen, über die Mädchen und seine Libido, über Ängste, Wünsche, Religionen und legt dabei eine ganz ursprüngliche Aufrichtigkeit an den Tag. Wenn Religionen wahr wären, würde es nicht so viele von ihnen geben, bloß eine für alle. Klar behauptet jeder, daß seine die einzige wahre ist, die Trottel merken nicht, daß das sogar noch unlogischer ist. Mal angenommen, die Leute würden so über Schönheit reden, wie dämlich würde sich das denn anhören? Mir tut in solchen Momenten Gott leid, der wie ein Stück Fleisch, um das sich Hunde zanken, in Stücke gerissen wird. Ich, ich, ich, darum geht’s doch bei Religion, wo ist da denn noch Platz für Gott? (Seite 289) Indra Sinha stand 2007 mit MENSCHENTIER auf der Shortlist des Man-Booker-Preises, musste sich jedoch Anne Enright geschlagen geben. Die mir vorliegende Ausgabe erschien in der sehr empfehlenswerten Reihe WELTLESE der Büchergilde Gutenberg, für die Ilija Trojanow als Herausgeber die ehrenvolle Aufgabe hat, Romane aus literarisch eher unbekannten Ländern der deutschen Leserschaft verfügbar zu machen. FAZIT: Ein wunderbares Buch, das trotz der unfassbaren Leiden der Opfer und der geschilderten Armut viel Humor und Hoffnung in sich trägt. Auch Begriffe wie Freundschaft, Liebe, Respekt und Vergebung werden zwischen den Zeilen immer wieder behandelt. Für mich ein ganz klarer 5-Sterne-Roman. *** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich über Euren Besuch ***

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  • Rezension zu "Menschentier" von Indra Sinha

    Menschentier

    sabatayn76

    19. February 2012 um 12:29

    'Wir sind das Volk der Apokalis.' Hintergrund: 1984 ereignete sich im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh die 'Katastrophe von Bhopal', bei der in einem Werk des amerikanischen Chemiekonzerns Union Carbide Corporation mehrere Tonnen giftiger Stoffe freigesetzt wurden. Schätzungen der Opferzahlen reichen von 3800 bis 25000 Toten durch den unmittelbaren Kontakt mit der Gaswolke. Inhalt: In Indra Sinhas Roman werden die Ereignisse von Bhopal nach Khaufpur verlegt. Im Mittelpunkt des Romans steht Animal, ein 19-jähriger Junge, der durch den Chemieunfall seine Familie verloren hat, dessen Rücken sich im Alter von 6 Jahren völlig verdreht hat und der sich nur auf vier Gliedmaßen fortbewegen kann. Animal bespricht Kassetten eines Journalisten und erzählt seine Geschichte, berichtet von den Bewohnern von Khaufpur, vom Elend der Armen und von der Ignoranz des verantwortlichen US-Konzerns. Mein Eindruck: Die Idee mit den besprochenen Kassetten hat mir sehr gut gefallen und vermittelt ein authentisches Bild von Animals Leben und von den Folgen der Chemiekatastrophe. Dabei ist die Lektüre sowohl inhaltlich als auch formal nicht immer einfach, denn Sinha erzählt von unvorstellbarem Leid und lässt Animal in einem Kauderwelsch aus verschiedenen Sprachen, in Neologismen und in seiner ganz eigenen Weise sprechen (z.B. 'Apokalis' oder 'Schurnaliss'). So entstehen Wortneuschöpfungen wie 'jamesbondieren', 'gekebabt' oder 'gebiryanit' und Sätze wie 'Der Säugling häckset onausgesetzet'. Und so macht die Lektüre - trotz des oft unschönen und sehr berührenden Inhalts - viel Spaß, und sprachlich und stilistisch entdeckt man beim Lesen immer wieder Begriffe, die völlig grotesk und komisch sind, den Leser zum Lächeln bringen. Mein Resümee: Ein großartig übersetzter, sehr nachdenklich machender Roman, der dennoch humor- und hoffnungsvoll ist. Ich wünsche 'Menschentier' sehr viele Leser! 'Die sind reich, die haben alles. Warum gönnen sie uns nicht mal Gesundheit?' 'Die Hoffnung stirbt an Orten wie diesen, denn die Hoffnung lebt in der Zukunft, und hier gibt’s keine Zukunft, wie kann man denn an morgen denken, wenn man die gesamte Kraft benötigt, um das Heute durchzustehen?'

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