Ingeborg Gleichauf

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Ingeborg Bachmann und Max Frisch

Ingeborg Bachmann und Max Frisch

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Erschienen am 19.01.2015
Sein wie keine andere

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Erschienen am 20.04.2018
Jetzt nicht die Wut verlieren

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 (2)
Erschienen am 16.08.2010
Ich will verstehen

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 (2)
Erschienen am 01.04.2005
Hannah Arendt

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 (1)
Erschienen am 01.03.2000
Denken aus Leidenschaft

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Erschienen am 01.01.2009
Worte, mir nach!

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 (1)
Erschienen am 01.04.2008

Neue Rezensionen zu Ingeborg Gleichauf

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GernotUhls avatar

Rezension zu "Poesie und Gewalt - Das Leben der Gudrun Ensslin" von Ingeborg Gleichauf

Dichterin und Henkerin
GernotUhlvor 9 Monaten

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/ensslin

Gudrun Ensslins Lebensgeschichte ist Literatur: Die schöne Pfarrerstochter verflucht die Nächstenliebe, gibt sich als Braut des Bösen dem teuflischen Terror hin, ehe sie freiwillig aus dem Leben scheidet. Das ist eine Steilvorlage für Biografen. Und genau das bringt Ensslins Biografin Ingeborg Gleichauf dazu, ihre besondere Lebensgeschichte vorurteilsfrei aufzurollen - über die Literatur, die sie selbst gelesen und durchdrungen hat. Dabei zeigt sie Ensslin eher als Dichterin denn als Henkerin.

 Rätselhafte Menschen faszinieren. Gudrun Ensslin ist so ein Mensch. Ihr Lebensweg hätte sie als ehrgeizige und akribische Forscherin auf einen Germanistik-Lehrstuhl bringen können, als vielseitig belesene Lektorin in große Verlage oder sogar als Autorin in die Bestsellerlisten. Stattdessen hat sie die Wurzeln ihrer humanistischen Bildung und ihrer christlichen Erziehung gekappt und sich (selbst)mörderischer Gewalt und blindem Hass hingeben. Als RAF-Terroristin hat an der Vernichtung all dessen gearbeitet, was sie einst ausgemacht hat: Nächstenliebe (als Tochter, Schwester, Mutter, Freundin), Weltoffenheit (als allseits interessierte Schülerin mit Auslandsjahr) und kritisches Urteilsvermögen (als Viel-Leserin und politische Redakteurin mit sozialdemokratischem Missionseifer).Gudrun Ensslin ist 1940 geboren und in einer Pfarrersfamilie aufgewachsen. In der Schule ist sie beliebt und wissensdurstig. Gudrun Ensslin studiert Germanistik und schreibt ihre Doktorarbeit (teilweise mit Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes) über den Schriftsteller Hans Henny Jahn, der Gewalt ablehnt und menschliche Brutalität geißelt. Ensslin verfügt über eine scharfsinnige Beobachtungsgabe, stilsichere Formulierungskünste und eine eigene musische Begabung. Diese Wesenszüge arbeitet ihre Biografin Ingeborg Gleichauf treffsicher heraus. Die Dichterin und Dichter-Forscherin Gudrun Ensslin näher kennen zu lernen, ist das größte Verdienst dieser Biografie, die durch diese Herangehensweise eine Sonderstellung unter den direkten und indirekten Lebensbeschreibungen von Gudrun Ensslin einnimmt: Gleichauf bewirkt durch ihre profunden Analysen, dass man sich die Texte, die Ensslin geprägt haben, selbst zur Hand nimmt. Ebenso überzeugend ist es, dass sie sich nicht auf tiefenpsychologische Spekulationen zu Ensslins Männerwahl einlässt - auch wenn hier Potential wäre. Berward Vesper, ihr erster Partner, teilt Gudrun Ensslins Liebe zu Büchern, kann sich aber nicht von seinem nationalsozialistisch geprägten Vater lösen. Und ihr zweiter Partner ist Andreas Baader, der Kopf der RAF. Es fällt Ingeborg Gleichauf an manchen Stellen lesbar schwer, ihm die Verantwortung für Ensslins Radikalisierung zuzuschreiben - aber sie hält es durch, auch wenn es schwer sein mag. Unnötig kompliziert macht es sich Ingeborg Gleichauf damit, ihren Anpruch des unvoreingenommenen Herangehens gegen andere Autoren abzugrenzen. Denn anstatt ihre Leistung für sich stehen und das Werten anderen zu überlassen, fällt sich abschätzige Urteile über Stefan Austs RAF-Standardwerk, die unentspannt und wenig souverän rüberkommen. Und auch die Lobeshymnen auf Gerd Koenen sind insofern unangebracht, als sie die Eigenständigkeit in Frage stellen, die ihr eigenes Ensslin-Buch im breiten Angebot der Literatur zur RAF durchaus verdient. Dabei ist diese Biografie streng genommen gar kein echtes RAF-Buch. Sein qualitativer und quantitativer Fokus liegt auf den Jahren, in denen Ensslin noch nicht als Terroristin menschenverachtende Verbrechen begangen und verantwortet hat. Das ist insofern erfrischend, als die Literatur zum RAF-Terror tatsächlich kaum noch zu überschauen ist. Wer sich allerdings über diese Ensslin-Biografie zum ersten Mal mit dem RAF-Terror beschäftigt, dem hätte man die dunkle Seite der Gudrun Ensslin vielleicht noch etwas deutlicher vor Augen führen können. Dessen ungeachtet ist die diese Biografie gelungen.

Ingeborg Gleichauf zeigt eindrucksvoll, dass man Menschen nicht pauschal bewerten kann und soll - auch wenn sie viel Unheil angerichtet haben.

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Gegen_den_Strom_lesens avatar

Rezension zu "Poesie und Gewalt - Das Leben der Gudrun Ensslin" von Ingeborg Gleichauf

Origineller Ansatz, der ganz ohne Spekulationen auskommt
Gegen_den_Strom_lesenvor 2 Jahren

Die RAF-Mitbegründerin Gudrun Ensslin erhängte sich nach mehreren Hungerstreiks, im Oktober 1977 in ihrer Zelle in Stuttgart-Stammheim, mitten im finsteren "Deutschen Herbst".

Doch wie konnte aus der geselligen, intelligenten und behüteten Gudrun, die in einer süddeutschen Pfarrersfamilie aufwuchs, eine "eiskalte" Terroristin werden? Wie konnte aus einer sprachmächtigen Germanistikstudentin, die das geschriebene Wort liebte, eine Parolen schmiedende Wortfechterin werden? Und warum wurde Ensslin in früheren Werken oft als die Person im Hintergrund behandelt, heißt es ja immer nur Baader-Meinhof-Komplex.

Diesen Fragen versucht die Biographin so unvoreingenommen wie möglich auf den Grund zu gehen. Gleichauf beginnt dafür am Ursprung, erzählt und recherchiert die Kindheit und Jugendjahre Ensslins sehr ausführlich und betont immer wieder, dass keiner sicher sagen kann, wie es in Ensslins Innerem aussah, dass es sich um Spekulationen handle.

Im Mittelpunkt der Biographie steht eine extreme Person und ihr extremer Lebensweg. Gleichauf räumt nebenher mit  gängigen Klischees und Vorurteilen auf, und verteilt deutliche Hiebe gegen die meist männlichen Autoren und Biographen zum Thema: hauptsächlich geht es gegen Stefan Aust (Der Baader-Meinhof-Komplex), Butz Peters (Tödlicher Irrtum), Gerd Koenen (Vesper, Ensslin, Baader) und Wolfgang Kraushaar (Die RAF und der linke Terrorismus).

Besonders interessant empfand ich die neue Herangehensweise Gleichaufs, sie analysiert was Ensslin gelesen und was diese über die Literatur geschrieben hat. Ensslin setzte sich sehr intensiv mit der Lyrik von Hans Henny Jahnn auseinander, was unter anderem als vollständige Ablösung von Religion und Moralkodex des elterlichen Pfarrhauses gewertet werden könnte.

Das Buch ist anfangs sehr stark und wird gegen Ende leider schwächer. Dies mag daran liegen, dass es gegen Ende - die Zeit in Stammheim- weniger Zeugenberichte für die Auswertungen gab.

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Devonas avatar

Rezension zu "Poesie und Gewalt - Das Leben der Gudrun Ensslin" von Ingeborg Gleichauf

Interessanter, gut recherchierter Ansatz, aber...
Devonavor 2 Jahren

Ich möchte die Einschätzung des Buches durch Robert Braunmüller in der Abendzeitung München vom 18.01.2017, welche im Klappentext zu finden ist, in den Mittelpunkt meiner Besprechung stellen, denn er formuliert genau das, was mir beim Lesen von „Poesie und Gewalt: Das Leben der Gudrun Ensslin“ durch den Kopf ging:

»“Poesie und Gewalt“ handelt von der Unmöglichkeit einer Biografie. Das ist ehrlicher als die dröhnende Selbstgewissheit, mit der andere Bücher vom Leben fremder Menschen fabulieren.«

Das klingt ein wenig ernüchternd und das ist es vielleicht auch für Leser, die sich mit dem Thema RAF und Gudrun Ensslin schon eingehender befasst haben. Nichtsdestotrotz hat Ingeborg Gleichauf einen wirklich guten Job gemacht: ihr intensives, ehrliches Bemühen, hinter dem Mythos den Menschen  Gudrun Ensslin sichtbar zu machen, ist für den Leser bei jeder gelesenen Zeile erkennbar. Immer dann wenn der schmale Pfad der akribischen und wirklich ambitionierten Fakten-Recherche in die Allee der Spekulationen einzumünden droht, kann man als Leser die ungewollte Hilflosigkeit, aber auch die die konsequente Verweigerung der Autorin fast schon selber körperlich spüren. Sätze wie:

Die Faktenlage bezüglich […] erweist sich als äußerst dürftig.

Bis auf diese wenigen Details gibt es […] wenig Konkretes zu sagen.

Mehr als fraglich ist natürlich […]

[…] können wir nicht wissen.

Es scheint, als habe sie so etwas noch nie erlebt.

ziehen sich zuhauf durch das ganze Buch (und ja: sie nerven auch manchmal). Die Ambivalenz der Persönlichkeit Gudrun Ensslins kann die Autorin durchaus gut beschreiben und anschaulich darstellen, allein Erklärungen kann auch dieses Buch zur „Sphinx der RAF“ nicht liefern. Wie aus dem fröhlichen Kind aus streng religiösem Elternhaus, einer hochintelligenten, literatur- und sprachbegeisterten, zielstrebigen Musterstudentin mit Stipendiat, einer intellektuellen jungen Frau mit bedauerlicherweise unglücklichem Händchen bei der Männerwahl eine außerhalb jeden geltenden Rechts stehende, radikale, terroristische Gewalttäterin werden konnte, ist rational auch durch dieses Buch nicht erklärbar. Somit erfährt der Leser an Fakten nicht mehr, als er durch andere Lektüre bereits wusste.

Ingeborg Gleichauf liefert aber viele kleine, interessante Details, indem sie den Versuch wagt, sich Gudrun Ensslin über die Literatur, die diese las, anzunähern. Darauf liegt der eigentliche Fokus des Buches. Es ist ein guter und dezenter Versuch: aber eben auch nur ein Versuch und nicht mehr. Gudrun Ensslin scheint sich auch 40 Jahre nach ihrem Tod einer Analyse entziehen zu wollen.

Das „WARUM?“ steht nach der Lektüre vielleicht sogar noch etwas größer im Raum, als vorher. Und vielleicht möchte ich dieses Buch gerade aus diesem Grund empfehlen. Unsere Gesellschaft ist derzeit gezwungen, ihre Einstellung zu Hass, Gewalt, Radikalisierung, Terror neu zu definieren. Dieses Buch hat mich dazu gebracht, mir auch in Bezug auf mich Fragen dazu zu stellen.

Fazit: Gut gemachte, empfehlenswerte Biografie einer Ausnahme-Persönlichkeit, die keine neuen Fakten, aber einen anderen Blickwinkel anbietet.

www.buchimpressionen.de

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