Ingeborg Bachmann Male oscuro

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Inhaltsangabe zu „Male oscuro“ von Ingeborg Bachmann

Bachmanns Traumnotate, Briefentwürfe und Aufzeichnungen aus der Zeit ihrer Krankheit sind als Grundelemente der späten »Todesarten«-Texte von großem literarischem Interesse. Darüber hinaus sind diese Schriften dazu angetan, unser Wissen über ihre Krankheit, und über das Phänomen der Krankheit überhaupt, zu erweitern. Sie sind anstößig, mutig in ihrem analytischen Ansatz, geschlagen mit dem Wissen um das Unheilbare – und zugleich erfüllt von dem leidenschaftlichen Wunsch, aus der Krankheit herauszukommen und Heilung zu finden.

Herr F. war die große Tragödie ihres Lebens. Wir erfahren dazu weitere Details.

— Aliknecht
Aliknecht

Die Aufzeichnungen zeigen eine Schriftstellerin in ihren äußersten Zuständen - schonungslos gegenüber eigenen Schambedürfnissen.

— jamal_tuschick
jamal_tuschick

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    Male oscuro
    Aliknecht

    Aliknecht

    18. April 2017 um 16:03

    Psychotherapeuten pflegen zu Beginn einer Behandlung ihren Patienten schriftliche Aufzeichnung ihrer Träume abzuverlangen. Dieser Methode verdanken wir einige sehr private hier erstmals publizierte Blätter von Ingeborg Bachmann, die den ersten Teil  "Traumnotate und Aufzeichnungen" bilden. Sie träumte von Fischgräten im Mund, von einem Kamel, mit dem sie schlafen wollte, und dass Herr F. sie ins Gefängnis brachte. Dieser Herr F. war die große Tragödie ihres Lebens. Er spukte als Blinder, der in Wirklichkeit sieht, in ihrer Biographie und in diesen Texten herum. Sie ist zwischen Wien, Berlin, Rom, Uetikon und Baden-Baden unterwegs. Alkohol und Medikamente machen ihr zu schaffen. Klinikaufenthalte und Therapie-Versuche wechseln sich ab. Zeitweise fühlt sie wIeder festen Grund unter sich und denkt, "es ist gut, dass ich nicht mehr trinke, ich werde darum auch nie wieder stürzen". Im zweiten Teil "Briefe, Brief- und Redeentwürfe"  beeindrucken vor allem zwei flammende fragmentarische Rede-Entwürfe einer verzeifelten Patientin an die Ärzte. Natürlich können diese Text-Bruchstücke nicht ihr Leben abbilden, aber sie geben einige Hinweise auch auf ihre literarische Produktion. Knapp 80 Seiten Bachmann-Text werden assistiert von etwa der doppelten Anzahl Seiten der Herausgeber mit Vorwort, Kommentar zur Edition, Kommentar zum Entstehungszusammenhang, literaturwissenschaftlichem Kommentar, Stellenkommentar, Literaturverzeichnis und einigen Faksimiles. Erstaunlicherweise lässt der Stellenkommentar beim Traumteil weniger Fragen eines unbedarften Lesers offen als bei den Briefen. Die Liste Literatur zum Thema enthält leider weder etwas über die Gruppe 47, die ein wichtiges Umfeld von Ingeborg Bachmann war und sie einer größeren Öffentlichkeit bekannt machte, noch Biographien über wichtige Personen in ihrem Leben wie etwa jenen famosen Herrn F. oder Paul Celan.

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  • Uns überlebt die Scham

    Male oscuro
    jamal_tuschick

    jamal_tuschick

    13. March 2017 um 09:59

    Ingeborg Bachmann ist die Romy Schneider der Literatur. Schneiders Spiel mit Michel Piccoli löscht Karlheinz Böhm aus. Die Verwandlung von Sissi in eine Verrauchte geht dramatisch über die Bühne. Gemessen an den Margen des Literaturbetriebs absolviert Bachmann eine kongeniale Karriere auf den Feldern der Anerkennung und der bedeutenden Männer so wie in den von psychischen Einbrüchen verheerten Kellern der versuchten Selbstmorde. Beide Ikonen zerreißt die Spannung zwischen gewöhnlichen Bedürfnissen und außergewöhnlichen Fähigkeiten. Beide sind schließlich Gezeichnete. Der Alkohol- und Medikamentenmissbrauch schenkt dem Unglück Jahrhundertgesichter. Manche Namen und weitere Gründe des Bachmann’schen Unglücks kennt man seit Jahrzehnten. Andere gehörten bis jetzt zum Unzugänglichen im Nachlass. Nun erscheint Entsperrtes. Die Herausgeberinnen Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni haben die Grenzen zur Indiskretion zweifellos wie auf Millimeterpapier vermessen, gefangen von philologischen Skrupeln. Der Autor ist seinem Werk egal, anders könnte es nicht überleben. Wer braucht das, was nicht Werk geworden ist? “Male oscuro” eröffnet die neue Gesamtausgabe mit Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit, mit Traumnotaten, Briefen, Reden und Entwürfen. So führt es der Untertitel ungefähr aus. Der Haupttitel zitiert den Titel des Krisenberichts eines italienischen Schriftstellers. Bachmann rührt divers daran, Male oscuro scheint magisch besetzt zu sein wie zur Ankündigung einer Überschreitung. Die Autorin spricht für andere, wo sie sich an Ärzte wendet. Da vertritt sie “die meisten ... (die) nicht fähig sind, zu formulieren”. Sie setzt das Kafkawort von der “Scham, die uns überlebt” ein. Ihre Scham ist selbst gewaltig, wenn sie in einem Buch “wiederlesen muss, wie sie mit ihrem Mann gelebt hatte, dann wie sie als junges Mädchen das getan oder jenes unterlassen hatte”. Sie fühlt sich ausgeschlachtet und zu Wurst verarbeitet. Sie will keinen Unterschied mehr zwischen einem Schriftsteller und einem Schlachter erkennen. Ich weiß gerade nicht, ob Heiner Müller oder Bertolt Brecht, doch behauptete einer dieser Suhrkampautoren: Die entscheidende Frage lautet, wer frisst wen? Die Aufzeichnungen zeigen Bachmann in behandlungswürdigen Zuständen, angegriffen vor allem vom misslungenen Scheitern der Beziehung zum robusten Max Frisch in seiner Mein-Name-sei-Gantenbein-Phase Anfang der Sechzigerjahre. Frisch folgte Celan, die Dichter_innen waren sich zuerst begegnet, bevor Celan Gisèle 1952 heiratete. Trotz vehementer außerehelicher Befruchtungen blieb Celan bei seiner Frau. Von ihm ist nicht mehr die Rede, aber von Frischs Verrat, der Bachmann entkräftigt und wehrlos macht, bis daraus wieder Literatur wird. Nächsten Monat erscheint zum Beispiel solcher Umwandlungen von persönlichen Verlusten in literarische Gewinne “Das Buch Goldmann”. Ein Eingriff nimmt Bachmann aus dem Reproduktionswettbewerb. Berlin wird zum Schauplatz noch eines Zusammenbruchs. Ein Arzt rät zum Festhalten der Träume. Bachmann träumt von Knieoperationen und Fahrradtouren, keinesfalls künstlerisch wertvoll wie seit Rahel Varnhagen so viele aus der ersten Reihe. Hannah Arendt analysierte die mit sozialen Bedeutungen geladenen Schlafresultate als Sublimationen gesellschaftlicher Frustrationen. „Was das Bewusstsein verdrängt, kehrt in der Nacht zurück.“ Gestaltete Träume sind Ausdruck durchgreifenden Selbstgefühls. Das fehlt Bachmann. Sie wirkt wie eine ertappte Elevin mit dem Geständnis: “Ich möchte mit (einem) ... Kamel schlafen.”

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