Inge Barth-Grözinger Stachelbeerjahre

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Inhaltsangabe zu „Stachelbeerjahre“ von Inge Barth-Grözinger

Deutschland nach dem Krieg, ein Dorf im Schwarzwald. Frieden? Von wegen! Es knallt ordentlich in Mariannes Familie, wo Großeltern, Mutter und Schwester nur eines verbindet: ungelebte Träume. Einzig Marianne, die Kluge, Bildungshungrige, scheint ihre Chancen realistisch genug einzuschätzen. Doch eines Tages platzt der attraktive Gastarbeiter Enzo in dieses Leben. Und die Frauen in Mariannes Familie verlieren den Kopf.

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  • Toll geschrieben ... wirkt sehr authentisch ...

    Stachelbeerjahre

    engineerwife

    25. March 2017 um 10:30

    Obwohl es schon eine ganze Weile her war, dass ich den ersten Teil dieser Schwarzwaldsaga gelesen hatte, fand ich sofort wieder Zugang zu dem Buch, wenn auch weniger zu der Familie. Es ist schwer vorstellbar, wie verbohrt und unnachgiebig die Familienmitglieder sich verhalten. Die arme Marianne ist mit einer Großmutter gestraft, die sie zu hassen scheint, einem Großvater, der nicht zu widersprechen wagt und einer Mutter, die nur ihr eigenes Vergnügen im Kopf hat. Es wird über die Flüchtlinge und den „leichten“ Lebenswandel der Mutter der beiden Schwestern geschimpft. Marianne hat es als Kuckuck, dem verstorbenen „Vater“ ins Nest gelegt von ihrer Mutter, dem Franzosenliebchen, nicht leicht. Doch sie gibt nicht auf, sie erkämpft sich ihren Platz am Gymnasium und im Leben überhaupt. Auch gibt sie die Hoffnung nicht auf, vielleicht doch eines Tages den leiblichen Vater kennenzulernen …Dass es sich bei dem Buch um ein Jugendbuch handelt, war mir nicht bewusst. Es erklärt im Nachhinein manchmal die Schreibweise aus der Sicht Mariannes ist aber an keiner Stelle etwa seicht oder „kindgerecht“ geschrieben. Sicher treffen wir in ihrer Familie oft auf schlimmst mögliche Szenarien, die aber sicher nicht ganz aus der Luft gegriffen sind, es waren für die meisten keine leichten Zeiten in den späten vierziger Jahren. Ich bin wie immer begeistert von der Autorin und wünsche ihr noch viele erfolgreiche Bücher.

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  • Stachelbeerjahre

    Stachelbeerjahre

    Sternenstaubfee

    02. May 2016 um 21:40

    Marianne wächst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Gemeinsam mit ihrer Schwester Sieglinde, ihrer Mutter und ihren Großeltern lebt sie zusammen etwas abseits vom Dorf, das von den Dorfbewohnern etwas abfällig als "Siedlung" bezeichnet wird. Marianne ist schon früh ein "seltsames" Kind. Sie versteckt sich gerne unterm Küchentisch und wünscht sich, unsichtbar zu sein. Ihre Großmutter geht sehr lieblos mit ihr um und zieht die ältere Schwester vor. Eines Tages in der Schule wird Marianne als "Franzosenkind" bezeichnet, und da endlich versteht sie auch, warum ihre Großmutter sie nicht mag. Ihre Großeltern sind gar nicht ihre Großeltern, und ihr Vater, der vom Krieg nicht heimgekehrt ist, ist nicht ihr wirklicher Vater! Sie ist das Kind eines Franzosen, der damals nach dem Krieg im Dorf war. Von nun an denkt sie immer öfter an ihren unbekannten Vater und fühlt sich noch einsamer. Ihre Mutter ist oft unterwegs; vorwiegend geht sie zum Tanzen, was von den Großeltern und den übrigen Dorfbewohnern missbilligend zur Kenntnis genommen wird. Eines Tages entdeckt Marianne auf dem Dachboden einen alten Koffer mit Büchern. Sie versteckt die Bücher in ihrem Zimmer und liest heimlich in ihnen. Ihre Bücher sind ihre Schätze; sie versinkt in der Welt von Karl May und kann so ihrem Alltag entfliehen. In der Schule ist sie bald Klassenbeste, und ihre Lehrer möchten gegen den Willen ihrer Familie, dass sie weiter aufs Gymnasium geht. Ihre Mutter ist dagegen. Marianne ist ein Mädchen; sie wird sowieso bald heiraten und Kinder kriegen! Aber der Klassenlehrer schafft es, Mariannes Mutter zu überzeugen, und so kann Marianne weiter aufs Gymnasium gehen. Sie erlebt im Laufe der Jahre allerlei Neuerungen mit. Der erste Fernseher ist eine Sensation, bald gibt es ein richtiges Kino in der Stadt, und der Rock 'N'Roll kommt nach Deutschland! Und Enzo kommt; ein Gastarbeiter aus Italien. Er wird im Haus untergebracht, und bald schon sind alle Frauen der Familie außer Marianne ihm verfallen. Dann kommt es zur Katastrophe! * Meine Meinung *Ein sehr gelungener Roman, den ich innerhalb kurzer Zeit lesen konnte. Der Schreibstil war leicht und einfach, wie es für ein Jugendbuch sein sollte, und die Handlung war schlüssig, interessant und aufschlußreich! Die Nachkriegszeit in Deutschland war sicher sowieso schon eine ereignisreiche Zeit, und in diesem Roman wird die Zeit noch einmal lebendig! Selbst für junge Leser – für die dieser Roman ja gedacht ist – ist es keine trockene Handlung; ganz im Gegenteil! Mich hatte die Geschichte sofort gefesselt und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Auch wenn anfangs gar keine wirklich aufregenden Dinge geschehen, so war der Roman an keiner Stelle langweilig! Allein schon zu erfahren, wie die Menschen früher gelebt haben, war für mich total spannend! Man kann sich das heute in unserer Welt des Luxus und des Fortschritts gar nicht mehr vorstellen. Ein Fernseher ist das normalste von der Welt; Musik sowieso. Für die Menschen damals waren diese Dinge ein kleines Wunder, und das bringt die Autorin in ihrem Roman richtig gut rüber. Ich werde dieses Buch in mein "All Age"–Roman-Regal stellen, denn es ist nicht nur ein Jugendbuch. Dieses Buch können durchaus auch Erwachsene noch lesen und ihre Freude daran haben! Ein richtig gutes Buch, über das man sich auch nach dem Umblättern der letzten Seite noch Gedanken machen kann!

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  • Rezension zu "Stachelbeerjahre" von Inge Barth-Grözinger

    Stachelbeerjahre

    gina_mayer

    05. March 2011 um 13:26

    Stachelbeerjahre" spielt in den Nachkriegsjahren, die Handlung beginnt im Jahr 1946 und endet - ziemlich blutig - 1962. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Marianne, dem „Kuckuck“. Ihre Mutter – das findet Marianne kurz nach ihrer Einschulung heraus – hat sich nämlich mit einem französischen Besatzungssoldaten eingelassen, nachdem ihr Mann im Krieg gefallen ist. Marianne, das Franzosenkind, wohnt mit Mutter und der älteren Schwester bei den Schwiegereltern der Mutter, die nun plötzlich nicht mehr Mariannes Großeltern sind. Vieles in diesem Buch hat mich an Ulla Hahns „Das verborgene Wort“ erinnert, von dem ich begeistert war. Auch Marianne ist begabt und klug und erkämpft sich schließlich den Weg aufs Gymnasium. Die Spießigkeit und Enge der Nachkriegszeit, die Not und das abscheuliche Essen, die Verachtung der Nachbarn und die Bosheit der anderen Kinder, all das schildert Inge Barth-Grözinger sehr eindrücklich und mit sprachlicher Virtuosität. Wenn es um die Vermittlung der Zeitgeschichte geht, wird der Ton für meinen Geschmack manchmal zu oberlehrerhaft, aber das mögen andere anders empfinden. Für mich kam der Bruch auf den letzten dreißig Seiten, da taucht plötzlich Enzo auf, der erste italienische Gastarbeiter im Dorf. Und Enzo wirbelt die Familie durcheinander, er schläft gleichzeitig mit der Mutter und der älteren Schwester und scheint auch für Marianne etwas zu empfinden. Die Frauen, selbst die Großmutter, verlieren völlig den Kopf und dann passiert ein Mord (damit verrate ich nicht zu viel, weil das nämlich schon auf dem Klappentext steht). Enzo war leider auch für mich zu viel. Dieses fleischgewordene Italienerklischee, tanzend, singend, verführend, natürlich ein Hallodri, aber immer gut gelaunt. Ich hab die ganze Zeit darauf gewartet, dass er „O sole mio“ anstimmt, aber das hat er sich dann doch verkniffen. Schade, weil der tolle Roman solche Stereotype sonst konsequent vermeidet. Außer Enzo ist keiner der Charaktere eindimensional gezeichnet. Keiner ist nur Opfer oder nur Täter. Und alle verbergen sie etwas: der liebe Großvater verhaut die Kaninchen, der bewunderte Deutschlehrer war ein begeisterter Nazi, die Flittchenmutter sucht verzweifelt nach der großen Liebe. Mein Tipp: Lesen – und die letzten Seiten einfach weglassen. Es lohnt sich, wirklich!

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  • Rezension zu "Stachelbeerjahre" von Inge Barth-Grözinger

    Stachelbeerjahre

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Bücher sind sehr oft Geschmackssache. Die einen lesen Krimis, bevorzugen Thriller. Andere lassen sich eher von historischen oder Liebesromanen etc. zum Lesen verführen. Ja, selbst die Gründe, weswegen wir lesen, sind so vielfältig wie die Menschen selbst und oft hängt das Gefallen oder Nichtgefallen an einer Lektüre davon ab, welches Buch wir zu welcher Zeit, Interessenslage und Lebenssituation in die Finger bekommen. Ich hab zwar halb im Spass schon einmal gesagt, dass die Bücher eigentlich mich finden und nicht ich die Bücher. Bei dem Buch, dass ich heute vorstellen möchte, trifft das jedoch noch um einiges mehr zu, denn es behandelt nicht nur einen Zeitraum in unserer Deutschen Geschichte, über den noch herzlich wenige Romane geschrieben wurden, sondern beinhaltete für mich persönlich noch eine zusätzliche Überraschung. Noch niemals zuvor habe ich bei einem Autor/einer Autorin das Gefühl gehabt: "Hey, der/die schreibt ja über einen Teil aus meinem persönlichen Erleben." Und doch ist es fast so, obwohl das Dorf meiner Kindheit nicht in der beschriebenen Gegend liegt. Ja, der Identifikationslevel mit der Protagonistin in diesem Roman - und manchen Dorfbewohnern - ist bei mir sehr hoch...so hoch, dass ich nicht umhin konnte, unserem jüngsten Sohn davon vorzuschwärmen, bis er das Buch auch gerne selber lesen wollte: "Dann weiß ich doch wenigstens ein bißchen mehr, wie Du als Kind in Deinem Dorf gelebt hast und wie es damals war, als Du klein warst", freute er sich und ich denke, dass das bestimmt nicht schaden kann. Das Buch ist zwar für Leser ab 13 Jahren empfohlen, aber eine Altersbegrenzung gibt es ja nicht. ;-) Zunächst gilt also mein herzlicher Dank dem Thienemann-Verlag dafür, dass ich dieses Buch zum Rezensieren bekommen habe. Ich gebe ehrlich zu, durch dieses Buch eine Autorin gefunden zu haben, die bei mir wirklich einen Nerv getroffen hat und deren weitere Bücher ich mir nach und nach auf jeden Fall zulegen möchte. Es existiert auch schon ein erstes Buch mit der Grunbacher Dorf-Gesellschaft, das allerdings unabhängig vom vorliegenden Buch gelesen werden kann. Außerdem ist sogar noch ein drittes Buch von der Schriftstellerin geplant, da sie nach eigener Aussage Gefallen daran gefunden habe, eine Art Grunbach-Trilogie zu schaffen. Darüber freue ich mich als restlos begeisterte Leserin natürlich sehr. Die Bevölkerung ist durch den zweiten Weltkrieg dezimiert, viele junge Männer sind gefallen oder noch in Gefangenschaft. In jeder Familie hat der Krieg auf die eine oder andere Art seine Spuren hinterlassen, die im weiteren Verlauf der Geschichte zu Tage treten und die Haupthandlung harmonisch und sinnvoll ergänzen. Zur Haupthandlung und somit zum Ursprung der Geschichte, um die sich mehrere kleine Nebenschauplätze ranken: Marianne Holzer lebt mit ihrer Mutter und älteren Schwester Sieglinde bei den Großeltern väterlicherseits. Schon als Kleinkind spürt sie, dass es in der Familie auf vielfache Art und Weise gärt. Nicht nur rein optisch ist sie anders als ihre Verwandten, sondern auch von ihrem ganzen Wesen her. Das strenge Regiment im Hause Holzer führt die Großmutter Hedwig, die zu jedem ruppig und hart ist, außer zu Mariannes Schwester Sieglinde. Das Verhältnis der Schwestern untereinander ist liebevoll, aber von recht unterschiedlichen Interessen und Verhaltensweisen geprägt. Während Marianne unter der strengen Großmutter leidet, am liebsten alleine für sich ist, sich unter dem Küchentisch mit der damals obligatorischen Wachstuchtischdecke versucht, möglichst unsichtbar zu machen oder gerne im nahegelegenen Wald beim Beeren-oder Holzsammeln alleine ist, nimmt Sieglinde das ganze Geschehen zuhause gar nicht ernst, macht sich oft über "die Alte", wie beide Mädchen sie insgeheim nennen, lustig und weiß im richtigen Moment die verbitterte alte Frau immer um den Finger zu wickeln. Der Großvater Gottfried entflieht der Keiferei seiner Frau meist in den Stall zu seiner Kaninchenzucht, mit denen er entweder redet oder diese aus für Marianne unerklärlichen Gründen schlägt, ist aber sonst wortkarg und eindeutig durch den Krieg und den Tod seines einzigen Sohnes traumatisiert. Er versucht ständig, an die neuesten Nachrichten heranzukommen, um vor dem Herannahen des Bösen, wie er es Marianne gegenüber nennt, gewappnet zu sein. Mariannes Mutter arbeitet bei dem einzigen Großarbeitgeber der Gegend, Tournier. Ihre Arbeit wird aber nicht näher benannt, nur, dass es mit kleinen Schräubchen und Rädchen zu tun hat, die die Arbeiter mühevoll einsetzen und präzise per Hand einstellen müssen. Anstrengende Arbeit, von der die Mutter sich oft erholt, indem sie abends in ein Tanzcafe ausgeht und, wie selbst sagt, einfach ihren Spass haben will. Dies geschieht sehr zum Missfallen ihrer Schwiegermutter, die dies als Verrat an ihrem gefallenen Sohn ansieht und ihr bei jeder Gelegenheit unter die Nase hält, dass sie ihre Schwiegertochter als Hure ansieht und ihre Enkelin Marianne als "Kuckuckskind". Als in Mariannes Klasse als Hausaufgabe gefordert wird, einen Familienstammbaum zu fertigen, kommt heraus, dass Marianne gar nicht die leibliche Tochter von Walter Holzer ist, sondern ihr vermeintlicher Vater bei ihrer Zeugung schon längst im Krieg war. Für Marianne hört an diesem Tag im Prinzip ihre Kindheit auf. Das unerklärliche Gefühl, gar nicht richtig zum Haushalt der Holzers zu gehören, bekommt eine reale Begründung und sie beginnt, geschockt und verletzt durch die Hänseleien der anderen Kinder, die die Wahrheit ihrer Herkunft schon lange kannten, sich für alles andere, was im Dorf geschieht zu interessieren. Niemals wieder will sie unwissend sein oder irgendetwas ohne Erklärung hinnehmen und nimmt ab sofort ihre Umwelt weitaus kritischer unter die Lupe. Ihr wird klar, dass sie nicht nur äußerlich mit ihrer Familie kaum etwas gemein hat, sondern sucht Liebe und Glück - ein einfach leichtes, wärmendes Gefühl, wie sie es ausdrückt - in der Beziehung zu zwei Mädchen aus der Nachbarschaft. Diese beiden Freundinnen, von denen eine geistig behindert ist, werden auf ganz unterschiedliche Art mehr zu den Lieferanten dieses Glücksgefühls als irgendjemand aus ihrer eigenen Familie und tragen wesentlich zu ihrer eigenständigen Entwicklung bei. Das Verhalten ihrer Mutter, der es nur um die finanzielle Absicherung und die eigene Wahrung des Rufes geht, wird ihr immer befremdlicher und sie nimmt sich vor, viel zu lernen und später einmal ihren französischen Vater aufzusuchen, der nach Ende der Besatzungszeit wieder in seine Heimat zurückkehrte. Letzteres Vorhaben wird von ihrer Mutter allerdings als nutzlose und undurchführbare Spinnerei abgetan, da der Name ihres Vaters, Yves Dupont, ein solch häufiger Allerweltsname in Frankreich sei, so dass es ihrer Meinung nach völlig unmöglich sei, ihren Vater ausfindig zu machen. Sie selber habe es ja schließlich auch nicht geschafft, seine Adresse ausfindig zu machen, damals, als sie in der Garnison nachgefragt habe, nachdem sie festgestellt habe, dass sie schwanger von ihm war. Doch Marianne wird allmählich immer bewußter, dass ihr eigener Charakter sich stark vom Wesen ihrer Mutter unterscheidet, die meist den Weg des geringsten Widerstandes wählt und deren Interessen sich nur auf Oberflächlichkeiten reduziert haben. Am wichtigsten ist der Mutter ihr Ansehen im Dorf, finanzielle Absicherung und die allmählich wieder erreichbaren Luxusgüter, die man mit dem noch recht bescheidenem Einkommen erwerben kann. Ihr einziges zusätzliches Engagement liegt noch darin, endlich einen respektablen Ehemann zu ergattern, durch das sämtliches Gerede über sie, ihrer Meinung und Hoffnung nach, zum Verstummen käme. Sieglinde übernimmt im Verlauf der Geschichte immer mehr die Verhaltensweise ihrer Mutter. Marianne aber ist ganz anders gestrickt. Sie interessiert sich mittlerweile für alles, was im Dorf vor sich geht, nimmt auf ihre zwar distanziert bleibende, aber nichtsdestotrotz herzliche Weise immer mehr am sozialen Geschehen teil, ist an den historischen und jetzigen politischen Vorgängen interessiert und liest heimlich die Bücher von Walter Holzer, die sie durch puren Zufall beim Holzbevorraten in einem abgewetzten, alten Koffer gefunden hat. In ihr reift der Entschluß, ebenfalls das Abitur zu machen, das ihr nicht leiblicher Vater wegen des Krieges nicht absolvieren konnte. Eine Ambition, die bei Familien aus einfachen Verhältnissen noch gänzlich ungewöhnlich und oft auch nicht erwünscht war. Welch tragischer Umstand ihr dann allerdings doch ermöglichte, ihren Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen, werde ich nun nicht verraten, um das eigene Leseerlebnis nicht zu schmälern. Es sei aber erwähnt, dass es keineswegs vorhersehbar war und auf keinen Fall das Einzige ist, was diesen Roman so spannend und überaus interessant machte. Die Geschichte beginnt damit, dass Marianne Holzer mit starken Kopfschmerzen und allgemeinem schlechten Befinden im Bett ihrer Mutter erwacht. Da sie noch nicht einmal als Kleinkind bei Krankheiten dieses Privileg geniessen durfte, wundert sie sich zunächst, was so Schlimmes passiert sein könnte, dass man ihr das erlaubte, sieht bei dem Versuch, sich zu erinnern aber sofort jede Menge Blut vor ihrem geistigen Auge und verdrängt zunächst instinktiv, was genau passiert ist. Danach springt die Handlung einige Jahre zurück in die Jahre ihrer frühen Kindheit und wir dürfen in Form eines Rückblicks die Handlung aus der Perspektive von Marianne verfolgen. Sehr selten - also den Lesefluß des Handlungsstrangs keineswegs störend - wird diese fortlaufende Haupthandlung durch kurze Abschnitte unterbrochen, in der Marianne in der Gegenwart versucht, sich wieder aufzurappeln und allmählich zu einem Entschluss kommt, wie ihr Leben nun nach einer tödlichen Eskalation in ihrem Familienleben weitergehen soll. Neben einer wirklich spannenden Handlung und einer ebenso interessanten Zeitdokumentation erfährt man eine Unmenge mehr an Wissenswertem rund um die Deutsche Geschichte und Politik. Geschickt bringt die Autorin die große Deutsche Geschichte und auch weltweite Vorgänge in das dörfliche Geschehen durch Gespräche zwischen den Dorfbewohnern, Radio und der Nvität Fernseher mit ein und spart auch die menschlichen Folgen von KZ-Aufenthalt und langjähriger Gefangenschaft nicht aus. Denn seien wir doch mal ehrlich: wenn wir in einem sachlich gehaltenem Geschichtsbuch über solche Dinge lesen, wird uns dann eigentlich die wahre Bedeutung und Auswirkung auf menschliche Lebewesen wirklich klar und bewußt? Ich denke nicht so stark wie in diesem Roman über ganz normale Menschen, die sich eigentlich nur ihr Leben schön und vernünftig einrichten wollten und das Pech hatten, in eine Zeit großer geschichtsrelevanter Katastrophen, politischer Vorgänge oder deren Auswirkungen hineingeboren zu werden. Am Schluß des Buches ist eine kurze Auflistung wichtiger historischer Stationen, die für Deutschland damals relevant waren und auf die eine oder andere Art auf jeden Protagonisten Auswirkungen hatte. Ich könnte auch noch viel mehr aus diesem großartigen Roman erzählen. Die Autorin versteht es nämlich meisterhaft, die Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der ersten zaghaften Jahre des Wirtschaftswunders lebendig zu machen. Hauptsächlich um Mariannes Entwicklung vor dem Hintergrund der Nachkriegsjahre in dem schwer gebeuteltem Grunbach mit all seinen Familienschicksalen geht es in diesem, wie ich finde, wichtigem Buch. Wichtig finde ich dieses Buch deswegen, weil man in den Schulen sehr viel über die großen geschichtlichen Ereignisse lernt, aber eher seltener, wie es ganz normalen, kleinen, unbedeutenden Leuten dabei ging. Dadurch ist eine Identifikation und auch ein tieferes Verständnis wohl eher schwierig. Wenn dieses Buch dagegen gelesen wird, kann man als junger Mensch viel eher nachvollziehen, wie es den eigenen Vorfahren ergangen ist und es kann die Grundlage für Gespräche sein, die zu einem besseren Verständnis führen können. Mein Geburtsjahr fällt zwar nicht so ganz mit dem Geburtsjahr der fiktiven Marianne zusammen. Es ist eher die Generation meines um zehn Jahre älteren Bruders, aber die Gegebenheiten und Entwicklungen in dem Dorf Grunbach sind so ähnlich mit denen im Dorf meiner Kindheit, dass ich sehr oft ein richtiges Déjà-vu hatte. Es handelte sich da um z.B. die Wachstuchdecken auf dem Küchentisch, die Sissi-Filme, die Musik von Peter Kraus und Elvis Presley (die allerdings eher mein Bruder mit Begeisterung hörte), der Kaninchenzucht meines Großvaters, der auch Gottfried hieß (meine Oma hieß allerdings nicht Hedwig und war nur ein ganz lieber, alter Drachen), dem Beeren- und Pilzesammeln im Wald, Babypuppen mit Schlenkergliedern, die Einrichtung eines Dorfkinos, die Ungeheuerlichkeit, dass ich selbst schon auf das Gymnasium durfte, als andere Mädchen noch Sekretärinnen und Hauswirtschafterinnen wurden, durchaus schlimme dörfliche Ereignisse, wie die Selbsttötung eines Nachbarn und vieles, vieles mehr. Meine Kindheit ist mir durch dieses Buch wieder lebendig geworden. Die Erkenntnis, ebenfalls auf solch normale Weise irgendwo auch zur Deutschen Geschichte zu gehören war außerdem eine sehr schöne und interessante Erfahrung für mich. Warum das Buch übrigens "Stachelbeerjahre" heißt und was zwei Stubenfliegen und eine Raupe damit zu tun haben, findet Ihr wohl am besten selbst heraus. Ich kann das Buch nur rundherum empfehlen.

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  • Rezension zu "Stachelbeerjahre" von Inge Barth-Grözinger

    Stachelbeerjahre

    Sternenstaubfee

    26. February 2011 um 20:11

    Marianne wächst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Gemeinsam mit ihrer Schwester Sieglinde, ihrer Mutter und ihren Großeltern lebt sie zusammen etwas abseits vom Dorf, das von den Dorfbewohnern etwas abfällig als "Siedlung" bezeichnet wird. Marianne ist schon früh ein "seltsames" Kind. Sie versteckt sich gerne unterm Küchentisch und wünscht sich, unsichtbar zu sein. Ihre Großmutter geht sehr lieblos mit ihr um und zieht die ältere Schwester vor. Eines Tages in der Schule wird Marianne als "Franzosenkind" bezeichnet, und da endlich versteht sie auch, warum ihre Großmutter sie nicht mag. Ihre Großeltern sind gar nicht ihre Großeltern, und ihr Vater, der vom Krieg nicht heimgekehrt ist, ist nicht ihr wirklicher Vater! Sie ist das Kind eines Franzosen, der damals nach dem Krieg im Dorf war. Von nun an denkt sie immer öfter an ihren unbekannten Vater und fühlt sich noch einsamer. Ihre Mutter ist oft unterwegs; vorwiegend geht sie zum Tanzen, was von den Großeltern und den übrigen Dorfbewohnern missbilligend zur Kenntnis genommen wird. Eines Tages entdeckt Marianne auf dem Dachboden einen alten Koffer mit Büchern. Sie versteckt die Bücher in ihrem Zimmer und liest heimlich in ihnen. Ihre Bücher sind ihre Schätze; sie versinkt in der Welt von Karl May und kann so ihrem Alltag entfliehen. In der Schule ist sie bald Klassenbeste, und ihre Lehrer möchten gegen den Willen ihrer Familie, dass sie weiter aufs Gymnasium geht. Ihre Mutter ist dagegen. Marianne ist ein Mädchen; sie wird sowieso bald heiraten und Kinder kriegen! Aber der Klassenlehrer schafft es, Mariannes Mutter zu überzeugen, und so kann Marianne weiter aufs Gymnasium gehen. Sie erlebt im Laufe der Jahre allerlei Neuerungen mit. Der erste Fernseher ist eine Sensation, bald gibt es ein richtiges Kino in der Stadt, und der Rock 'N'Roll kommt nach Deutschland! Und Enzo kommt; ein Gastarbeiter aus Italien. Er wird im Haus untergebracht, und bald schon sind alle Frauen der Familie außer Marianne ihm verfallen. Dann kommt es zur Katastrophe! * Meine Meinung * Ein sehr gelungener Roman, den ich innerhalb kurzer Zeit lesen konnte. Der Schreibstil war leicht und einfach, wie es für ein Jugendbuch sein sollte, und die Handlung war schlüssig, interessant und aufschlußreich! Die Nachkriegszeit in Deutschland war sicher sowieso schon eine ereignisreiche Zeit, und in diesem Roman wird die Zeit noch einmal lebendig! Selbst für junge Leser – für die dieser Roman ja gedacht ist – ist es keine trockene Handlung; ganz im Gegenteil! Mich hatte die Geschichte sofort gefesselt und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Auch wenn anfangs gar keine wirklich aufregenden Dinge geschehen, so war der Roman an keiner Stelle langweilig! Allein schon zu erfahren, wie die Menschen früher gelebt haben, war für mich total spannend! Man kann sich das heute in unserer Welt des Luxus und des Fortschritts gar nicht mehr vorstellen. Ein Fernseher ist das normalste von der Welt; Musik sowieso. Für die Menschen damals waren diese Dinge ein kleines Wunder, und das bringt die Autorin in ihrem Roman richtig gut rüber. Ich werde dieses Buch in mein "All Age"–Roman-Regal stellen, denn es ist nicht nur ein Jugendbuch. Dieses Buch können durchaus auch Erwachsene noch lesen und ihre Freude daran haben! Ein richtig gutes Buch, über das man sich auch nach dem Umblättern der letzten Seite noch Gedanken machen kann!

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