Ingeborg Arvola

 4,3 Sterne bei 6 Bewertungen
Autor*in von Der Aufbruch und Zeit der Wale.

Lebenslauf

Ingeborg Arvola, geboren 1974, wuchs in Pasvikdalen und Tromsø im hohen Norden Norwegens auf und hat bereits mehrere Romane für Kinder und Erwachsene geschrieben. Ihren internationalen Durchbruch erlebte sie 2022 mit dem Roman »Der Aufbruch«, dem ersten Buch in der historischen Eismeer-Trilogie. Der Roman, der von der Geschichte ihrer Familie inspiriert ist, wurde sofort ein Bestseller, erhielt den renommierten Brage-Literaturpreis und wurde für viele weitere Literaturpreise wie den Preis des Nordischen Rates und den Norwegischen Buchhändlerpreis nominiert. Auch international sorgte der Roman, der in 12 Länder verkauft wurde, für großes Aufsehen und erhielt überragende Kritiken.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Ingeborg Arvola

Cover des Buches Der Aufbruch (ISBN: 9783442762682)

Der Aufbruch

(6)
Erschienen am 19.03.2025
Cover des Buches Zeit der Wale (ISBN: 9783442762699)

Zeit der Wale

(0)
Erscheint am 24.06.2026

Neue Rezensionen zu Ingeborg Arvola

Cover des Buches Der Aufbruch (ISBN: 9783442762682)
gosureviewss avatar

Rezension zu "Der Aufbruch" von Ingeborg Arvola

gosureviews
Ein historischer Roman wie ein arktischer Strom: kalt, unerbittlich, aber von großer Schönheit.

Selten beginnt ein historischer Roman so leise und endet so eindringlich wie Ingeborg Arvolas Der Aufbruch. Kein dramatischer Paukenschlag, keine inszenierte Moral. Stattdessen ein letzter Satz, der so schlicht wie offen ist, als würde die Geschichte nicht enden, sondern sich in den Leser fortschreiben. Genau darin liegt die Größe dieses Romans. Arvola erzählt Geschichte nicht im Sinne eines rückblickenden Berichts, sondern als gelebte Erfahrung. Sie schreibt nicht, um zu illustrieren, sondern um spürbar zu machen. Der Aufbruch, der erste Band ihrer Trilogie Ruijan rannalla – Lieder vom Eismeer, beweist eindrucksvoll, dass literarische Qualität nicht laut oder pathetisch sein muss. Es genügt, wenn sie präzise ist, klug beobachtet und sich jeder Eitelkeit enthält.


Im Mittelpunkt steht Brita Caisa, eine Frau mit zwei unehelichen Kindern, die 1859 aus dem finnischen Inland Richtung Nordnorwegen flieht. Die Gesellschaft hat sie verstoßen, der Pfarrer sie öffentlich gedemütigt. Was bei anderen Autorinnen leicht zur larmoyanten Selbstbemitleidung führen würde, behandelt Arvola mit großer Nüchternheit. Sie macht Brita nicht zur Heldin, sondern zur Figur voller innerer Spannungen, die sich zwischen Stolz und Verzweiflung, Hoffnung und Wut ihren Weg durch eine erbarmungslose Welt bahnt. Ihre Fehltritte und emotionalen Irrwege sind nicht moralisch kommentiert, sondern Teil eines Lebens, das sich keinen einfachen Kategorien unterordnet.


Dass diese Figur auf Arvolas eigene Vorfahrin zurückgeht, ist mehr als ein biografischer Kunstgriff. Es verleiht der Erzählung eine stille Autorität. Man spürt in jeder Szene die Genauigkeit der Recherche, aber auch den Respekt vor dem Stoff. Arvola weiß viel, doch sie belehrt nie. Stattdessen flicht sie ethnografisches, sprachliches und historisches Detailwissen mit großer Souveränität in eine dichte, atmosphärisch aufgeladene Handlung ein. Fischfang, Volksglaube, jahreszeitliche Wanderarbeit, die harte Topografie des Nordens – all das erscheint nicht bloß als Kulisse, sondern als integraler Bestandteil des Erzählten.


Formal überzeugt der Roman durch seine Klarheit. Die Kapitel sind knapp, oft nur wenige Absätze lang, aber jede Szene hat Gewicht. Arvolas Stil ist schnörkellos, aber nie karg. In ihren Sätzen schwingen Kraft und Zärtlichkeit gleichermaßen mit. Wer genau liest, hört den Schnee knirschen, riecht die salzige Luft und spürt die Enge einer Gesellschaft, die über Moral urteilt, aber ihre eigenen Verfehlungen verschweigt. Gelegentlich mag die Vielzahl an Namen und Sprachen – Finnisch, Kvenisch, Norwegisch – fordern, doch gerade das spiegelt die kulturelle Durchmischung dieser vergessenen Grenzregion wider.


Auch eine Liebesgeschichte kommt vor. Sie folgt allerdings keiner romantischen Dramaturgie, sondern verläuft brüchig, widersprüchlich, gezeichnet von gesellschaftlichem Druck und individueller Sehnsucht. Die Leidenschaft ist glaubhaft, gerade weil sie Konsequenzen hat. Arvola verklärt nichts. Liebe ist in diesem Roman keine Erlösung, sondern ein weiterer Prüfstein. Das ist selten in einem Genre, das sich allzu oft mit einfachen Lösungen zufrieden gibt.


Der Aufbruch ist vieles zugleich: ein feministischer Roman, ohne politisches Manifest zu sein. Ein kulturelles Porträt, ohne belehrend zu wirken. Eine literarische Reise in eine raue, oft feindliche Natur, die nicht nur geographischer Raum, sondern seelische Landschaft ist. Am Ende bleibt ein Buch, das seine Leser fordert, aber nie überfordert. Es öffnet den Blick auf eine unterrepräsentierte Kultur, eine vergessene Region, ein Leben im Schatten der offiziellen Geschichtsschreibung. Und es tut das mit einer leisen, aber durchdringenden literarischen Stimme.




Wer sich darauf einlässt, wird ein Stück arktisches Licht mitnehmen. Kein grelles Leuchten, eher ein flackerndes Schimmern, das noch lange nach der letzten Seite im Gedächtnis bleibt.

Cover des Buches Der Aufbruch (ISBN: 9783442762682)
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Rezension zu "Der Aufbruch" von Ingeborg Arvola

Andrea-Karminrot
Sanft und gewaltig

Der Aufbruch ist der erste Teil einer Trilogie. Es ist Winter 1859. Brita Caisa ist eine willensstarke und eigenständige Frau. Sie hat zwei uneheliche Söhne und keinen Mann. Und sie lebt in einem Dorf, in dem sie nicht bleiben kann. Brita wurde in der Kirche vor die gesammelte Bevölkerung gerufen und angeklagt, sich mit einem verheirateten Mann eingelassen zu haben. 4 Sonntage musste sie bei der Predigt stehen und ihr klarmachen, wo sie in der Gesellschaft steht. Sie fühlt sich angeklagt, gedemütigt, so wird sie niemals einen Mann finden, der gut ist.

Der Aufbruch

Caisa will nicht bleiben, sie macht sich, mit ihren beiden Söhnen, auf den Weg an die Eismeerküste. Es ist Winter und man kommt außerordentlich gut mit dem Schlitten voran. Gezogen von einem braven Rentier und Brita auf Skiern, werden sie aufgehalten, weil Brita "heilende Hände" hat. Sie soll hier und dort jemanden vor dem Tod retten. Meist geht es gut, bis sie auf den Hof von Gretha und Mikko treffen. Dort strandet die kleine Familie und bleibt einige Zeit. Brita muss eine sehr schöne Frau sein. Und es dauert nicht lange, da kommen sich Mikko und Brita näher. Mit ihm könnte sie sich ein Leben vorstellen. Doch das widerspricht natürlich wieder den Konventionen. Sogar ihr älterer Sohn wird sauer und wendet sich ab.

Ingeborg Arvola, die Autorin

Die Autorin hat einen sanften und gewaltigen Roman geschrieben. Die Sätze sind fast ein bisschen mystisch, oder märchenhaft. Katharina Martl hat den Roman übersetzt, was ich mir nicht so einfach vorstelle. Arvola ist 1974 geboren und ist im hohen Norden Norwegens aufgewachsen. Der Roman "Der Aufbruch" ist, so sagt die Autorin, von ihrer eigenen Familie inspiriert.
Brita Caisa, ihre Hauptfigur, hat mich manchmal froh und sauer zurückgelassen. Aber auch die anderen "Mitspieler" waren mir nicht immer sympathisch und manchmal konnte ich die Reaktionen und Situationen nicht ganz nachvollziehen. Und doch hat der Roman mich gefesselt und ich erwarte die nächsten Teile. Spannend fand ich die Lebensumstände und die Beschreibungen der Natur, durch die Caisa und ihre Familie zum Eismeer zogen.

Von uns bekommt der Roman "Der Aufbruch" 🐭🐭🐭🐭

 

Cover des Buches Der Aufbruch (ISBN: 9783442762682)
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Rezension zu "Der Aufbruch" von Ingeborg Arvola

Angie*
Faszinierendes Leben in Magie ,,,,


Ingeborg Arvola lässt uns teilhaben an einem Stück eigener Familiengeschichte, welche sie sorgfältig recherchiert hat. Sie entführt uns in die Jahre 1859 - 1862. Wir befinden uns in der Finnmark und begleiten eine 35-jährige Mutter mit zwei Jungen auf ihrem Schlitten, den sie mit ihren Ski durch die unwirtlichen dichten, tief verschneiten Wälder der Finnmark zieht. Die Hoffnung auf ein besseres Leben, ohne Hunger,Entbehrungen sowie hämischen Nachreden ihres Dorfes und der Nachbarn, treibt sie an zu dieser Reise an die Küste des Eismeeres in Norwegen. Brita Caisa Seiparjærvi ist eine besonders schöne Frau mit aussergewöhnlichen Heilkräften und nicht verheiratet. Ihr älterer Sohn entstammt aus einer Beziehung mit einem verheiratetem Mann. Der Vater des kleineren Jungen verstarb früh, plötzlich und unerwartet. Der Pastor ihrer Kirchen-Gemeinde hat sie als unzüchtige Hure, Mutter von zwei unehelichen Kindern offen beschimpft, einer Kirchenstrafe unterzogen und blossgestellt.In ihrer Heimatgemeinde hatte sie nun mit ihren beiden Kindern keine glückliche Zukunft mehr zu erwarten.


Die Autorin beschreibt in diesem Roman eine Gesellschaft, deren strenge Regeln uns kaum noch vertraut sind, die wir nicht akzeptieren. Auch Brita Caisa will sich den üblichen, damaligen Gepflogenheiten nicht fügen und bricht aus ihrem Leben aus. Sie hat ihren Söhnen zwar versprochen an der Eismeerküste zu heiraten, lernt aber den verheirateten Mikko kennen. Die beiden verlieben sich leidenschaftlich ineinander und alles kommt anders, als dem grossen Jungen Aleksi und dem dreijährigen Heikki versprochen.


Der Roman erzählt in flüssigem und schön zu lesendem Ich-Stil vom Leben der Brita Caisa, ihrer Familie, den Bekannten und Freund*innen. Ich bin durch die Seiten geflogen und in ein ursprüngliches Leben in tiefen, dunklen Wäldern, Mooren mit Molte Beeren, Flüssen, Meeresküsten und eingeschnittenen Fjorden abgetaucht und war völlig gefesselt von dieser vergangenen, beschwerlichen Zeit. Der Duft von Holzfeuern aus einfachen Saunen, Tieren wie Schafen, Rentieren und von salzigen Meeres Brisen, getränkt mit Fischgeruch und dem Kreischen der Meeres Vögel entstand automatisch in meinem Kopfkino.  Ein Personenverzeichnis mit Namens Varianten in Finnisch und Norwegisch hat mir bei der Orientierung der vielen Personen und deren ungewöhnlicher Namen geholfen.Damals haben dort Volksgruppen wie Schweden, Norweger, Finnen,Samen,Russen miteinander gelebt und so die Finnmark bunt bevölkert.


Der wunderbare Schreibstil mit sehr poetisch verfassten Naturbeobachtungen hat mich verzaubert und sehr beeindruckt.  Der alte, mystisch angehauchte Volksglauben, die immerwährende Anwesenheit des *kleinen Volkes* mit seinen geheimnisvollen Besonderheiten und die Heilkraft der Brita Caisa bei Verletzungen und/oder Geburten, die sie aus der Natur und ihrem *inneren Wesen* zieht, haben mich fasziniert. Viele Ausdrücke und Lieder im Text eingestreut, in Original Finnisch, Norwegisch, Schwedisch, oder einer Mischung konnte ich zwar nicht verstehen und/oder für mich übersetzen, haben mich aber trotzdem berührt und die Authentizität des Geschehens und des Textes unterstrichen.


Meine Bewertung: FÜNF ***** Sterne für dieses herausragende Buch! Absolut lesenswert.  

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