Ingmar Brantsch Inkorrektes über die Political Correctness

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Inhaltsangabe zu „Inkorrektes über die Political Correctness“ von Ingmar Brantsch

Ingamr Brantsch legt in diesem Band eine umfassende Sammlung von Aphorismen und Essays vor, die sich sowohl der deutschen Literatur, Politik und Gesellschaft, als auch der rumäniendeutschen Literatur und Gesellschaft widmen.
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  • Rezension zu "Inkorrektes über die Political Correctness" von Ingmar Brantsch

    Inkorrektes über die Political Correctness
    Leserrezension_2009

    Leserrezension_2009

    19. August 2009 um 17:03

    Diese Rezension wurde von Wendelin M. eingereicht: Ich muss im Voraus gestehen: keine leichte Lektüre, allein schon die Begriffe „Political Correctness“, „Aphorismus“, „Essay“ kein Leckerbissen. In meiner Vorstellung verknüpfte sich bis dato der Aphorismus in erster Linie mit großen Namen wie Lessing, Lichtenberg, Goethe, Schiller, Schlegel, Schopenhauer, Nietzsche u. a. Somit hat sich dieser Begriff bei mir dogmatisch fest geankert: ein geistreicher Gedankensplitter, ein Geistesblitz als Sinnspruch, als Sentenz, als Maxime oder Xenien, oder vielleicht einfach als Reflexionen, kurz und reizvoll formuliert, philosophisch, ästhetisch und moralisch gedacht, aber subjektiv und apodiktiv postuliert - alles in allem, Stärke und Schwächen dieser anspruchsvollen und umstrittenen literarisch-philosophischen Gattung. Man weiß vieles über die Aphorismen und kennt auch sehr viele gute Beispiele und streitet trotzdem auch heute weiter über diese Gattung, arbeitet an ihr, erweitert sie, modernisiert sie - bald gelungen, bald misslungen. Und was mit dem Essay als Gattung? Sind die Grenzen zwischen dem Aphorismus und dem Essay nicht doch fließend und verwässert? Und so steht im Buch von Brantsch auf S. 69 ein Text aus nur einem kurzen Satz: „Auch Computer können keine Milchmädchenrechnungen lösen“, ihm folgt aber ein Text über fast drei Seiten lang mit der Überschrift „Ein Political Correctness-Denkmal für den historischen Versager Imre Nagy“ (S. 69-72) - ist der erste Text ein Aphorismus, so ist der zweite zweifelsohne ein Essay. Klugerweise sind die Aphorismen und die Essays nicht rubriziert, dafür aber durchgehend thematisiert und in Kapitel gegliedert, wovon das geistreiche Inhaltsverzeichnis zeugt, so „Jung und Alt im Schlagabtausch“ (S. 7-14); „Mann und Frau im Essigkrug“ (S. 15-26) usw. - insgesamt 8 Kapitel. Der Autor überlässt es einfach dem Leser: ob Aphorismus oder ob Essay - nicht so wichtig, Hauptsache, die Texte reizen den Leser, reißen ihn mit, regen ihn zum Denken und Nachdenken an. Ihr Fett kriegen sowohl prominente Persönlichkeiten als auch weniger oder gar unbekannte Personen ab, so im Kapitel III. „Lebenslüge Literatur - Wahrheit und Dichtung“: neben Hölderlin, Goethe, Schiller stehen Zeitgenossen Ernst Jünger, Böll, Grass, Biermann, Enzensberger, Handke, Max von der Grün, Wallraff, Herta Müller u. a., als Beispiel „Der Sprachkünstler oder Beckett extrem“: „Seine Kunst bestand in der Reduktion der Sprache zu Gunsten von Tönen und Geräuschen, bis zum Vorbeirauschen von allem.“ (S. 44). Wer möchte das wohl gemeint sein: Pastior oder doch Jandl? Ingmar Brantsch geht mit offenen Augen und Ohren durch die Welt, sieht die Merkmale, Muttermale und Makel unserer Zeit; dabei ist er nicht leichtgläubig, sondern eher kritisch-misstrauisch, ironisch-distanziert, z. B.: „Jawohl, ich bin ein Mitläufer. Mitlaufen ist immer fortschrittlicher als reaktionär stehen bleiben.“ (S. 150) oder „Der Mut, der sich nie in Gefahr bringt, ist unwahr, weil die Wahrheit konkret oder gar nicht ist.“ (S. 160) Der Autor beweist Mut, indem er die aktuellen Probleme aufs Korn nimmt, die Missstände, die Versäumnisse, die Ungerechtigkeiten beim Namen nennt, scharfe Kritik übt, aneckt; er versteckt und verschanzt sich nicht trotz der Gefahr, sich dadurch unbeliebt zu machen, angerempelt und in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden, im Gegenteil zu denjenigen, die denken und meinen ‚Das wird schon. Das geht auch ohne mein Zutun. Die oben werden es schon richten.’ Leider ist diese passive Haltung ein verbreitetes Übel. Damit trifft und spricht Brantsch sehr oft unsere für sich behaltene Meinung aus. Dabei sind neben Literatur, Politik und Gesellschaft die Ossi-Wessi-Probleme („Problemfeld Deutschland“) und die Bildungsprobleme („Bildungshorror des Schulalltags in der Pisastudie noch geschönt“) seine Lieblingsthemen. Das Buch lehrt uns nicht passiv zuschauen, was um uns herum vor sich geht, sondern eine persönliche Haltung haben und üben, und - wenn nötig - nennen, kritisieren und anprangern. Es liest sich bestimmt nicht wie ein Roman. Ist das Lesen eines Romans vergleichbar mit einer schnellen und staufreien Fahrt, wobei alles nur so unscharf vorbei flitzt, so ist das Lesen dieses Buches dagegen, könnte man sagen, staubehindert: immer nur ein paar Meter weiter – und so über 200 km, pardon, Seiten. Bekanntlich hat eine langsame Fahrt auch ihre Vorteile: man sieht und bekommt nämlich viel mehr mit als beim halsbrecherischen Brettern über die Autobahn.

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