Inger-Maria Mahlke

 3.7 Sterne bei 68 Bewertungen
Autorin von Wie Ihr wollt, Rechnung offen und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Inger-Maria Mahlke

Gesellschaftskritik und Darstellungen der Femme Fatale: Inger-Maria Mahlke wurde 1977 in Hamburg geboren, wuchs aber in Lübeck auf. Nach ihrem Abitur studierte sie Rechtswissenschaften in Berlin und arbeitete am Lehrstuhl für Kriminologie. Ihr erster Roman wurde im Jahr 2010 unter dem Titel "Silberfischchen" beim Aufbau-Verlag veröffentlicht. Für dieses überaus erfolgreiche Debüt erhielt sie den Klaus-Michael-Kühne-Preis. 2009 war sie Preisträgerin des 17. Open Mike. 2014 wurde sie mit dem Karl-Arnold-Preis der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste ausgezeichnet. Ihr Roman "Wie ihr wollt" wurde im Jahre 2015 für die Longlist des deutschen Buchpreises nominiert. Mit "Archipel" schafft sie es 2018 sogar auf die Shortlist. Inger-Maria Mahlke lebt heute in Berlin.

Neue Bücher

Silberfischchen
 (11)
Erscheint am 09.11.2018 als Taschenbuch bei Aufbau TB.
Archipel
Erscheint am 28.11.2018 als Hörbuch bei Argon.
Archipel
 (7)
Neu erschienen am 21.08.2018 als Hardcover bei Rowohlt .

Alle Bücher von Inger-Maria Mahlke

Inger-Maria MahlkeWie Ihr wollt
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Wie Ihr wollt
Wie Ihr wollt
 (37)
Erschienen am 02.11.2016
Inger-Maria MahlkeRechnung offen
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Rechnung offen
Rechnung offen
 (13)
Erschienen am 12.02.2013
Inger-Maria MahlkeSilberfischchen
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Silberfischchen
Silberfischchen
 (11)
Erschienen am 09.11.2018
Inger-Maria MahlkeArchipel
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Archipel
Archipel
 (7)
Erschienen am 21.08.2018
Inger-Maria MahlkeArchipel
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Archipel
Archipel
 (0)
Erschienen am 28.11.2018

Zur Fragerunde mit…

Inger-Maria Mahlke ist für ihre Arbeit als Schriftstellerin bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Die Rechtswissenschaftlerin veröffentlichte 2010 ihren Debütroman „Silberfischchen“. Mit ihrem Text „Wie ihr wollt“ war sie 2015 zum ersten Mal für den angesehenen Deutschen Buchpreis nominiert, der jährlich im Rahmen der Frankfurter Buchmesse vergeben wird. Mit ihrem Roman „Archipel“ ist sie im Jahr 2018 erneut unter den Nominierten, steht sogar in der engeren Auswahl der Shortlist, auf die es nur die besten sechs Bücher des Jahres schaffen. Im Rahmen unserer Fragerunde zur Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018 stellte sich Inger-Maria Mahlke den Fragen ihrer Leserinnen und Leser. Ihre Antworten könnt ihr hier nachlesen.

Guten Tag, Frau Mahlke, zunächst möchte ich mich für Ihre Zeit bedanken, in der Sie uns hier Antwort stehen. Das ist großartig! Sie sind mit „Archipel“ nicht zum ersten Mal für einen Preis nominiert, Sie haben bereits Preise für andere Arbeiten erhalten und standen sogar schon einmal auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Dazu meinen Glückwunsch und ich drücke die Daumen für die diesjährige Verleihung. Mich würde sehr interessieren, wie Sie heute bei einem Blick zurück zu Ihrem Debüt „Silberfischchen“ stehen. Was verbinden Sie damit und wie stehen Sie heute dazu?

Ich kann mit „Silberfischchen“ immer noch gut leben. Oft entwickelt man ja Aversionen gegen die eigenen Anfänge, und ich würde heute vieles anders schreiben, aber ich stehe immer noch zu dem Text. Es war das, was damals möglich war. Ich hatte vorher noch nie einen Text geschrieben, der länger war als zehn Seiten. Als ich den Vertrag für „Silberfischchen“ unterschrieb, bestand der Text aus ca. 50 Seiten und ich hatte noch fünf Monate, um ihn fertig zu schreiben. Und dafür finde ich den Text immer noch in Ordnung. Und manchmal rede ich immer noch mit Hermann, der Hauptfigur…

Ich stelle es mir grundsätzlich schwer vor, ein Romanende zu finden; als Schriftsteller/in wirklich das Gefühl der Abgeschlossenheit zu empfinden. Geht es Ihnen beim Schreiben auch so, beziehungsweise hat das in „Archipel“ angewandte Prinzip der umgekehrten Kausalität dieses noch verstärkt? Theoretisch hätten Sie ja immer tiefer in die Vergangenheit der Familie eindringen können, so ist ein Stammbaum doch fast endlos.

Ich sage immer: Texte werden nie fertig, sie erstarren nur irgendwann… Damit möchte ich sagen: wenn mein damaliger Lektor mit nicht irgendwann meinen ersten Roman „Silberfischchen“ weggenommen hätte, ich würde immer noch daran schreiben… Zum Glück gibt es also Abgabefristen und Verträge, die eingehalten werden müssen, ich würde mich sonst heillos verzetteln…

Wie ist das zeitliche Verhältnis von Recherchearbeit und Schreibarbeit? Wie lange hat welcher Prozess für dieses Buch gedauert? Und sind Sie als Autorin dann völlig zufrieden mit dem Werk oder würden Sie heute etwas anders schreiben?

Vom zeitlichen Aufwand würde ich sagen 1/3 Recherche und 2/3 Schreibarbeit. Völlig zufrieden werde ich nie sein mit meinen Texten. Am Schlimmsten ist immer, wenn man das frischgedruckte Buch das erste Mal in den Händen hält, und aufschlägt, denn eines passiert immer: egal welche Seiten man dann vor sich hat, das erste, was man sieht, ist ein Fehler. Rechtschreibung oder inhaltlich, aber das erste ist immer ein Fehler.

Wie war es, als das Manuskript fertig war… die erste Reaktion?

Ich glaube, ich habe den Autor Hannes Köhler angerufen, der mich sehr unterstützt hat, während der letzten Monate Schreiben, und der hat sich einfach für mich gefreut, dass ich es endlich hinter mir hatte, die letzten Monate mit dem Text waren äußerst quälend.

Es soll ja bei Schriftstellern diese Angst vor dem ersten Satz geben. Wie finden Sie zu einem Romanthema und wie setzen Sie das Thema dann um? Beginnen Sie mit diesem berühmten ersten Satz und schreiben davon ausgehend weiter? Oder entstehen erst verschiedene Teile, die Sie dann zusammenfügen?

Ich schreibe nie chronologisch, ich habe oft schon früh einzelne Sätze im Kopf, und weite die dann aus zu kurzen Passagen, die später wie Puzzleteile funktionieren und immer wieder neu zusammengesetzt und passend geschrieben werden, bis ich mit dem Ergebnis leben kann.

Sie bewegen sich, rein zeitlich betrachtet, rückwärts in Ihrem Roman. Ist diese Richtung eher unbewusst aus den Ergebnissen Ihrer Recherchen entstanden oder haben Sie sich ganz bewusst dafür entschieden? Wie viel Mut hat es Sie gekostet, abweichend vom Mainstream in die Vergangenheit hinein zu schreiben? Schließlich sind Sie als Autorin letztlich darauf angewiesen, dass ihr Ansatz Akzeptanz bei der Leserschaft findet. Gab es vielleicht in diesem Zusammenhang Berater in Ihrem Umfeld, die Ihnen eher davon abgeraten haben? Und wie behält man in einem Beziehungsgeflecht, das sich über so einen langen Zeitraum erstreckt, den Überblick ohne ständig im bisher Geschriebenen nachzulesen? Und was steht für Sie persönlich im Vordergrund – die Geschichte Teneriffas oder die sich über Generationen hinweg weitervererbende soziale Ungerechtigkeit?

Ich wusste schon vorher, dass ich diesen Text rückwärts würde erzählen wollen, und nicht vorwärts. Reingeredet hat mir eigentlich niemand, im Gegenteil, ich hatte immer das Glück, Lektoren und Verlage zu habem, die mich mit meinen häufig etwas sperrigen Ideen unterstützt haben. Zum Überblick: Manchmal verliere ich den beim Arbeiten, schon weil ich ganze Textblöcke immer wild durch die Gegen kopiere. Die einzelnen Sätze kenne ich aber meist auswendig und navigiere meistens mit strg + f durch die Texte, (darum lasse ich auch manchmal Rechtschreibfehler stehen, wenn es kein ungewöhnlicheres Wort gibt in einem Absatz, nachdem man gut suchen kann.) Plotten, also mir Ablaufpläne oder Übersichten vorher zu überlegen oder aufzuzeichnen, mache ich nie. Die Geschichte Teneriffas kann ich nicht von der weitervererbten sozialen Ungerechtigkeit trennen, die ist ja Teil bzw. Ergebnis des historischen Prozesses.

Christoph Schröder von der Süddeutschen Zeitung ist nicht so ganz überzeugt von Ihrem Buch. Ist das egal nach der Shortlist-Platzvergabe oder ärgert es Sie? (Und noch eine Nebenfragen: Woher haben Sie den tollen grünen Mantel von Ihrem Autorenbild?)

Die Rezension von Herrn Schröder ist zwar sehr kritisch, aber respektvoll, und würdigt auch Aspekte, die der Rezensent als Stärke empfindet, mit der kann ich sehr gut leben. Rezensionen, auch Verrisse, finde ich eigentlich nur dann daneben, wenn sie persönlich werden, also über die Persönlichkeit des Autors spekulieren oder textexterne Punkte mitbesprechen. Das empfinde ich als unfair und übergriffig. Der Mantel ist von JCL es gab ihn auch noch in blau und schwarz ...

Wie umfangreich war die Recherchearbeit für dieses Werk? Waren Reisen in Ihre alte Heimat notwendig, um in Archive einzusehen?

Es waren jede Menge Recherchereisen notwendig, worüber ich aber überhaupt nicht traurig war. Zur Recherche gehörte auch, eine umfassende Sammlung alter Fotos von der Insel anzulegen. In den klassischen Archiven war ich nicht, ganz einfach weil auf Tenerife erst seit den 50er Jahren überhaupt archiviert wird und auch nicht in der Vollständigkeit, wie wir das aus Deutschland kennen.

Schon in „Wie ihr wollt“ haben Sie einen besonderen Stil kreiert, sodass sich der Roman wie ein historischer Bericht liest, gleichwohl eindringlich ist. Auch in „Archipel“ wählen Sie eine eher unbequeme Art des Schreibens, die wahrscheinlich nicht jedermanns Sache ist. Die rückwärtige Richtung erinnert an „Benjamin Button“. Was ist Ihre Inspiration gewesen?

Ganz klar die Insel selber, die schon so viele Inseln war. Ich mochte auch den Film „5x2“ von Ozon, der mit einer Ehescheidung beginnt und mit dem Kennenlernen des Paares endet. Und ich denke immer: lieber unbequem als langweilig.

Videos zum Autor

Neue Rezensionen zu Inger-Maria Mahlke

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Buecherschmauss avatar

Rezension zu "Archipel" von Inger-Maria Mahlke

Verdiente Preisträgerin des Deutschen Buchpreises
Buecherschmausvor 14 Tagen

Das Archipel der Kanaren ist ein Ort im Abseits. Die sieben Hauptinseln liegen zwischen 100 und 500 Kilometer vor der Küste Nordwestafrikas, zu dem sie geologisch gehören, sind aber als eine von 17 Autonomen Gemeinschaften Teil des fast 1500 Kilometer entfernten Mutterlandes Spanien. So ein Blick vom Rand ermöglicht manchmal einen genaueren, präziseren Blick.
Diesen Blick hat die 1977 in Hamburg geborene Inger-Maria Mahlke auch als deutsche Schriftstellerin, wenn sie auf die Geschichte Teneriffas, der größten und bevölkerungsreichsten der Inseln, blickt. Dennoch ist es nicht der Blick der Zugereisten, gar der Touristin, denn Mahlke hat kanarische Wurzeln. Ihre Mutter stammt aus der geschichtsträchtigen ehemaligen Inselhauptstadt San Cristóbal de La Laguna, wo auch die Geschichte um mehrere Familien in „Archipel“ angesiedelt ist. Sie führt uns durch fast einhundert Jahre Inselhistorie, die immer auch spanische und letztlich europäische Historie ist. Ein im deutschsprachigen Roman eher abseitiges Thema, das aber so spannend dargebracht wird, dass es die Autorin damit auf die Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreis geschafft hat, der am Montag verliehen wird.
Ein Motiv für die Nominierung wird sicher der unkonventionelle, ambitionierte Aufbau von „Archipel“ gewesen sein. Denn die Geschichte um im Zentrum drei Familien wird rückwärts erzählt, ausgehend vom Jahr 2015 bis zurück ins Jahr 1919. Dies ist das Geburtsjahr von Julio Baute, den wir als „el portero“ gleich zu Beginn kennenlernen und dessen Lebenszeit das Buch umspannt. Er ist damit die heimliche Hauptfigur des figurenreichen Romans. „El portero“ ist der Pförtner im Altenheim von San Borondón. Es beginnt im Jahr 2015 und er selbst ist 95 Jahre alt. Julio versieht sein Amt eher mürrisch, bewacht die Tür nach draußen, damit sich die demenzkranken Bewohner nicht heimlich davonstehlen können. Sein Herz gehört aber schon immer dem Radsport. Fast obsessiv verfolgt er die TV-Berichterstattung in seiner Portiersloge. Genauso mürrisch verhält er sich gegenüber seiner Tochter Ana, einer für den Bereich Tourismus zuständigen Lokalpolitikerin, die zu Beginn des Romans - der wegen der Konstruktion zeitlich zugleich sein Ende ist - in einen Umweltskandal verstrickt ist. Der Grund für das angespannte Verhältnis zwischen den beiden liegt natürlich in der Vergangenheit ( und damit in der Zukunft des Buches). Wir werden ihn erst in den folgenden Kapiteln erfahren, wie so manchen Hintergrund, manche Verflechtung.
Zunächst bleiben wir aber über eine lange Stecke im Jahr 2015. Fast ein Drittel des Buchs ist diesem Zeitabschnitt gewidmet.
Rosa ist der jüngste Spross der Familie Bernadotte Baute. Als Kunststudentin in Madrid gescheitert, kehrt sie ins Elternhaus zurück. Dort hat auch der Vater Felipe frustriert seine Professur, die der Erforschung von „Bürgerkrieg und Repressionen auf den Kanarischen Inseln“ gewidmet war, aufgegeben und spricht ein wenig zu viel dem Alkohol zu. Mutter Ana droht, wie gesagt, das Aus als Lokalpolitikerin. Eine eher schwierige Ausgangssituation. Neben der großbürgerlichen Familie der Bernadottes, der Felipe entstammt, und der mittelständischen, sozialistisch orientierten Familie Anas, den Bautes, verfolgen wir noch die Ruiz´, die als Hausangestellte am unteren Rand der sozialen Pyramide stehen.
Diese Konstellation erlaubt Inger-Maria Mahlke nun, eine ganze Reihe von Themen anzuschneiden: das berufliche Scheitern, die Perspektivlosigkeit junger Menschen in Spanien (und besonders auf den Kanaren), der Generationenkonflikt, Alter, Demenz, Tourismus, Umweltpolitik, politische Machenschaften, soziale Determination und und und. Das mag jetzt konstruierter und überfrachteter klingen, als es tatsächlich ist. Mahlke gelingt es grandios, diese ganzen Themen mühelos in ihre Familiengeschichte einzuweben und glaubwürdige Charaktere zu zeichnen. Sie erzählt detailreich, atmosphärisch und multiperspektivisch. Der personale Erzähler bleibt dabei immer nah an den Personen dran.
Dennoch ist die Konstruktion des zeitlichen Zurückgehens natürlich gewagt, sie verbietet die allzu einfache Identifikation des Lesers mit den handelnden Personen genauso wie das bequeme Niederlassen in weiten epischen Bögen und einer irgendwie gearteten geschichtlichen Linearität. Ein Personenverzeichnis ( neben einem Glossar für die vielen kanarischen Begriffe) ist für das mühelose Verfolgen der Familienzweige und Geschicke genauso hilfreich wie die Tatsache, dass die Zeitsprünge anfangs noch relativ klein sind, zunächst in das Jahr 2007, dann 2000, bis die Abstände zunehmend größer und die Kapitel kürzer werden. Prägnante Szenen lösen die ausgedehnte Erzählung ab, gar nicht so viel anders als beim Erinnern. Auch dabei herrscht ja irgendwann das Episodische vor. Mit fortschreitender Erzählung wird die Orientierung für den Leser leichter, Motive kristallisieren sich heraus, Verbindungen werden deutlicher. Das holt die Personen trotz des zeitlichen Abstandes nun näher heran.
Neben der Familiengeschichte rückt mit zunehmendem Eintauchen in die Vergangenheit auch der historische Kontext mehr ins Zentrum. Sowohl die Kolonialzeit (Spanien war als Kolonialmacht in Westsahara bis 1975 präsent; das Schicksal des Landes ist seitdem ungeklärt), die britischen Handelsinteressen auf den Inseln und natürlich der Spanische Bürgerkrieg und die Francozeit, sind Hintergrund für familiäre Wegmarken wie Todesfälle oder Geburten. Dabei erteilt Mahlke angenehmerweise keine Geschichtslektionen, sondern setzt ein gewisses Maß an Leserwissen voraus. Im Mikrokosmos der Kanaren kommen die Entwicklungen vielleicht ein wenig verzögert an, vielleicht ein wenig gedämpft, dafür aber überschaubarer. Sinnbild für sie ist der zentrale Platz in La Laguna. „Plaza de la Constitución“, „Plaza de la Republica“ und schließlich „Plaza de la Candelaria“ nach der Schutzheiligen der Kanaren wird er über die Jahre heißen, je nach politischer Lage. Die Familien Bernadotte und Baute sind dabei Gegner. Während Lorenzo als franquistischer Zeitungsverleger agiert und ein beträchtliches Familienvermögen begründet, ist Julio Baute als republikanischer Kurier unterwegs (mit dem Fahrrad!) und landet für Jahre im Gefängnis. Und die unterprivilegierte Familie der Merche Ruiz Pérez bleibt dort, wo sie immer war – im sozialen Abseits.
Inger-Maria Mahlke ist mit „Archipel“ ein toller Roman mit einer anspruchsvollen, aber überzeugenden Konstruktion gelungen.

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Rezension zu "Archipel" von Inger-Maria Mahlke

Inger-Maria Mahlke | ARCHIPEL
Ein LovelyBooks-Nutzervor 2 Monaten

Ana und Felipe gehören der Upper Class Teneriffas an, Zentrum des titelgebenden Archipels und Handlungsort in Inger-Maria Mahlkes neuem Roman. Felipe, der als jüngster Spross der einflussreichen Familie der Bernadottes Luxus gewohnt ist, verplempert seine Zeit mit teuren Drinks an der Bar des High-Society-Clubs – Clubmitglied reicht für ihn auch als Berufsbezeichnung – und hat zuhause wenig zu melden. Ana dagegen kommt aus einer Arbeiterfamilie und hat es als Inselpolitikerin weit gebracht, stolpert aber derzeit über eine Affäre mit weitreichenden Folgen.

Rosa, die Tochter der beiden – das Großstadtleben gewöhnt und spätpubertär –, ist gerade vom Studium auf dem Festland nach Teneriffa zurückgekommen und versucht, dem trägen Inselleben etwas abzugewinnen. Sie findet ihre Bestimmung bei den Alten im Seniorenheim, denen sie Modeartikel verschachert. Doch um ins Heim zu gelangen, muss sie am Pförtner vorbei, an Julio, ihrem knapp hundertjährigen Großvater mütterlicherseits, dem die Ehe seiner Tochter mit Felipe, diesem verhätschelten Schnösel, schon immer ein Dorn im Auge war und der somit – starrköpfig wie er ist – auch seiner Enkelin nicht ohne Vorbehalt begegnen kann.

Inger-Maria Mahlke (*1977) baut im ersten Drittel ihres Romans eine kunstvoll verzweigte Familiengeschichte auf. Doch die Fragen, die sich uns Leser automatisch stellen – Wird diese müde Ehe halten? Ist Anas politische Karriere am Ende? Finden Julio und Rosa doch noch einen Draht zueinander? – beantwortet sie nicht. Stattdessen dreht Mahlke an der Uhr und springt kontinuierlich mit jedem Kapitel ein paar Jahre zurück in der Zeit. Die Leute werden jünger, sind verliebt, sind Kinder, werden geboren, so wie auch ihre Eltern einst jünger waren und deren Eltern ebenfalls. Ansichten und Überzeugungen ändern sich ebenso wie die politischen Hintergründe des an Umstürzen nicht gerade armen Landes. Fast einhundert Jahre werden wir zurückgeschickt, bis ins Geburtsjahr Julios, der als einzige Konstante in jedem Kapitel einen Auftritt hat.

Mahlke dreht in ARCHIPEL die gewohnten Fragen also einfach um. Aus Wie-geht-es-mit-uns-weiter? macht sie Wie-sind-wir-so-geworden?, ein Kunstgriff, der nicht zuletzt dank ihrer schriftstellerischen Fertigkeiten vollends aufgeht. Mahlkes Sprache wirkt leicht, verzichtet aber nicht auf stilistische Tricks, was den Anspruch ihres Werks erheblich steigert. Noch dazu beendet sie den Roman mit dem Satz: Auf die Zukunft! Für mich der wohl »beste letzte Satz« des Jahres (knapp gefolgt von Angelika Klüssendorf).

Mit WIE IHR WOLLT stand Inger-Maria Mahlke 2015 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und auch in diesem Jahr ist ihr ein Platz auf der Shortlist zu gönnen. Am 11. September sind wir schlauer…

Kommentare: 1
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Xirxes avatar

Rezension zu "Wie Ihr wollt" von Inger-Maria Mahlke

Historischer Roman mal anders
Xirxevor 2 Jahren

Mary Grey, englische Adlige und mit dem Makel der Kleinwüchsigkeit gezeichnet, hat sich das Missfallen der Königin Elisabeth I. zugezogen und lebt seit Jahren in Haft. Während ihr zu Beginn die Familien, bei denen sie unter Hausarrest gestellt wurde, wohlgesinnt waren, sind die Greshams (ihre aktuellen 'Aufpasser') alles andere als glücklich über ihre Anwesenheit und lassen sie es deutlich spüren, königliche Abstammung hin oder her.
Inmitten dieser unschönen Verhältnisse beginnt das Buch und während sich die Tage der Gefangenschaft nahezu ereignislos aneinanderreihen, berichtet Mary Grey, wie sie sie erlebt. Langeweile umgibt sie und als sie erfährt, dass ihr Ehemann gestorben ist und damit nahezu der Letzte ihrer Familie, beschließt sie, ihr Leben selbst in Worte zu fassen, damit etwas von ihr bleibt. Denn sonst ist da niemand mehr, der es tun könnte.
So wechseln sich ihre bisherige Lebensgeschichte, besser: die ihrer Familie, in der sie aufgrund ihrer Behinderung nur so am Rande 'mitlief' mit der Beschreibung ihrer Tage in Gefangenschaft ab. Es ist ein sehr eigentümlicher Ton, in dem erzählt wird. Oft werden Sätze nur angerissen und nicht beendet; es gibt Momentaufnahmen, bei denen (mir) unklar ist, wo und/oder mit wem sie sich ereignen. Und obwohl Marys Gegenwart in der Ich-Perspektive erzählt wird, blieb sie mir merkwürdig fremd. Zu unverständlich ist mir ihr Verhalten, das durch nichts erklärt wird. Einerseits eine verheiratete, nunmehr verwitwete Frau, andererseits ein Verhalten wie eine Fünfjährige: wirft ihrer Dienerin Sachen an den Kopf, bockt und will ihre Schuhe nicht anziehen (Schuhkrieg!). Dass sie aufgrund ihrer Vergangenheit (keine Liebe, Aufmerksamkeit, Anerkennung...) mit Sicherheit jede Menge psychische Schäden davon getragen hat, mag manches erklären, und dennoch bin ich ihr kaum nahe gekommen. Vielleicht ist es der Mangel an Emotionen in dem Erzählten, weder mit Anderen noch mit sich selbst.
Ebenfalls schwer tat ich mich mit dem weiteren 'Personal' der Geschichte. Die Verwandschaftsverhältnisse empfand ich recht verwirrend und da viel nur in kurzen Ausschnitten erzählt wurde, war ich immer wieder am Rumrätseln, wer nun gemeint sei. Der Stammbaum auf den inneren Umschlagseiten war teilweise hilfreich ebenso wie der Anhang, aber es blieben immer noch eine ganze Menge Fragen übrig. Und wie aus Katholiken und Protestanten Anglikaner geworden sind, ist mir jetzt vollständig unklar. Aber das wäre dann ein Thema für das nächste Buch, das ich lesen sollte ;-)
Alles in allem eine ungewohnte Lektüre, die nicht schlecht war, mich aber aufgrund der verwirrenden Politik-, Religions-, Verwandtschafts- und sonstigen Verhältnisse sowie der unzugänglichen Protagonistin nicht völlig begeistern konnte.

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Gespräche aus der Community

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JohannaLuisas avatar
Deutscher Buchpreis

Wir freuen uns sehr, den Deutschen Buchpreis 2018 bei LovelyBooks begleiten zu dürfen! Nachdem wir die Leseproben der zwanzig Longlist-Titel diskutiert haben, stellen wir euch nun die sechs Titel der Shortlist vor.

Heute habt ihr die Gelegenheit, Inger-Maria Mahlke Fragen zu stellen und mit etwas Glück eins von zwei Exemplaren von "Archipel" zu gewinnen!

Stellt eure Fragen an die Autorin heute am 20.09.2018 über den blauen "Jetzt bewerben"-Button und landet damit automatisch im Lostopf für unsere Verlosung.

Unter allen Usern, die an mindestens 3 Aktionen zu den Shortlist-Autoren teilnehmen, verlosen wir außerdem ein signiertes Exemplar des Deutschen Buchpreis-Gewinners!

Da die Autoren der Shortlist aus zeitlichen Gründen nicht alle Fragen beantworten können, werden wir Inger-Maria Mahlke ausgewählte Fragen zukommen lassen und ihre Antworten nachreichen.

Mehr zum Buch
Ein großer europäischer Familienroman von der Peripherie des Kontinents: der Insel des ewigen Frühlings, Teneriffa. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2018.
"Es ist der 9. Juli 2015, vierzehn Uhr und zwei, drei kleinliche Minuten. In La Laguna, der alten Hauptstadt des Archipels, beträgt die Lufttemperatur 29,1 Grad. Der Himmel ist klar, wolkenlos und so hellblau, dass er auch weiß sein könnte". Damit fängt es an. Und mit Rosa, die zurückkehrt auf die Insel und in das heruntergewirtschaftete Haus der vormals einflussreichen Bernadottes. Rosa sucht. Was, weiß sie nicht genau. Doch für eine Weile sieht es so aus, als könnte sie es im Asilo, dem Altenheim von La Laguna, finden. Ausgerechnet dort, wo Julio noch mit über neunzig Jahren den Posten des Pförtners innehat. Julio war Kurier im Bürgerkrieg, war Gefangener der Faschisten, er floh und kam wieder, und heute hütet er die letzte Lebenspforte der Alten von der Insel. Julio ist Rosas Großvater. Von der mütterlichen Seite. Einer, der Privilegien nur als die der anderen kennt.
Inger-Maria Mahlke ist in nur wenigen Jahren zu einer der renommiertesten deutschen Schriftstellerinnen avanciert und hat sich mit jedem ihrer Bücher thematisch und formal weiter vorgewagt. In "Archipel" führt sie rückwärts durch ein Jahrhundert voller Umbrüche und Verwerfungen, großer Erwartungen und kleiner Siege. Es ist Julios Jahrhundert, das der Bautes und Bernadottes, der Wieses, der Moores und González' – Familiennamen aus ganz Europa. Aber da sind auch die, die keine Namen haben: Die Frau etwa, die für alle nur 'die Katze' war: unverheiratete Mutter, Köchin, Tomatenpackerin - und irgendwann verschwunden. Denn manchmal bestimmen Willkür, Laune, Zufall oder schlicht: mitreißende Erzählkunst über das, was geht, und das, was kommt.


>> Zur Leseprobe

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Berlin_Verlags avatar
Liebe Leser,

Heute wollen wir euch für die Leserunde zu Inger-Maria Mahlkes neuem Roman WIE IHR WOLLT gewinnen. Wir verlosen 20 Freiexemplare.

Der Teufel trägt Krone

September 1571: Elisabeth I. herrscht in England, und Mary Grey ist wütend. Sie ist sechsundzwanzig, kleinwüchsig, hat einen Thronanspruch und keine Geduld mehr. Seit einigen Jahren steht sie unter Hausarrest, da sie ohne die Erlaubnis ihrer königlichen Cousine geheiratet hat. Ihr Ehemann stirbt und auch sonst sind sie alle tot: ihre Schwestern Jane und Katherine und ihre Eltern, einige von ihnen hingerichtet. Mary Grey will die Kontrolle über ihr Leben zurück, einen eigenen Haushalt und das Sorgerecht für ihre Stiefkinder. Doch nichts passiert, und anstatt das still hinzunehmen und sich anzupassen, begehrt sie auf gegen das System Königshof, seine Zufälligkeiten, seine Willkür und Unfreiheit, seine mühsamen Rituale und ökonomischen Zwänge. Sie beginnt, sich Notizen zu machen, die Vergangenheit aufzureihen, sie so zu erzählen, dass es recht ist. Nur um zu dem Schluss zu kommen, dass ihr und ihrer Familie Handeln ebenso amoralisch war, wie das aller anderen. Dass sie die Rituale mochte. Dass Gunst wie eine warme Perle ist, die im Magen aufbricht und in alle Glieder strömt. Und dann ist da auch noch Ellen ...


 »Lieber Leser, ich bin keine Historikerin und dies ist kein historischer Roman, sondern die literarische Aneignung eines historischen Stoffes.«
Inger-Maria Mahlke

Leseprobe und weitere Informationen

Ihr wollt dabei sein? Mit einer kurzen Einschätzung zur Lesprobe  kommt ihr in die engere Auswahl!

Und das beste zum Schluss: Inger-Maria Mahlke wird die Leserunde begleiten!

Wir freuen uns auf eure Bewerbungen,
Euer Berlin Verlag


LibriHollys avatar
Letzter Beitrag von  LibriHollyvor 3 Jahren
Ein wundervolles Buch, das ich sehr gerne gelesen habe. Meine Rezension findet ihr hier: http://www.lovelybooks.de/autor/Inger--Maria-Mahlke-/Wie-Ihr-wollt-1126278794-w/rezension/1154415247/ Vielen Dank, dass ich hier dabei sein durfte. Mir wäre sonst wirklich ein wunderbares, sehr lehrreiches Lesevergnügen entgangen. Ich wünsche der Autorin und ihrem Buch für die Zukunft alles Liebe und Gute. "Wie Ihr wollt" ist für mich eindeutig preisverdächtig. ;-)
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Unser Buch der Woche

»Ich denke permanent über meine Figuren nach.«

Inger-Maria Mahlke spricht in diesem Video über ihren Roman RECHNUNG OFFEN: https://www.youtube.com/watch?v=wn_qsrxcphI

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